Marktentwicklung: Weizen und Mengkorn (CN 1001) — 2015–2025
Einleitung
Der Handel der Europäischen Union mit Weizen und Mengkorn (KN-Code 1001) unterlag im Zeitraum 2015 bis 2025 erheblichen strukturellen Veränderungen. Als Überbegriff umfasst CN 1001 Weizen und Mengkorn vier Unterpositionen: Hartweizensamen zur Aussaat (100111), Hartweizen (100119), Weizen und Mengkorn zur Aussaat (100191) sowie Weizen und Mengkorn ohne Aussaatgut und Hartweizen (100199). Die EU blieb über den gesamten Zeitraum hinweg Nettoexporteur, doch das Handelsbilanzplus schrumpfte von rd. 4,74 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf rd. 3,87 Mrd. EUR im Jahr 2025 (−18,4 %). Parallel dazu verlagerten sich sowohl die Exportstruktur innerhalb der EU als auch die geografische Zusammensetzung der Handelspartner deutlich — getrieben durch geopolitische Ereignisse, insbesondere den Ausbruch des Krieges in der Ukraine im Jahr 2022. Der vorliegende Bericht analysiert diese Entwicklungen anhand von drei zentralen Erkenntnisbereichen.
1. Strukturwandel der EU-Exporte: Frankreich und Deutschland verlieren, Osteuropa gewinnt an Bedeutung
Frankreichs Exportanteil ist stark zurückgegangen
Frankreich war zu Beginn des Untersuchungszeitraums mit Abstand der wichtigste Weizenexporteur der EU: 2015 lagen die Ausfuhren bei rd. 2,41 Mrd. EUR, was einem Anteil von rund 37 % am EU-Gesamtwert entsprach. Bis 2025 sanken die französischen Exporte auf rd. 1,28 Mrd. EUR — ein Rückgang um 47,1 %. Der Höchstwert im Zeitraum lag bei rd. 4,16 Mrd. EUR (2022), als die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Nachfrage den globalen Weizenhandel stark beflügelte. Der anschließende Rückgang 2023–2025 deutet darauf hin, dass Frankreich diesen temporären Nachfrageboom nicht nachhaltig in dauerhafte Marktanteile umwandeln konnte.
Rumänien und Bulgarien haben sich als Exportmächte etabliert
Demgegenüber steht ein bemerkenswerter Aufstieg der osteuropäischen Mitgliedstaaten:
| Land | Exporte 2015 (Mrd. EUR) | Exporte 2025 (Mrd. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frankreich | 2,41 | 1,28 | −47,1 % |
| Deutschland | 1,53 | 0,60 | −60,5 % |
| Rumänien | 0,54 | 1,50 | +177,3 % |
| Bulgarien | 0,25 | 0,86 | +240,0 % |
| Litauen | 0,34 | 0,55 | +64,0 % |
| Lettland | 0,20 | 0,32 | +59,7 % |
| Polen | 0,56 | 0,52 | −7,7 % |
Quelle: Top-Reporter nach Exportwerten
Rumänien überholte Deutschland bereits in den Jahren 2022/2023 und näherte sich 2025 dem Niveau Frankreichs. Der Anstieg lässt sich durch die erhebliche Ausdehnung der Anbauflächen in der Schwarzmeerregion, wettbewerbsfähige Produktionskosten und verbesserte Logistikinfrastruktur (v. a. Häfen am Schwarzen Meer) erklären.
Deutschland verliert als Exporteur stark an Boden
Deutschlands Weizenexporte sanken von 1,53 Mrd. EUR (2015) auf 0,60 Mrd. EUR (2025), was einem Rückgang von 60,5 % entspricht. Deutschland fiel damit vom zweitgrößten zum drittgrößten EU-Exporteur zurück und wurde 2025 von Rumänien überholt. Der Höchstwert lag ebenfalls 2022 bei rd. 1,53 Mrd. EUR — identisch mit dem Ausgangswert von 2015, was verdeutlicht, dass der Preisanstieg 2022 den mengenmäßigen Rückgang lediglich kompensierte.
Die Exportkonzentration ist leicht gesunken
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte nach Wert sank von 747 (2015) auf 634 (2025), ein Rückgang um 15,2 %. Dies bestätigt, dass sich die EU-Exporte über mehr Mitgliedstaaten verteilen als zu Beginn des Zeitraums — ein Ergebnis des Aufstiegs Rumäniens, Bulgariens und der baltischen Staaten.
Die Spezialisierungsmuster spiegeln die Produktionsstruktur wider
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt ein klares Muster: Länder mit hohem Flächenanteil an Weizenproduktion weisen hohe RCA-Werte (Revealed Comparative Advantage) auf, während industriegeprägte Volkswirtschaften Nettoimporteure sind.
| Land | RSCA | RCA | Rolle |
|---|---|---|---|
| Lettland | 0,819 | 10,05 | Starker Nettoexporteur |
| Bulgarien | 0,818 | 10,01 | Starker Nettoexporteur |
| Litauen | 0,660 | 4,88 | Nettoexporteur |
| Kroatien | 0,656 | 4,82 | Nettoexporteur |
| Frankreich | 0,587 | 3,84 | Nettoexporteur |
| Spanien | −0,802 | 0,11 | Starker Nettoimporteur |
| Italien | −0,823 | 0,10 | Starker Nettoimporteur |
| Niederlande | −0,891 | 0,06 | Starker Nettoimporteur |
| Portugal | −0,969 | 0,02 | Starker Nettoimporteur |
| Irland | −1,000 | 0,0002 | Nahezu reiner Nettoimporteur |
2. Preisschocks und Volatilität: Der Ukraine-Krieg als Wendepunkt mit anhaltender Wirkung
Die Weizenpreise stiegen 2022 sprunghaft an und normalisierten sich danach nur teilweise
Der Exportpreis für die dominante Unterposition 100199 (Weizen und Mengkorn ohne Aussaatgut und Hartweizen) entwickelte sich wie folgt:
| Jahr | Exportpreis 100199 (EUR/t) | Importpreis 100199 (EUR/t) |
|---|---|---|
| 2015 | 194,79 | 195,79 |
| 2018 | 184,00 | 186,88 |
| 2020 | 198,02 | 207,46 |
| 2021 | 232,34 | 266,13 |
| 2022 | 351,53 | 337,53 |
| 2023 | 254,69 | 263,25 |
| 2024 | 222,00 | 224,32 |
| 2025 | 214,09 | 241,55 |
Quelle: Produktvergleich nach Segmenten
Der Preisanstieg von 2021 auf 2022 betrug beim Exportpreis rd. 51 % (von 232 auf 352 EUR/t). Bis 2025 fiel der Preis auf 214 EUR/t, lag damit aber immer noch rd. 10 % über dem Niveau von 2015. Die Preise haben sich also nicht vollständig normalisiert, was auf strukturelle Verschiebungen im globalen Weizenmarkt (u. a. Handelsbeschränkungen, Versicherungs- und Frachtkosten) hindeutet.
Die EU-Importeure mussten besonders hohe Preise für Hartweizen zahlen
Die Unterposition 100119 (Hartweizen) wies über den gesamten Zeitraum höhere Preise auf als der Marktweizen (100199). Der Importpreis für Hartweizen stieg von 349 EUR/t (2015) auf 494 EUR/t im Krisenjahr 2022 und lag 2025 bei 321 EUR/t — noch immer rd. 30 % über dem Preisniveau für Marktweizen. Dies spiegelt die geringere Verfügbarkeit und die spezifische Nachfrage aus der Teigwarenindustrie wider, insbesondere in Italien, dem mit Abstand größten Hartweizenimporteur der EU.
Identifizierte Preisschocks verweisen auf geopolitische Ursachen
Die Analyse extremer Marktereignisse hat drei signifikante Preisschocks identifiziert:
| Partnerland | Schocktyp | Zeitpunkt | Preisverschiebung | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| Iran | Preis (Export) | 2017 | +429,4 % | 42,6 |
| Südkorea | Preis (Export) | 2018 | +142,8 % | 52,0 |
| Tunesien | Preis (Export) | 2022 | +66,4 % | 12,0 |
Der Iran-Schock 2017 fällt mit einer Phase intensiver Dürre und gezielter EU-Exportpolitik zusammen. Der Südkorea-Schock 2018 könnte mit Verschiebungen in der globalen Angebotsstruktur (u. a. australische Dürre) zusammenhängen. Der Tunesien-Schock 2022 steht im direkten Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg, der die globalen Getreidepreise massiv anhob.
Die Importseiten-Volatilität variiert stark je nach Herkunftsland
Der Variationskoeffizient (CV) als Maß für die Volatilität der Importwerte zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Lieferländern:
| Herkunftsland | CV der Importwerte | Einordnung |
|---|---|---|
| Mexiko | 2,05 | Extrem volatil |
| Türkei | 1,39 | Sehr volatil |
| Australien | 0,99 | Sehr volatil |
| Ukraine | 0,94 | Sehr volatil |
| Vereinigtes Königreich | 0,79 | Volatil |
| Serbien | 0,74 | Volatil |
| Kanada | 0,37 | Moderat |
Quelle: Volatilitätsanalyse
Die hohe Volatilität bei ukrainischen und türkischen Lieferungen unterstreicht das Risiko einer zu starken Abhängigkeit von Lieferanten in geopolitisch instabilen Regionen. Kanada zeigte sich als deutlich zuverlässigerer Partner.
3. Verschiebungen bei Handelspartnern: Neue Lieferquellen und veränderte Absatzmärkte
Die Importpartnerstruktur hat sich grundlegend gewandelt
Die Entwicklung der wichtigsten Importpartner zeigt eine deutliche Umorientierung:
| Partnerland | Importe 2015 (Mio. EUR) | Importe 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Kanada | 626 | 854 | +36,3 % |
| Ukraine | 281 | 468 | +66,5 % |
| Kasachstan | 34 | 105 | +214,0 % |
| Moldau | 31 | 139 | +344,2 % |
| Vereinigtes Königreich | 200 | 53 | −73,2 % |
| USA | 278 | 165 | −40,7 % |
| Russland | 115 | 41 | −64,4 % |
Drei Entwicklungen fallen besonders auf:
-
Russlands Bedeutung als EU-Lieferant ist eingebrochen. Die Weizenimporte aus Russland sanken von 115 Mio. EUR (2015) auf 41 Mio. EUR (2025), ein Rückgang um 64,4 %. Die Sanktionen nach 2022 und die politische Entscheidung, russische Agrarimporte einzuschränken, haben diesen Trend beschleunigt.
-
Neue Lieferanten aus der Schwarzmeerregion und Zentralasien haben stark zugelegt. Moldau (+344 %) und Kasachstan (+214 %) sind zu nennenswerten Lieferanten aufgestiegen. Die Ukraine (+66,5 %) blieb trotz des Krieges ein wichtiger Partner — was teilweise auf die EU-Initiativen zur Unterstützung des ukrainischen Agrarexports („Solidarity Lanes") zurückzuführen ist.
-
Das Vereinigte Königreich ist als Importquelle stark an Bedeutung verlooren. Die Einfuhren sanken von 200 Mio. EUR auf 53 Mio. EUR (−73,2 %). Dies steht im Einklang mit dem allgemeinen Rückgang des EU-UK-Agrarhandels nach dem Brexit.
Die Importkonzentration hat zugenommen
Während sich die Exporte diversifizierten, wurde die Importseite konzentrierter: Der HHI für Importwerte stieg von 2.158 (2015) auf 2.513 (2025) — ein Anstieg um 16,4 %. Der HHI für Importvolumen lag 2025 bei 2.380 (Start 1.992, +19,5 %). Dies bedeutet, dass die EU trotz der Diversifizierung bei einzelnen Partnern insgesamt auf weniger Herkunftsländer konzentriert ist als zuvor — ein potenzielles strategisches Risiko.
Die EU-Exportabsatzmärkte haben sich in Richtung Afrika verschoben
Bei den Exportmärkten ist eine bemerkenswerte Verschiebung erkennbar:
| Abnehmerland | Exporte 2015 (Mio. EUR) | Exporte 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Marokko | 449 | 934 | +107,8 % |
| Nigeria | 93 | 410 | +339,3 % |
| Algerien | 1.315 | 734 | −44,2 % |
| Ägypten | 687 | 350 | −49,0 % |
| Saudi-Arabien | 512 | 356 | −30,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 177 | 292 | +65,2 % |
Marokko überholte Algerien und Ägypten und wurde 2025 zum wichtigsten einzelnen Exportziel mit 934 Mio. EUR. Nigeria verfünffachte seine Importe von der EU nahezu. Gleichzeitig gingen die Exporte in traditionelle Märkte wie Algerien (−44 %), Ägypten (−49 %) und Saudi-Arabien (−31 %) deutlich zurück — teils bedingt durch zunehmende Konkurrenz aus Russland, der Ukraine und anderen Schwarzmeerexporteuren auf diesen Märkten.
Italien ist der dominierende EU-Importeur, Slowenien verzeichnet den stärksten Zuwachs
Innerhalb der EU zeigt die Verteilung der Importeure ein differenziertes Bild:
| EU-Land | Importe 2015 (Mio. EUR) | Importe 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 960 | 1.017 | +5,9 % |
| Spanien | 292 | 553 | +89,2 % |
| Slowenien | 3 | 128 | +3.727 % |
| Griechenland | 70 | 100 | +42,5 % |
| Niederlande | 96 | 21 | −78,3 % |
| Belgien | 104 | 40 | −61,7 % |
Italien blieb mit rd. 1,02 Mrd. EUR der mit Abstand größte EU-Importeur, was vor allem auf den erheblichen Bedarf der italienischen Teigwarenindustrie an Hartweizen zurückzuführen ist. Slowenien verzeichnete den mit Abstand stärksten relativen Zuwachs (+3.727 %), was auf eine zunehmende Rolle als Transit- und Verarbeitungsstandort hindeuten könnte. Die Niederlande und Belgien verloren dagegen stark an Importbedeutung.
Fazit
Der EU-Handel mit Weizen und Mengkorn hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei Dimensionen grundlegend verändert: Erstens hat sich die EU-interne Exportlandschaft zugunsten osteuropäischer Mitgliedstaaten verschoben — Rumänien und Bulgarien sind zu führenden Exporteuren aufgestiegen, während Frankreich und Deutschland erheblich an Boden verloren haben. Zweitens hat der Ukraine-Krieg 2022 einen beispiellosen Preisschock ausgelöst, der die Handelswerte auf ein Rekordhöchstniveau trieg, bevor die Preise 2023–2025 wieder sanken — allerdings nicht auf das Vorkrisenniveau. Drittens haben sich die geografischen Handelsströme verschoben: Neue Lieferanten aus der Schwarzmeerregion und Zentralasien haben traditionelle Partner wie Russland und das Vereinigte Königreich teilweise ersetzt, während auf der Exportseite afrikanische Märkte an Bedeutung gewonnen haben. Die gleichzeitig steigende Importkonzentration (HHI-Anstieg) und die hohe Volatilität einzelner Lieferbeziehungen deuten darauf hin, dass die Versorgungssicherheit der EU im Weizensektor weiterhin ein strategischer Aspekt bleibt.