Marktentwicklung: Petroleumharze und Synthesepolymer (CN 3911) — 2015–2025
Einführung
Der Zollcode 3911 umfasst Petroleumharze, Cumaron-Inden-Harze, Polyterpene, Polysulfide, Polysulfone sowie weitere durch chemische Synthese hergestellte Polymere und Prepolymere in Primärformen. Diese heterogene Produktgruppe findet breite Anwendung in Klebstoffen, Beschichtungen, Dichtungsmassen und technischen Kunststoffen. Der analysierte Zeitraum 2015–2025 war von erheblichen geopolitischen und konjunkturellen Verwerfungen geprägt – von der Covid-19-Pandemie über Energiepreisschocks bis hin zu Sanktionen gegen Russland. Wie die Daten zeigen, hat die EU in diesem Segment ihre traditionelle Überschussposition vollständig verloren und sich zugleich stark von asiatischen Lieferanten abhängig gemacht.
1. Vom Überschuss zum Defizit: Die strukturelle Wende der EU-Handelsbilanz
1.1. Die Handelsbilanz kippt vollständig
Das markanteste Ergebnis des gesamten Zeitraums ist der Zusammenbruch des EU-Handelsbilanzüberschusses. Lag dieser 2015 noch bei rund 185 Mio. EUR, so verwandelte er sich bis 2025 in ein Defizit von −182 Mio. EUR – eine Veränderung von nahezu −200 %. Dies stellt eine fundamentale strukturelle Verschiebung dar, die sich aus dem Zusammenspiel stark wachsender Importe und nur moderat steigender Exporte ergibt.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 831,5 | 862,2 | +3,7 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 646,8 | 1.044,6 | +61,5 % |
| Saldo (Mio. EUR) | +184,7 | −182,4 | −198,7 % |
Handelsentwicklung im Überblick
1.2. Mengenwachstum vs. Preiserosion bei Exporten
Die EU-Exporte verzeichneten im Zeitraum ein beachtliches Mengenwachstum von +26,4 % (von rund 213.000 t auf 269.000 t). Gleichzeitig sank der durchschnittliche Exportpreis um 18,0 % – von 3.904 EUR/t auf 3.201 EUR/t. Der nominelle Exportwert stieg daher nur um 3,7 %. Dies deutet auf einen zunehmenden Preisdruck im Wettbewerb um Drittmärkte hin. Der Tiefstpreis von 3.201 EUR/t wurde ausgerechnet 2025 erreicht, was auf eine Intensivierung des Preiswettbewerbs in der jüngsten Vergangenheit schließen lässt.
1.3. Importe verdoppeln sich nahezu
Die Importe stiegen dagegen sowohl mengen- als auch wertmäßig drastisch: Das Volumen wuchs von 176.000 t auf 364.000 t (+106,5 %), der Wert von 647 Mio. EUR auf 1.045 Mio. EUR (+61,5 %). Die Preisdynamik bei den Importen zeigt dabei ein ähnliches Bild wie bei den Exporten – der durchschnittliche Importpreis sank von 3.673 EUR/t auf 2.873 EUR/t (−21,8 %). Die EU wurde damit in diesem Segment zu einem Nettoimporteur, dessen Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferanten spürbar zunahm.
1.4. Nettoimportabhängigkeit verbessert sich leicht – bei steigender Handelsintensität
Überraschenderweise sank die Nettoimportabhängigkeit (net import reliance) im Zeitraum von 16,1 % auf 6,5 % (−59,4 %). Dies liegt daran, dass die EU trotz des bilateralen Defizits ihre Exportbasis ausweiten konnte. Gleichzeitig stiegen sowohl die Handelsintensität von 40,6 % auf 77,8 % als auch die Exportquote (export propensity) von 18,3 % auf 62,3 % sprunghaft an. Die EU ist also nicht nur stärker in den globalen Handel eingebunden, sondern exportiert auch einen wachsenden Anteil ihrer Produktion.
2. Asien als neues Zentrum: Die geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme
2.1. China wird zum dominierenden Importpartner
Die auffälligste Veränderung auf der Importseite ist der Aufstieg Chinas vom drittgrößten zum größten Lieferanten der EU. Der Importwert aus China stieg von 63 Mio. EUR (2015) auf 281 Mio. EUR (2025) – eine Steigerung von 345,6 %. Mit einem Anteil von über einem Viertel am gesamten EU-Importvolumen hat China die USA als wichtigsten Lieferanten überholt. Die USA verloren hingegen leicht an Bedeutung (−7,4 %), blieben aber mit 290 Mio. EUR der zweitgrößte Partner.
| Importpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 63,1 | 281,1 | +345,6 % |
| USA | 312,8 | 289,7 | −7,4 % |
| Südkorea | 88,3 | 182,0 | +106,2 % |
| Japan | 62,3 | 107,0 | +71,8 % |
| Singapur | 0,5 | 63,8 | +13.841 % |
| Taiwan | 16,1 | 31,4 | +94,8 % |
| Thailand | 27,5 | 17,9 | −34,8 % |
2.2. Singapur und Südkorea als dynamische Akteure
Neben China fallen zwei weitere asiatische Partner durch außergewöhnliches Wachstum auf. Singapur verfünfzehnfachte seine Exporte in die EU praktisch – von unter 0,5 Mio. EUR auf 63,8 Mio. EUR. Dieses Wachstum ist mit einem hohen Variationskoeffizienten von 0,71 verbunden und korreliert mit einem markanten Preisschock im Jahr 2020 (Anstieg um 131,5 %), was auf eine Neuausrichtung der Handelsströme hinweist. Südkorea verdoppelte seine Lieferungen auf 182 Mio. EUR. Insgesamt verstärkte sich die Asienabhängigkeit der EU-Importe in diesem Segment erheblich.
2.3. Russland und Großbritannien als Verlierer auf der Exportseite
Auf der Exportseite vollzog sich eine geopolitische Umorientierung. Die EU-Exporte nach Russland brachen von 26,7 Mio. EUR auf 2,9 Mio. EUR ein (−89,0 %) – ein direktes Ergebnis der Sanktionen nach dem Überfall auf die Ukraine 2022. Großbritannien, der 2015 größte Exportmarkt, verlor ebenfalls deutlich: von 114,6 Mio. EUR auf 75,8 Mio. EUR (−33,9 %). Dies dürfte mit dem Brexit und den damit verbundenen Handelsbarrieren zusammenhängen. Dagegen gewannen die Türkei (+48,9 %) und China (+35,9 %) als Absatzmärkte an Bedeutung.
| Exportpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 138,2 | 174,1 | +25,9 % |
| Großbritannien | 114,6 | 75,8 | −33,9 % |
| China | 90,3 | 122,8 | +35,9 % |
| Türkei | 47,8 | 71,2 | +48,9 % |
| Russland | 26,7 | 2,9 | −89,0 % |
| Japan | 50,6 | 66,9 | +32,0 % |
| Südkorea | 50,3 | 34,4 | −31,7 % |
2.4. Diversifizierung der Importquellen – Konzentrationsgrad sinkt
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe sank von 2.795 auf 1.968 (−29,6 %), was eine signifikante Diversifizierung der Importquellen anzeigt. Die EU bezieht ihre Petroleum- und Synthesepolymer-Importe heute aus einer breiteren Basis von Lieferanten. Gleichzeitig stieg der Export-HHI geringfügig von 776 auf 908 (+17,1 %), was auf eine leicht höhere Konzentration der Exportmärkte hindeutet.
2.5. Preisschocks als Indikatoren für Marktumbrüche
Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere bemerkenswerte Schocks. Der größte war ein Preisschock bei Exporten nach Ägypten im Jahr 2022 (Anstieg um 59,3 %, Abnormalitäts-Score 45,5). Der bereits erwähnte Singapur-Schock (2020, +131,5 %) deutet auf pandemiebedingte Handelsumlenkungen hin. Bei den Importen fiel ein Preisschock aus Südkorea 2022 auf (+18,8 %), was angesichts des 18,9-prozentigen Wertanteils einen erheblichen Effekt auf die gesamten Importkosten hatte.
3. Produktion im Wandel: Volumenrückgang bei steigenden Werten und zunehmender Spezialisierung
3.1. EU-Produktion: Weniger Masse, mehr Wert
Die EU-Produktion im Segment 3911 verzeichnete mengenmäßig einen Rückgang von 506 Mio. kg auf 400 Mio. kg (−21 %). Der Produktionswert stieg jedoch von 996 Mio. EUR auf 1.500 Mio. EUR (+50,7 %). Diese Diskontinuität – weniger Volumen bei höherem Wert – spiegelt eine Verschiebung in Richtung höherwertiger Spezialpolymere wider. Die EU konzentriert sich offensichtlich zunehmend auf wertschöpfungsintensive Nischenprodukte, während Mengenvolumina verstärkt importiert werden.
3.2. Segmentanalyse: 391190 dominiert, 391110 verliert an Boden
Bei der Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt sich, dass das Segment 391190 (Polysulfide, Polysulfone und sonstige synthetische Polymere) sowohl im Import als auch im Export dominiert. Die Importe in dieses Segment stiegen von 58.963 t auf 94.427 t (+60 %), bei einem Wert von 410 Mio. EUR auf 611 Mio. EUR. Die Exporte blieben mengenmäßig relativ stabil (146.650 t → 236.500 t), wobei der Wert von 671 Mio. EUR auf 764 Mio. EUR stieg.
Das Segment 391110 (Petroleumharze, Cumaronharze, Polyterpene) zeigt dagegen ein differenziertes Bild: Die Importe stiegen stark (117.130 t → 269.077 t, +129 %), während die Exporte deutlich sanken (66.350 t → 32.806 t, −51 %). Dieses Segment treibt maßgeblich den Überschussverlust der EU-Handelsbilanz voran.
| Segment | Richtung | Menge 2015 (t) | Menge 2025 (t) | Wert 2015 (Mio. EUR) | Wert 2025 (Mio. EUR) |
|---|---|---|---|---|---|
| 391190 | Import | 58.963 | 94.427 | 410,2 | 610,8 |
| 391190 | Export | 146.650 | 236.500 | 671,4 | 764,1 |
| 391110 | Import | 117.130 | 269.077 | 236,5 | 433,6 |
| 391110 | Export | 66.350 | 32.806 | 160,2 | 97,8 |
| 391120 | Import | — | 43 | — | 0,2 |
| 391120 | Export | — | 18 | — | 0,3 |
3.3. Deutschland als unangefochtenes Produktions- und Exportzentrum
Innerhalb der EU ist Deutschland mit Abstand der wichtigste Produzent und Exporteur im Segment 3911. Mit einem Exportwert von 480 Mio. EUR (2025) und einem Anteil von rund 29 % an der EU-Produktion dominiert der deutsche Markt. Der Exportwert stieg um 10,2 %. Frankreich und die Niederlande verloren dagegen deutlich (−43,0 % bzw. −47,2 %), während Italien seine Exporte mehr als verdreifachte (+208,6 %) und Belgien um 53,8 % zulegte.
3.4. Spezialisierungsmuster innerhalb der EU
Die RCA-Analyse zeigt, dass Estland (RSCA 0,61), Belgien (0,47) und die Niederlande (0,18) die am stärksten auf CN 3911 spezialisierten EU-Mitgliedstaaten sind. Deutschland liegt mit einem RSCA von 0,16 ebenfalls im oberen Bereich. Auf der anderen Seite weisen Irland, Bulgarien und Rumänien eine sehr geringe Spezialisierung auf. Dies unterstreicht die Konzentration der europäischen Petrochemie- und Spezialpolymerproduktion in den westlichen Industrieländern.
Fazit
Der Markt für Petroleumharze und Synthesepolymer (CN 3911) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die drei zentralen Entwicklungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
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Strukturelle Handelsbilanzverschiebung: Die EU hat ihre traditionelle Überschussposition vollständig eingebüßt. Getrieben durch eine Verdopplung der Importmengen bei gleichzeitig nur moderatem Exportwachstum entstand ein Defizit von über 180 Mio. EUR. Ursächlich sind insbesondere die Importe im Segment 391110 (Petroleumharze, Polyterpene), die sich mengenmäßig mehr als verdoppelten.
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Geopolitische Neuordnung der Handelsströme: China ist zum mit Abstand wichtigsten Importpartner aufgestiegen und hat die USA überholt. Gleichzeitig brachen die Exporte nach Russland infolge der Sanktionen und nach Großbritannien infolge des Brexit ein. Die EU-Importquellen haben sich insgesamt diversifiziert (rückläufiger HHI), was die Versorgungssicherheit verbessert. Die starke Asienabhängigkeit birgt jedoch neue geostrategische Risiken.
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Strukturwandel der europäischen Produktion: Die EU produziert mengenmäßig weniger als 2015, erzielt aber deutlich höhere Werte – ein Indikator für den Aufstieg zu höherwertigen Spezialpolymeren. Dies spiegelt sich auch in den steigenden Exportquoten wider. Deutschland konsolidiert seine Rolle als industrielles Zentrum, während süd- und osteuropäische Mitgliedstaaten eine untergeordnete Rolle spielen.
Insgesamt zeigt die Entwicklung, dass sich die EU in diesem Segment von einem mengenorientierten Überschussexporteur zu einem wertorientierten Markt mit zunehmender Importabhängigkeit gewandelt hat – ein Muster, das sich in vielen europäischen Chemiesegmenten beobachten lässt.