Marktentwicklung: Tierdärme (CN 0504) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 0504 umfasst Därme, Blasen und Mägen von Tieren (ausgenommen Fische), ganz oder zerteilt, in verschiedenen Zustandsformen von frisch bis geräuchert. Diese Produkte sind ein bedeutender Rohstoff für die Fleischverarbeitungs- und Lebensmittelindustrie, insbesondere für die Herstellung von Wursthüllen. Der vorliegende Marktbericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015 bis 2025 auf Basis der verfügbaren Zolldaten. Die Daten umfassen den Handel der EU mit Drittländern (Nicht-EU-Ländern) und ermöglichen eine differenzierte Betrachtung von Volumina, Werten, Partnerschaften und Marktstruktur.
I. Preisanstieg bei sinkenden Volumina — Die Wert-Volumen-Schere
Ein zentrales Merkmal des Marktes für CN 0504 im Zeitraum 2015–2025 ist die zunehmende Entkopplung von Handelswerten und Handelsmengen. Sowohl bei Importen als auch bei Exporten sind die physischen Volumina deutlich zurückgegangen, während die Handelswerte gestiegen sind.
Die Exportpreise stiegen deutlich stärker als die Importpreise
Die Gesamtübersicht zeigt eine bemerkenswerte Divergenz zwischen Mengen- und Wertentwicklung:
| Kennzahl | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Wert (EUR) | 512,8 Mio. | 555,4 Mio. | +8,3 % | 850,4 Mio. | 925,3 Mio. | +8,8 % |
| Menge (t) | 198.880 | 154.374 | −22,4 % | 113.382 | 103.730 | −8,5 % |
| Preis (EUR/t) | 2.578 | 3.597 | +39,5 % | 7.500 | 8.921 | +18,9 % |
Der EU-Handelsbilanzdefizit blieb bestehen — verteuerte sich aber
Die Handelsbilanz der EU blieb über den gesamten Zeitraum negativ. Das Defizit schwankte zwischen −200,8 Mio. EUR (dem günstigsten Wert im Beobachtungszeitraum) und −444,4 Mio. EUR (dem ungünstigsten Wert) und lag 2025 bei −369,9 Mio. EUR. Das entspricht einem Anstieg des Defizits um 9,6 % gegenüber dem Ausgangswert. Dies geschah jedoch bei gleichzeitig rückläufigen Einfuhrmengen, was bedeutet, dass das Defizit vor allem preisinduziert war.
Die EU-Schweinezucht treibt die Binnenproduktion nach oben
Die Produktionsvolumina innerhalb der EU stiegen im Beobachtungszeitraum erheblich an:
- Menge: von 516,1 Mio. kg auf 788,7 Mio. kg (+52,8 %), mit einem Höchstwert von 960,0 Mio. kg
- Wert: von 451,2 Mio. EUR auf 874,3 Mio. EUR (+93,8 %), mit einem Höchstwert von 1.225,3 Mio. EUR
Dieser starke Produktionsanstieg spiegelt die intensive Schweinehaltung in der EU wider — insbesondere in Deutschland, Spanien und den Niederlanden — und erklärt teilweise, warum die Importmengen trotz steigender Preise zurückgingen: Die EU hat ihre Eigenversorgung mit Tierdärmen spürbar erhöht.
II. Geografische Umstrukturierung der Handelsströme
Die Handelspartnerschaften der EU haben sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verschoben. Traditionelle Partner verloren an Bedeutung, während neue Handelsrouten entstanden.
China blieb der dominante Handelspartner — auf beiden Seiten
Die Partnerländer-Übersicht zeigt, dass China sowohl bei Importen als auch bei Exporten der wichtigste Partner der EU war:
| Handelsstrom | Partner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Importe | China | 456,6 Mio. EUR | 533,7 Mio. EUR | +16,9 % |
| Exporte | China | 190,1 Mio. EUR | 181,8 Mio. EUR | −4,3 % |
China dominierte die EU-Importe mit einem Anteil, der weit über dem aller anderen Partner lag. Die Importkonzentration (HHI) stieg entsprechend von 3.070 auf 3.504 (+14,1 %), was auf eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen Lieferanten hindeutet.
Hongkong und das Vereinigte Königreich als dramatische Verlustpartner
Zwei der auffälligsten Rückgänge betrafen etablierte Handelsbeziehungen:
- Hongkong (Exporte): Der Wert sank von 114,3 Mio. EUR auf 23,9 Mio. EUR (−79,1 %). Hongkong war 2015 der zweitwichtigste Exportmarkt der EU; 2025 war er auf Platz zwei zurückgefallen, aber mit einem Bruchteil des ehemaligen Volumens.
- Vereinigtes Königreich (Importe): Rückgang von 48,9 Mio. EUR auf 24,3 Mio. EUR (−50,3 %). Bei den Exporten sank der Wert von 34,2 Mio. EUR auf 16,7 Mio. EUR (−51,1 %).
Der Rückgang beim Handel mit dem Vereinigten Königreich ist sehr wahrscheinlich eine direkte Folge des Brexits und der damit verbundenen Handelsbarrieren, die ab 2021 wirksam wurden.
Vietnam und Ägypten als neue Wachstumsmärkte
Gleichzeitig stiegen einige Handelsbeziehungen sprunghaft an:
| Partner | Handelsstrom | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Vietnam | Exporte | 2,1 Mio. EUR | 61,1 Mio. EUR | +2.781,5 % |
| Ägypten | Exporte | 4,9 Mio. EUR | 37,6 Mio. EUR | +671,4 % |
| Ägypten | Importe | 34,0 Mio. EUR | 67,7 Mio. EUR | +99,2 % |
| Marokko | Importe | 55,1 Mio. EUR | 68,6 Mio. EUR | +24,6 % |
| Brasilien | Exporte | 20,9 Mio. EUR | 33,0 Mio. EUR | +58,1 % |
Die rasante Zunahme der EU-Exporte nach Vietnam spiegelt die Integration Vietnams in globale Fleischverarbeitungsketten wider. Ägypten entwickelte sich sowohl als Export- als auch als Importmarkt, was auf eine zunehmende Verflechtung mit der nordafrikanischen Lebensmittelindustrie hindeutet.
Die Exportkonzentration nahm ab — die Märkte diversifizierten sich
Während die Importkonzentration stieg, sank die Exportkonzentration signifikant (HHI: 2.031 → 1.423; −29,9 %). Die EU exportierte ihre Tierdärme also auf eine breitere Basis von Absatzmärkten, was das Risiko einzelner Marktabschwünge minderte.
III. Aufstieg Spaniens und Polens — Verschiebungen innerhalb der EU
Neben den außenhandelsbezogenen Veränderungen vollzogen sich auch innerhalb der EU bedeutende Umverteilungen. Die Mitgliedstaatenanalyse zeigt, dass sich die führenden Rollen verschoben haben.
Spanien und Polen wurden zu den dynamischsten Exporteuren
| Land | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Spanien | 59,4 Mio. EUR | 125,3 Mio. EUR | +111,2 % |
| Polen | 26,9 Mio. EUR | 92,7 Mio. EUR | +244,5 % |
| Niederlande | 151,6 Mio. EUR | 156,9 Mio. EUR | +3,5 % |
| Deutschland | 126,6 Mio. EUR | 61,8 Mio. EUR | −51,2 % |
| Frankreich | 51,3 Mio. EUR | 31,9 Mio. EUR | −37,9 % |
Spanien stieg vom drittgrößten zum zweitgrößten EU-Exporter auf und überholte Deutschland. Polen verfünffachte seine Exporte nahezu und wurde zum viertgrößten Exporteur. Deutschland hingegen verlor mehr als die Hälfte seiner Exporte — ein bemerkenswerter Rückgang, der teilweise durch die Afrikanische Schweinepest (ASP) und die Verschiebung der Schlachtkapazitäten erklärt werden kann.
Deutschland blieb der größte Importeur, Spanien holte auf
Auch bei den Importen verschoben sich die Gewichte:
| Land | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 307,0 Mio. EUR | 349,3 Mio. EUR | +13,8 % |
| Niederlande | 186,7 Mio. EUR | 192,1 Mio. EUR | +2,9 % |
| Spanien | 48,0 Mio. EUR | 97,7 Mio. EUR | +103,6 % |
| Frankreich | 91,1 Mio. EUR | 67,7 Mio. EUR | −25,7 % |
| Italien | 54,8 Mio. EUR | 49,8 Mio. EUR | −9,2 % |
Spanien verdoppelte seine Importe und stieg vom fünften zum drittgrößten Importeur auf. Dies korreliert mit dem starken Ausbau der spanischen Fleischverarbeitungsindustrie, insbesondere im Schinken- und Wurstsektor.
Die EU verringerte ihre Importabhängigkeit erheblich
Die Netto-Importabhängigkeit sank im Beobachtungszeitraum drastisch:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit | 46,2 % | 25,6 % | −44,5 % |
| Exportquote (Export-Propensity) | 36,7 % | 64,1 % | +74,7 % |
| Handelsintensität | 71,5 % | 81,9 % | +14,5 % |
Die EU wandelte sich von einer Netto-Importeurin hin zu einer zunehmend exportorientierten Produzentin. Die Exportquote stieg besonders stark an, was auf die gewachsene Bedeutung der EU als globaler Lieferant für Tierdärme hindeutet. Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass insbesondere Zypern, Portugal und Dänemark einen hohen komparativen Vorteil (RSCA-Werte von 0,69 bzw. 0,47 und 0,44) aufweisen.
Fazit
Der Markt für Tierdärme (CN 0504) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt — nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer struktureller Kräfte:
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Preisinflation statt Mengenwachstum: Die Handelswerte stiegen trotz rückläufiger Volumina, was auf eine fundamentale Verteuerung des Rohstoffs hindeutet. Die Exportpreise stiegen mit +39,5 % fast doppelt so stark wie die Importpreise (+18,9 %), was auf eine Aufwertung der europäischen Verarbeitungsqualität oder steigende globale Nachfrage schließen lässt.
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Geopolitische Umbrüche prägten die Handelsmuster: Der Brexit führte zu einem drastischen Rückgang des Handels mit dem Vereinigten Königreich. Gleichzeitig expandierte der Handel mit Schwellenländern wie Vietnam und Ägypten — ein Zeichen für die Globalisierung der Fleischverarbeitungsketten.
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Die EU wurde vom Netto-Importeur zum wettbewerbsfähigen Exporteur: Der Rückgang der Netto-Importabhängigkeit von 46 % auf 26 % und die Verdopplung der Exportquote markieren einen strategischen Wandel. Insbesondere Spanien und Polen treiben diesen Wandel voran, während Deutschland und Frankreich an Boden verloren.
Insgesamt zeigt der Markt für CN 0504 eine zunehmende Konzentration der Einfuhren auf wenige Partner (allen voran China), gepaart mit einer Diversifizierung der Exportströme und einer gestärkten Binnenproduktion. Für Marktteilnehmer bedeutet dies: Während die Lieferantenabhängigkeit bei den Importen ein Risiko darstellt, eröffnet die gewachsene Exportfähigkeit neue Chancen — insbesondere in den aufstrebenden Märkten Südostasiens und Nordafrikas.