Marktentwicklung: Reißspinnstoff (CN 5104) — 2015–2025
Einleitung
Der CN-Code 5104 erfasst Reißspinnstoff aus Wolle oder feinen oder groben Tierhaaren, weder gekrempelt noch gekämmt — ein Zwischenprodukt der Wollverarbeitung, das als Rohmaterial für Spinnereien dient. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit Drittländern im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Daten zeigen einen Markt im tiefgreifenden Strukturwandel: Während die Handelsvolumen sowohl im Export als auch im Import deutlich geschrumpft sind, sind die Einheitspreise erheblich gestiegen. Gleichzeitig haben sich die Handelsströme zugunsten neuer Partnerländer verschoben, und die Importseite ist deutlich konzentrierter geworden.
I. Schrumpfende Handelsvolumen bei deutlich steigenden Einheitspreisen
Die EU als Nettoexporteur mit sinkendem Überschuss
Die EU weist im gesamten Beobachtungszeitraum einen positiven Handelsbilanzüberschuss bei CN 5104 auf. Dieser Überschuss ging jedoch von 819.020 EUR (2015) auf 662.032 EUR (2025) zurück, was einem Rückgang von 19,2 % entspricht. Der Exportwert fiel im gleichen Zeitraum um 18,4 % von 1.009.037 EUR auf 822.944 EUR, während der Importwert von 190.017 EUR auf 160.912 EUR sank (−15,3 %). Der Höchststand der Handelsbilanz wurde mit 1.764.501 EUR erreicht, das Minimum lag bei 488.388 EUR.
Volumeneinbruch übertrifft den Wertverlust
Das auffälligste Merkmal der Marktentwicklung ist der massive Rückgang der physischen Handelsvolumen, der weit über den bloßen Wertverlust hinausgeht:
| Kennzahl | Export 2015 | Export 2025 | Veränderung | Import 2015 | Import 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Wert (EUR) | 1.009.037 | 822.944 | −18,4 % | 190.017 | 160.912 | −15,3 % |
| Menge (t) | 516,4 | 234,3 | −54,6 % | 123,7 | 63,7 | −48,5 % |
| Einheitspreis (EUR/t) | 1.954 | 3.506 | +79,4 % | 1.537 | 2.485 | +61,7 % |
Die Exportmenge wurde im Beobachtungszeitraum mehr als halbiert, die Importmenge sank um fast die Hälfte. Der Mindestwert der Exportmenge lag bei 234,3 Tonnen (2025), der Höchstwert bei 799,0 Tonnen. Bei den Importen betrug das Minimum lediglich 23,1 Tonnen und das Maximum 212,9 Tonnen.
Steigende Preise als struktureller Gegenpol
Während die Volumen schrumpften, stiegen die Einheitspreise sowohl bei Exporten als auch bei Importen kontinuierlich an. Der Exportpreis erhöhte sich von 1.954 EUR/t auf 3.506 EUR/t (+79,4 %), der Importpreis von 1.537 EUR/t auf 2.485 EUR/t (+61,7 %). Der maximale Exportpreis lag mit 3.506 EUR/t im letzten Beobachtungsjahr 2025 vor, der maximale Importpreis wurde mit 3.615 EUR/t erreicht. Diese Preisentwicklung deutet auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Qualitäten oder auf eine generelle Verknappung des Angebots hin. Global gestiegene Wollpreise — bedingt durch klimatische Herausforderungen in den Erzeugerländern und sinkende Herdenstärken — sind hier als Erklärungsfaktor plausibel.
II. Strukturelle Umorientierung der Handelspartner
Dramatischer Bedeutungsverlust Neuseelands bei den Importen
Die gravierendste Veränderung auf der Importseite ist der Zusammenbruch der Einfuhren aus Neuseeland. Der Importwert aus Neuseeland sank von 300.548 EUR im Jahr 2015 auf nur noch 6 EUR im Jahr 2025, was einem Rückgang von praktisch 100 % entspricht. Neuseeland war damit 2015 mit Abstand der wichtigste Lieferant und hat diese Position vollständig verloren. Der Variationskoeffizient von 1,98 für Neuseeland bestätigt die extreme Volatilität dieses Handelsstroms. Dies spiegelt globale Verschiebungen in der Wollproduktion wider — Neuseeland hat seine Wollproduktion in den letzten Jahren stark reduziert.
Indien als neuer dominanter Importpartner
An die Stelle Neuseelands ist Indien getreten. Die Einfuhren aus Indien stiegen von 51.677 EUR (2015) auf 119.843 EUR (2025), ein Plus von 131,9 %. Der Höchstwert lag bei 294.879 EUR. Indien ist damit 2025 der mit Abstand wichtigste Lieferant der EU bei CN 5104. Die Volatilität der indischen Lieferungen ist mit einem CV von 0,59 zwar moderat, aber höher als bei traditionellen Partnern. Parallel dazu gewann auch das Vereinigte Königreich als Importquelle stark an Bedeutung: von nahezu null (17 EUR) auf 27.176 EUR (+159.758 %), was teilweise auf den Brexit und die Umstellung der Handelsstatistik zurückzuführen sein dürfte.
| Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung | CV |
|---|---|---|---|---|
| Indien | 51.677 | 119.843 | +131,9 % | 0,59 |
| Serbien | 33.967 | 8.968 | −73,6 % | 0,73 |
| Marokko | 32.687 | 33.891 | +3,7 % | n/a |
| Vereinigtes Königreich | 17 | 27.176 | +159.758 % | 0,98 |
| Neuseeland | 300.548 | 6 | −100 % | 1,98 |
| Malaysia | 152.607 | 152.607 | 0 % | n/a |
| Schweiz | 15.381 | 5 | −100 % | 1,15 |
Verschiebung der Exportströme: Osteuropa verliert, Mittelmeerregion gewinnt
Auf der Exportseite blieb Ukraine der wichtigste Abnehmer mit einem Wert von 463.667 EUR im Jahr 2025 (Rückgang von 639.401 EUR in 2015, −27,5 %), wobei der Höchstwert bei 1.371.214 EUR lag. Die Volatilität der Ukraine-Exporte ist mit einem CV von 0,41 relativ gering, was auf eine stabile Handelsbeziehung hindeutet. Gleichzeitig verlor das Vereinigte Königreich stark an Bedeutung als Exportziel: von 126.402 EUR auf 9.474 EUR (−92,5 %). Die Türkei als zweitgrößter Markt sank von 226.287 EUR auf 144.861 EUR (−36,0 %).
Demgegenüber stehen erhebliche Zuwächse bei Exporten in die Mittelmeerregion und den Nahen Osten:
| Exportpartner | 2015 | 2025 | Veränderung | CV |
|---|---|---|---|---|
| Ukraine | 639.401 | 463.667 | −27,5 % | 0,41 |
| Vereinigte Staaten | 57.324 | 168.371 | +193,7 % | 0,62 |
| Türkei | 226.287 | 144.861 | −36,0 % | 0,36 |
| Vereinigtes Königreich | 126.402 | 9.474 | −92,5 % | 0,90 |
| Marokko | 2.494 | 37.094 | +1.387 % | 1,25 |
| Ägypten | 1.895 | 46.708 | +2.365 % | n/a |
| Indien | 16 | 22.962 | +143.413 % | n/a |
Die Exporte in die USA haben sich fast verdreifacht (+193,7 %), und die Lieferungen nach Marokko, Ägypten und Indien sind aus minimalen Ausgangswerten heraus exponentiell gestiegen. Dies deutet auf eine Diversifizierung der Absatzmärkte hin, wenngleich die absoluten Volumen bei den neuen Märkten noch deutlich unter dem Niveau der etablierten Handelspartner liegen.
III. Italien als Drehkreuz des EU-Wollhandels und zunehmende Konzentration
Italiens dominante Rolle im intra-EU-Handel
Italien ist mit großem Abstand das wichtigste EU-Mitgliedsland sowohl bei Importen als auch bei Exporten von Reißspinnstoff. Bei den Importen stieg Italiens Anteil von 110.515 EUR auf 121.472 EUR (+9,9 %), bei den Exporten sank er von 960.806 EUR auf 638.578 EUR (−33,5 %). Der maximale Exportwert Italiens lag bei 1.629.520 EUR, der maximale Importwert bei 482.430 EUR. Italiens hohe Spezialisierung wird durch einen RSCA-Wert von 0,81 und einen RCA-Wert von 9,67 im Jahr 2025 bestätigt — Italien ist bei diesem Produkt hochkompetitiv.
Aufstieg Litauens und der Niederlande
Zwei bemerkenswerte Verschiebungen innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten sind zu beobachten:
- Litauen entwickelte sich zu einem bedeutenden Importeur: von 1.193 EUR (2015) auf 52.486 EUR (2025), ein Plus von 4.300 %. Der Höchstwert lag bei 300.610 EUR. Litauen scheint als Umschlag- oder Verarbeitungsstandort an Bedeutung gewonnen zu haben.
- Die Niederlande stiegen bei den Exporten von 15.813 EUR auf 88.255 EUR (+458 %), was auf eine zunehmende Rolle als Handelsdrehscheibe hindeutet.
Demgegenüber verloren einige traditionelle Märkte stark an Boden: Kroatiens Importe brachen von 40.873 EUR auf 439 EUR ein (−98,9 %), Deutschlands von 21.122 EUR auf 1.481 EUR (−93,0 %), Spaniens von 26.994 EUR auf 4.335 EUR (−83,9 %).
| EU-Importeur | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 110.515 | 121.472 | +9,9 % |
| Litauen | 1.193 | 52.486 | +4.300 % |
| Frankreich | 7.642 | 27.532 | +260 % |
| Spanien | 26.994 | 4.335 | −83,9 % |
| Kroatien | 40.873 | 439 | −98,9 % |
| Deutschland | 21.122 | 1.481 | −93,0 % |
Zunehmende Konzentration der Importe, leichte Dekonzentration der Exporte
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importseite stieg im Wert von 2.205 auf 5.854 (+165,5 %), was eine deutlich höhere Konzentration bedeutet. Die Importe sind damit in den Händen weniger Partner konzentriert als noch 2015 — insbesondere bedingt durch den Wegfall Neuseelands und den Aufstieg Indiens als dominanten Lieferanten. Der HHI für das Volumen stieg von 3.323 auf 5.538 (+66,7 %). Beim Export hingegen sank der HHI-Wert leicht von 4.743 auf 3.934 (−17,1 %), was auf eine moderate Diversifizierung der Absatzmärkte hindeutet. Der HHI für das Exportvolumen ging sogar von 6.364 auf 3.140 zurück (−50,7 %).
IV. Preis-Schocks und markante Volatilitätsereignisse
Signifikante Preisschocks in drei Handelsbeziehungen
Die Volatilitätsanalyse identifiziert drei bemerkenswerte Schockereignisse, die die Marktentwicklung wesentlich mitgeprägt haben:
| Schockereignis | Typ | Richtung | Zeitpunkt | Abnormalität | Preisänderung | Wertanteil |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Türkei | Preis | Export | 2021 | 22,9 | −21,4 % | 21,2 % |
| USA | Preis | Export | 2020 | 9,2 | +587,6 % | 14,6 % |
| Vereinigtes Königreich | Preis | Import | 2018 | 7,4 | +211,0 % | 11,1 % |
Der stärkste Schock betraf die Exportpreise in die Türkei im Jahr 2021 mit einer Abnormalität von 22,9 — einem außergewöhnlich hohen Wert. Die Exportpreise in die USA verzeichneten 2020 einen anomalen Anstieg von 587,6 %, was auf außergewöhnliche Lieferumstellungen oder Qualitätsmischungsänderungen während der COVID-19-Pandemie hindeuten könnte. Der Preisschock bei den Importen aus dem Vereinigten Königreich im Jahr 2018 (+211,0 %) könnte mit Vor-Brexit-Lagerbewegungen und veränderten Handelsmustern zusammenhängen.
Hohe Volatilität bei den neuen Handelspartnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt ein klares Muster: Etablierte Handelsbeziehungen wie jene mit der Ukraine (CV 0,41) oder der Türkei (CV 0,36) weisen eine geringe Schwankungsbreite auf, während neuere oder im Wandel befindliche Partnerschaften deutlich volatiler sind. Die Exporte in die USA haben einen CV von 0,62, die Importe aus dem Vereinigten Königreich von 0,98. Besonders volatil sind Handelsströme mit Ländern, die ihre Handelsbeziehungen im Beobachtungszeitraum grundlegend umgestellt haben — so etwa die Importe aus der Schweiz (CV 1,15) oder aus Neuseeland (CV 1,98), bei denen das Handelsvolumen gegen null ging.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Reißspinnstoff (CN 5104) hat sich im Zeitraum 2015–2025 fundamental verändert. Die zentrale Entwicklung ist ein Strukturwandel hin zu kleineren, aber wertvolleren Handelsvolumen: Die physischen Mengen wurden nahezu halbiert, während die Einheitspreise um 60–80 % stiegen. Auf der Importseite hat sich die Lieferantenstruktur komplett neu sortiert — der Zusammenbruch der neuseeländischen Lieferungen und der Aufstieg Indiens als dominanter Partner führten zu einer stark erhöhten Konzentration. Auf der Exportseite ist eine gewisse Diversifizierung erkennbar, wobei Italien trotz rückläufiger Werte seine Vorrangstellung behauptet und die Ukraine der wichtigste Drittmarkt bleibt. Die EU bleibt Nettoexporteur von Reißspinnstoff, doch der Überschuss schwindet. Insgesamt deutet die Entwicklung auf eine Marktreifung mit sinkenden Volumen, steigender Qualitätsorientierung und zunehmender Abhängigkeit von wenigen Lieferanten hin — ein Muster, das die Notwendigkeit einer strategischen Diversifizierung der Beschaffungsquellen unterstreicht.