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Marktentwicklung: Getreide (CN 10) — 2015–2025

Einleitung

Das Kapitel 10 der Kombinierten Nomenklatur umfasst sämtliches Getreide – von Weizen und Mengkorn über Gerste, Mais, Reis bis hin zu Körner-Sorghum und anderem Getreide. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsströme der Europäischen Union mit Nicht‑EU‑Ländern im Zeitraum 2015 bis 2025 auf Jahresbasis. Anhand von Daten des EU Trade Dashboards werden die wesentlichen Dynamiken herausgearbeitet: der Abbau des Handelsbilanzüberschusses, geopolitisch bedingte Verschiebungen der Partnerländer sowie der strukturelle Wandel innerhalb der EU.

Vom Exportüberschuss zur Importabhängigkeit: Die Erosion der EU-Handelsbilanz bei Getreide

Der Handelsbilanzüberschuss schrumpft drastisch – von 4,74 Mrd. EUR auf nur noch 0,56 Mrd. EUR

Die nominale Entwicklung der Außenhandelsströme zeigt eine klare Trendwende. Zwischen 2015 und 2025 gingen die EU‑Exporte wertmäßig um 8,5 % zurück (von 9,85 Mrd. EUR auf 9,01 Mrd. EUR), während die Importe um 65,3 % zulegten (von 5,11 Mrd. EUR auf 8,45 Mrd. EUR). Der Handelsbilanzüberschuss sank folglich um 88,2 % von 4,74 Mrd. EUR auf 0,56 Mrd. EUR und erreichte 2025 den niedrigsten Stand der betrachteten Periode (siehe Entwicklung der Handelsströme).

Jahr Exporte (Mrd. EUR) Importe (Mrd. EUR) Handelsbilanz (Mrd. EUR)
2015 9,85 5,11 4,74
2020 10,19 5,66 4,53
2022 15,08 12,53 2,55
2025 9,01 8,45 0,56

Die Nettoimportabhängigkeit steigt von 6,3 % auf 31,3 % – eine strukturelle Verschiebung

Die Nettoimportabhängigkeit kletterte von 6,3 % (2015) auf 31,3 % (2024) – ein Anstieg um 400 %. Parallel dazu wuchs die Handelsintensität von 22,3 % auf 44,7 % (+100,6 %), und die Exportquote erhöhte sich moderat von 9,6 % auf 12,5 % (+30,5 %). Die EU ist daher heute wesentlich stärker auf Getreideimporte angewiesen als vor zehn Jahren.

Preisanstiege treiben den Importwert stärker als die Mengen

Die Importmengen stiegen um 42,8 % (von 21,1 Mio. t auf 30,2 Mio. t), während die Importpreise um 16,1 % zulegten. Auf der Exportseite sank die Menge um 16,7 % (von 47,4 Mio. t auf 39,5 Mio. t), der Exportpreis erhöhte sich jedoch um 9,8 %, was den Wertrückgang dämpfte. Die Preiseffekte, insbesondere der starke Anstieg des Importpreises 2022 auf 348,82 EUR/t (+44,6 % gegenüber 2021), zeigen den Einfluss globaler Preisschocks.

Geopolitische Verwerfungen und neue Partnerschaften: Verschiebungen in den Liefer- und Absatzmärkten

Die Ukraine wird zum dominierenden Lieferanten, Russland bricht fast vollständig weg

Die Rangliste der wichtigsten Importpartner hat sich grundlegend verändert. Die Ukraine blieb mit einem Importwert von 2,27 Mrd. EUR im Jahr 2025 führend (+38,5 % gegenüber 2015), hatte jedoch 2023 mit 5,02 Mrd. EUR einen Höchststand erreicht. Russlands Lieferungen brachen um 98,8 % ein – von 0,23 Mrd. EUR auf 2,7 Mio. EUR. Gleichzeitig verzeichneten die USA (+232,5 % auf 1,38 Mrd. EUR) und Brasilien (+210,9 % auf 0,59 Mrd. EUR) massive Zuwächse, und Kanada baute seine Lieferungen um 89,2 % auf 1,30 Mrd. EUR aus.

Importpartner Wert 2015 (Mio. EUR) Wert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Ukraine 1 636 2 265 +38,5 %
USA 415 1 380 +232,5 %
Kanada 685 1 297 +89,2 %
Brasilien 190 590 +210,9 %
Russland 234 3 –98,8 %
Vereinigtes Königreich 504 308 –38,9 %

Exportmärkte im Wandel: China bricht ein, Afrika gewinnt an Bedeutung

Auf der Exportseite gingen die Lieferungen nach China um 78,7 % zurück (von 0,82 Mrd. EUR auf 0,17 Mrd. EUR), während die klassischen Absatzmärkte Algerien (–37,3 %) und Saudi‑Arabien (–30,0 %) an Bedeutung verloren. Dafür expandierten die Ausfuhren nach Nigeria um 338,9 % auf 0,41 Mrd. EUR und nach Marokko um 123,3 % auf 1,07 Mrd. EUR. Das Vereinigte Königreich konnte als Partner um 26,1 % zulegen.

Exportpartner Wert 2015 (Mio. EUR) Wert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Marokko 479 1 069 +123,3 %
Algerien 1 367 858 –37,3 %
Saudi‑Arabien 1 055 738 –30,0 %
Vereinigtes Königreich 565 713 +26,1 %
Nigeria 94 410 +338,9 %
China 816 174 –78,7 %

2022 als Schockjahr: Preissprünge bei vielen Handelspartnern

Die Volatilitätsanalyse und die Preisschock-Ereignisse belegen, dass das Jahr 2022 für viele Relationen einen massiven Preissprung brachte. So stiegen die Importpreise aus Kanada sprunghaft um 61,3 % auf 412,88 EUR/t, während bei den Exporten nach Jordanien der Preis um 67,1 % auf 353,75 EUR/t hochschnellte. Die Schocks waren bei fast allen Top‑Partnern zu beobachten und sorgten für die höchsten aggregierten Export‑ und Importpreise der Dekade.

Strukturwandel in der EU: Spezialisierung, Konzentration und die Rolle der Mitgliedstaaten

Frankreichs Exportdominanz schwindet, Rumänien und Bulgarien legen zu

Unter den EU‑Berichterstattern verlor Frankreich als größter Exporteur 37,3 % seines Ausfuhrwerts (von 3,60 Mrd. EUR auf 2,26 Mrd. EUR). Deutschland verzeichnete einen Rückgang um 51,0 % auf 0,94 Mrd. EUR. Dagegen steigerten Rumänien seine Exporte um 73,2 % auf 2,30 Mrd. EUR und Bulgarien um 167,6 % auf 0,96 Mrd. EUR. Auch Litauen (+53,5 % auf 0,61 Mrd. EUR) und Lettland (+39,4 % auf 0,33 Mrd. EUR) bauten ihre Position aus.

Exporteur (EU) Wert 2015 (Mio. EUR) Wert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Frankreich 3 601 2 257 –37,3 %
Rumänien 1 328 2 300 +73,2 %
Deutschland 1 908 936 –51,0 %
Bulgarien 358 957 +167,6 %
Polen 578 625 +8,2 %
Litauen 396 608 +53,5 %

Die Importnachfrage verschiebt sich nach Südeuropa: Spanien und Italien als Hauptimporteure

Auf der Importseite dominieren Spanien (2,37 Mrd. EUR, +103,3 %) und Italien (1,97 Mrd. EUR, +47,4 %). Auch Portugal (+65,3 %), Irland (+220,9 %) und Belgien (+59,8 %) verzeichneten hohe Zuwächse. Die iberische Halbinsel und Italien sind damit immer stärker auf außereuropäisches Getreide angewiesen.

Zunehmende Spezialisierung osteuropäischer Mitgliedstaaten bei Getreide

Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass vor allem Bulgarien (RSCA 0,72), Kroatien (0,69), Lettland (0,66) und Frankreich (0,57) überdurchschnittlich auf Getreide spezialisiert sind. Am wenigsten spezialisiert sind Irland (–0,98), Malta (–0,96) und Zypern (–0,93). Diese Ost‑Verschiebung spiegelt die agrarstrukturellen Stärken der Beitrittsländer wider.

Sinkende EU-Produktion bei steigenden Preisen

Die Produktionsmenge der EU sank von 3,05 Mrd. t (2003) auf 2,59 Mrd. t (2024) – ein Minus von 15,1 %. Der Produktionswert stieg dagegen um 64,1 % auf 3,38 Mrd. EUR, was auf die stark gestiegenen Erzeugerpreise (von 0,67 EUR/t auf 1,30 EUR/t) zurückzuführen ist. Die rückläufige Eigenversorgung verstärkt den Importbedarf und erklärt den Anstieg der Nettoimportabhängigkeit.

Fazit

Der EU‑Getreidehandel hat innerhalb eines Jahrzehnts eine tiefgreifende Transformation durchlaufen. Aus einem komfortablen Exportüberschuss von 4,7 Mrd. EUR wurde 2025 ein nur noch knapp positiver Saldo. Die Importabhängigkeit ist sprunghaft gestiegen, getrieben durch die Kombination aus sinkender Inlandsproduktion, starken Preisanstiegen und geopolitischen Verschiebungen – insbesondere dem Ausfall Russlands und der stärkeren Einbindung der Ukraine, der USA und Brasiliens. Die Exportstruktur hat sich zugunsten afrikanischer Märkte und zu Lasten Chinas und traditioneller Abnehmer verändert. Innerhalb der EU verschieben sich die Gewichte von den alten Kernländern Frankreich und Deutschland hin zu den ost‑ und südosteuropäischen Staaten, die eine hohe Spezialisierung aufweisen. Der Preisschock des Jahres 2022 wirkt als Katalysator dieser Entwicklungen und unterstreicht die hohe Volatilität des globalen Getreidemarkts, der die künftige Versorgungssicherheit der EU prägen wird.