Marktentwicklung: Chemische Industrieerzeugnisse (CN 38) — 2015–2025
Einleitung
Die Warengruppe CN 38 „Verschiedene Erzeugnisse der chemischen Industrie" umfasst ein breites Spektrum an Produkten — von Pflanzenschutzmitteln und Biodiesel über Katalysatoren und Additive bis hin zu chemischen Abfällen und Laborreagenzien. Mit 27 Unterpositionen bildet sie eine der heterogensten Kapitelgruppen des Gemeinsamen Zolltarifs. Im Zeitraum 2015 bis 2025 weist der EU-Außenhandel mit diesen Erzeugnissen eine bemerkenswerte Dynamik auf: Während die Exportwerte um über 51 % stiegen, wuchsen die Importe sogar um 60 %. Gleichzeitig veränderten sich die Handelsströme, die Preisstrukturen und die geopolitischen Abhängigkeiten erheblich. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Trends, identifiziert strukturelle Verschiebungen und bewertet die Implikationen für die Handelsautonomie der EU.
Detaillierte Übersichtsdaten finden sich im Trade Dashboard – Übersicht.
1. Preisgetriebenes Exportwachstum bei stagnierenden Mengen
1.1 Exportpreise verdoppeln sich, Exportmengen bleiben flach
Der EU-Außenhandel mit CN-38-Erzeugnissen zeigt ein auffälliges Muster: Die Exportwerte stiegen von 26,3 Mrd. EUR (2015) auf 39,9 Mrd. EUR (2025), was einem Zuwachs von 51,5 % entspricht. Dieses Wachstum wurde jedoch fast ausschließlich durch Preissteigerungen getrieben. Die Exportmengen verharrten nahezu unverändert bei rund 9,4 bis 9,5 Mio. Tonnen — mit einem leichten Rückgang um 1,2 % über den gesamten Zeitraum. Der durchschnittliche Exportpreis kletterte von 2.765 EUR/t auf 4.240 EUR/t (+53,3 %), wobei der Höchstwert mit 4.240 EUR/t im Jahr 2025 erreicht wurde.
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2022 | 2025 | Veränderung 2015–2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 26,3 | 30,5 | 42,0 | 39,9 | +51,5 % |
| Exportmenge (Mio. t) | 9,5 | 10,2 | 10,1 | 9,4 | −1,2 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 2.765 | 2.980 | 4.156 | 4.240 | +53,3 % |
| Importwert (Mrd. EUR) | 16,1 | 19,9 | 36,8 | 25,7 | +60,0 % |
| Importmenge (Mio. t) | 6,5 | 8,4 | 12,2 | 10,4 | +60,7 % |
| Importpreis (EUR/t) | 2.483 | 2.374 | 3.017 | 2.472 | −0,5 % |
Quelle: Allgemeine Übersicht
1.2 Importe wachsen mengenmässig stärker als Exporte — das Handelsbilanzdefizit schliesst sich wieder
Im Gegensatz zu den Exporten stiegen die Importe sowohl wert- als auch mengenmässig deutlich: von 16,1 Mrd. EUR / 6,5 Mio. t (2015) auf 25,7 Mrd. EUR / 10,4 Mio. t (2025). Der Importpreis blieb hingegen mit 2.483 EUR/t nahezu unverändert (2025: 2.472 EUR/t). Dies bedeutet, dass das Importwachstum primär volumengetrieben war.
Die Handelsbilanz blieb über den gesamten Zeitraum positig, schwankte jedoch erheblich: von 10,3 Mrd. EUR (2015) sank sie auf ein Minimum von nur 5,2 Mrd. EUR im Jahr 2022 — geprägt durch die Energiekrise und stark gestiegene Einfuhren —, bevor sie sich 2025 auf 14,2 Mrd. EUR erholte. Das Nettomarktabhängigkeitsverhältnis (Net Import Reliance) bestätigt diese Dynamik: Die EU war durchgehend Nettoexporteur, doch die Nettoexportposition schwankte zwischen −3,4 % (am schwächsten) und −15,6 % (2025, am stärksten).
1.3 Zunehmende Exportorientierung der EU-Chemieindustrie
Besonders hervorzuheben ist der starke Anstieg der Exportneigung (Export Propensity) von 13,7 % (2015) auf 39,4 % (2025), sowie der Handelsintensität (Trade Intensity) von 21,1 % auf 51,8 %. Dies zeigt, dass die Erzeugnisse von CN 38 in der EU-Produktionsstruktur eine zunehmend exportorientierte Rolle einnehmen. Der Anteil der Produktion, der auf den Weltmarkt gerichtet ist, hat sich innerhalb eines Jahrzehnts fast verdreifacht.
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportneigung (%) | 13,7 | 39,4 | +187 % |
| Handelsintensität (%) | 21,1 | 51,8 | +145 % |
| Nettomarktabhängigkeit (%) | −4,5 | −15,6 | Stärkere Nettoexportposition |
Quelle: Handelsintensität, Exportneigung
2. Geopolitische Umbrüche und regionale Verschiebungen der Handelspartner
2.1 Rückgang der Exporte in die Russische Föderation als Folge der Sanktionspolitik
Einer der dramatischsten Einzeltrends betrifft die EU-Exporte in die Russische Föderation: Diese sanken von 1,5 Mrd. EUR (2015) auf nur noch 621 Mio. EUR (2025), ein Rückgang von 58,7 %. Mit einem Variationskoeffizienten von 0,57 war das Handelsvolumen mit Russland zudem überaus volatil. Der Einbruch nach 2022 ist unmittelbar auf die nach dem Überfall auf die Ukraine verhängten EU-Sanktionen zurückzuführen. Russland fiel damit aus der Gruppe der wichtigsten Exportpartner der EU.
2.2 USA und China als dominierende Drittstaatenpartner — mit gegenläufigen Dynamiken
Die Vereinigten Staaten blieben throughout der gesamte Periode der mit Abstand wichtigste Importpartner der EU (2015: 4,7 Mrd. EUR; 2025: 7,0 Mrd. EUR; +48,8 %) und zugleich der drittgrösste Exportmarkt (2015: 3,2 Mrd. EUR; 2025: 6,0 Mrd. EUR; +89,7 %). Die EU-Exporte in die USA stiegen also fast doppelt so schnell wie die Importe aus den USA.
China zeigt eine besonders volatile Entwicklung: Die EU-Importe aus China stiegen von 815 Mio. EUR auf 2,2 Mrd. EUR (+172,6 %), erreichten aber 2022 mit 7,6 Mrd. EUR einen Spitzenwert, bevor sie 2025 wieder auf 2,2 Mrd. EUR fielen. Der Variationskoeffizient von 0,48 unterstreicht die Instabilität. Ein signifikanter Preisschock bei Importen aus China wurde 2021 festgestellt (Anstieg um 142 %, Abnormalitätswert 6,7). Gleichzeitig stiegen die EU-Exporte nach China von 1,6 Mrd. EUR auf 3,8 Mrd. EUR (+136 %).
| Partner | Richtung | 2015 (Mio. EUR) | 2022 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung 2015–2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| USA | Importe | 4.706 | 7.764 | 7.003 | +48,8 % |
| USA | Exporte | 3.169 | 8.019 | 6.010 | +89,7 % |
| China | Importe | 815 | 7.619 | 2.222 | +172,6 % |
| China | Exporte | 1.604 | 3.868 | 3.786 | +136,0 % |
| Russland | Exporte | 1.505 | 925 | 621 | −58,7 % |
| UK | Importe | 3.946 | 3.883 | 3.300 | −16,4 % |
Quelle: Handelspartner
2.3 Südostasiatische und südamerikanische Lieferanten gewinnen stark an Bedeutung
Drei Partner verzeichneten aussergewöhnliche Zuwächse bei den EU-Importen:
- Indonesia: +252,8 % (von 352 Mio. EUR auf 1,2 Mrd. EUR), getrieben durch Palmöl-basierte Biodieselimporte und technische Fettsäuren. Der Variationskoeffizient von 0,37 zeigt eine volatile, aber nach oben tendierende Dynamik.
- Argentina: +728,6 % (von 65 Mio. EUR auf 536 Mio. EUR) — das stärkste relative Wachstum aller Top-Partner. Mit einem CV von 0,71 ist diese Handelsbeziehung jedoch extrem volatil.
- Malaysia: +95,9 % (von 720 Mio. EUR auf 1,4 Mrd. EUR), ebenfalls stark mit Biodiesel und Pflanzenölderivaten assoziiert.
Diese Verschiebung spiegelt die steigende Bedeutung nachwachsender Rohstoffe und biogener Treibstoffe im Rahmen der EU-Klimapolitik wider.
2.4 Binnenmarktstrukturen: Deutschland dominiert, Ungarn verzeichnet extremes Wachstum
Innerhalb der EU war Deutschland sowohl bei Importen (2025: 6,6 Mrd. EUR, +25,1 %) als auch bei Exporten (2025: 13,6 Mrd. EUR, +49,7 %) der dominierende Akteur. Auffällig ist die Entwicklung Ungarns: Die Importe stiegen von 149 Mio. EUR auf 1,1 Mrd. EUR (+668 %), mit einem Spitzenwert von 3,8 Mrd. EUR — was auf Umschlagaktivitäten oder Produktionsverlagerungen innerhalb der Lieferketten hindeutet.
Frankreich (Exporte: +15,7 %) und die Niederlande (Exporte: +59,0 %) stärkten ihre Position als zweit- und drittgrösste EU-Exporteure.
Quelle: EU-Reporter
2.5 Spezialisierungsmuster: Irland und Belgien führend, Zentral- und Osteuropa nachholend
Gemäss dem Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) weisen Irland (0,278) und Belgien (0,251) die stärkste Spezialisierung in CN 38 innerhalb der EU auf, gefolgt von Bulgarien (0,147), Frankreich (0,145) und den Niederlanden (0,099). Am unteren Ende stehen Malta (RSCA −0,997), die Slowakei (−0,690) und Rumänien (−0,677), was auf eine geringe Einbindung dieser Volkswirtschaften in die Exportkette für chemische Spezialerzeugnisse hindeutet.
Quelle: Spezialisierung
3. Segmentverschiebungen, Preisschocks und strukturelle Veränderungen
3.1 Biodiesel (CN 3826): Boom und Abschwung als Schlüsselsegment
CN 3826 (Biodiesel und Biodieselmischungen) zeigt die volatilste Entwicklung aller Unterpositionen. Die EU-Importe explodierten von 696 Mio. EUR / 696.000 t (2015) auf ein Maximum von 4,4 Mrd. EUR / 3,7 Mio. t im Jahr 2022 — ein Anstieg um über 500 % im Wert —, bevor sie 2025 wieder auf 2,0 Mrd. EUR / 1,6 Mio. t fielen. Der Importpreis schwankte zwischen 709 EUR/t (2019) und 1.601 EUR/t (2022). Ähnlich verliefen die Exporte: von 562 Mio. EUR (2015) über ein Maximum von 2,1 Mrd. EUR (2023) auf 872 Mio. EUR (2025).
Dieses Muster reflektiert die EU-Politik zu erneuerbaren Energien (RED II), die Anti-Dumping-Zölle auf indonesisches Palmöl-Biodiesel sowie die zunehmende Bedeutung von Used Cooking Oil (UCO) als Rohstoff. Der Peak 2022/2023 und der anschliessende Rückgang deuten auf regulatorische Anpassungen und eine Verlagerung der Beschaffungsströme hin.
3.2 Chemische Erzeugnisse „a.n.g." (CN 3824): stabil wachsender Grösstenposten
CN 3824 (Bindemittel für Gießereien und diverse chemische Zubereitungen) war durchgehend das grösste Exportsegment der EU mit einem Wert von 5,9 Mrd. EUR (2015) bis 8,1 Mrd. EUR (2025), bei Mengen von 3,3 bis 3,9 Mio. t. Der Exportpreis stieg dabei von 1.782 EUR/t auf 2.550 EUR/t (+43 %). Auch bei den Importen wuchs CN 3824 von 1,8 Mrd. EUR auf 4,3 Mrd. EUR (+134 %), bei mengenmässigem Wachstum von 738.000 t auf 1,6 Mio. t. Der Importpreis erreichte 2023 mit 4.937 EUR/t seinen Höchststand und fiel 2025 wieder auf 2.657 EUR/t.
3.3 Pflanzenschutzmittel (CN 3808): stabile Exporte, schwankende Preise
Die EU exportierte CN-3808-Erzeugnisse (Insektizide, Herbizide, Fungizide, Desinfektionsmittel) relativ konstant zwischen 5,1 und 6,6 Mrd. EUR. Die Exportpreise stiegen von 7.361 EUR/t auf 7.852 EUR/t, mit einem Spitzenwert von 9.486 EUR/t (2023). Dieses Segment ist wertmässig das zweitgrösste Exportprodukt und zeichnet sich durch vergleichsweise geringe Volatilität aus.
| Segment | Richtung | 2015 (Mio. EUR) | 2022 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| CN 3824 (Zubereitungen n.a.g.) | Exporte | 5.891 | 8.212 | 8.120 | +37,9 % |
| CN 3808 (Pflanzenschutzmittel) | Exporte | 5.050 | 6.596 | 5.427 | +7,5 % |
| CN 3826 (Biodiesel) | Importe | 633 | 4.385 | 1.998 | +215,7 % |
| CN 3824 (Zubereitungen n.a.g.) | Importe | 1.844 | 5.842 | 4.311 | +133,8 % |
| CN 3823 (Fettsäuren) | Importe | 1.048 | 3.090 | 2.537 | +142,0 % |
| CN 3808 (Pflanzenschutzmittel) | Importe | 2.072 | 2.056 | 1.919 | −7,4 % |
Quelle: Produktsegmente
3.4 Preisvolatilität und Lieferantenschocks
Die Analyse der Volatilität (Variationskoeffizient) zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Handelspartnern. Bei den Importen weisen Argentinien (CV 0,71), China (CV 0,48) und Indonesien (CV 0,37) die höchsten Schwankungen auf. Bei den Exporten ist die Russische Föderation (CV 0,57) am volatilsten, gefolgt von den USA (CV 0,40) und Algerien (CV 0,40).
Drei signifikante Preisschocks wurden identifiziert:
| Schock | Partner | Richtung | Jahr | Preissprung | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|---|
| Preis | Israel | Importe | 2018 | +3.235 % | 168,1 |
| Preis | Kanada | Exporte | 2022 | +71 % | 12,9 |
| Preis | China | Importe | 2021 | +142 % | 6,7 |
Der Israel-Schock (2018) mit einem extremen Abnormalitätswert von 168,1 dürfte auf Sondertransaktionen, Re-Importe oder Datenartefakte im Segment der chemischen Spezialerzeugnisse zurückzuführen sein, da der Wertanteil nur 2,4 % betrug. Der China-Preisschock 2021 (Wertanteil 17,2 %) hingegen war marktrelevant und steht im Zusammenhang mit den globalen Lieferkettenstörungen nach der COVID-19-Pandemie.
Quelle: Volatilität, Lieferantenschocks
3.5 EU-Produktion: sinkende Mengen bei steigenden Werten
Die EU-Produktion von CN-38-Erzeugnissen entwickelte sich gegenläufig: Die Produktionsmenge sank von 752 Mio. kg (2015) auf 643 Mio. kg (2025, −14,5 %), mit einem Tiefpunkt von 509 Mio. kg. Der Produktionswert stieg hingegen von 40,7 Mrd. EUR auf 104,8 Mrd. EUR (+157,4 %). Dieses Preis-Mengen-Gefälle unterstreicht die Verschiebung hin zu höherwertigen, spezialisierten Erzeugnissen — ein Trend, der sich auch in den steigenden Exportpreisen widerspiegelt.
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. kg) | 752 | k.A. | 643 | −14,5 % |
| Produktionswert (Mrd. EUR) | 40,7 | k.A. | 104,8 | +157,4 % |
Quelle: Produktionsvolumen
Fazit
Der EU-Außenhandel mit Erzeugnissen von CN 38 hat sich zwischen 2015 und 2025 tiefgreifend verändert. Die drei zentralen Erkenntnisse lauten:
-
Preis- statt Mengenwachstum bei Exporten: Die EU konnte ihre Exporte um über 50 % steigern, obwohl die exportierten Mengen stagnierten. Dies deutet auf eine Aufwertung der Exportpalette hin — weg von Massenprodukten, hin zu hochwertigen Spezialchemikalien. Die EU-Produktion bestätigt diesen Trend: weniger Volumen, deutlich mehr Wert.
-
Geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme: Der Einbruch der Exporte nach Russland (−58,7 %), das explosive Wachstum der Importe aus Südostasien und Südamerika (Indonesien, Argentinien, Malaysia) sowie die starke Volatilität der Handelsbeziehungen mit China spiegeln die grundlegende Umwälzung der globalen Lieferketten wider. Die EU hat sich von russischen Märkten gelöst und gleichzeitig neue Beschaffungsquellen für biogene Rohstoffe erschlossen.
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Gewachsene Handelsoffenheit bei gleichzeitig stabiler Überschussposition: Trotz des starken Anstiegs der Handelsintensität (von 21 % auf 52 %) blieb die EU Nettoexporteur. Allerdings wurde das Handelsbilanzminimum 2022 (5,2 Mrd. EUR) durch die Energiekrise und den Biodiesel-Import-Boom empfindlich getroffen. Die Erholung auf 14,2 Mrd. EUR (2025) zeigt eine gewisse Resilienz, doch die erhöhte Offenheit macht den Sektor anfälliger für künftige externe Schocks.
Insgesamt zeichnet sich CN 38 als ein Sektor ab, der die Transformation der europäischen Chemieindustrie hin zu höherer Wertschöpfung und globalerer Verflechtung exemplarisch abbildet — mit allen Chancen und Risiken, die damit einhergehen.