Marktentwicklung: Chemische Industrieerzeugnisse (CN 38) — 2015–2025
Einleitung
Das Zollkapitel 38 umfasst eine breite Palette verschiedener Erzeugnisse der chemischen Industrie – von Biodiesel und Pflanzenschutzmitteln über zubereitete Additive und Bindemittel bis hin zu chemischen Abfällen. Die folgende Analyse betrachtet die Entwicklung des EU-Außenhandels mit dieser heterogenen Produktgruppe mit Nicht-EU-Ländern im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Auswertung stützt sich ausschließlich auf die Daten des Trade Dashboards.
1. Preisgetriebener Exportaufschwung trifft auf mengengetriebenes Importwachstum
Die EU-Ausfuhren legten wertmäßig um über 50 % zu, während die Ausfuhrmenge nahezu stagnierte, was auf kräftige Preiserhöhungen hindeutet.
Im Jahr 2015 beliefen sich die Exporte auf 26,3 Mrd. EUR, im Jahr 2025 auf 39,9 Mrd. EUR (+51,5 %). Die exportierte Menge ging im gleichen Zeitraum von 9,5 Mio. Tonnen auf 9,4 Mio. Tonnen leicht zurück (–1,2 %). Daraus ergibt sich ein Preisanstieg von rund 2.765 EUR/Tonne auf 4.240 EUR/Tonne (+53,3 %). Der stärkste Preisanstieg war zwischen 2020 und 2022 zu verzeichnen; der absolute Spitzenwert der Exporte wurde 2022 mit 42,0 Mrd. EUR erreicht.
Die Importe wuchsen wertmäßig noch stärker, angetrieben durch einen massiven Mengenzuwachs bei nahezu stabilen Durchschnittspreisen.
Die Einfuhren stiegen von 16,0 Mrd. EUR (2015) auf 25,7 Mrd. EUR (2025), ein Plus von 60,0 %. Die importierte Menge erhöhte sich parallel um 60,7 % (von 6,5 Mio. t auf 10,4 Mio. t). Der Durchschnittspreis blieb mit rund 2.480 EUR/Tonne nahezu unverändert (–0,5 %). Im Jahr 2022 erreichten die Importe mit 36,8 Mrd. EUR einen Ausreißer nach oben, sanken danach jedoch wieder deutlich.
Der Handelsbilanzüberschuss der EU weitete sich aus und blieb durchgängig positiv.
Der Handelsbilanzsaldo wuchs von 10,3 Mrd. EUR (2015) auf 14,2 Mrd. EUR (2025), ein Zuwachs von 38,2 %. Damit blieb die EU im Handel mit chemischen Industrieerzeugnissen klar exportstark.
Tabelle 1: Entwicklung des EU-Außenhandels mit CN 38 (2015 vs. 2025)
| Kennzahl | Exporte (2015) | Exporte (2025) | Veränderung | Importe (2015) | Importe (2025) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Wert (Mrd. EUR) | 26,3 | 39,9 | +51,5 % | 16,0 | 25,7 | +60,0 % |
| Menge (Mio. Tonnen) | 9,5 | 9,4 | –1,2 % | 6,5 | 10,4 | +60,7 % |
| Preis (EUR/Tonne) | 2.765 | 4.240 | +53,3 % | 2.483 | 2.471 | –0,5 % |
Quelle: Trade Dashboard – Überblick
2. Geopolitische Neuordnung der Partner und zunehmende Diversifizierung
Im Exportgeschäft verlor Russland dramatisch an Bedeutung, während die USA und China zu den wichtigsten Treibern wurden.
Die EU-Exporte in die Vereinigten Staaten stiegen von 3,2 Mrd. EUR auf 6,0 Mrd. EUR (+89,7 %), nach China sogar von 1,6 Mrd. EUR auf 3,8 Mrd. EUR (+136,0 %). Die Ausfuhren nach Russland brachen hingegen von 1,5 Mrd. EUR (2015) auf 0,6 Mrd. EUR (2025) ein (–58,7 %). Das Vereinigte Königreich verteidigte seine Spitzenposition mit einem leichten Plus von 21,8 % auf 4,5 Mrd. EUR. Weitere wichtige Destinationen blieben die Schweiz und die Türkei mit stabilem Wachstum (Top Partner im Überblick).
Die Importseite ist von einer sinkenden Konzentration und dem Aufstieg neuer Lieferanten geprägt.
Der Konzentrationsindex (HHI) der Importe fiel von 1.708 auf 1.201 (–29,7 %). Das Vereinigte Königreich verlor an Gewicht (–16,4 %), während China seinen Lieferwert von 0,8 Mrd. EUR auf 2,2 Mrd. EUR steigerte (+172,6 %) – allerdings nach einem Hoch von 7,6 Mrd. EUR im Jahr 2022. Stark zulegten auch Indonesien (+252,8 %), Malaysia (+95,9 %) sowie Argentinien (+728,6 %), wenngleich letzteres hohen Schwankungen unterlag. Die USA blieben mit 7,0 Mrd. EUR (+48,8 %) der größte außereuropäische Lieferant (Konzentration und Partner).
Unter den Mitgliedstaaten stachen Deutschland als klassischer Exportführer und Ungarn als dynamischer Importstandort heraus.
Deutschland festigte seine Rolle als führender Exporteur (von 9,1 Mrd. EUR auf 13,6 Mrd. EUR, +49,7 %) und Importeur (von 5,2 Mrd. EUR auf 6,6 Mrd. EUR, +25,1 %). Besonders auffällig war der Importboom Ungarns von 0,15 Mrd. EUR auf 1,15 Mrd. EUR (+668,1 %), der zwischenzeitlich im Jahr 2023 sogar 3,76 Mrd. EUR erreichte. Auch Belgien und die Niederlande verzeichneten überdurchschnittliche Zuwächse bei den Ausfuhren (Mitgliedstaatliche Aufschlüsselung).
3. Spezialchemie als Rückgrat des Exportüberschusses, volatile Rohstoff- und Abfallsegmente bei den Importen
Die EU erzielte ihren Exportüberschuss vor allem mit hochwertigen Spezialchemikalien wie zubereiteten Bindemitteln und Additiven.
Das volumen- und wertstärkste Ausfuhrsegment waren „Zubereitete Bindemittel und andere chemische Erzeugnisse a.n.g. (3824)“, dessen Wert von 5,9 Mrd. EUR auf 8,1 Mrd. EUR wuchs. Auch die Ausfuhren von Pflanzenschutzmitteln (3808) lagen stabil über 5,0 Mrd. EUR, und Additive für Mineralöle (3811) stiegen von 2,0 Mrd. EUR auf 2,3 Mrd. EUR. In diesen Segmenten stiegen die Durchschnittspreise meist deutlich – bei 3824 etwa von 1.782 EUR/t auf 2.550 EUR/t. Die EU ist bei diesen Gütern klar wettbewerbsfähig, was die vergleichsweise hohe Spezialisierung Irlands, Belgiens und Frankreichs (RSCA-Werte 2025: IE 0,28, BE 0,25, FR 0,14) unterstreicht.
Die Importe wurden stark von Biodiesel und chemischen Rückständen geprägt, die ausgeprägten Preis- und Mengenschocks unterlagen.
Bei den Einfuhren dominierten wiederum die Unterposition 3824 (4,3 Mrd. EUR) sowie Biodiesel (3826), dessen Wert 2022 auf 4,4 Mrd. EUR hochschnellte und danach auf 2,0 Mrd. EUR fiel. Chemische Abfälle (3825) und technische Fettsäuren (3823) wiesen ebenfalls hohe Mengen auf. Der Produktsegmentvergleich offenbart, dass die Importmengen in fast allen Segmenten stiegen, während die Importpreise phasenweise extrem ausschlugen.
Vereinzelte massive Preisschocks offenbarten Anfälligkeiten auf einzelnen Beschaffungsmärkten.
Die Volatilitätsanalyse zeigt extrem hohe Mengenschwankungen bei Importen aus Israel (Variationskoeffizient 1,99) und einen damit verbundenen Preisschock im Jahr 2018, als die Liefermenge einbrach und der Einfuhrpreis um 3.235 % hochschnellte. Auch aus China kam es – bei ohnehin stark wachsender Bedeutung (Wertanteil zeitweise 17 %) – 2021 zu einem Preisschock von +142 % auf 5.185 EUR/t. Auf der Exportseite traten Preisschocks vor allem 2022 auf, etwa bei Lieferungen nach Kanada (+71 %) und Brasilien (+22 %), bedingt durch den weltweit angespannten Chemierohstoffmarkt (Volatilität und Schocks).
Schlussfolgerung
Der Handel der EU mit chemischen Industrieerzeugnissen der Position 38 hat sich im letzten Jahrzehnt dynamisch entwickelt. Während die Exportstärke vor allem auf der preislichen Durchsetzungsfähigkeit bei hochwertigen Spezialchemikalien beruht, ist das Importwachstum durch steigende Mengen an energieintensiven oder rohstoffnahen Vorprodukten und Abfällen gekennzeichnet. Der Handelsbilanzüberschuss stieg auf über 14 Mrd. EUR. Gleichzeitig hat sich die Lieferantenbasis verbreitert, auch als Reaktion auf geopolitische Verwerfungen wie den Einbruch der Russlandexporte und die volatilen China-Importe. Die Anfälligkeit für Preisschocks, etwa bei Vorprodukten aus Israel oder China, unterstreicht die Notwendigkeit, die Resilienz der Lieferketten weiter im Auge zu behalten.