Marktentwicklung: Silicon in Primärformen (CN 3910) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt CN 3910 — Silicon in Primärformen — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Siliconpolymere sind ein Schlüsselwerkstoff in zahlreichen Industriezweigen, darunter Automobilbau, Elektronik, Bauwesen, Medizintechnik und erneuerbare Energien. Angesichts der wachsenden Bedeutung von Hochleistungskunststoffen und geopolitischer Verwerfungen lohnt sich eine genauere Betrachtung der Handelsströme dieses Produkts.
Die Gesamtübersicht zeigt für den Untersuchungszeitraum drei zentrale Trends: Erstens wuchsen die Importe deutlich stärker als die Exporte, sodass sich das Handelsdefizit ausweitete. Zweitens stiegen die Preise sowohl im Export als auch im Import erheblich an, was auf eine strukturelle Preisverschiebung des Weltmarktes hindeutet. Drittens verlagerten sich die Handelspartner — insbesondere im Import — erheblich, mit einem bemerkenswerten Aufstieg Chinas und eines Bedeutungsverlusts des Vereinigten Königreichs.
1. Wachsendes Handelsdefizit trotz steigender Exportwerte
1.1 Die EU ist Nettodeimporteur von Silicon in Primärformen
Über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg weist die EU ein negatives Handelsbilanz bei CN 3910 auf. Das Defizit betrug 2015 rund −168 Mio. EUR und verschärfte sich bis 2025 auf −322 Mio. EUR. Die Schwankungsbreite war dabei beträchtlich: Im Jahr 2022 erreichte das Defizit mit rund −762 Mio. EUR seinen Höhepunkt, bevor es sich in den Folgejahren wieder teilweise erholte.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (EUR) | 564.930.514 | 880.360.810 | +55,8 % |
| Exportwert (EUR) | 396.939.358 | 558.642.612 | +40,7 % |
| Handelsbilanz (EUR) | −167.991.155 | −321.718.198 | −91,5 % |
Quelle: Gesamtübersicht
1.2 Die Volumenentwicklung zeigt eine gegenläufige Dynamik
Bemerkenswert ist, dass die Exportmengen im selben Zeitraum von 82.214 Tonnen auf 74.885 Tonnen sanken (−8,9 %), während die Importmengen von 135.149 Tonnen auf 170.907 Tonnen stiegen (+26,5 %). Der Anstieg des Exportwerts bei gleichzeitigem Rückgang der Exportmengen bedeutet, dass die EU zunehmend hochwertigere bzw. teurere Siliconprodukte exportiert — oder dass die Weltmarktpreise gestiegen sind.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportmenge (t) | 82.214 | 74.885 | −8,9 % |
| Importmenge (t) | 135.149 | 170.907 | +26,5 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 4.828 | 7.458 | +54,5 % |
| Importpreis (EUR/t) | 4.180 | 5.151 | +23,2 % |
Quelle: Gesamtübersicht
1.3 Die Netto-Importabhängigkeit hat zugenommen
Die Netto-Importabhängigkeit stieg von rund 8,1 % (2015) auf 10,7 % (2025), was einer Zunahme um 31,3 % entspricht. Im Jahr 2022 wurde sogar ein Wert von fast 16 % erreicht. Dies unterstreicht die wachsende Abhängigkeit der EU von Drittlieferanten bei diesem strategisch relevanten Werkstoff.
2. Strukturelle Verlagerung der Handelspartnerschaften
2.1 China ist zum zweitgrößten Importlieferanten aufgestiegen
Die dramatischste Veränderung auf der Importseite ist der Aufstieg Chinas. Die Importe aus China stiegen von 21,2 Mio. EUR (2015) auf 147,7 Mio. EUR (2025), was einer Steigerung von 595 % entspricht. Im selben Zeitraum verlor das Vereinigte Königreich — 2015 mit Abstand größter Lieferant (260,6 Mio. EUR) — an Boden und sank auf 230,4 Mio. EUR (−11,6 %).
| Importpartner | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 260.629.934 | 230.408.980 | −11,6 % |
| China | 21.245.934 | 147.688.230 | +595,1 % |
| Vereinigte Staaten | 204.681.429 | 286.157.344 | +39,8 % |
| Japan | 36.058.394 | 120.727.614 | +234,8 % |
| Thailand | 4.613.737 | 20.354.260 | +341,2 % |
Quelle: Top-Handelspartner
Diese Verschiebung spiegelt den Aufbau chinesischer Produktionskapazitäten für Silikone wider, die sich zunehmend auf dem europäischen Markt etablieren. Gleichzeitig profitieren auch Japan und Thailand von der Diversifizierungsstrategie europäischer Abnehmer.
2.2 Der Importmarkt ist deutlich diversifizierter geworden
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert fiel von 3.507 (2015) auf 2.232 (2025), was einem Rückgang von 36,4 % entspricht. Ein HHI-Wert unter 2.500 gilt typischerweise als moderat konzentriert. Die EU hat ihre Importquellen also erheblich diversifiziert — weg von einer starken Konzentration auf wenige Partner und hin zu einer breiteren Basis.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 3.507 | 2.232 | −36,4 % |
| HHI Importe (Volumen) | 6.070 | 3.228 | −46,8 % |
| HHI Exporte (Wert) | 933 | 894 | −4,2 % |
Quelle: Konzentration (HHI)
Auf der Exportseite blieb die Konzentration dagegen relativ stabil (HHI von 933 auf 894), was auf eine bereits breit gestreute Exportbasis hinweist.
2.3 Russland als Exportmarkt ist nahezu vollständig weggebrochen
Ein Sonderfall stellt die Entwicklung der EU-Exporte in die Russische Föderation dar. Diese sanken von 18,4 Mio. EUR (2015) auf lediglich 31.203 EUR (2025), was einem Rückgang von 99,8 % entspricht. Diese Entwicklung ist eindeutig auf die Sanktionen im Kontext des Ukraine-Konflikts ab 2022 zurückzuführen.
| Exportpartner | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Russische Föderation | 18.367.853 | 31.203 | −99,8 % |
| Vereinigte Staaten | 40.578.657 | 98.247.153 | +142,1 % |
| China | 46.398.335 | 88.633.174 | +91,0 % |
| Indien | 11.515.228 | 22.291.738 | +93,6 % |
Quelle: Top-Handelspartner
Der Wegfall des russischen Marktes wurde teilweise durch Wachstum in andere Destinationen wie die USA (+142 %) und China (+91 %) kompensiert, konnte jedoch volumenmäßig nicht vollständig ersetzt werden.
3. Preispreischocks und steigende Handelsintensität
3.1 Das Jahr 2022 markierte einen Preispreisschock
Die Schwellenwert-Analyse identifiziert 2022 als zentrales Schockjahr. Die Exportpreise in das Vereinigte Königreich stiegen um 54,1 % mit einer Abnormalität von 49,0 — ein außergewöhnlicher Wert. Ähnliche, wenn auch kleinere Preissprünge waren bei Exporten nach Ägypten (+81,5 %) und in die Vereinigten Arabischen Emirate (+117,8 %) zu beobachten.
| Schock-Ereignis | Land | Typ | Veränderung | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| 2022 | Vereinigtes Königreich | Preis | +54,1 % | 49,0 |
| 2022 | Ägypten | Preis | +81,5 % | 11,9 |
| 2022 | VAE | Preis | +117,8 % | 9,2 |
Quelle: Schwellenwert-Analyse
Diese Preisschocks stehen im Kontext der globalen Energie- und Rohstoffkrise des Jahres 2022, die die Produktionskosten für Silikone — als energieintensives Produkt — erheblich steigerte.
3.2 Die Volatilität variiert stark je nach Handelspartner
Die Volatilitätsanalyse zeigt deutliche Unterschiede in der Stabilität der Handelsbeziehungen. Auf der Importseite weisen China (CV 0,64) und Thailand (CV 0,46) die höchste Volatilität auf, während das Vereinigte Königreich (CV 0,18) relativ stabile Handelsströme aufweist.
| Partner (Import) | Variationskoeffizient | Volatilität |
|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 0,18 | Niedrig |
| Vereinigte Staaten | 0,25 | Moderat |
| Japan | 0,38 | Moderat–Hoch |
| Thailand | 0,46 | Hoch |
| China | 0,64 | Hoch |
Quelle: Volatilitätsanalyse
3.3 Die Handelsintensität und Exportquote sind deutlich gestiegen
Drei Indikatoren für die Verflechtung der EU mit dem Weltmarkt zeigen einen klaren Aufwärtstrend:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit (%) | 8,1 | 10,7 | +31,3 % |
| Handelsintensität (%) | 25,1 | 36,8 | +46,7 % |
| Exportquote (%) | 10,6 | 18,0 | +69,8 % |
Quelle: Handelsintensität, Exportquote
Die Exportquote (Exporte in Relation zur Produktion) stieg besonders stark — von 10,6 % auf 18,0 % (+69,8 %). Dies deutet darauf hin, dass die europäische Siliconindustrie zunehmend auf Exportmärkte angewiesen ist. Gleichzeitig zeigt die Spezialisierungsanalyse, dass Belgien (RSCA 0,55), Frankreich (0,39) und die Niederlande (0,38) die am stärksten spezialisierten EU-Staaten bei Siliconexporten sind.
3.4 Die EU-Produktion zeigt eine Wert-Mengen-Divergenz
Die Produktionsdaten offenbaren eine bemerkenswerte Entwicklung: Die Produktionsmenge sank von 731 Mio. kg auf 700 Mio. kg (−4,2 %), während der Produktionswert von 2,36 Mrd. EUR auf 3,28 Mrd. EUR stieg (+38,7 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. kg) | 731 | 700 | −4,2 % |
| Produktionswert (Mrd. EUR) | 2,36 | 3,28 | +38,7 % |
Quelle: Produktionsvolumen
Diese Divergenz deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Spezialsilikonen und/oder auf den generellen Preisanstieg in der Wertschöpfungskette hin.
Schlussfolgerung
Die Analyse des EU-Handels mit Silicon in Primärformen (CN 3910) im Zeitraum 2015–2025 zeigt eine Reihe teils gegenläufiger Dynamiken:
-
Wachsende Importabhängigkeit: Trotz einer lebhaften Exporttätigkeit ist die EU Nettoimporteur von Silikonen, und das Defizit hat sich über den Zeitraum nahezu verdoppelt. Die Importe aus China sind um fast 600 % gestiegen, was die strategische Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten erhöht, auch wenn die Importbasis insgesamt diversifizierter geworden ist.
-
Preispreisentwicklung als Motor des Wertwachstums: Sowohl Import- als auch Exportpreise sind erheblich gestiegen. Der Anstieg der Exportpreise (+54,5 %) übertraf den der Importpreise (+23,2 %), was die EU-Exporteure trotz sinkender Mengen wettbewerbsfähig hielt. Das Jahr 2022 markierte dabei einen markanten Preisschock.
-
Strategische Neuausrichtung: Die EU-Siliconindustrie zeigt Anzeichen einer Qualitäts- und Spezialisierungsstrategie — weniger Volumen, aber höherwertige Produkte. Gleichzeitig steigt die Exportquote, was die Branche anfälliger für externe Nachfrageschwankungen macht. Der Wegfall des russischen Marktes wurde teilweise durch Wachstum in anderen Destinationen kompensiert.
Insgesamt ist der EU-Markt für Silicon in Primärformen durch eine zunehmende globale Verflechtung gekennzeichnet, die sowohl Chancen (Marktdiversifizierung, Wertschöpfungssteigerung) als auch Risiken (Importabhängigkeit, Preisschwankungen) birgt.