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Marktentwicklung: Kunststoffe und Waren daraus (CN 39) — 2015–2025

Einleitung

Das Zollkapitel 39 (Kunststoffe und Waren daraus) umfasst ein breites Spektrum von Primärpolymeren über Halbzeuge bis hin zu Fertigartikeln und ist ein Eckpfeiler der industriellen Wertschöpfung in der Europäischen Union. Der vorliegende Bericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit nicht‑EU‑Ländern zwischen 2015 und 2025 auf Basis der verfügbaren Jahresdaten. Im Fokus stehen die Dynamik von Handelsbilanz, die Verschiebung der Partnergewichte, die Preisentwicklung und Produktschwerpunkte sowie die daraus resultierenden strategischen Implikationen.

Schrumpfender Überschuss und die Macht der Preise

Der Ausfuhrwert wächst, aber die physische Ausfuhrmenge schrumpft.

Während der Wert der EU‑Kunststoffexporte von 60,07 Mrd. EUR (2015) auf 70,71 Mrd. EUR (2025) um 17,7 % zulegte, sank die exportierte Menge von 24,19 Mio. t auf 20,47 Mio. t (−15,4 %). Dahinter steht ein massiver Preisanstieg: der durchschnittliche Ausfuhrpreis kletterte von 2 483 EUR/t auf 3 454 EUR/t (+39,1 %). Die reale Absatzmenge schrumpfte damit deutlich, der Wertzuwachs speist sich fast ausschließlich aus Preiseffekten.

Die Einfuhren steigen sowohl wert- als auch mengenmäßig stark an.

Die Importe der EU aus Drittstaaten erhöhten sich im selben Zeitraum um 54,3 % auf 61,24 Mrd. EUR, die importierte Menge wuchs um 49,8 % auf 23,64 Mio. t. Im Gegensatz zum Export blieb der Importpreis nahezu stabil (2 515 EUR/t → 2 590 EUR/t, +3,0 %). Die Kombination aus starkem Mengen- und Wertwachstum bei nahezu unverändertem Preisniveau zeigt, dass die EU preisgünstige Kunststoffe in großen Volumina importiert.

Der Handelsbilanzüberschuss halbiert sich nahezu.

Der traditionell hohe Handelsüberschuss der EU schmolz von 20,37 Mrd. EUR auf 9,47 Mrd. EUR (−53,5 %). Parallel dazu sank die Nettoimportabhängigkeit (ausgewiesen als negativer Wert) von −12,8 % auf −5,3 %, was bedeutet, dass der Überschuss nur noch knapp 5 % der Inlandsnachfrage deckt. Die EU bleibt Nettoexporteur, aber die Puffer schwinden.

Tabelle 1: Eckdaten des EU‑Außenhandels (CN 39)

Indikator 2015 2025 Veränderung
Exportwert (Mrd. EUR) 60,07 70,71 +17,7 %
Exportmenge (Mio. t) 24,19 20,47 −15,4 %
Exportpreis (EUR/t) 2 483 3 454 +39,1 %
Importwert (Mrd. EUR) 39,70 61,24 +54,3 %
Importmenge (Mio. t) 15,78 23,64 +49,8 %
Importpreis (EUR/t) 2 515 2 590 +3,0 %
Handelsbilanz (Mrd. EUR) 20,37 9,47 −53,5 %

Datenquelle: Gesamthandel

Geopolitische Umbrüche prägen die Partnerlandschaft

China wird zum unangefochtenen Importführer, die EU-Ausfuhren dorthin wachsen moderat.

Mit einem Importwert von 16,34 Mrd. EUR (+125,2 %) lag China 2025 weit vor allen anderen Lieferländern. Die EU-Exporte nach China beliefen sich auf 6,25 Mrd. EUR und legten lediglich um 23,0 % zu. Das Verhältnis von Import zu Export verschlechterte sich damit drastisch, die EU ist im Kunststoffbereich zum Nettoimporteur gegenüber China geworden.

Die USA und die Türkei gewinnen auf der Exportseite an Gewicht, während Russland wegbricht.

Die USA, zweitwichtigster Exportmarkt, steigerten ihre Abnahme um 59,2 % auf 10,00 Mrd. EUR. Die Türkei mit +12,7 % auf 5,35 Mrd. EUR und die Schweiz mit +29,2 % auf 5,87 Mrd. EUR festigten ihre Positionen. Die Russische Föderation fiel infolge der Sanktionen von 3,41 Mrd. EUR auf nur noch 0,45 Mrd. EUR (−86,7 %) zurück. Indien (+36,9 %) konnte den Verlust Russlands nicht annähernd kompensieren.

Die Importpartnerkonzentration nimmt zu, die Exportstruktur diversifiziert sich leicht.

Die Herkunft der Importe konzentrierte sich stärker: der Herfindahl‑Hirschman‑Index (HHI) stieg von 1 093 auf 1 261 (+15,3 %). Auf der Exportseite sank der HHI dagegen von 770 auf 718 (−6,8 %), was auf eine etwas breiter gestreute Abnehmerstruktur hindeutet. Die EU reduziert also einseitige Abhängigkeiten bei den Ausfuhren, während die Bezugsquellen von Importen sich auf wenige Akteure verdichten.

Tabelle 2: Wichtigste Handelspartner (EU‑Handel CN 39, Wert in Mrd. EUR)

Importpartner 2015 2025 Δ % Exportpartner 2015 2025 Δ %
China 7,25 16,34 +125 Vereinigtes Königreich 11,65 10,95 −6
Vereinigtes Königreich 6,90 6,34 −8 USA 6,28 10,00 +59
USA 6,26 9,47 +51 China 5,08 6,25 +23
Korea, Rep. 2,39 4,13 +73 Schweiz 4,55 5,87 +29
Türkiye 1,95 4,60 +137 Türkei 4,75 5,35 +13
Russische Föderation Russische Föderation 3,41 0,45 −87
Indien Indien 1,46 2,00 +37

Datenquellen: Handelspartner, Konzentration

Divergierende Preise und Lieferkettenschocks – der Wandel im Produktmix

Die Importe von Basispolymeren boomen, ihre Preise geben nach.

Die größten Importpositionen sind Polyethylen (CN 3901), Polyacetale/Polyester (CN 3907) und Polypropylen (CN 3902). Die Einfuhr von Polyethylen stieg von 3,76 Mio. t auf 5,22 Mio. t (+39 %), während der Preis von 1 252 EUR/t auf 1 101 EUR/t (−12 %) sank. Ähnlich entwickelten sich Polyacetale/Polyester (+82 % Menge, Preis −7 %) und Polypropylen (+47 % Menge, Preis −2 %). Die EU importiert große Mengen an Primärkunststoffen zu sinkenden Stückkosten.

Höherwertige Halbzeuge und Fertigwaren erzielen auf den Exportmärkten deutliche Preisaufschläge.

Auf der Ausfuhrseite verringerten sich die Mengen der Basispolymere teilweise kräftig (Polyethylen −20 %), während die Preise durchweg anzogen. Besonders ausgeprägt war die Preisentwicklung bei Kunststoffplatten und -folien (CN 3920: +19,5 % auf 3 855 EUR/t), Verpackungsmitteln (CN 3923: +20,5 % auf 4 528 EUR/t) und Polyacetaten/Polyestern (+21,3 % auf 2 573 EUR/t). Die EU positioniert sich damit zunehmend als Anbieter hochpreisiger Kunststofferzeugnisse, während die Basisversorgung über Importe gedeckt wird.

Preisanomalien treffen ab 2021 wichtige Beschaffungs- und Absatzmärkte.

Die Jahre 2021 und 2022 waren durch außergewöhnliche Preissprünge geprägt. Der Ausfuhrpreis nach Mexiko schnellte 2022 um 32,5 % in die Höhe, der Preis für Exporte in die Ukraine stieg 2021 um 18,1 %. Auf der Importseite verteuerten sich Lieferungen aus Ägypten 2021 um 35,1 % und aus der Türkei 2022 um 24,7 %. Diese Schocks waren häufig mit logistischen Engpässen oder politischen Unsicherheiten verknüpft und unterstreichen die Anfälligkeit der Lieferketten.

Die heimische Produktion wächst wertseitig, das Mengenwachstum bleibt verhalten.

Zwischen 2015 und 2024 nahm die EU‑Produktionsmenge von 196,3 Mio. t auf 208,6 Mio. t (+6,3 %) zu. Der Produktionswert stieg im gleichen Zeitraum von 151,8 Mrd. EUR auf 177,9 Mrd. EUR (+17,2 %), was einen Anstieg des impliziten Erzeugerpreises bedeutet. Während die Exportquote (Exportwert/Produktionswert) mit 25,7 % (2024) gegenüber 24,4 % (2015) nahezu stabil blieb, sank die Handelsintensität von 49,8 % auf 38,4 %, weil das wertmäßige Produktionswachstum das Handelswachstum überflügelte. Die EU-Industrie setzt also auf höherwertige Erzeugnisse und bedient eine robuste Binnennachfrage.

Tabelle 3: Ausgewählte Produktsegmente im Überblick (2015 vs. 2025)

Code Bezeichnung Importmenge (Mio. t) Δ % Importpreis (EUR/t) Δ % Exportmenge (Mio. t) Δ % Exportpreis (EUR/t) Δ %
3901 Polyethylene 3,76 → 5,22 +39 1 252 → 1 101 −12 3,70 → 2,97 −20 1 419 → 1 494 +5
3907 Polyester/Acetale 1,73 → 3,15 +82 1 723 → 1 608 −7 2,46 → 1,91 −22 2 121 → 2 573 +21
3920 Folien/Platten 1,28 → 1,77 +38 3 106 → 3 061 −1 1,64 → 1,60 −2 3 226 → 3 855 +20
3923 Verpackungsmittel 1,15 → 1,45 +27 3 442 → 4 257 +24 1,19 → 1,45 +22 3 758 → 4 528 +20

Datenquellen: Produktvergleich, Produktionsvolumen, Volatilität & Schocks

Schlussfolgerung

Der EU‑Handel mit Kunststoffen hat sich im letzten Jahrzehnt grundlegend gewandelt. Die nominalen Exportwerte sind gestiegen, getrieben durch starke Preisauftriebe, während die Ausfuhrmengen zurückgegangen sind. Die preisgünstigen Importe, insbesondere aus China und der Türkei, haben die Versorgung der EU‑Industrie mit Basispolymeren massiv erweitert und den Handelsüberschuss erodieren lassen. Gleichzeitig hat sich die EU im Export auf höherwertige Halbzeuge und Fertigwaren spezialisiert, was sich in einer positiven Preisspreizung zwischen Export und Import niederschlägt. Die geopolitischen Verwerfungen – der Einbruch des Russlandgeschäfts, die Diversifizierung der Abnehmer und die zunehmende Importabhängigkeit von wenigen Lieferanten – erhöhen die Verwundbarkeit. Die Inlandsproduktion expandierte wertmäßig, ohne dass die Außenhandelsintensität zunahm. Insgesamt zeigt der Sektor eine robuste, aber anfällige Struktur: Die starke Position bei hochwertigen Kunststoffwaren wird durch wachsende Preisrisiken und eine konzentrierte Importbasis herausgefordert.