Marktentwicklung: Wollgewebe (CN 5111) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union (EU) für Streichgarngewebe aus Wolle oder feinen Tierhaaren (Zolltarifnummer 5111) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die EU ist in diesem Segment ein Nettoexporteur, wobei der Gesamthandel einem klaren Strukturwandel unterliegt. Die Daten zeigen einen Trend zu steigenden Preisen bei gleichzeitiger Volumenkontraktion, verbunden mit einer Neuordnung der Handelsbeziehungen und einer zunehmenden Spezialisierung der Produktion innerhalb der EU. Diese Veränderungen sind vor dem Hintergrund globaler Lieferkettenunterbrechungen, geopolitischer Verschiebungen und steigender Kosten für Rohstoffe zu sehen.
1. Rückgang der Handelsvolumina bei steigenden Durchschnittspreisen
Die zentrale Dynamik im Zeitraum 2015–2025 ist ein deutlicher Rückgang der gehandelten Mengen bei gleichzeitigem Anstieg der Einheitspreise. Dies gilt sowohl für Exporte als auch für Importe der EU.
Die Exportmengen haben signifikant abgenommen, während die Preise gestiegen sind
Die exportierte Menge in Tonnen fiel von 10.320 t im Jahr 2015 auf 7.868 t im Jahr 2025, was einem Rückgang von 23,8% entspricht (Übersicht). Parallel dazu stieg der durchschnittliche Exportpreis von 26.742 €/t auf 31.757 €/t (+18,7%). Die supplementary quantity (Quadratmeter) verzeichnete sogar einen Rückgang von 28,6 Mio. m² auf 21,2 Mio. m² (-25,9%), während der Preis pro Quadratmeter von 9,65 €/m² auf 11,79 €/m² anstieg (+22,1%). Dies deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen, möglicherweise leichteren Geweben oder auf allgemeine Kosten- und Preissteigerungen hin.
Der Importmarkt zeigt ein ähnliches Bild der Mengenkontraktion
Die importierte Menge sank sogar noch stärker von 2.102 t auf 1.500 t (-28,7%). Der Importpreis pro Tonne stieg jedoch von 26.931 € auf 38.318 € (+42,3%) – ein weitaus steilerer Anstieg als bei den Exporten. Die importierte Fläche (m²) halbierte sich beinahe von 5,2 Mio. m² auf 4,0 Mio. m². Der extrem hohe prozentuale Preisanstieg für Importe könnte auf eine Verschiebung der Importstruktur hin zu hochwertigen Produkten oder auf eine stärkere Konzentration auf teurere Lieferanten hindeuten.
Der Handelsüberschuss ist nominal geschrumpft
Die EU erzielte 2015 einen Handelsüberschuss von ca. 219 Mio. EUR, der 2025 auf rund 192 Mio. EUR fiel (-12,3%). Dies ist primär auf den Rückgang der Exportwerte (von 276 Mio. EUR auf 250 Mio. EUR) zurückzuführen, während die Importwerte leicht stiegen (von 57 Mio. EUR auf 57,5 Mio. EUR). Der Überschuss blieb jedoch beträchtlich, was die starke Wettbewerbsposition der EU in diesem Segment unterstreicht.
2. Neuordnung der Handelsbeziehungen
Die Zusammensetzung der wichtigsten Handelspartner hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verändert, was auf geopolitische und wirtschaftliche Verschiebungen hinweist.
Marokko wurde zum wichtigsten Exportmarkt, während das Vereinigte Königreich stark an Bedeutung verlor
Die Exporte nach Marokko vervierfasten sich nahezu von 28,6 Mio. EUR auf 64,3 Mio. EUR (+125,1%), was Marokko zum führenden Exportziel der EU machte (Handelspartner). Im Gegensatz dazu sanken die Exporte ins Vereinigte Königreich von 26,6 Mio. EUR auf 10,8 Mio. EUR (-59,4%). Ein ähnlicher, wenn auch weniger drastischer Rückgang war bei Exporten nach Hongkong zu beobachten (von 19,6 Mio. EUR auf 8,1 Mio. EUR). Diese Verschiebung spiegelt wahrscheinlich die Auswirkungen des Brexits und eine geografische Umorientierung der Lieferketten wider.
Auf der Importseite sind die Bezüge aus der Türkei eingebrochen, während China an Bedeutung gewann
Importe aus der Türkei sanken von 4,1 Mio. EUR auf 0,9 Mio. EUR (-77,7%). Im Gegenzug stiegen die Importe aus China von 3,9 Mio. EUR auf 5,8 Mio. EUR (+49,3%). Das Vereinigte Königreich blieb der mit Abstand wichtigste Importpartner mit leicht steigenden Werten (von 31,4 Mio. EUR auf 32,5 Mio. EUR), was auf die bestehende integrierte Produktion (v.a. für Bekleidung) hindeutet. Die Volatilität bei den Importen aus der Ukraine (CV von 1,21) ist auffällig und spiegelt die politische Instabilität wider (Volatilität).
Innerhalb der EU dominiert Italien als Produktions- und Exportstandort
Die italienischen Exporte von CN 5111 machten 2025 rund 170 Mio. EUR aus und waren damit für über zwei Drittel aller EU-Exporte verantwortlich. Italien weist auch die mit Abstand höchste Spezialisierung auf (RSCA von 0,81) (Spezialisierung). Andere bedeutende Exporteure innerhalb der EU sind Spanien (31,3 Mio. EUR) und Deutschland (12,4 Mio. EUR).
3. Strukturwandel in Produktion und Segmentierung
Die inländische Produktion der EU und die Zusammensetzung des gehandelten Sortiments haben sich im Beobachtungszeitraum verändert.
Die EU-Produktion mengenmäßig gestiegen, aber wertmäßig gefallen
Die Produktionsmenge (gemessen in m²) stieg von 35,9 Mio. m² im Jahr 2015 auf 53,6 Mio. m² im Jahr 2025 (+49,3%). Der Produktionswert sank jedoch von 853 Mio. EUR auf 585 Mio. EUR (-31,4%) (Produktionsvolumen). Dies deutet auf eine Verlagerung der inländischen Produktion hin zu volumenstarken, aber preisgünstigeren Segmenten hin, möglicherweise für industrielle Anwendungen oder den Massenmarkt. Gleichzeitig könnte sich die exportorientierte Produktion auf hochwertige Nischen konzentriert haben.
Die Handelsprodukte im Detail zeigen divergierende Trends
Das wichtigste Exportsegment ist CN 511130 (Wollmischgewebe mit <85% Wollanteil und synthetischen Spinnfasern). Es machte 2025 ca. 120 Mio. EUR Exportwert aus. Der Exportpreis pro Tonne in diesem Segment stieg von 20.136 €/t auf 21.360 €/t. Bei den Importen ist CN 511119 (reinwollene Gewebe >300g/m²) das größte Segment mit einem starken Preisanstieg von 28.411 €/t auf 41.911 €/t. Dies unterstreicht die Nachfrage nach hochwertigen, schweren Wollstoffen, die in der EU offenbar nicht in ausreichendem Maße produziert werden.
Preisschocks zeigen die Anfälligkeit bestimmter Handelsströme
Die Analyse der Volatilität identifizierte zwei signifikante Schockereignisse. Zum einen kam es 2019 zu einem starken Preisanstieg bei Importen aus China (+118,4%), was auf eine temporäre Angebotsverknappung oder Qualitätsänderung hindeuten könnte (Schocks). Zum anderen fielen 2021 die Exportpreise ins Vereinigte Königreich um -28,5%. Dieser Schock korreliert zeitlich mit dem Ende der Brexit-Übergangsphase und der Einführung von Zollformalitäten, die zu Preisanpassungen im bilateralen Handel führten.
Schlussfolgerung
Der EU-Handelsmarkt für Streichgarngewebe (CN 5111) durchlebt von 2015 bis 2025 einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die Kernentwicklung ist ein Übergang von einem mengengetriebenen zu einem wertgetriebenen Handel, gekennzeichnet durch steigende Preise und sinkende Volumina. Diese Transformation wird durch zwei geopolitische Schlüsselereignisse beschleunigt: den Brexit, der zu einer drastischen Umorientierung der Exportströme vom Vereinigten Königreich nach Marokko führte, und die geopolitische Instabilität, die die Lieferketten aus der Türkei und der Ukraine belastete. Die EU, und hier insbesondere Italien, verteidigt ihre Rolle als global führender Exporteur, jedoch mit einem sich wandelnden Produktportfolio. Die Zukunft dieses Sektors wird wesentlich davon abhängen, wie erfolgreich die europäische Industrie die Balance zwischen hochwertiger Spezialisierung und Kostenwettbewerbsfähigkeit in einer instabilen globalen Handelslandschaft halten kann.