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Marktentwicklung: Appreturmittel (CN 3809) — 2015–2025

Einleitung

Der Zollcode 3809 umfasst Appreturmittel, Endausrüstungsmittel und Beschleuniger zum Färben oder Fixieren von Farbstoffen sowie verwandte Zubereitungen für die Textil-, Papier-, Leder- und ähnliche Industrien. Der Code ist ein Sammelbegriff (Übersicht), der vier Unterpositionen umfasst: starchbasierte Produkte (380910), Textilchemikalien (380991), Papierchemikalien (380992) und Lederchemikalien (380993). Im Zeitraum 2015–2025 erlebte der EU-Außenhandel mit diesen Produkten tiefgreifende strukturelle Veränderungen — geprägt von geopolitischen Umbrüchen, einer dramatischen Preisentwicklung bei den Importen und einer Verschiebung der Handelsströme in neue Regionen.


I. Festigung der EU als Nettoexporteur mit steigender Wertschöpfung

Die EU hat ihre Position als Nettoexporteur von Appreturmitteln im Betrachtungszeitraum nicht nur gehalten, sondern erheblich ausgebaut. Der Handelsbilanzüberschuss stieg von 459 Mio. EUR im Jahr 2015 auf 523 Mio. EUR im Jahr 2025, was einem Anstieg von 14,0 % entspricht.

Der Exportwert wuchs trotz sinkender Volumina

Die EU-Exporte entwickelten sich gegenläufig: Während die exportierte Menge von 410.000 Tonnen auf 398.000 Tonnen sank (−2,8 %), stieg der Exportwert von 645 Mio. EUR auf 704 Mio. EUR (+9,0 %). Die durchschnittlichen Exportpreise erhöhten sich von 1.574 EUR/t auf 1.766 EUR/t (+12,2 %). Dies deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten oder eine allgemeine Preisanhebung durch Kostensteigerungen (Energie, Rohstoffe) hin.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert (Mio. EUR) 645 704 +9,0 %
Exportmenge (t) 409.967 398.377 −2,8 %
Exportpreis (EUR/t) 1.574 1.766 +12,2 %
Handelsentwicklung

Die Importmenge halbierte sich, die Preise verdoppelten sich

Die importierte Menge sank dramatisch von 199.000 Tonnen auf nur noch 96.000 Tonnen (−51,7 %). Gleichzeitig verdoppelten sich die durchschnittlichen Importpreise nahezu: von 934 EUR/t auf 1.871 EUR/t (+100,4 %). Der Importwert sank dennoch nur moderat von 186 Mio. EUR auf 180 Mio. EUR (−3,3 %), da die Preiserhöhungen den Mengenrückgang teilweise kompensierten.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mio. EUR) 186 180 −3,3 %
Importmenge (t) 199.415 96.241 −51,7 %
Importpreis (EUR/t) 934 1.871 +100,4 %
Handelsentwicklung

Frankreich und Tschechien gewinnen, Deutschland und die Niederlande verlieren an Boden

Innerhalb der EU verschoben sich die Exportgewichte erheblich. Deutschland blieb zwar der größte Exporteur (242 Mio. EUR im Jahr 2015), verlor aber 23,9 % seines Werts (184 Mio. EUR in 2025). Die Niederlande büßten sogar 40,7 % ein. Demgegenüber entwickelte sich Frankreich zum dynamischsten Akteur: Die französischen Exporte stiegen von 84 Mio. EUR auf 160 Mio. EUR (+90,9 %). Tschechien verelfachte seine Exporte nahezu (von 11 Mio. EUR auf 24 Mio. EUR, +111,6 %).

EU-Mitgliedstaat Exportwert 2015 (Mio. EUR) Exportwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Deutschland 242 184 −23,9 %
Italien 128 123 −3,7 %
Frankreich 84 160 +90,9 %
Spanien 61 59 −2,1 %
Belgien 30 36 +17,8 %
Niederlande 37 22 −40,7 %
Tschechien 11 24 +111,6 %
EU-Exporter

Steigende Exportkonzentration trotz Diversifizierung der Märkte

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für den Exportwert stieg von 630 auf 877 (+39,1 %). Paradoxerweise geschah dies, obwohl sich die Exportströme in neue Märkte wie Bangladesch und Serbien verteilten. Die Erklärung liegt darin, dass das Vereinigte Königreich mit 178 Mio. EUR (25 % aller EU-Exporte) und China mit 50 Mio. EUR weiterhin dominieren und die Konzentration auf diese großen Märkte trotz neuer Absatzgebiete überwog. Die Exportkonzentration blieb jedoch im moderaten Bereich (unter 1.000), was auf eine insgesamt breite Aufstellung der EU-Exporteure hindeutet (Konzentrationsanalyse).


II. Geopolitische Umbrüche und Umorientierung der Handelsströme

Der Zeitraum 2015–2025 war von erheblichen geopolitischen Erschütterungen geprägt, die die Handelsströme für Appreturmittel tiefgreifend veränderten. Der Brexit, Sanktionen gegen Russland und Spannungen mit den USA führten zu einer bemerkenswerten Umleitung von Handelsströmen.

Der vollständige Zusammenbruch der EU-Exporte nach Russland

Der dramatischste Einbruch betraf Russland: Die EU-Exporte dorthin sanken von 37 Mio. EUR (2015) auf praktisch null (18.229 EUR in 2025), was einem Rückgang von −100,0 % entspricht. Der Höchstwert in diesem Zeitraum lag bei 51 Mio. EUR. Die Sanktionen nach dem Überfall auf die Ukraine machten Russland als Abnehmer vollständig unbedeutend. Mit einem Variationskoeffizient von 0,48 war Russland auch einer der volatilsten Exportpartner (Volatilitätsanalyse).

Großbritannien als neuer Dreh- und Angelpunkt des bilateralen Handels

Nach dem Brexit stieg die Bedeutung des Vereinigten Königreichs als Handelspartner in beide Richtungen enorm an. Die EU-Exporte nach Großbritannien erhöhten sich von 105 Mio. EUR auf 178 Mio. EUR (+69,9 %), was das Land zum mit Abstand wichtigsten Exportmarkt der EU machte. Gleichzeitig vervierfachten sich die EU-Importe aus dem Vereinigten Königreich von 27 Mio. EUR auf 69 Mio. EUR (+158,2 %). Die Handelsumlenkung infolge des Brexit — bei der Waren, die zuvor als Teil des Binnenmarkts ohne Meldung flossen, nun als grenzüberschreitender Handel erfasst werden — dürfte hier eine Rolle spielen. Der Preisschock-Indikator zeigt für die Exporte nach Großbritannien im Jahr 2022 eine signifikante Anomalie mit einem Preisanstieg von 27,0 % (Preisschocks).

Rückgang der EU-Exporte nach China und den USA

Während die EU-China-Exporte von 80 Mio. EUR auf 50 Mio. EUR sanken (−38,0 %), fielen die EU-Importe aus den USA besonders stark: von 64 Mio. EUR auf 19 Mio. EUR (−71,0 %). Die Schweiz verlor ebenfalls an Bedeutung als Importeur in die EU (von 39 Mio. EUR auf 18 Mio. EUR, −52,5 %). Diese Rückgänge dürften sowohl auf zunehmende Handelskonflikte als auch auf die Verlagerung von Produktionskapazitäten zurückzuführen sein.

Neue Handelspartner gewinnen an Bedeutung

In den entstandenen Handelslücken etablierten sich neue Partner. Bosnien und Herzegovina entwickelte sich zu einem bemerkenswerten Importpartner der EU: Die Importe stiegen von 0,6 Mio. EUR auf 8,6 Mio. EUR (+1.422 %). Türkiye wurde sowohl als Export- als auch Importpartner wichtiger (+174 % Importe, +6,9 % Exporte). Serbien vergrößerte seine EU-Exporte von 10 Mio. EUR auf 18 Mio. EUR (+78,7 %), Bangladesch von 26 Mio. EUR auf 28 Mio. EUR (+6,9 %).

Partner Veränderung Exporte Veränderung Importe
Russland −100,0 %
Großbritannien +69,9 % +158,2 %
China −38,0 % +0,7 %
USA −71,0 %
Schweiz −14,7 % −52,5 %
Bosnien und Herzegovina +1.422 %
Türkiye +6,9 % +173,8 %
Serbien +78,7 %
Partnerländer

Erschütterungen und Volatilität bei den Handelspartnern

Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass die Handelsströme mit bestimmten Partnern besonders stark schwankten. Norwegen weist bei den Importen den höchsten Variationskoeffizienten auf (CV = 1,54), gefolgt von Belarus (1,25) und der Ukraine (1,03). Bei den Exporten ist Russland mit CV = 0,48 der volatilste Partner. Ein eklatanter Preisschock trat 2018 bei norwegischen Importen auf: Die Preise stiegen um 428,3 % (Abnormalitäts-Score 22.226), was auf eine außergewöhnliche Einzeltransaktion oder Marktverwerfung hindeutet (Volatilitätsanalyse).


III. Dramatische Strukturverschiebung in den Produktsegmenten

Die Daten auf Unterpositionsebene offenbaren eine der auffälligsten Entwicklungen im gesamten Betrachtungszeitraum: einen beispiellosen Rückgang der Papierchemikalien-Importe (380992), der den gesamten Handel mit Appreturmitteln in seinen Grundfesten veränderte.

Papierindustrie-Importe brachen um über 88 % ein

Die importierte Menge des Segments 380992 (Appreturmittel für die Papierindustrie) sank von 157.887 Tonnen im Jahr 2015 auf lediglich 17.934 Tonnen im Jahr 2025 — ein Rückgang von 88,7 %. Der Importwert fiel von 70 Mio. EUR auf 39 Mio. EUR (−44,3 %). Der dramatischste Einbruch erfolgte bereits 2018, als die Menge von 153.523 Tonnen auf 30.930 Tonnen einbrach. Gleichzeitig stieg der Importpreis von 445 EUR/t auf 2.190 EUR/t (+392 %). Dies deutet auf einen fundamentalen Strukturwandel hin: Entweder wurden die Produkte durch inländische Erzeugnisse substituiert, oder die Papierindustrie in der EU reduzierte ihren Bedarf an solchen Chemikalien erheblich.

Segment Importmenge 2015 (t) Importmenge 2025 (t) Veränderung
380991 – Textilindustrie 38.860 75.612 +94,5 %
380992 – Papierindustrie 157.887 17.934 −88,7 %
380993 – Lederindustrie 2.397 1.351 −43,6 %
380910 – Stärkebasis 272 1.345 +394,0 %
Produktvergleich

Textilchemikalien als wachsendes Importsegment

Im Gegensatz dazu verdoppelten sich die Textilindustrie-Importe (380991) von 38.860 Tonnen auf 75.612 Tonnen (+94,5 %). Der Importwert stieg von 105 Mio. EUR auf 135 Mio. EUR (+29,2 %), wobei der durchschnittliche Importpreis von 2.691 EUR/t auf 1.789 EUR/t sank (−33,5 %). Die Zunahme der Textilchemikalien-Importe spiegelt die Verlagerung der Textilproduktion in Niedriglohnländer wider, aus denen die EU zunehmend fertig vorbehandelte oder vorgefertigte Textilprodukte importiert, die solche Chemikalien enthalten.

Verschiebung der Exportsegmente: Textilien gewinnen, Papier und Leder verlieren

Auch bei den Exporten zeigen sich deutliche Verschiebungen. Die Textilchemikalien (380991) blieben mit Abstand das größte Segment und wuchsen von 383 Mio. EUR auf 492 Mio. EUR (+28,6 %). Die Papierchemikalien-Exporte (380992) sanken hingegen von 86 Mio. EUR auf 78 Mio. EUR (−8,5 %), die Lederchemikalien (380993) von 166 Mio. EUR auf 126 Mio. EUR (−24,1 %) und die Stärkeprodukte (380910) von 11 Mio. EUR auf 7 Mio. EUR (−40,6 %).

Segment Exportwert 2015 (Mio. EUR) Exportwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
380991 – Textilindustrie 383 492 +28,6 %
380992 – Papierindustrie 86 78 −8,5 %
380993 – Lederindustrie 166 126 −24,1 %
380910 – Stärkebasis 11 7 −40,6 %
Produktvergleich

Rückgang der inländischen Produktionsmengen bei steigendem Produktionswert

Die inländische Produktion in der EU fiel von 2.284 Mio. kg (2015) auf 2.010 Mio. kg (2025), was einem Rückgang von 12,0 % entspricht. Der Mindestwert lag bei 1.868 Mio. kg (im Pandemiejahr 2020). Gleichzeitig stieg der Produktionswert von 2.147 Mio. EUR auf 2.254 Mio. EUR (+5,0 %). Diese gegenläufige Entwicklung — weniger produzierte Menge, aber höherer Gesamtwert — bestätigt den Trend zur Produktion höherwertiger Spezialchemikalien und spiegelt die allgemeine Preisdynamik wider (Produktionsvolumen).

Tschechien als spezialisierter Produzent, Irland als Importeur ohne eigene Produktion

Die Spezialisierungsanalyse zeigt bemerkenswerte Unterschiede innerhalb der EU. Tschechien weist den höchsten RSCA-Wert (0,61) auf und ist damit der am stärksten spezialisierte Produzent von Appreturmitteln in der EU — mit einer Produktionsquote von knapp 20 % bei nur 4,8 % des EU-weiten Handelsvolumens. Österreich (RSCA 0,39) und Finnland (0,13) folgen. Am anderen Ende des Spektrums steht Irland mit einem RSCA von −0,98, was auf eine fast vollständige Importabhängigkeit bei vernachlässigbar eigener Produktion hindeutet (Spezialisierung).


Schlussbetrachtung

Der EU-Außenhandel mit Appreturmitteln (CN 3809) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Drei zentrale Trends bestimmen das Bild:

  1. Stärkung der Nettoexportposition: Die EU hat ihren Handelsbilanzüberschuss trotz leicht rückläufiger Exportmengen um 14 % auf 523 Mio. EUR ausgebaut. Die Steigerung der Exportpreise und die Halbierung der Importmengen trugen hierzu bei.

  2. Geopolitische Umorientierung: Der Verlust Russlands als Exportmarkt, der Brexit und die Spannungen mit den USA haben die Handelsströme erheblich umgeleitet. Großbritannien wurde zum wichtigsten bilateralen Partner, während neue Märkte in Südosteuropa und Asien an Bedeutung gewannen.

  3. Strukturelle Segmentverschiebung: Der Zusammenbruch der Papierchemikalien-Importe (−88,7 %) ist das markanteste Einzelereignis des gesamten Zeitraums. Die Textilchemikalien dominieren zunehmend sowohl Importe als auch Exporte, was auf die veränderte industrielle Basis der EU und die Globalisierung der Textilproduktion hindeutet.

Die zunehmende Exportkonzentration und die anhaltende Abhängigkeit von wenigen großen Partnern — insbesondere dem Vereinigten Königreich — stellen mittelfristig ein strategisches Risiko dar. Gleichzeitig signalisieren die steigenden Preise und die höhere Exportpropensität (von 23 % auf 35 %) eine wertschöpfungsintensive Positionierung der EU in diesem Segment.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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