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Marktentwicklung: Altpapier (CN 4707) — 2015–2025

Einführung

Der europäische Handel mit Altpapier (CN 4707) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die Zolltarifnummer 4707 umfasst Papier- und Pappeabfälle zur Wiedergewinnung und bildet die Rohstoffbasis der europäischen Recyclingindustrie. Der Beobachtungszeitraum deckt sowohl stabile Wachstumsphasen als auch schwere Störungen ab – darunter den Handelskonflikt mit China ab 2018, die COVID-19-Pandemie und die Energiekrise von 2022. Die EU exportiert traditionell einen Großteil ihres Altpapiers in Drittländer; gleichzeitig werden geringere Mengen importiert. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Handelsströme, Preisentwicklungen und strukturellen Verschiebungen anhand der vorliegenden Daten (Gesamtübersicht).


I. Vom China-Boom zur asiatischen Diversifizierung — eine tektonische Verschiebung der Exportmärkte

Die auffälligste Entwicklung im Zeitraum 2015–2025 ist der vollständige Zusammenbruch der Altpapier-Exporte nach China und die gleichzeitige Neuausrichtung auf andere asiatische Märkte. Diese Verschiebung hat die Marktstruktur der EU grundlegend verändert.

China: Vom dominierenden Abnehmer zum unbedeutenden Partner

China war 2015 mit 620 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Exportmarkt der EU und machte einen erheblichen Anteil am Gesamtwert aus. Im Zuge der chinesischen „National Sword"-Politik und verschärfter Importquoten für recycelbare Materialien fielen die Lieferungen rapide: 2025 betragen die Exporte nach China nur noch 211.000 EUR – ein Rückgang von nahezu 100 %. Der Koeffizient der Variation für China liegt bei 1,35, was die extreme Volatilität dieses Zusammenbruchs unterstreicht (Volatilitätsanalyse).

Neue asiatische Wachstumsmärkte füllen die Lücke

Die EU hat den Verlust des chinesischen Marktes durch massive Exportsteigerungen in andere asiatische Länder kompensiert. Besonders hervorzuheben sind:

Partnerland Exportwert 2015 (Mio. EUR) Exportwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Indien 54,5 287,0 +426,7 %
Indonesien 52,5 106,9 +103,8 %
Türkei 24,5 116,9 +376,5 %
Vietnam 9,1 84,8 +831,3 %
Thailand 12,5 47,5 +279,3 %

(Partnerländer-Übersicht)

Indien hat sich zum mit Abstand wichtigsten Exportmarkt entwickelt und China in dieser Rolle abgelöst. Die Türkei und Vietnam haben sich ebenfalls zu bedeutenden Abnehmern entwickelt.

Sinkende Konzentration der Exportmärkte

Diese Umstrukturierung spiegelt sich im Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) wider. Der HHI für Exporte ist von 4.546 im Jahr 2015 auf 1.750 im Jahr 2025 gefallen – ein Rückgang um 61,5 %. Dies deutet auf eine deutlich diversifiziertere und damit widerstandsfähigere Exportstruktur hin (Konzentrationsanalyse).


II. Preisexplosion 2021–2022 und asymmetrische Erholung — Preise als Krisenindikator

Die Preisentwicklung bei Altpapier zeigt ein deutliches Muster: einen moderaten Vor-COVID-Verlauf, gefolgt von einer dramatischen Preisexplosion 2021–2022 und einer nur teilweisen Korrektur in den Folgejahren.

Die Preisentwicklung im Gesamtmarkt

Indikator 2015 (EUR/t) Höchstwert Tiefstwert 2025 (EUR/t) Veränderung 2015→2025
Exportpreis 129,7 196,1 95,9 140,1 +8,0 %
Importpreis 140,9 230,2 113,4 175,7 +24,7 %

(Gesamtübersicht: Handelsströme)

Die Importpreise sind stärker gestiegen als die Exportpreise. 2025 zahlt die EU für importiertes Altpapier 175,7 EUR/t, während der Exportpreis 140,1 EUR/t beträgt. Die Differenz von 35,6 EUR/t deutet darauf hin, dass importierte Qualitäten tendenziell hochwertiger sind oder dass auf dem EU-Binnenmarkt ein stärkerer Wettbewerb um Recyclingfasern herrscht.

Identifizierte Preisschocks im Jahr 2021

Die Analyse der Schockereignisse zeigt, dass das Jahr 2021 eine Phase extremer Preissprünge war, die sich auf mehrere Partnerländer erstreckte (Schockanalyse):

Partnerland Strom Abnormalität Preissprung Anteil am Wert
Vietnam Exporte 108,3 +128,6 % 8,4 %
Indonesien Exporte 25,1 +104,4 % 15,4 %
Türkei Exporte 24,9 +118,8 % 9,6 %

Diese Preisschocks fallen in die Phase der post-pandemischen Erholung, in der globale Lieferketten unter Druck standen, Containerkapazitäten knapp waren und die Nachfrage nach Recyclingrohstoffen in Asien stieg. Die hohe Abnormalität bei Vietnam (108,3) deutet auf einen außergewöhnlichen Preisausschlag hin, der weit über die normale Schwankungsbreite hinausgeht.

Segmentunterschiede bei den Preisen

Die Preisspitze 2022 traf die verschiedenen Altpapierqualitäten unterschiedlich stark:

Segment Exportpreis 2015 (EUR/t) Exportpreis 2022 (EUR/t) Exportpreis 2025 (EUR/t)
470710 — Kraftpapier/Wellpappe 126,1 179,1 136,6
470790 — Unsortiert/sonstiges 135,3 193,0 140,7
470730 — Zeitungen/Zeitschriften 139,0 230,5 162,6
470720 — Gebleichter Halbstoff 174,2 314,9 188,7

(Produktvergleich)

Gebleichter Halbstoff (470720) verzeichnete 2022 einen Exportpreis von 314,9 EUR/t – fast doppelt so hoch wie 2015. Zeitungen und Zeitschriften (470730) erreichten 230,5 EUR/t. Beide Segmente haben sich bis 2025 zwar korrigiert, liegen aber weiterhin deutlich über dem Ausgangsniveau.


III. Mengenrückgang bei divergierender Binnenentwicklung — strukturelle Anpassungen im EU-Altpapierhandel

Hinter den Durchschnittszahlen verbergen sich erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Altpapierqualitäten und zwischen den EU-Mitgliedstaaten.

Rückgang der Exportmengen

Die EU exportierte 2015 insgesamt 7,18 Mio. Tonnen Altpapier, 2025 waren es nur noch 5,97 Mio. Tonnen – ein Rückgang um 16,9 %. Der Tiefstwert wurde 2020 mit 4,37 Mio. Tonnen erreicht, als die COVID-19-Pandemie die Sammlung und Logistik stark beeinträchtigte. Parallel dazu sind auch die Importmengen um 8,8 % von 2,11 Mio. Tonnen auf 1,93 Mio. Tonnen gesunken.

Der Handelsüberschuss ist von 634,5 Mio. EUR (2015) auf 497,9 Mio. EUR (2025) gefallen, was einem Rückgang von 21,5 % entspricht. Die EU bleibt Nettoexporteur, aber die Margen schrumpfen.

Segmentanalyse der Exporte

Die vier Altpapierqualitäten zeigen sehr unterschiedliche Entwicklungen:

Segment 2015 (t) 2025 (t) Veränderung 2025-Anteil
470710 — Kraftpapier/Wellpappe 5.222.511 4.416.209 −15,4 % 74,0 %
470790 — Unsortiert/sonstiges 1.063.219 1.015.100 −4,5 % 17,0 %
470730 — Zeitungen/Zeitschriften 768.732 432.278 −43,7 % 7,2 %
470720 — Gebleichter Halbstoff 130.257 104.093 −20,1 % 1,7 %

Kraftpapier und Wellpappe (470710) dominieren die Ausfuhren mit rund drei Vierteln des Gesamtvolumens. Zeitungen und Zeitschriften (470730) haben am stärksten verloren – ein Rückgang von 43,7 %, was mit dem strukturellen Rückgang der Printmedien und dem Trend zur Digitalisierung zusammenhängt. Gebleichter Halbstoff (470720) spielt mengenmäßig eine untergeordnete Rolle.

Segmentanalyse der Importe

Auch bei den Importen zeigen sich bemerkenswerte Verschiebungen:

Segment 2015 (t) 2025 (t) Veränderung
470790 — Unsortiert/sonstiges 905.136 576.125 −36,3 %
470710 — Kraftpapier/Wellpappe 456.684 846.762 +85,4 %
470730 — Zeitungen/Zeitschriften 474.717 270.258 −43,1 %
470720 — Gebleichter Halbstoff 274.681 231.889 −15,6 %

Kraftpapier und Wellpappe (470710) sind bei den Importen um 85,4 % gewachsen und haben 2025 mit 846.762 Tonnen die Position des größten Importsegments eingenommen. Dies deutet auf eine steigende Nachfrage nach hochwertigen Recyclingfasern aus ungebleichtem Kraftpapier hin – möglicherweise getrieben durch den Boom im E-Commerce und die damit verbundene Nachfrage nach Wellpappe.

Umstrukturierung der innergemeinschaftlichen Handelsströme

Innerhalb der EU haben sich die Handelsströme zwischen den Mitgliedstaaten ebenfalls verschoben (EU-Mitgliedstaaten-Exporte):

Wichtigste Exportmitgliedstaaten (Drittland-Exporte):

Land 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Niederlande 225,8 107,7 −52,3 %
Italien 167,4 171,1 +2,2 %
Spanien 98,3 119,1 +21,2 %
Deutschland 98,5 40,0 −59,4 %
Belgien 109,9 35,2 −68,0 %

Die Niederlande und Belgien – traditionell wichtige Drehkreuze für den Altpapier-Export – haben ihre Ausfuhren stark reduziert. Deutschland verlor ebenfalls erheblich. Italien und Spanien konnten hingegen ihre Position behaupten oder ausbauen, was auf zunehmende südeuropäische Recyclingkapazitäten hindeuten könnte.

Wichtigste Importmitgliedstaaten:

Land 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Deutschland 77,1 84,0 +8,9 %
Niederlande 76,2 94,8 +24,4 %
Italien 32,0 37,6 +17,4 %
Frankreich 25,8 37,3 +44,9 %
Belgien 9,5 16,2 +70,6 %

Bei den Importen ist der Anstieg in Frankreich (+44,9 %) und Belgien (+70,6 %) besonders bemerkenswert. Deutschland und die Niederlande bleiben die größten Importeure. Der HHI für Importe ist moderat von 2.107 auf 2.484 gestiegen (+17,9 %), was auf eine leicht zunehmende Konzentration der Importquellen hindeutet.

Politische Schocks: Russland und das Nach-Brexit-Umfeld

Zwei externe Ereignisse haben die Handelsbeziehungen nachhaltig verändert:

  • Russland: Die Importe aus der Russischen Föderation sind von 3,6 Mio. EUR (2015) auf praktisch null (2025) gefallen – ein Rückgang von 100 %. Dies ist eindeutig auf die Sanktionen nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 zurückzuführen. Der Koeffizient der Variation liegt bei 0,95, was die extreme Unsicherheit dieser Handelsbeziehung widerspiegelt.

  • Vereinigtes Königreich: Trotz Brexit haben die Importe aus dem UK von 96,3 Mio. EUR auf 133,4 Mio. EUR zugenommen (+38,6 %). Das UK ist 2025 der wichtigste einzelne Importpartner der EU. Die geographische Nähe und bestehende Recyclingpartnerschaften scheinen die Handelsbeziehungen stabilisiert zu haben.


Schlussfolgerung

Der EU-Altpapiermarkt (CN 4707) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei wesentlichen Dimensionen transformiert:

  1. Geographische Neuausrichtung: Der vollständige Zusammenbruch des chinesischen Marktes hat eine Diversifizierung nach Indien, Indonesien, der Türkei und Vietnam ausgelöst. Die Exportkonzentration (HHI) ist um 61,5 % gesunken, was auf ein widerstandsfähigeres Handelsportfolio hindeutet. Gleichzeitig ist die Exportmenge um fast 17 % zurückgegangen.

  2. Preisdynamik und Volatilität: Die Preisexplosion 2021–2022 – verstärkt durch pandemiebedingte Lieferkettenstörungen und steigende Rohstoffnachfrage in Asien – hat die Margen kurzfristig erhöht, aber auch Unsicherheit geschaffen. Die Importpreise sind strukturell stärker gestiegen als die Exportpreise, was auf steigende Wettbewerbsdruck um hochwertige Recyclingfasern innerhalb der EU hindeutet.

  3. Produktsegment-Verschiebung: Kraftpapier und Wellpappe (470710) dominieren den Handel sowohl bei Importen als auch Exporten. Zeitungen und Zeitschriften (470730) haben als Exportsegment stark verloren – ein Spiegelbild des digitalen Strukturwandels. Bei den Importen hat sich die Nachfrage nach Kraftpapier-Abfällen mehr als verdoppelt.

Die EU-Altpapierbranche steht vor der Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen der Sicherung ausreichender Recyclingrohstoffe für die heimische Kreislaufwirtschaft und der Notwendigkeit des Exports von Überschussmengen zu finden. Die zunehmende regulatorische Eigenständigkeit (EU-Abfallrahmenrichtlinie, Quoten für Recyclingpapier) dürfte diesen Balanceakt in den kommenden Jahren weiter prägen.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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