Live-Daten erkunden →

Marktentwicklung: Pflanzliche Reststoffe (CN 14) — 2015–2025

Einleitung

Der vorliegende Bericht untersucht die Entwicklung des EU-Handels mit Waren des Zollcodes 14 (Flechtstoffe und andere Waren pflanzlichen Ursprungs, anderweit weder genannt noch inbegriffen) im Zeitraum 2015 bis 2025. Das Kapitel umfasst sowohl Massengüter (CN 1404, pflanzliche Erzeugnisse a.n.g.) als auch hochpreisige Flechtmaterialien (CN 1401, z. B. Bambus, Rattan). Die Analyse stützt sich ausschließlich auf die Daten des EU-Handelsdashboards und beleuchtet Mengen-, Wert- und Preisveränderungen, die Neuausrichtung der Bezugs- und Absatzmärkte sowie den drastischen Wandel der EU-Eigenversorgung.

1. Vom Nettoimporteur zur weitgehenden Selbstversorgung: Die stille Revolution der EU-Produktion

Die Kehrtwende der Nettoimportabhängigkeit: Von nahezu 100 % auf unter 3 %

Über den gesamten Beobachtungszeitraum blieb die EU Nettoimporteur. Allerdings hat sich die Nettoimportabhängigkeit dramatisch verringert. Lag sie 2015 noch bei 98,2 %, fiel sie bis 2024 auf 2,4 % (Nettoimportabhängigkeit). Dieser Absturz um −97,5 Prozentpunkte zeigt, dass die EU ihre Importabhängigkeit von Drittländern fast vollständig abgebaut hat.

Ein Produktionsboom ohne Vorgeschichte: Mengen und Werte explodieren nach 2018

Ursache dieser Trendwende ist ein sprunghafter Anstieg der EU‑Produktion, die zuvor kaum existierte. Wurden zwischen 2003 und 2017 praktisch keine nennenswerten Mengen ausgewiesen, meldete die EU 2018 erstmals eine Jahresproduktion von 6 Mio. t (Wert: 7 Mio. €). Bis 2024 steigerte sich die Erzeugung auf 13,8 Mio. t im Wert von 19,1 Mio. € (Produktionsmengen). Der Preis des heimischen Outputs liegt mit 1,38 €/t (2024) weit unter den Importpreisen, was auf ein anderes Produktspektrum hindeutet.

Das Handelsbilanzdefizit wächst trotz Produktionshochlauf – warum?

Trotz des Eigenversorgungsbooms weitete sich das Handelsdefizit von 194,2 Mio. € (2015) auf 276,1 Mio. € (2025) aus (+42,2 %). Verantwortlich hierfür sind zwei gegenläufige Effekte: Die Importwerte stiegen von 216,3 Mio. € auf 315,4 Mio. € (+45,8 %), während die Exporte von 22,1 Mio. € auf 39,3 Mio. € zulegten (+78,1 %) (Handelsübersicht). Die Einfuhrmenge sank zwar um 19,5 % (von 1,2 Mio. t auf 0,97 Mio. t), doch verteuerten sich die Importe im Schnitt um 81,3 % – von 179,89 €/t auf 326,11 €/t. Die steigenden Preise überkompensierten also die rückläufigen Mengen und ließen das Defizit weiter wachsen.

2. Handelsströme im Umbruch: Diversifizierung der Bezugsquellen und neue Schwerpunkte im Export

Import: China bleibt dominierend, aber Indien, Indonesien und Kasachstan gewinnen rasant an Bedeutung

Die Importseite war zu Beginn stark auf wenige Lieferanten konzentriert; der Herfindahl‑Hirschman‑Index fiel leicht von 1 820 (2015) auf 1 766 (2025) (Konzentration). China blieb mit Abstand größter Lieferant und steigerte seine Ausfuhren in die EU von 60,2 Mio. € auf 96,0 Mio. € (+59,5 %) (Top-Handelspartner). Besonders dynamisch entwickelten sich jedoch andere Akteure:

Partner Einfuhr 2015 (Mio. €) Einfuhr 2025 (Mio. €) Veränderung
Indien 22,79 81,07 +255,8 %
Indonesien 1,89 14,16 +648,5 %
Kasachstan 0,04 9,17 +20 364 %
Sri Lanka 11,10 18,99 +71,1 %

Dahinter stehen teils extreme Mengenschwankungen – die Variationskoeffizienten der Einfuhrmenge erreichen für Indonesien 2,18 und für Kasachstan 1,99 (Volatilitätsbalken).

Ukraine und Russland: Kriegsbedingte Einbrüche und Preisschocks

Die Ukraine, 2015 noch größter Einzellieferant mit 61,9 Mio. €, brach bis 2025 auf 27,8 Mio. € ein (−55,1 %). Gleichzeitig schoss der ukrainische Einfuhrpreis 2022 um 164 % gegenüber dem Durchschnitt von 2020‑2021 in die Höhe (Preisschocks). Auch Russland verzeichnete 2022 einen Preissprung um 93,3 % bei einem vorübergehenden Wertanstieg auf 49,1 Mio. €; 2025 lag der Einfuhrwert nur noch bei 11,2 Mio. €. Die EU‑Importe aus beiden Ländern sind nach den Schocks dauerhaft zurückgegangen und durch andere Bezugsquellen ersetzt worden.

Export: Vom Vereinigten Königreich angeführt, neue Chancen in Marokko und Norwegen

Die EU‑Ausfuhren verteilten sich zunehmend breiter: Der Export‑HHI fiel von 1 910 auf 1 291 (−32,4 %). Das Vereinigte Königreich verteidigte mit 11,6 Mio. € (2025) die Spitzenposition (+35,4 %), während die USA (4,6 Mio. €, +79,2 %) und die Schweiz (4,3 Mio. €, +50,0 %) folgten. Besonders auffällig ist der Aufstieg Marokkos von 0,18 Mio. € auf 1,14 Mio. € (+547,4 %) sowie Norwegens von 0,72 Mio. € auf 2,71 Mio. € (+278,2 %). Der einst bedeutende nordmazedonische Markt schrumpfte hingegen um 99,2 % und spielt keine Rolle mehr.

3. Zweigeteiltes Warenbild: Mengengetriebene Massengüter und hochpreisige Flechtstoffe

Pflanzliche Erzeugnisse a.n.g. (1404) dominieren mengenmäßig, doch die Preise holen auf

Die Unterposition 1404 machte bei den Importen 2025 mit 773,7 Tsd. t den Löwenanteil der Menge aus, während der Wert mit 169,8 Mio. € nur gut die Hälfte des Gesamtimports erreichte. Der Preis entwickelte sich angetrieben durch globale Verteuerung von 134,80 €/t (2015) auf 219,46 €/t (2025) (+62,8 %). Die EU‑Produktion fällt überwiegend in diese Kategorie, was den geringen Preis des heimischen Outputs erklärt. Bei den Exporten dominiert 1404 ebenfalls wertmäßig: 29,4 Mio. € bei 56,9 Tsd. t. Der Ausfuhrpreis stieg von 344,48 €/t auf 516,26 €/t.

Flechtstoffe (1401) bleiben hochpreisig und wachsen wertseitig dynamisch

CN 1401 – Bambus, Rattan, Korbweiden und ähnliche Materialien – bewegt kleine Mengen, erzielt aber hohe Stückpreise. Die Einfuhr wuchs von 77,7 Tsd. t (64,2 Mio. €) auf 113,8 Tsd. t (91,2 Mio. €), nominal +42 %. Der Importpreis sank leicht von 825,76 €/t auf 801,39 €/t, zeigt aber erhebliche jährliche Schwankungen mit Spitzen über 1 000 €/t in den Jahren 2021‑2022. Die Ausfuhr dieses Segments stieg von 5,4 Mio. € auf 10,0 Mio. € (+86 %), während sich die Menge von 2 769 t auf 5 888 t mehr als verdoppelte. Der Exportpreis gab von 1 939,96 €/t auf 1 696,13 €/t nach, was auf ein verändertes Produktportfolio oder wettbewerbsfähigere Angebote hindeuten könnte.

Die Preisentwicklung: Von moderaten Anstiegen zu sprunghaften Schocks

Die Preisschock‑Analyse identifiziert vier markante Ereignisse auf der Importseite, allesamt Preissprünge: Der chinesische Einfuhrpreis stieg 2021 um 38,2 % gegenüber 2019‑2020, bei Russland explodierte der Preis 2022 um 93,3 %, bei der Ukraine um 164,0 % und bei Indien um 57,2 %. Diese Schocks fielen zeitlich mit pandemiebedingten Logistikengpässen und dem Krieg in der Ukraine zusammen und betrafen Lieferanten mit Anteilen zwischen 9,3 % (Russland) und 42,5 % (China) am Importwert (Preisschocks). Im Export wurde 2022 für die Schweiz ein moderater Preisanstieg von 20,2 % registriert, der jedoch schnell wieder zurückging.

Schlussfolgerung

Die EU‑Märkte für pflanzliche Reststoffe und Flechtmaterialien haben sich im letzten Jahrzehnt grundlegend verändert. Aus einer fast vollständigen Importabhängigkeit ist – getrieben durch einen explosionsartigen Aufbau heimischer Produktion – eine nahezu eigenversorgte Branche geworden. Zugleich sorgten stark steigende Weltmarktpreise dafür, dass der Einfuhrwert trotz sinkender Mengen zunahm und das Handelsbilanzdefizit weiter anstieg. Die Bezugsquellen diversifizierten sich spürbar: Indien, Indonesien und Kasachstan drangen in die Lieferstrukturen ein, während die traditionellen Partner Ukraine und Russland an Gewicht verloren. Im Export etablierten sich neue Märkte wie Marokko und Norwegen neben dem stabilen UK‑Geschäft. Innerhalb des Zollkapitels bleibt das Bild zweigeteilt: Mengenmäßig beherrschen die günstigen Massengüter der Unterposition 1404 das Geschehen, während die hochpreisigen Flechtstoffe (1401) wertmäßig überproportional zulegen. Die nachhaltige Herausforderung für die EU wird darin bestehen, die erreichte Eigenversorgung bei den Basismaterialien gegenüber künftigen Preisschocks abzusichern und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit im hochwertigen Flechtwarensegment auszubauen.