Marktentwicklung: Feine Wolle gekrempelt (CN 5105) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt CN 5105 (Wolle, feine oder grobe Tierhaare, gekrempelt oder gekämmt, einschl. gekämmte Wolle in loser Form) im Zeitraum 2015 bis 2025. Der CN 5105 umfasst sechs Untergattungen — von gekrepelter Wolle (510510) über Kaschmir (510531) bis hin zu groben Tierhaaren (510540) — und bildet damit ein breites Spektextil ab. Die EU ist in diesem Segment traditionell ein Nettoimporteur, dessen Abhängigkeit von Drittlieferanten über den Betrachtungszeitraum erheblich zugenommen hat. Gleichzeitig hat die inländische Produktion massive Volumenverluste erlitten. Die folgenden Abschnitte beleuchten die wichtigsten strukturellen Veränderungen, die sich aus den Handels- und Produktionsdaten ablesen lassen.
Die Analyse stützt sich auf Gesamtübersicht des EU-Handels mit CN 5105.
1. Schrumpfende Handelsvolumen bei steigenden Importpreisen
Die EU-Einfuhren sind mengenmässig deutlich zurückgegangen
Der Gesamtwert der EU-Importe aus Drittländern sank von 445,5 Mio. EUR im Jahr 2015 auf 363,7 Mio. EUR im Jahr 2025, was einem Rückgang von 18,4 % entspricht. Mengenmässig war der Rückgang mit 26,9 % — von 41.868 t auf 30.590 t — sogar noch deutlicher. Den tiefsten Punkt markierte die Pandemiephase 2020 mit einem Importvolumen von nur 24.798 t und einem Wert von 298,4 Mio. EUR.
| Kennzahl | 2015 | 2020 (Tiefpunkt) | 2025 | Veränderung 2015–2025 |
|---|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. EUR) | 445,5 | 298,4 | 363,7 | −18,4 % |
| Importmenge (t) | 41.868 | 24.798 | 30.590 | −26,9 % |
| Durchschnittspreis (EUR/t) | 10.642 | 11.997 | 11.889 | +11,7 % |
Die Preisentwicklung zeigt, dass die EU trotz geringerer Mengen höhere Durchchnittspreise zahlte — ein Hinweis auf steigende Rohstoffkosten oder eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Wollqualitäten. Der Importpreis stieg von 10.642 EUR/t auf 11.889 EUR/t (+11,7 %).
Die EU-Ausfuhren entwickelten sich schwächer als die Einfuhren
Auch die EU-Exporte verloren an Volumen: Der Wert sank von 59,4 Mio. EUR auf 46,4 Mio. EUR (−21,9 %), die Menge von 7.174 t auf 6.012 t (−16,2 %). Anders als bei den Importen fielen jedoch die Exportpreise von 8.285 EUR/t auf 7.716 EUR/t (−6,9 %) — ein Zeichen dafür, dass die EU auf den Weltmärkten tendenziell günstigere Wollprodukte exportierte, während die Importpreise stiegen.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 59,4 | 46,4 | −21,9 % |
| Exportmenge (t) | 7.174 | 6.012 | −16,2 % |
| Durchschnittspreis (EUR/t) | 8.285 | 7.716 | −6,9 % |
Die Handelsbilanz blieb durchgehend negativ
Die EU wies im gesamten Zeitraum ein strukturelles Handelsdefizit auf. Dieses schwankte zwischen −250 Mio. EUR (bestes Jahr) und −472 Mio. EUR (schlechtestes Jahr). Im Vergleich von 2015 (−386 Mio. EUR) und 2025 (−317 Mio. EUR) verbesserte sich das Defizit nominal um 17,8 % — allerdings primär wegen des Rückgangs der Importmengen, nicht wegen gestärkter Exporte.
2. Strukturelle Abhängigkeit von Drittlandsimporten nimmt zu
Die Netto-Importabhängigkeit hat sich mehr als verdoppelt
Der wohl auffälligste Indikator ist die Netto-Importabhängigkeit (Net Import Reliance): Diese stieg von 31,5 % im Jahr 2015 auf 66,7 % im Jahr 2025 — eine Steigerung von 111,6 %. Im Höchstjahr erreichte sie sogar 81,6 %. Parallel dazu stieg die Handelsintensität (Trade Intensity) von 61,3 % auf 79,8 % (+30,1 %), was bedeutet, dass der Wollhandel mit der Aussenwelt eine immer dominantere Rolle im Verhältnis zum Binnenmarkt spielt.
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit (%) | 31,5 | 66,7 | +111,6 % |
| Handelsintensität (%) | 61,3 | 79,8 | +30,1 % |
| Exportneigung (%) | 31,4 | 32,7 | +4,3 % |
Der Rückgang der EU-Produktion ist die Hauptursache
Die entscheidende Triebfeder dieser zunehmenden Abhängigkeit ist der drastische Einbruch der inländischen Produktion. Die EU-Produktionsmenge fiel von 126.913 t (2015) auf 19.930 t (2025) — ein Rückgang von 84,3 %. Der Produktionswert sank von 375,8 Mio. EUR auf 152,9 Mio. EUR (−59,3 %). Der minimale Produktionswert wurde mit 85,0 Mio. EUR erreicht.
| Kennzahl | 2015 | Minimum | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (t) | 126.913 | 11.729 | 19.930 | −84,3 % |
| Produktionswert (Mio. EUR) | 375,8 | 85,0 | 152,9 | −59,3 % |
Dieser Produktionsrückgang — weit stärker als der Rückgang der Importmengen — erklärt, warum die EU trotz sinkender Importvolumina eine immer höhere Importabhängigkeit aufweist: Das inlange Angebot reicht schlicht nicht mehr aus, um die Nachfrage zu decken.
Die Konzentration der Importpartner hat zugenommen
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 2.242 auf 2.479 (+10,6 %), was auf eine leicht erhöhte Konzentration der Lieferantenstruktur hindeutet. China blieb mit Abstand der grösste Lieferant mit einem Importvolumen von 158,6 Mio. EUR im Jahr 2025, gefolgt von Argentinien (53,8 Mio. EUR) und Uruguay (40,7 Mio. EUR).
3. Verschiebungen in den Lieferanten- und Abnehmerstrukturen
Der Brexit führte zu einem drastischen Rückgang des Handels mit dem Vereinigten Königreich
Die auffälligste strukturelle Verschiebung betrifft das Vereinigte Königreich. Die EU-Importe aus dem UK sanken von 35,0 Mio. EUR (2015) auf 10,1 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 71,0 % entspricht — der grösste prozentuale Rückgang aller Top-Lieferanten. Auch bei den Exporten ging der Handel mit dem UK zurück, wenn auch moderater (von 8,3 Mio. EUR auf 7,3 Mio. EUR, −11,7 %). Die Volatilität der Importe aus dem UK war mit einem Variationskoeffizienten von 0,43 ebenfalls überdurchschnittlich hoch.
Peru und Indien gewannen als Handelspartner stark an Bedeutung
Peru entwickelte sich zu einem der dynamischsten Handelspartner: Die EU-Importe stiegen von 23,2 Mio. EUR auf 39,7 Mio. EUR (+71,0 %), und die EU-Exporte nach Peru wuchsen von 3,5 Mio. EUR auf 6,5 Mio. EUR (+84,7 %). Peru avancierte damit vom siebtgrössten zum fünftgrössten Importlieferanten der EU. Bei den Exporten verzeichnete Indien das stärkste prozentuale Wachstum aller Top-Partner: von 0,4 Mio. EUR auf 1,4 Mio. EUR (+303,8 %).
Binnenmarktstrukturen: Italien dominiert, Osteuropa verliert
Innerhalb der EU konzentriert sich der Aussenhandel mit Wolle stark auf wenige Mitgliedstaaten. Italien war 2025 mit 223,3 Mio. EUR der mit Abstand grösste Importeur (−10,0 % ggü. 2015), gefolgt von Deutschland mit 88,8 Mio. EUR (−23,7 %). Bei den Exporten führt Tschechien (25,8 Mio. EUR, −20,1 %), dicht gefolgt von Italien (9,1 Mio. EUR, −35,3 %). Besonders stark rückläufig waren die Importe in Bulgarien (−67,8 %) und Polen (−69,7 %), was auf Verlagerungen innerhalb der europäischen Wertschöpfungskette hindeuten könnte.
| EU-Mitgliedstaat | Importe 2015 (Mio. EUR) | Importe 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 248,2 | 223,3 | −10,0 % |
| Deutschland | 116,3 | 88,8 | −23,7 % |
| Bulgarien | 22,3 | 7,2 | −67,8 % |
| Polen | 24,0 | 7,3 | −69,7 % |
Produktsegment: Gekämmte Wolle dominiert, Kaschmir hält Preisniveau
Innerhalb der sechs Untergattungen von CN 5105 dominiert „Wolle, gekämmt" (510529) sowohl bei Importen als auch bei Exporten. Die Importe in diesem Segment sanken mengenmässig von 37.116 t auf 26.861 t (−27,6 %), der Wert fiel von 350,4 Mio. EUR auf 254,4 Mio. EUR (−27,4 %). Kaschmir (510531) hielt trotz mengenmässiger Schwankungen ein hohes Preisniveau von rund 117.000 EUR/t und verzeichnete bei den Importen sogar einen leichen Wertanstieg von 35,6 Mio. EUR auf 30,9 Mio. EUR.
Preis-Schocks bei Exporten nach China und dem Vereinigten Königreich
Die Volatilitätsanalyse zeigt einige bemerkenswerte Ereignisse: Bei den Exporten nach China wurde 2020 ein abnormaler Preisanstieg von 141,6 % festgestellt, mit einer Abnormalität von 70,5 — ein Hinweis auf pandemiebedingte Handelsverschiebungen. Ebenso stiegen die Importpreise aus dem UK 2020 um 106,8 % (Abnormalität: 9,0). Exporte nach China weisen mit einem Variationskoeffizienten von 0,71 eine hohe Volatilität auf; bei Exporten nach Chile ist der CV sogar 0,88.
Fazit
Die Analyse des EU-Handels mit CN 5105 im Zeitraum 2015–2025 zeigt ein Bild zunehmender struktureller Verletzlichkeit. Der drastische Rückgang der inländischen Produktion (−84,3 % mengenmässig) hat die Netto-Importabhängigkeit der EU von 31,5 % auf 66,7 % steigen lassen — eine Verdopplung innerhalb eines Jahrzehnts. Zwar sanken auch die Importmengen (−26,9 %), doch die Preise stiegen (+11,7 %), was auf ein Angebot-Nachfrage-Ungleichgewicht hindeutet. China bleibt der dominante Lieferant, doch der Brexit hat den Handel mit dem Vereinigten Königreich drastisch reduziert (−71 % bei Importen), während südamerikanische Lieferanten wie Peru an Bedeutung gewannen. Innerhalb der EU konzentriert sich der Wollhandel zunehmend auf Italien und Deutschland, während osteuropäische Mitgliedstaaten an Gewicht verloren. Die steigende Konzentration der Lieferantenstruktur (HHI +10,6 %) und die gelegentlichen Preis-Schocks — insbesondere während der COVID-19-Pandemie — unterstreichen die Notwendigkeit einer strategischen Diversifizierung der Bezugsquellen für die europäische Textilindustrie.