Marktentwicklung: Tierische Nebenerzeugnisse (CN 05) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 05 („Andere Waren tierischen Ursprungs, anderweit weder genannt noch inbegriffen") umfasst ein breites Spektrum an tierischen Nebenerzeugnissen — von Därmen und Federn über Knochen und Elfenbein bis hin zu Drüsen und pharmazeutisch genutzten tierischen Stoffen. Der Code dient als Sammelposition für Produkte, die keiner spezifischeren Tarifposition zugeordnet werden.
Im Zeitraum 2015–2025 hat der EU-Außenhandel mit diesen Waren tiefgreifende strukturelle Veränderungen erfahren: Die Handelsvolumina sind rückläufig, während die Werte erheblich gestiegen sind. Die EU hat sich dabei von einer stark importabhängigen Wirtschaft zu einer zunehmend exportorientierten Position gewandelt. Dieser Bericht analysiert die wesentlichen Dynamiken auf Basis verfügbarer Handelsdaten im Überblick.
1. Vom Nettodefizit zur Exportoffensive: Die strukturelle Transformation des EU-Handels
1.1. Sinkende Mengen bei steigenden Werten — ein Preisgetriebener Markt
Die Entwicklung von 2015 bis 2025 zeigt ein bemerkenswertes Muster: Sowohl Import- als auch Exportmengen sind gesunken, während die Werte gestiegen sind. Dies bedeutet, dass die Preisentwicklung der zentrale Wachstumstreiber war.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 1.044 Mio. € | 1.242 Mio. € | +19,0 % |
| Exportmenge | 629.850 t | 605.314 t | −3,9 % |
| Exportpreis | 1.657 €/t | 2.051 €/t | +23,8 % |
| Importwert | 1.336 Mio. € | 1.660 Mio. € | +24,3 % |
| Importmenge | 857.513 t | 773.247 t | −9,8 % |
| Importpreis | 1.558 €/t | 2.145 €/t | +37,7 % |
Quelle: Allgemeiner Überblick
Die Importpreise stiegen mit +37,7 % deutlich stärker als die Exportpreise (+23,8 %). Die Importmenge sank dabei mit −9,8 % fast dreimal so stark wie die Exportmenge (−3,9 %), was auf eine Verschiebung der Wertschöpfungsketten innerhalb der EU hindeutet.
1.2. Schrumpfendes Handelsdefizit und sinkende Importabhängigkeit
Das EU-Handelsbilanzdefizit bei CN 05 hat sich im Betrag zwar zunächst vergrößert (von −292 Mio. € im Zeitraum 2015–2016 auf einen Tiefstwert von −556 Mio. €), ist aber zuletzt auf −418 Mio. € zurückgegangen. Entscheidend ist dabei die Entwicklung der Nettoimportabhängigkeit:
| Kennzahl | 2015 | Tiefpunkt | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Nettoimportabhängigkeit | 42,1 % | 10,4 % | 14,0 % | −66,7 % |
Die EU hat ihre Importabhängigkeit bei tierischen Nebenerzeugnissen also drastisch reduziert — von über 42 % auf unter 15 %. Parallel dazu stieg die Exportneigung von 36,2 % auf 58,2 % (+60,9 %). Die EU ist somit von einem Nettoimporteur zu einem zunehmend selbstbewussten Exporteur geworden.
1.3. Starke inländische Produktionsdynamik
Die EU-Produktion hat sich im gleichen Zeitraum stark entwickelt:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 2.697 Mio. kg | 4.313 Mio. kg | +59,9 % |
| Produktionswert | 691 Mio. € | 1.615 Mio. € | +133,6 % |
Die Produktionswertsteigerung (+133,6 %) übertraf die Mengensteigerung (+59,9 %) deutlich, was auf eine Hinwendung zu höherwertigen Produkten oder generell steigende Preise innerhalb der EU-Produktion schließen lässt. Diese Expansion der Binnenproduktion erklärt zum Teil den Rückgang der Importmengen.
2. Globale Neuausrichtung: China als dominanter Importpartner, Asien und die USA als neue Exportmärkte
2.1. China konsolidiert seine Stellung als wichtigster EU-Lieferant
Die Partnerstruktur der EU-Importe zeigt eine klare Konzentration auf wenige Hauptlieferanten. China dominiert mit großem Abstand:
| Partner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 551 | 739 | +34,1 % |
| Brasilien | 62 | 96 | +54,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 123 | 84 | −32,0 % |
| Norwegen | 60 | 49 | −18,2 % |
| Schweiz | 24 | 21 | −13,3 % |
| Färöer | 5 | 8 | +59,6 % |
Quelle: Partner im Überblick
China allein machte 2025 rund 44 % des gesamten EU-Importwerts aus. Das Importkonzentrationsmaß (HHI) für den Wert stieg von 1.933 auf 2.205 (+14 %), was die zunehmende Abhängigkeit von wenigen Partnern bestätigt. Die Konzentration nach Volumen sank hingegen von 1.930 auf 1.714 (−11,2 %), sodass die Mengenbasis breiter, die Wertschöpfung jedoch konzentrierter wurde.
Brasilien als zweitwichtigster Partner außerhalb Europas verzeichnete ein starkes Wachstum (+54,4 %), getrieben von Fleischverarbeitungsnebenerzeugnissen. Gleichzeitig fielen die Importe aus dem Vereinigten Königreich (−32,0 %) — ein Effekt, der teilweise auf den Brexit und veränderte Handelsmodalitäten zurückzuführen sein dürfte.
2.2. Dramatische Umorientierung der EU-Exporte: Abkehr von Hongkong, Hinwendung zu den USA und Südostasien
Die Exportpartnerstruktur hat sich zwischen 2015 und 2025 radikal verändert:
| Partner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 238 | 233 | −2,3 % |
| Vereinigtes Königreich | 120 | 109 | −9,0 % |
| Hongkong | 151 | 28 | −81,3 % |
| Vietnam | 49 | 107 | +118,7 % |
| USA | 60 | 138 | +128,2 % |
| Norwegen | 24 | 73 | +198,4 % |
| Liechtenstein | 10 | 28 | +168,1 % |
Quelle: Partner im Überblick
Die Exporte nach Hongkong brachen um mehr als 81 % ein — von 151 Mio. € auf nur noch 28 Mio. €. Dies steht im Kontext der politischen Umwälzungen in Hongkong, veränderter Re-Export-Logistikketten nach Festlandchina sowie möglicherweise auch regulatorischer Verschärfungen.
Demgegenüber stiegen die Exporte in die USA um 128 %, nach Vietnam um 119 % und nach Norwegen um 198 %. Diese Verschiebung deutet auf eine strategische Diversifizierung der EU-Exportmärkte hin, weg von traditionellen asiatischen Drehkreuzen und hin zu schnell wachsenden Märkten und nordeuropäischen Nischen.
2.3. Diversifizierung der Exportpartner, Konzentration der Importpartner
Das Exportkonzentrationsmaß (HHI) sank sowohl nach Wert (von 1.009 auf 758, −24,9 %) als auch nach Volumen (von 1.013 auf 875, −13,6 %). Die EU exportiert ihre tierischen Nebenerzeugnisse also auf deutlich mehr Märkten als noch 2015. Während die Importe zunehmend von wenigen Großlieferanten dominiert werden, streuen die Exporte breiter — ein asymmetrisches Bild, das unterschiedliche strategische Anforderungen an Beschaffung und Absatz widerspiegelt.
3. Produktsegmente und Marktkonzentration: Därme dominieren den Handel, Federn zeigen extreme Volatilität
3.1. CN 0504 (Därme, Blasen, Mägen) ist das wertstärkste Segment
Die Produktaufschlüsselung zeigt, dass CN 0504 sowohl bei Importen als auch bei Exporten das mit Abstand wertvollste Segment darstellt:
Importe nach Produktsegment (Auswahl, 2025):
| Segment | Menge (t) | Wert (Mio. €) | Ø-Preis (€/t) |
|---|---|---|---|
| CN 0511 — Waren tier. Ursprungs, a.n.g. | 536.879 | 430 | 797 |
| CN 0504 — Därme, Blasen, Mägen | 103.730 | 925 | 8.921 |
| CN 0505 — Vogelbälge, Federn, Daunen | 29.641 | 206 | 6.938 |
| CN 0506 — Knochen | 58.250 | 6 | 111 |
| CN 0510 — Drüsen, Ambra, Moschus | 4.357 | 30 | 6.808 |
| CN 0508 — Korallen, Schalen, Panzer | 17.965 | 19 | 1.043 |
| CN 0507 — Elfenbein, Hörner, Hufe | 16.130 | 13 | 791 |
Quelle: Produktvergleich
Obwohl CN 0504 nur etwa 13 % der Importmenge ausmacht, ist es für über 55 % des Importwerts verantwortlich. Der hohe Durchschnittspreis von 8.921 €/t unterstreicht den Wert dieses Segments, das vor allem für die Lebensmittelverarbeitung (Wurstwaren) relevant ist. Der Importpreis bei CN 0504 stieg von 7.500 €/t (2015) auf 8.921 €/t (2025, +18,9 %).
CN 0511 (sonstige nicht genießbare tierische Waren) dominiert mengenmäßig mit rund 70 % der Importmenge, hat aber einen deutlich niedrigeren Durchschnittspreis (797 €/t). Der Preis stieg hier von 478 €/t auf 797 €/t (+66,8 %).
3.2. Preisexplosion bei Federn und Daunen (CN 0505) — und extreme Volatilität bei Nischenprodukten
Besonders auffällig ist die Preisentwicklung bei CN 0505 (Vogelbälge, Federn, Daunen). Der Exportpreis schwankte im Zeitraum von 2.976 €/t (2016) bis zu 12.657 €/t (2022) — ein Koeffizient der Variation (CV) von 0,59 bei den Exporten nach Norwegen. Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass mehrere Handelsbeziehungen durch hohe Schwankungen gekennzeichnet sind:
| Partner (Exporte) | CV |
|---|---|
| Norwegen | 0,91 |
| Ecuador | 0,73 |
| Philippinen | 0,72 |
| Thailand | 0,63 |
| Vietnam | 0,60 |
| Partner (Importe) | CV |
|---|---|
| Färöer | 0,72 |
| Island | 0,62 |
| Russische Föderation | 0,51 |
Quelle: Volatilitätsanalyse
Die identifizierten Preisschocks unterstreichen dies:
| Schock | Typ | Richtung | Anomalie | Preisverschiebung | Zeitpunkt |
|---|---|---|---|---|---|
| Brasilien | Preis | Import | 32,6 | +58,2 % | 2022 |
| Färöer | Preis | Import | 20,1 | +90,5 % | 2023 |
| Philippinen | Preis | Export | 7,0 | +140,4 % | 2022 |
Der Preisschock bei brasilianischen Importen 2022 (+58,2 %) korreliert mit den globalen Lieferkettenstörungen und Energiepreisspitzen nach dem Beginn des Ukraine-Konflikts. Der extremere Schock bei den Färöer-Inseln (+90,5 %) 2023 betrifft zwar nur 0,7 % des Importwerts, illustriert aber die Verwundbarkeit kleiner Lieferanten gegenüber akuten Preisbewegungen.
3.3. Verschiebung der innerstaatlichen Spezialisierung
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt eine klare Rangfolge der EU-Mitgliedstaaten nach komparativem Vorteil:
| Land | RSCA | RCA | Anteil an EU-Export |
|---|---|---|---|
| Dänemark | 0,453 | 2,66 | 4,6 % |
| Zypern | 0,337 | 2,02 | 0,07 % |
| Polen | 0,248 | 1,66 | 11,0 % |
| Portugal | 0,148 | 1,35 | 1,9 % |
| Spanien | 0,141 | 1,33 | 7,7 % |
Dänemark weist den höchsten Spezialisierungsindex auf, doch Polen ist mit einem Anteil von 11 % an der EU-Produktion der mengenmäßig wichtigste Spezialist. Die EU-Exporteure zeigen dabei bemerkenswerte Wachstumsraten:
| Land | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Polen | 58 | 153 | +162,8 % |
| Spanien | 125 | 191 | +53,4 % |
| Italien | 44 | 86 | +96,7 % |
| Dänemark | 61 | 104 | +70,6 % |
| Deutschland | 244 | 182 | −25,4 % |
| Niederlande | 226 | 194 | −14,4 % |
Quelle: Reporter im Überblick
Polens Exporte wuchsen um beeindruckende 163 %, was auf den Ausbau der polnischen Fleischverarbeitungsindustrie und die verstärkte Exportorientierung des Landes hindeutet. Spanien und Italien verzeichneten ebenfalls kräftige Zuwächse. Deutschland und die Niederlande — traditionell die größten EU-Exporteure — verloren hingegen an Boden (−25 % bzw. −14 %). Dies deutet auf eine Verschiebung der EU-internen Wertschöpfungskette nach Osteuropa und Südeuropa hin.
Fazit
Der EU-Außenhandel mit tierischen Nebenerzeugnissen (CN 05) hat sich im Zeitraum 2015–2025 fundamental gewandelt. Drei zentrale Erkenntnisse lassen sich festhalten:
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Preisgetriebenes Wachstum: Trotz rückläufiger Handelsmengen sind die Werte sowohl bei Importen (+24 %) als auch bei Exporten (+19 %) gestiegen. Die Importpreise stiegen dabei stärker (+38 %) als die Exportpreise (+24 %), was den Margendruck auf der Beschaffungsseite verdeutlicht.
-
Strategische Neuausrichtung: Die EU hat ihre Nettoimportabhängigkeit von 42 % auf 14 % reduziert und ihre Exportmärkte massiv diversifiziert. Die Abkehr von Hongkong als Drehkreuz, die Hinwendung zu den USA, Vietnam und Norwegen sowie der Bedeutungsgewinn osteuropäischer Exporteure wie Polen kennzeichnen diese Neupositionierung.
-
Geopolitische Konzentration bei Importen: Während die Exportseite breiter gestreut ist, konzentrieren sich die Importe zunehmend auf China (44 % des Werts) und Brasilien. Diese Abhängigkeit von wenigen Partnern stellt trotz der verbesserten Handelsbilanz ein strategisches Risiko dar, insbesondere angesichts der geografischen Distanz und potenzieller geopolitischer Spannungen.
Die anhaltende Preissteigerungsdynamik und die gelegentlich extremen Preisschocks — wie bei den brasilianischen Importen 2022 — unterstreichen die Notwendigkeit einer diversifizierten Beschaffungsstrategie und einer aktiven Handelspolitik der EU in diesem Sektor.