Marktentwicklung: Feine Tierhaargarne (CN 5108) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die EU-Handelsentwicklung für den Zolltarifcode 5108 — Streichgarne oder Kammgarne aus feinen Tierhaaren (ausgenommen Wolle sowie Aufmachungen für den Einzelverkauf) — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Der Code umfasst zwei Unterpositionen: Streichgarne (510810) und Kammgarne (510820), die zusammen ein Nischensegment der europäischen Textilindustrie bilden. Insgesamt zeigt der untersuchte Zeitraum einen bemerkenswerten Strukturwandel: Die EU entwickelte sich von einem deutlichen Nettoexporteur mit einem Überschuss von 18,5 Mio. EUR im Jahr 2015 zu einem leisen Nettoimporteur mit einem Defizit von 2,4 Mio. EUR im Jahr 2025. Gleichzeitig ging die inländische Produktion erheblich zurück, was die Handelsdynamik zusätzlich prägte.
1. Vom Überschuss zum Defizit — Die strukturelle Wende der EU-Handelsbilanz
Der Handelsbilanzüberschuss schmolz innerhalb eines Jahrzehnts vollständig
Die EU-Handelsbilanz bei CN 5108 durchlief einen tiefgreifenden Wandel. Lag der Überschuss 2015 noch bei +18,5 Mio. EUR, so verwandelte er sich bis 2025 in ein Defizit von −2,4 Mio. EUR — ein Rückgang von rund 113 %. Die Ursache hierfür liegt in einem asymmetrischen Trend: Während die Exporte nominal nur leicht stiegen, explodierten die Importe.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 49,2 | 52,2 | +6,0 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 30,7 | 54,6 | +77,4 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | +18,5 | −2,4 | −112,9 % |
Die Importpreise verdoppelten sich nahezu, während Exportpreise fielen
Der entscheidende Hebel der Wende lag auf der Preis- und Mengenseite der Importe. Die Einfuhrpreise stiegen von 44.097 EUR/t auf 84.143 EUR/t (+90,8 %), während die Einfuhrmenge gleichzeitig um 7,0 % von 697 t auf 648 t sank. Auf der Ausfuhriese sanken die Exportpreise von 71.499 EUR/t auf 65.443 EUR/t (−8,5 %), obwohl die Menge um 15,8 % auf 797 t stieg. Die EU exportierte also zunehmend günstigere Garne, während die importierten Garne — insbesondere Streichgarne — immer teurer wurden.
Die COVID-19-Pandemie verursachte einen temporären Einbruch, gefolgt von einer raschen Erholung
Sowohl Importe als auch Exporte verzeichneten 2020 einen deutlichen Einbruch: Die Einfuhrmenge sank auf 307 t (Minimum des gesamten Zeitraums), die Ausfuhrmenge auf 491 t. Bereits 2021 setzte eine kräftige Erholung ein, wobei die Importe das Vorkrisenniveau rasch übertrafen. Diese Erholungsphase legte den Grundstein für die anschließende Verschärfung des Handelsbilanzdefizits.
2. Geografische Neuausrichtung — China als Importmotor und schwindende Bedeutung Hongkongs
China wurde zum dominanten Importpartner der EU
Die geografische Struktur der Importe verschob sich erheblich. China steigerte seine Lieferungen an die EU von 9,4 Mio. EUR (2015) auf 26,8 Mio. EUR (2025), was einem Zuwachs von 183,6 % entspricht. Damit machte China im letzten Berichtsjahr nahezu die Hälfte aller EU-Importe bei CN 5108 aus. Gleichzeitig stiegen die Importe aus dem Vereinigten Königreich von 8,8 Mio. EUR auf 14,9 Mio. EUR (+69,0 %) — ein Trend, der teilweise auf die Handelsregelungen nach dem Brexit zurückzuführen sein dürfte.
| Importpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 9,4 | 26,8 | +183,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 8,8 | 14,9 | +69,0 % |
| Peru | 6,4 | 5,3 | −17,9 % |
| Südafrika | 4,7 | 5,7 | +20,9 % |
| Japan | 0,2 | 0,9 | +371,0 % |
| Mongolei | 0,01 | 0,1 | +1.023 % |
| Bolivien | 0,04 | 0,4 | +864,0 % |
Neue Beschaffungsquellen aus Zentralasien und Südamerika gewannen an Bedeutung
Neben China etablierten sich kleinere Lieferanten wie die Mongolei (+1.023 %) und Bolivien (+864 %) als neue Bezugsquellen für feine Tierhaargarne. Diese Entwicklung spiegelt die globale Suche nach Cashmere- und anderen feinen Tierfaserquellen wider, die über die traditionellen Lieferanten (Peru, Südafrika) hinausgehen. Peru blieb mit 5,3 Mio. EUR ein relevanter Partner, verlor aber an Anteil (−17,9 %).
Hongkong verlor als wichtigstes EU-Exportziel stark an Bedeutung
Auf der Exportseite vollzog sich eine bemerkenswerte Umorientierung. Hongkong, 2015 mit 17,8 Mio. EUR das mit Abstand wichtigste Exportziel, sank auf 7,3 Mio. EUR (−59,3 %). Gleichzeitig stiegen die Ausfuhren nach China von 5,1 Mio. EUR auf 10,5 Mio. EUR (+105,3 %) und nach Russland von 0,7 Mio. EUR auf 3,1 Mio. EUR (+364,8 %). Die Bedeutung Hongkongs als Umschlagplatz für Garne nach Festlandchina nahm offenbar ab, während direkte Lieferungen an chinesische Verarbeiter zunahmen.
| Exportpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Hongkong | 17,8 | 7,3 | −59,3 % |
| China | 5,1 | 10,5 | +105,3 % |
| Vereinigtes Königreich | 7,7 | 7,9 | +1,9 % |
| Südkorea | 6,6 | 4,5 | −31,5 % |
| USA | 2,9 | 4,1 | +41,8 % |
| Russland | 0,7 | 3,1 | +364,8 % |
| Türkei | 2,1 | 3,5 | +68,6 % |
Die Exportkonzentration nahm deutlich ab, die Importkonzentration zu
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) bestätigt diese Trends quantitativ. Der Export-HHI sank von 1.928 auf 1.084 (−43,8 %), was eine breitere Streuung der Ausfuhren über mehr Partnerländer bedeutet. Der Import-HHI stieg hingegen von 2.455 auf 3.371 (+37,3 %), was die zunehmende Konzentration auf wenige Lieferanten — insbesondere China — widerspiegelt. Diese Gegenläufigkeit birgt ein strategisches Risiko: Die EU macht sich bei ihren Importen zunehmend von wenigen Quellen abhängig.
3. Produktsegmente im Wandel — Steigende Bedeutung von Streichgarnen und schrumpfende Inlandsproduktion
Streichgarne (510810) trieben den gesamten Importanstieg
Die Segmentaufschlüsselung zeigt, dass die Verdopplung des Importwertes fast vollständig auf Streichgarne (CN 510810) zurückzuführen ist. Deren Einfuhrwert stieg von 16,5 Mio. EUR auf 41,0 Mio. EUR, bei gleichzeitigem Preisanstieg von 63.008 EUR/t auf 123.890 EUR/t (+96,7 %). Im Gegensatz dazu stagnierten die Importe von Kammgarnen (CN 510820): Der Wert verharrte bei rund 13,5 Mio. EUR, und die Menge sank von 436 t auf 317 t.
| Segment | Richtung | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 510810 — Streichgarne | Importe | 16,5 | 41,0 | +149,3 % |
| 510820 — Kammgarne | Importe | 14,3 | 13,5 | −5,6 % |
| 510810 — Streichgarne | Exporte | 25,6 | 33,9 | +32,2 % |
| 510820 — Kammgarne | Exporte | 23,6 | 18,3 | −22,4 % |
Die Importpreise für Streichgarne liegen weit über den Exportpreisen
Ein besonders auffälliges Muster ergibt sich beim Preisvergleich innerhalb des Segments 510810. Im Jahr 2025 lag der Importpreis für Streichgarne bei 123.890 EUR/t, während der Exportpreis nur 76.243 EUR/t betrug — ein Abstand von über 62 %. Gleichzeitig sank der Exportpreis von 109.008 EUR/t (2015) auf 76.243 EUR/t (2025), also um 30,1 %. Dies deutet darauf hin, dass die EU hochwertige, teure Streichgarne (vermutlich vorwiegend Kaschmir) importiert, während exportierte Garne tendenziell geringere Wertschöpfung aufweisen.
Die EU-Inlandsproduktion fiel drastisch — Italien dominiert die verbleibende Fertigung
Die EU-Produktion — erfasst über die entsprechenden Prodcom-Codes, die auch Wollgarne einschließen — sank von 279 Mio. kg auf 62,5 Mio. kg (−77,6 %) in der Menge und von 1.789 Mio. EUR auf 1.024 Mio. EUR (−42,7 %) im Wert. Der stärkere Rückgang der Menge bei moderaterem Wertverlust deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten in der verbleibenden Produktion hin.
Italien ist mit Abstand der dominanteste EU-Produzent und -Exporteur bei feinen Tierhaargarnen. Mit einem RCA-Wert von 9,3 und einem RSCA von 0,81 weist Italien eine starke komparative Spezialisierung auf. Italienische Exporteure lieferten 2025 für 49,6 Mio. EUR — 95 % aller EU-Ausfuhren bei CN 5108. Auf der Importseite war Italien ebenfalls führend: Italienische Importe stiegen von 21,5 Mio. EUR auf 42,3 Mio. EUR (+96,8 %) und machten damit 77 % aller EU-Einfuhren aus.
Schlussfolgerung
Die EU hat im Zeitraum 2015–2025 bei feinen Tierhaargarnen (CN 5108) eine fundamentale Handelsverschiebung erlebt. Drei zentrale Dynamiken bestimmten die Entwicklung:
Erstens verwandelte sich die EU von einem Nettoexporteur mit einem Überschuss von 18,5 Mio. EUR in einen Nettoimporteur mit einem Defizit von 2,4 Mio. EUR. Dieser Wandel wurde vor allem durch stark steigende Importpreise (+90,8 %) bei gleichzeitig sinkenden Exportpreisen (−8,5 %) getrieben — ein Zeichen dafür, dass die EU zunehmend hochwertige Rohmaterialien zukaufen muss.
Zweitens verschob sich die geografische Ausrichtung des Handels erheblich. China wurde sowohl als Importquelle (+183,6 %) als auch als Exportziel (+105,3 %) immer wichtiger, während Hongkong als traditionelles Exportziel an Bedeutung verlor (−59,3 %). Die steigende Importkonzentration (HHI +37,3 %) auf wenige Lieferländer birgt mittelfristig strategische Abhängigkeitsrisiken.
Drittens ging die inländische Produktion — gemessen über breiter gefasste Prodcom-Codes — drastisch zurück, während Italien seine ohnehin dominante Stellung als Spezialist für feine Tierhaargarne weiter ausbaute. Das Segment der Streichgarne (510810) entwickelte sich zum eigentlichen Wachstumstreiber der Importe, mit Preisen, die sich in zehn Jahren nahezu verdoppelten.
Insgesamt deuten die Daten auf eine zunehmende Verflechtung der EU mit globalen Beschaffungsketten für Luxusgarnfasern hin, bei gleichzeitigem Rückgang der europäischen Wertschöpfungstiefe in diesem Segment.