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Marktentwicklung: Kardierte oder gekämmte Baumwolle (CN 5203) — 2015–2025

Einleitung

Kardierte oder gekämmte Baumwolle (KN-Code 5203) stellt ein zentrales Zwischenprodukt in der textilen Wertschöpfungskette dar. Der Verarbeitungsschritt des Kardierens oder Kämmens bereitet Rohbaumwolle für die spinnfähige Weiterverarbeitung auf, indem Fasern parallelisiert und Verunreinigungen entfernt werden. Der Zeitraum 2015 bis 2025 war für diesen Markt von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen geprägt: Der Rückgang der inländischen Produktion, die Umstrukturierung der Handelsbeziehungen und steigende Preise haben die Position der EU grundlegend verändert. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU mit Drittländern und identifiziert die wesentlichen Marktdynamiken.


1. Der Strukturwandel der europäischen Baumwollverarbeitung: Vom Selbstversorger zum Nettoimporteur

1.1 Die EU-Produktion von kardierter oder gekämmter Baumwolle ist zwischen 2015 und 2025 um rund drei Viertel eingebrochen

Die mit Abstand gravierendste Entwicklung im betrachteten Zeitraum ist der Zusammenbruch der europäischen Produktionskapazitäten. Sowohl Mengen- als auch Wertentwicklung zeigen einen dramatischen Rückgang:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktion (Menge) 241.648 t 60.000 t −75,2 %
Produktion (Wert) 539,7 Mio. EUR 32,3 Mio. EUR −94,0 %

Der Rückgang des Produktionswerts um 94 % übersteigt den Mengenrückgang von 75 % erheblich, was auf einen zusätzlichen Einbruch der inländischen Verarbeitungswertschöpfung hindeutet. Dies spiegelt einen langfristigen Strukturwandel wider: Die europäische Textilverarbeitung hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Niedriglohnländer verlagert, und Kämmerei- sowie Kardierereien in der EU konnten mit den Kostenstrukturen in der Türkei, Indien oder Südostasien kaum noch konkurrieren.

1.2 Die Nettoimportabhängigkeit der EU ist von nahezu null auf über 50 Prozent gestiegen

Der Produktionsrückgang hat die EU-Importabhängigkeit fundamental verändert:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Nettoimportabhängigkeit 0,1 % 50,9 % +49.946 %
Handelsintensität 2,7 % 64,4 % +2.246 %
Exportneigung 1,3 % 20,2 % +1.409 %

Die Handelsintensität hat sich von 2,7 % auf 64,4 % vervielfacht, was bedeutet, dass der EU-Markt für CN 5203 heute vollständig in den globalen Handel eingebunden ist. Ebenso ist die Exportneigung von 1,3 % auf 20,2 % gestiegen — die verbliebene EU-Produktion ist heute stärker exportorientiert als zu Beginn des Betrachtungszeitraums.

1.3 Die Handelsvolumina zeigen gegenläufige Trends: Importmengen sinken, Exporte steigen moderat

Paradoxerweise sind die Importmengen trotz steigender Importabhängigkeit in absoluten Zahlen gesunken — von 23.495 t auf 17.577 t (−25,2 %). Dies deutet darauf hin, dass auch die gesamte inländische Nachfrage nach kardierter Baumwolle rückläufig ist, da ein erheblicher Teil der europäischen Textilproduktion ins Ausland abgewandert ist. Gleichzeitig sind die Exporte von 1.570 t auf 1.763 t leicht gestiegen (+12,3 %), was die zunehmende Exportorientierung der verbliebenen Produktionskapazitäten bestätigt. Die Handelsbilanz bleibt mit −22,0 Mio. EUR (2025) deutlich negativ, hat sich aber gegenüber 2015 (−24,1 Mio. EUR) um 8,6 % verbessert.


2. Umstrukturierung der Handelsbeziehungen: Türkei als Drehkreuz und neue Akteure im Auf- und Abstieg

2.1 Die Türkei dominiert die EU-Einfuhren als wichtigster und stabilster Lieferant

Die Türkei hat ihre Position als mit Abstand wichtigster Lieferant der EU im gesamten Betrachtungszeitraum behauptet. Mit einem Importwert von 15,5 Mio. EUR im Jahr 2025 (2015: 14,9 Mio. EUR, +3,6 %) entfällt knapp über die Hälfte aller EU-Einfuhren auf die Türkei. Die Türkei profitiert dabei von ihrer geografischen Nähe zur EU, der Zollunion zwischen der EU und der Türkei sowie einer hochentwickelten textilen Verarbeitungsindustrie, die Rohbaumwolle aus Zentralasien und Afrika importiert, aufbereitet und als kardierte Baumwolle in die EU exportiert.

2.2 Indien hat sich als zweitwichtigster Lieferant etabliert, während die USA und Thailand massiv an Bedeutung verloren haben

Die Veränderungen unter den übrigen Handelspartnern sind erheblich:

Partner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Türkei 14,9 15,5 +3,6 %
Indien 2,4 8,9 +270,5 %
Pakistan 1,3 1,8 +38,8 %
Russland 1,6 0,8 −48,9 %
USA 4,4 0,2 −94,5 %
Thailand 2,4 0,2 −91,8 %
Vereinigtes Königreich 0,4 0,1 −71,0 %

Indiens Aufstieg als Lieferant (+270,5 %) ist bemerkenswert. Das Land verfügt über eine der weltweit größten Baumwollproduktionen und hat seine Verarbeitungskapazitäten in den letzten Jahren erheblich ausgebaut. Pakistan zeigt ebenfalls ein robustes Wachstum (+38,8 %). Demgegenüber sind die USA, die 2015 mit 4,4 Mio. EUR noch der drittgrößte Lieferant waren, auf lediglich 0,2 Mio. EUR gesunken (−94,5 %). Dieser dramatische Rückgang ist teilweise auf den Handelskonflikt zwischen der EU und den USA sowie auf Verlagerungen in der globalen Baumwollverarbeitung zurückzuführen. Ebenso hat Thailand seine Exporte in die EU um 91,8 % reduziert. Großbritannien, das nach dem Brexit als Drittland behandelt wird, verlor 71 % seines Exportvolumens in die EU.

2.3 Die EU-Exporte haben sich auf neue Zielmärkte in Südamerika und Nordafrika konzentriert

Auf der Exportseite zeigen sich ebenfalls erhebliche Verschiebungen:

Zielmarkt 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Brasilien 0,5 2,5 +389,9 %
Algerien 0,3 1,8 +450,5 %
Türkei 0,5 1,0 +109,6 %
Schweiz 0,1 0,2 +34,9 %
Mexiko 0,2 0,2 +2,7 %
VAE 0,2 0,2 −8,4 %
Vereinigtes Königreich 0,4 0,2 −54,0 %

Brasilien und Algerien sind die dynamischsten Abnehmer europäischer kardierter Baumwolle geworden. Die EU exportiert offenbar verstärkt in Schwellenländer, die eigene Textilverarbeitung aufbauen. Die Konzentration der Exporte hat dabei erheblich zugenommen: Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) stieg von 549 auf 1.724 (+214 %), was eine Verschiebung von einem fragmentierten zu einem mäßig konzentrierten Exportmarkt darstellt. Auf der Importseite blieb der HHI mit einem Anstieg von 2.945 auf 3.598 (+22,2 %) im hochkonzentrierten Bereich, was die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten unterstreicht.

2.4 Innerhalb der EU zeigt sich eine klare regionale Spezialisierung mit Polen, Griechenland und Italien an der Spitze

Die EU-Mitgliedstaaten weisen bei den Importen von CN 5203 erhebliche Unterschiede auf:

Mitgliedstaat 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Polen 10,0 9,3 −6,8 %
Griechenland 0,1 7,1 +5.423 %
Deutschland 1,1 4,0 +261,3 %
Spanien 10,0 4,4 −56,5 %
Italien 3,4 2,2 −34,9 %
Frankreich 1,5 0,2 −89,8 %
Belgien 1,3 0,05 −96,2 %

Besonders auffällig ist der Aufstieg Griechenlands, das von einem marginalen Importeur zum zweitgrößten EU-Importeur aufgestiegen ist. Deutschland hat seine Einfuhren verdreifacht (+261,3 %). Demgegenüber haben Spanien, Frankreich und Belgien erhebliche Einbußen erlitten, was auf den Rückgang der textilen Verarbeitung in diesen Ländern hindeutet. Die Spezialisierungsdaten für 2025 bestätigen dieses Bild: Polen (RSCA 0,74), Griechenland (0,56) und Italien (0,43) weisen die höchste Spezialisierung im Bereich CN 5203 auf, während Österreich, Schweden und die Slowakei kaum noch in diesem Segment aktiv sind.


3. Preisdruck, Volatilität und Marktanfälligkeit: Strukturelle Risiken im EU-Baumwollhandel

3.1 Die durchschnittlichen Handelspreise sind im gesamten Betrachtungszeitraum deutlich gestiegen

Sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite sind die durchschnittlichen Preise erheblich gestiegen:

Kennzahl 2015 (EUR/t) 2025 (EUR/t) Veränderung
Einfuhrpreis 1.264 1.709 +35,2 %
Ausfuhrpreis 3.558 4.537 +27,5 %

Die Einfuhrpreise stiegen um 35,2 %, was zum Teil globale Baumwollpreisanstiege, gestiegene Energie- und Transportkosten sowie die zunehmende Knappheit von Angebot reflektiert. Der Ausfuhrpreis lag stets deutlich über dem Einfuhrpreis, was darauf hindeutet, dass die EU vor allem hochwertigere Qualitäten kardierter Baumwolle exportiert. Die Preisdifferenz zwischen Export und Import blieb im gesamten Zeitraum bestehen, wobei die Exportpreise 2025 bei 4.537 EUR/t lagen — mehr als doppelt so hoch wie die Einfuhrpreise.

3.2 Die Handelsvolatilität variiert erheblich zwischen den Partnern und birgt strukturelle Risiken

Die Volatilität, gemessen am Variationskoeffizienten (CV), zeigt bei einzelnen Partnern ein erhebliches Risiko:

Importpartner CV Exportpartner CV
Türkei 0,16 VAE 0,27
Indien 0,46 Brasilien 0,64
Russland 0,42 Russland 0,61
Pakistan 0,51 Algerien 0,50
Thailand 0,61 Mexiko 0,55
USA 0,96 Serbien 0,44
Bangladesch 1,06 Türkei 1,19
Usbekistan 1,14 Schweiz 1,19
Vereinigtes Königreich 1,50 Chile 1,09
Schweiz 1,74 Vereinigtes Königreich 1,49

Die Türkei als wichtigster Lieferant zeigt mit einem CV von lediglich 0,16 die stabilsten Handelsströme — ein Vorteil der etablierten Handelsbeziehungen. Demgegenüber weisen das Vereinigte Königreich (CV 1,50), Usbekistan (1,14) und Bangladesch (1,06) auf der Importseite sowie die USA (1,72), die Schweiz (1,19) und das Vereinigte Königreich (1,49) auf der Exportseite eine überdurchschnittlich hohe Volatilität auf. Besonders die starken Schwankungen beim Handel mit dem Vereinigten Königreich dürften mit dem Brexit und der Umstellung auf Drittland-Handelsbedingungen zusammenhängen.

3.3 Identifizierbare Preis- und Mengenschocks haben einzelne Handelsströme zeitweise stark beeinflusst

Die Analyse von Marktschocks hat drei signifikante Ereignisse identifiziert:

Ereignis Art Jahr Verschiebung Wertanteil
USA — Exportpreisschock Preis 2017 +803 % 2,9 %
Pakistan — Importpreisschock Preis 2022 +49 % 11,8 %
Algerien — Exportpreisschock Preis 2018 −39 % 15,4 %

Der Preisschock bei Exporten in die USA im Jahr 2017 (+803 %) ist besonders auffällig, auch wenn der Wertanteil mit 2,9 % gering blieb. Der Preisanstieg bei Importen aus Pakistan im Jahr 2022 (+49 %) fiel in eine Phase globaler Baumwollpreisanstiege und Lieferkettenstörungen nach der COVID-19-Pandemie und dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts. Algerien verzeichnete 2018 einen Preisrückgang bei EU-Exporten von 39 %, was möglicherweise mit einem Nachfragerückgang oder verstärktem Wettbewerb zusammenhing. Diese Ereignisse verdeutlichen, dass einzelne Handelsströme trotz ihres relativ kleinen Anteils am Gesamthandel erheblichen Preisschwankungen unterliegen können.


Schluss

Die Analyse des EU-Handels mit kardierter oder gekämmter Baumwolle (CN 5203) im Zeitraum 2015–2025 offenbart einen fundamentalen Strukturwandel. Drei zentrale Ergebnisse lassen sich zusammenfassen:

  1. Der Zusammenbruch der europäischen Produktion ist die dominierende Entwicklung. Mit einem Rückgang der Produktionsmenge um 75 % und des Produktionswerts um 94 % hat die EU ihre einstige Selbstversorgung in diesem Segment fast vollständig verloren. Die Nettoimportabhängigkeit stieg von nahezu null auf über 50 %.

  2. Die Handelsbeziehungen haben sich massiv umstrukturiert. Die Türkei hat sich als zentrales Drehkreuz etabliert, Indien ist als zweitwichtigster Lieferant aufgestiegen, während traditionelle Partner wie die USA und Thailand an Bedeutung verloren haben. Auf der Exportseite gewinnen Brasilien und Algerien an Gewicht. Innerhalb der EU zeigt sich eine zunehmende Konzentration der verbliebenen Aktivitäten auf wenige Mitgliedstaaten, insbesondere Polen, Griechenland und Italien.

  3. Steigende Preise und heterogene Volatilität kennzeichnen den Markt. Die Einfuhrpreise stiegen um 35 %, und einzelne Handelsströme weisen eine erhebliche Volatilität auf, die das Marktrisiko erhöht. Die Konzentration der Importe (HHI 3.598) unterstreicht die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten.

Insgesamt hat sich die EU von einer Region mit eigenständiger Kämmerei- und Kardierindustrie zu einem Markt entwickelt, der zunehmend von Importen abhängig ist und dessen verbliebene Exportkapazitäten sich auf wenige Märkte konzentrieren. Diese Entwicklung spiegelt den breiteren Trend der Deindustrialisierung im europäischen Textilsektor wider und stellt die EU vor die Herausforderung, ihre Versorgungssicherheit in einem zunehmend volatilen globalen Marktumfeld zu gewährleisten.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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