Marktentwicklung: Sonstiges Getreide (CN 1008) — 2015–2025
Einführung
Der Zollcode 1008 umfasst eine heterogene Gruppe von Getreidearten — von Buchweizen und Hirse über Quinoa und Triticale bis hin zu Kanariensaat —, die im Handelssystem der EU unter einer gemeinsamen Position zusammengefasst sind. Obwohl diese Produkte mengenmäßig weit hinter den großen Ackerfrüchten wie Weizen oder Mais zurückstehen, bilden sie einen strategisch interessanten Markt, der von steigender Nachfrage nach nischen- und superfood-typischen Produkten, sich wandelnden Lieferketten und geopolitischen Verschiebungen geprägt ist.
Im Zeitraum von 2015 bis 2025 weist die EU im Segment CN 1008 ein durchgehendes Handelsdefizit auf. Die Einfuhren übersteigen die Ausfuhren um ein Vielfaches — sowohl mengen- als auch wertmäßig. Gleichzeitig zeigen sich substanzielle Preisverschiebungen, eine veränderte regionale Zusammensetzung der Handelspartner sowie eine zunehmende Diversifizierung der EU-Exporte. Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Marktdynamiken und deren treibende Kräfte auf Grundlage der verfügbaren Handelsdaten.
1. Strukturelles Handelsdefizit bei steigender Exportpreisentwicklung
Die EU ist im Segment CN 1008 ein Nettoimporteur. Über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg übersteigen die Einfuhren die Ausfuhren erheblich — sowohl in Bezug auf den Handelswert als auch auf die transportierten Mengen. Gleichzeitig vollziehen sich bei Importen und Exporten unterschiedliche Preisentwicklungen, die auf eine qualitative Aufwertung der EU-Ausfuhren hindeuten.
1.1 Importe: Mengenrückgang bei weitgehend stabiler Wertentwicklung
Die EU-Einfuhren lagen 2015 bei einem Wert von 146,9 Mio. EUR und einem Volumen von 147.109 Tonnen. Bis 2025 sanken sowohl der Wert (−7,5 % auf 135,8 Mio. EUR) als auch die Menge (−9,3 % auf 133.397 Tonnen). Der durchschnittliche Importpreis blieb über den Zeitraum relativ stabil und stieg lediglich um 2,0 % von 999 EUR/t auf 1.018 EUR/t.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (EUR) | 146,9 Mio. | 135,8 Mio. | −7,5 % |
| Importmenge (t) | 147.109 | 133.397 | −9,3 % |
| Importpreis (EUR/t) | 999 | 1.018 | +2,0 % |
Der minimale Importwert wurde 2017 erreicht (103,0 Mio. EUR), gefolgt von einer Erholung bis 2018 (147,6 Mio. EUR). In den Folgejahren schwankte der Wert zwischen 126,7 Mio. EUR (2023) und 135,8 Mio. EUR (2025), was auf eine gewisse Sättigung oder Substitutionseffekte hindeuten könnte.
1.2 Exporte: Preisgetriebene Wertsteigerung trotz Mengenrückgang
Im Gegensatz zu den Importen stieg der Exportwert um 31,7 % von 15,8 Mio. EUR (2015) auf 20,7 Mio. EUR (2025). Allerdings sank die Exportmenge im selben Zeitraum um 20,1 % von 17.149 Tonnen auf 13.709 Tonnen. Der Exportpreis verzeichnete einen Anstieg von 64,7 % — von 919 EUR/t auf 1.513 EUR/t.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (EUR) | 15,8 Mio. | 20,7 Mio. | +31,7 % |
| Exportmenge (t) | 17.149 | 13.709 | −20,1 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 919 | 1.513 | +64,7 % |
Diese Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertentwicklung deutet auf eine qualitative Verschiebung in der Exportstruktur hin: Die EU exportiert offenbar zunehmend höherwertige Produkte (z. B. Quinoa, Hirsesamen zur Aussaat), die pro Einheit deutlich höhere Preise erzielen.
1.3 Handelsbilanz: Anhaltendes, aber leicht abnehmendes Defizit
Das Handelsdefizit der EU im Segment CN 1008 verringerte sich im Zeitraum von 131,2 Mio. EUR (2015) auf 115,1 Mio. EUR (2025), was einer Verbesserung um 12,3 % entspricht. Das geringste Defizit wurde 2017 mit 80,6 Mio. EUR verzeichnet, als gleichzeitig der Importwert seinen Tiefststand erreichte.
2. Quinoa als dominierender Faktor im Import- und Exportsegment
Die Produktzusammensetzung innerhalb von CN 1008 zeigt eine klare Dominanz einzelner Warengruppen, die sowohl das Mengen- als auch das Wertvolumen bestimmen. Quinoa (CN 100850) nimmt dabei eine herausragende Stellung ein und treibt die Preisentwicklung beider Handelsströme maßgeblich.
2.1 Quinoa: Größter Importartikel nach Wert
Quinoa war im gesamten Betrachtungszeitraum der mit Abstand wertvollste Importartikel innerhalb von CN 1008. Der Importwert lag 2015 bei 73,5 Mio. EUR (ca. 50 % des Gesamtimportwerts) und 2025 bei 71,2 Mio. EUR. Die Importmenge schwankte zwischen 15.642 Tonnen (2023) und 28.434 Tonnen (2025), was auf starke jährliche Variationen hinweist.
| Produkt | Importwert 2015 (EUR) | Importwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Quinoa (100850) | 73,5 Mio. | 71,2 Mio. | −3,2 % |
| Kanariensaat (100830) | 29,9 Mio. | 21,3 Mio. | −28,9 % |
| Hirse (100829) | 17,2 Mio. | 15,1 Mio. | −12,3 % |
| Buchweizen (100810) | 11,5 Mio. | 9,7 Mio. | −15,5 % |
Der durchschnittliche Importpreis für Quinoa war mit Abstand der höchste aller Subprodukte und lag 2025 bei 2.504 EUR/t — verglichen mit 396 EUR/t für Hirse und 399 EUR/t für Buchweizen. Dies spiegelt den Status von Quinoa als hochwertiges Nahrungsmittel wider.
2.2 Quinoa als Exporttreiber mit dynamischer Preisentwicklung
Auch im Exportsegment gewann Quinoa erheblich an Bedeutung. Der Exportwert stieg von 5,0 Mio. EUR (2015) auf 9,7 Mio. EUR (2025), was einer Steigerung von rund 92 % entspricht. Die Exportmenge stieg im selben Zeitraum von 1.042 Tonnen auf 2.686 Tonnen.
| Produkt | Exportwert 2015 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Quinoa (100850) | 5,0 Mio. | 9,7 Mio. | +91,6 % |
| Buchweizen (100810) | 0,9 Mio. | 2,4 Mio. | +171,8 % |
| Triticale (100860) | 0,6 Mio. | 1,5 Mio. | +160,9 % |
| Hirsesamen zur Aussaat (100821) | 0,03 Mio. | 0,6 Mio. | +1.773 % |
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Hirsesamen zur Aussaat (CN 100821): Der Exportwert stieg von lediglich 32.090 EUR im Jahr 2015 auf über 601.743 EUR im Jahr 2025. Dieses Segment ist mengenmäßig klein, aber hochpreisig (durchschnittlicher Exportpreis 2025: 1.487 EUR/t) und wächst dynamisch.
2.3 Kanariensaat als Mengenführer bei Importen
Kanariensaat (CN 100830) war mengenmäßig der größte Importartikel. Mit 50.109 Tonnen im Jahr 2015 und 32.486 Tonnen im Jahr 2025 übertraf sie Quinoa und Hirse bei weitem. Allerdings sank sowohl die Menge (−35,2 %) als auch der Wert (−28,9 %) über den Betrachtungszeitraum. Der durchschnittliche Importpreis stieg jedoch um 9,8 % auf 655 EUR/t.
Hirse (CN 100829) zeigte die höchste mengenmäßige Volatilität unter den Importsubsegmenten: Die jährlichen Mengen schwankten zwischen 32.035 Tonnen (2018) und 67.433 Tonnen (2020) — ein Hinweis auf wetterbedingte oder saisonale Ertragsschwankungen in den Herkunftsländern.
3. Geopolitische Verwerfungen und veränderte Lieferketten
Die regionale Zusammensetzung der Handelspartner hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verändert. Insbesondere geopolitische Ereignisse — darunter Sanktionen und Konflikte — haben die Lieferketten nachhaltig umgestaltet, während sich gleichzeitig eine zunehmende Diversifizierung der Exportziele abzeichnet.
3.1 Russland: Zusammenbruch der Einfuhren
Der dramatischste Einbruch betraf die Einfuhren aus der Russischen Föderation. Der Importwert sank von 7,6 Mio. EUR (2015) auf lediglich 1,5 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 80,3 % entspricht. Den Höchststand verzeichnete Russland im Jahr 2019 mit 25,5 Mio. EUR. Der Koeffizient der Variation (CV) lag bei 0,497 — einer der höchsten unter allen Handelspartnern —, was die extreme Schwankungsbreite dieses Handelsstroms unterstreicht.
3.2 Südamerika: Peru und Bolivia als stabile Quinoa-Lieferanten
Peru und Bolivia blieben über den gesamten Zeitraum die wichtigsten Quinoa-Lieferanten der EU. Peru verzeichnete einen Rückgang des Importwerts von 38,4 Mio. EUR (2015) auf 30,1 Mio. EUR (2025, −21,6 %), während die bolivianischen Lieferungen von 25,8 Mio. EUR auf 35,5 Mio. EUR stiegen (+37,4 %). Bolivia hat damit Peru als Hauptlieferant von Quinoa überholt.
| Lieferant | Importwert 2015 (EUR) | Importwert 2025 (EUR) | Veränderung | CV |
|---|---|---|---|---|
| Peru | 38,4 Mio. | 30,1 Mio. | −21,6 % | 0,180 |
| Bolivia | 25,8 Mio. | 35,5 Mio. | +37,4 % | 0,232 |
| Indien | 6,2 Mio. | 11,1 Mio. | +78,4 % | 0,229 |
Indien entwickelte sich ebenfalls zu einem bedeutenderen Lieferanten mit einem Anstieg von 78,4 % und einem Importwert von 11,1 Mio. EUR im Jahr 2025.
3.3 Ukraine: Wachsende Bedeutung trotz Volatilität
Die Einfuhren aus der Ukraine stiegen von 8,0 Mio. EUR (2015) auf 9,7 Mio. EUR (2025, +20,3 %). Allerdings war dieser Handelsstrom erheblichen Schwankungen unterworfen — mit einem CV von 0,307 — und wurde 2018 von einem bemerkenswerten Preisschock mit einer Abweichung von 20,6 Standardabweichungen und einem Preisanstieg von 42,5 % getroffen.
(Preisschocks und Lieferunterbrechungen)
3.4 Exportziele: Diversifizierung und Konzentration im Wandel
Auf der Exportseite zeigte sich eine zunehmende Diversifizierung. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte sank von 2.057 (2015) auf 1.259 (2025), was einer Abnahme der Konzentration um 38,8 % entspricht.
| Exportziel | Exportwert 2015 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 6,4 Mio. | 4,9 Mio. | −23,4 % |
| Schweiz | 2,2 Mio. | 3,6 Mio. | +60,2 % |
| USA | 1,7 Mio. | 3,0 Mio. | +80,2 % |
| Serbien | 0,3 Mio. | 1,8 Mio. | +535,4 % |
| Norwegen | 0,9 Mio. | 1,2 Mio. | +35,0 % |
Der stärkste relative Anstieg war bei Serbien (+535,4 %) zu verzeichnen, wobei die EU-Ausfuhren dorthin 2021 einen bemerkenswerten Preisschock mit einer Abweichung von 78,2 Standardabweichungen und einem Preisanstieg von 112,7 % aufwiesen. Der durchschnittliche Exportpreis nach Serbien stieg von 284 EUR/t (2015) auf 339 EUR/t im Folgejahr. Brasilien als Exportziel verlor hingegen rapide an Bedeutung (−92,6 %), mit außerordentlich hoher Volatilität (CV = 1,75).
3.5 Regionale Spezialisierung innerhalb der EU
Die Analyse der innerhalb der EU erfassten Handelsströme zeigt eine klare regionale Spezialisierung. Deutschland, Belgien und die Niederlande sind sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite führend, was auf ihre Rolle als Handels- und Verarbeitungsdrehscheiben hindeutet.
| EU-Mitgliedstaat | Importwert 2025 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) |
|---|---|---|
| Deutschland | 23,7 Mio. | 3,4 Mio. |
| Italien | 21,2 Mio. | 3,2 Mio. |
| Spanien | 18,9 Mio. | 1,5 Mio. |
| Niederlande | 17,1 Mio. | 2,2 Mio. |
| Frankreich | 9,8 Mio. | 3,8 Mio. |
Die Baltischen Staaten (Litauen, Lettland, Estland) wiesen die höchste Spezialisierung im Sinne des Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) auf — Litauen mit 0,836 und Lettland mit 0,823. Diese Länder exportieren CN-1008-Produkte deutlich überproportional im Verhältnis zu ihrem Gesamthandelsvolumen. Am anderen Ende des Spektrums stehen Irland (RSCA: −0,998) und Finnland (RSCA: −0,994) als klar importabhängige Märkte.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für sonstiges Getreide (CN 1008) zeichnet sich im Zeitraum 2015–2025 durch drei zentrale Dynamiken aus:
Erstens bleibt die EU ein struktureller Nettoimporteur mit einem Handelsdefizit von 115,1 Mio. EUR im Jahr 2025, das sich gegenüber 2015 jedoch leicht verringert hat. Die Importe dominieren mengen- und wertmäßig, wobei der durchschnittliche Importpreis nahezu stabil blieb.
Zweitens hat sich Quinoa zum zentralen Produkt innerhalb dieses Segmentes entwickelt. Mit einem Importanteil von über 50 % nach Wert und einem Exportpreis von 3.596 EUR/t bestimmt Quinoa maßgeblich die Preisstruktur des gesamten Marktes. Die Lieferketten sind geografisch konzentriert auf Peru und Bolivia, wobei Letzteres seine Marktposition kontinuierlich ausbaut.
Drittens haben geopolitische Ereignisse — insbesondere der Rückgang der russischen Lieferungen (−80,3 %) — die Handelsströme nachhaltig umgestaltet. Gleichzeitig zeichnet sich auf der Exportseite eine zunehmende Diversifizierung ab (HHI-Rückgang um 38,8 %), und neue Märkte wie Serbien und die Schweiz gewinnen an Bedeutung. Die Volatilität einzelner Handelsströme, insbesondere bei Importschocks aus der Ukraine (2018) und Exportschocks nach Serbien (2021) und Brasilien (2023), unterstreicht die Anfälligkeit dieses Nischenmarktes für externe Störungen.
Für Marktteilnehmer empfiehlt sich angesichts dieser Entwicklungen eine Diversifizierung der Lieferantenbasis — insbesondere bei Quinoa — sowie eine Beobachtung der sich abzeichnenden Exportchancen in Drittstaaten, wo die EU mit zunehmend hochpreisigen Produkten Fuß fasst.