Marktentwicklung: Knochen und Knochenmehl (CN 0506) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit der Zollposition CN 0506 – Knochen und Stirnbeinzapfen, roh, entfettet, einfach bearbeitet, mit Säure behandelt oder entleimt sowie Mehl und Abfälle davon – über den Zeitraum 2015 bis 2025. Die Position umfasst zwei Unterpositionen: 050690 (rohe und einfach bearbeitete Knochen, Knochenmehl und -abfälle) sowie 050610 (Ossein und mit Säure behandelte Knochen). Die EU fungiert in diesem Markt sowohl als Importeur als auch als Exporteur, wobei sich das Handelsbild im Betrachtungszeitraum fundamental verändert hat. (Übersicht auf dem Trade Dashboard)
1. Vom Netto-Importeur zum Netto-Exporteur: Der Strukturwandel des EU-Knochenhandels
1.1 Die EU war 2015 noch ein Netto-Importeur
Im Ausgangsjahr 2015 beliefen sich die EU-Importe von CN 0506 auf 19,6 Mio. EUR bei einem Volumen von 96.214 t, während die Exporte 111,4 Mio. EUR und 203.882 t erreichten. Die Netto-Importquote lag bei rund +24,6 %, was bedeutet, dass die EU in Relation zur inländischen Produktion auf Drittlandsimporte angewiesen war. (Netto-Importabhängigkeit)
1.2 Bis 2025 hat sich das Bild umgekehrt
Bis 2025 sank die Netto-Importquote auf −6,8 %, was eine Umkehr in Richtung Netto-Export widerspiegelt. Die EU-Importe fielen auf 6,4 Mio. EUR (−67,2 %) und 58.250 t (−39,5 %), während die Exporte – trotz ihres starken Rückgangs auf 32,1 Mio. EUR und 59.083 t – das Importvolumen nahezu ausgleichen. Die EU ist damit heute kein Netto-Importeur mehr.
1.3 Die inländische Produktion stieg stark an
Der entscheidende Treiber dieser Umkehr ist die Expansion der EU-Inlandsproduktion. Die Produktionsmengen stiegen von 1.870.000 t auf 3.300.000 t (+76,5 %), der Produktionswert wuchs sogar von 204 Mio. EUR auf 600 Mio. EUR (+194,1 %). Damit konnte der inländische Bedarf zunehmend gedeckt werden, was die Importnachfrage drückte.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 111,4 | 32,1 | −71,2 % |
| Exportvolumen (t) | 203.882 | 59.083 | −71,0 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 19,6 | 6,4 | −67,2 % |
| Importvolumen (t) | 96.214 | 58.250 | −39,5 % |
| Netto-Importquote (%) | +24,6 | −6,8 | Umkehr |
| Inlandsproduktion (Mio. t) | 1,87 | 3,30 | +76,5 % |
2. Dramatischer Rückgang der Exporte und Umstrukturierung der Handelspartner
2.1 Asiatische Absatzmärkte brachen weitgehend ein
Der stärkste Rückgang der EU-Exporte betraf die asiatischen Märkte. Exporte nach Vietnam sanken von 23,5 Mio. EUR auf nur noch 135.213 EUR (−99,4 %), nach Thailand von 6,8 Mio. EUR auf 702 EUR (−100 %), und nach Bangladesh von 4,3 Mio. EUR auf 22.961 EUR (−99,5 %). Auch die Ausfuhren nach China brachen von 32,5 Mio. EUR auf 5,0 Mio. EUR ein (−84,7 %). (Handelspartner-Übersicht)
Diese Dynamik steht vermutlich im Zusammenhang mit der afrikanischen Schweinepest (ASP), die ab 2018 die chinesische Nachfrage nach tierischen Nebenprodukten veränderte, sowie mit regulatorischen Verschärfungen (u. a. Einfuhrstopps, Rückverfolgbarkeitsanforderungen) in mehreren südostasiatischen Ländern.
2.2 Indien wurde zum wichtigsten Exportwachstumsmarkt
Gleichzeitig verlagerten sich die EU-Exporte stark nach Indien: von lediglich 310.618 EUR im Jahr 2015 auf 9,4 Mio. EUR im Jahr 2025 – eine Steigerung um 2.911,7 %. Indien entwickelte sich damit vom Nischenmarkt zum drittgrößten Drittlandsabnehmer der EU. Der Volatilitätskoeffizient der Exporte nach Indien lag bei 2,0, was auf eine stark schwankende Handelsdynamik hinweist.
2.3 Der Vereinigte Königreich blieb wichtigster Partner, schrumpfte aber
Das Vereinigte Königreich blieb mit 9,2 Mio. EUR (2025) der größte einzelne Exportmarkt der EU (−66,4 % gegenüber 2015). Als Importquelle blieb es mit 1,3 Mio. EUR nahezu unverändert (+1,3 %). Die Stabilität des UK-Handels spiegelt die geografische Nähe und bestehende Lieferketten wider – ein Preisschock bei UK-Importen im Jahr 2022 (Anstieg um 270,4 %) deutet jedoch auf vorübergehende Angebotsverwerfungen hin.
2.4 Die Importseite zeigte ebenfalls einen Rückgang traditioneller Lieferanten
Auch bei den Importen veränderte sich die Partnerstruktur. Indien war 2015 mit 8,6 Mio. EUR der größte Lieferant der EU; bis 2025 sanken die Importe auf 1,3 Mio. EUR (−84,9 %). Die Importe aus den USA fielen von 5,0 Mio. EUR auf 1,0 Mio. EUR (−80,7 %). Namibia war der einzige Partner mit signifikantem Wachstum (von 46.488 EUR auf 92.673 EUR, +99,3 %), blieb aber absolut gesehen ein Nischenlieferant. (Berichterstattende EU-Länder)
3. Segmentanalyse, binnenwirtschaftliche Spezialisierung und Preisdynamik
3.1 Das Segment 050690 dominiert mengenmäßig, 050610 ist hochpreisig
Die Unterposition 050690 (rohe und bearbeitete Knochen, Knochenmehl) machte im Export 2025 mit 51.468 t den Großteil des Volumens aus, bei einem Wert von 23,9 Mio. EUR (Preis: 464 EUR/t). Die Unterposition 050610 (Ossein, säurebehandelte Knochen) hatte mit 7.616 t ein deutlich geringeres Volumen, erzielte aber 8,2 Mio. EUR (Preis: 1.079 EUR/t) – mehr als das Doppelte pro Tonne. (Produktsegment-Vergleich)
| Segment | Exporte 2015 (t) | Exporte 2025 (t) | Preis 2015 (EUR/t) | Preis 2025 (EUR/t) |
|---|---|---|---|---|
| 050690 – Knochen, Mehl, Abfälle | 176.362 | 51.468 | 498 | 464 |
| 050610 – Ossein, säurebehandelt | 27.520 | 7.616 | 856 | 1.079 |
Auffällig ist, dass der Exportpreis von 050610 über den gesamten Zeitraum um +26 % stieg, während der 050690-Preis nahezu stagnierte. Dies deutet auf eine zunehmende Differenzierung und Wertschöpfung bei Ossein-Produkten hin.
3.2 Die Binnenproduktion wächst – und konzentriert sich
Die EU-Inlandsproduktion stieg, wie oben dargestellt, sowohl mengen- als auch wertmäßig erheblich. Die Exportkonzentration (HHI) blieb dabei moderat (2.008 → 2.136), während die Importkonzentration nach Wert sank (3.034 → 2.053), was auf eine Diversifizierung der Importquellen hindeutet. Die Importkonzentration nach Volumen verdoppelte sich jedoch (3.813 → 7.610), was zeigt, dass sich das Importvolumen auf weniger Partnerländer konzentrierte.
3.3 Spezialisierung und regionale Rollen innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse (RSCA) für 2025 zeigt, dass Irland (RSCA 0,54, RCA 3,38) und Spanien (RSCA 0,49, RCA 2,90) die am stärksten spezialisierten EU-Exporteure sind. Allerdings sank Spaniens Exportwert von 31,8 Mio. EUR (2015) auf nur noch 411.775 EUR (−98,7 %), während Frankreich (von 0,9 Mio. EUR auf 3,7 Mio. EUR, +303 %), Polen (von 1,6 Mio. EUR auf 3,8 Mio. EUR, +137 %) und Irland (von 1,8 Mio. EUR auf 2,8 Mio. EUR, +56 %) an Bedeutung gewannen. Die Niederlande und Belgien – 2015 die mit Abstand größten EU-Exporteure – verloren deutlich. (EU-Exporter nach Land)
3.4 Preis- und Angebotsschocks prägten einzelne Jahre
Die Schockanalyse identifizierte drei bemerkenswerte Ereignisse:
- Singapore, 2023: Ein Preisschock bei Exporten mit einer Anomalie von 24,2 und einem Preisanstieg von +194,7 % bei einem Wertanteil von 3,0 %.
- Vereinigtes Königreich, 2022: Ein Preisschock bei Importen mit einer Anomalie von 7,0 und einem Preisanstieg von +270,4 % bei einem Wertanteil von 20,6 %.
- Bangladesh, 2020: Ein Angebotsschock bei Exporten mit einem Rückgang von −99,5 %, wahrscheinlich im Zusammenhang mit den COVID-19-bedingten Handelsbeschränkungen.
Fazit
Der EU-Handel mit CN 0506 hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Der Exportwert sank um mehr als 70 %, vor allem bedingt durch den Einbruch der traditionellen asiatischen Absatzmärkte. Gleichzeitig erlaubte das erhebliche Wachstum der inländischen Produktion (+76,5 % mengenmäßig, +194,1 % wertmäßig) der EU, ihre Importabhängigkeit abzubauen und sich vom Netto-Importeur zum ausgeglichenen bzw. leicht exportierenden Akteur zu entwickeln. Innerhalb der EU verlagerten sich die Exportaktivitäten von den Niederlanden, Belgien und Spanien hin zu Frankreich, Polen und Irland, was auf eine regionale Neuaufstellung der Lieferketten hindeutet. Der hochpreisige Segment der Ossein-Produkte (050610) zeigt eine zunehmende Wertschöpfungsdifferenzierung, während das Volumensegment (050690) unter Preisdruck steht. Die Marktkonzentration blieb moderat, doch einzelne Partnerschaften – insbesondere mit dem Vereinigten Königreich und Indien – unterlagen erheblichen Schwankungen. Insgesamt deutet die Entwicklung auf einen Markt hin, der sich von der Dependenz von Drittlandsexporten in Richtung einer stärker binnenorientierten Produktion verlagert, bei gleichzeitiger geografischer Umorientierung der Exportströme.