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Marktentwicklung: Harz und Harzderivate (CN 3806) — 2015–2025

Einleitung

Die Warengruppe CN 3806 umfasst Kolofonium und Harzsäuren sowie deren Derivate, Harzöle und Schmelzharze. Diese Produkte werden vor allem in der Klebstoff-, Lack- und Papierindustrie eingesetzt und bilden einen wichtigen Teil der europäischen chemischen Industrie. Der analysierte Zeitraum 2015–2025 ist von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen geprägt: Die EU hat sich von einem Nettoimporteur zu einem Nettoexporteur entwickelt, die Handelspartner haben sich verschoben, und die Preisdynamik wurde durch globale Schocks wie die COVID-19-Pandemie und die Energiekrise 2022 nachhaltig beeinflusst. Der vorliegende Bericht analysiert diese Entwicklungen auf Grundlage der verfügbaren Handels- und Produktionsdaten.


1. Vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur: Die strukturelle Wende im EU-Harzhandel

1.1 Die Handelsbilanz kehrt sich erstmals 2017 um

Die auffälligste Entwicklung im Zeitraum ist die fundamentale Verschiebung der Handelsbilanz. Im Jahr 2015 wies die EU ein Handelsdefizit von rund −114,4 Mio. € aus — die Importe (255,8 Mio. €) überstiegen die Exporte (141,4 Mio. €) deutlich. Bereits 2017 wurde erstmals ein Überschuss erzielt. Nach einem vorübergehenden Rückschlag in der Pandemie und einem erneuten Defizit im Krisenjahr 2022 (−25,6 Mio. €) stabilisierte sich der Überschuss und erreichte 2025 mit +75,3 Mio. € seinen Höchstwert.

Jahr Exporte (Mio. €) Importe (Mio. €) Saldo (Mio. €)
2015 141,4 255,8 −114,4
2016 127,7 147,7 −20,0
2017 132,3 108,6 +23,7
2019 127,1 112,4 +14,7
2020 119,2 81,1 +38,1
2021 142,2 142,0 +0,2
2022 181,5 207,0 −25,6
2023 147,8 114,9 +32,8
2024 175,9 113,0 +62,8
2025 178,3 103,0 +75,3

Quelle: Allgemeine Übersicht

1.2 Rückläufige Importe als Haupttreiber der Wende

Der Übergang zum Nettoexporteur wurde primär durch den drastischen Rückgang der Importe ermöglicht. Der Importwert sank von 255,8 Mio. € (2015) auf 103,0 Mio. € (2025), ein Rückgang von −59,7 %. Die importierte Menge fiel im selben Zeitraum von 141.005 t auf 76.988 t (−45,4 %). Auch die durchschnittlichen Importpreise gingen um 26,2 % zurück — von 1.814 €/t auf 1.338 €/t.

Besonders hervorzuheben ist der Einbruch der Importe in den Niederlanden (−80,3 %) und Belgien (−86,0 %), die 2015 mit 84,2 Mio. € bzw. 81,2 Mio. € die größten EU-Importländer waren. Diese Länder fungierten traditionell als Umschlagplätze (Rotterdam- und Antwerpen-Effekt); der Rückgang könnte sowohl auf echte Nachfrageverschiebungen als auch auf eine genauere Zuordnung der Handelsströme in den letzten Jahren hindeuten.

EU-Mitgliedstaat Importe 2015 (Mio. €) Importe 2025 (Mio. €) Änderung
Niederlande 84,2 16,6 −80,3 %
Belgien 81,2 11,4 −86,0 %
Spanien 31,0 11,6 −62,7 %
Deutschland 18,0 7,5 −58,2 %
Portugal 6,5 28,4 +337,7 %

Quelle: Top-Importländer nach Wert

Portugal ist hier als Gegenbeispiel bemerkenswert: Der Importzuwachs um fast das Vierfache spiegelt wahrscheinlich das Wachstum der portugiesischen Zellstoff- und Papierindustrie wider, die Kolofonium als Rohstoff benötigt.

1.3 Steigende Exportquote trotz rückläufiger Produktionsvolumina

Die Exporte entwickelten sich deutlich robuster als die Importe: Der Exportwert stieg von 141,4 Mio. € auf 178,3 Mio. € (+26,1 %), wobei die exportierte Menge nur moderat von 66.186 t auf 67.995 t zunahm (+2,7 %). Der Exportwertanstieg wurde also fast vollständig durch steigende Preise (+22,8 %) getrieben.

Parallel dazu stieg die Exportquote (Exportpropensity) von 20,6 % im Jahr 2015 auf 29,1 % im Jahr 2025 — ein Zuwachs von 41,0 %. Die EU exportiert also einen wachsenden Anteil ihrer heimischen Produktion, obwohl die Produktionsmenge selbst von 337.574 t auf 300.000 t (−11,1 %) gesunken ist. Der Produktionswert stieg hingegen von 370 Mio. € auf 604 Mio. € (+63,3 %), was auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Erzeugnissen und/oder steigende Preise hindeutet.


2. Geopolitische Umbrüche und neue Handelspartnerschaften

2.1 Der Zusammenbruch der US-Importe — und der Aufstieg der USA als Exportmarkt

Die dramatischste geographische Verschiebung betrifft die Handelsbeziehungen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten. Auf der Importseite brachen die US-Lieferungen von 43,9 Mio. € (2015) auf nur noch 1,0 Mio. € (2025) ein — ein Rückgang von −97,6 %. Gleichzeitig entwickelten sich die USA zum wichtigsten Exportmarkt der EU: Die Exporte dorthin stiegen von 6,9 Mio. € auf 39,5 Mio. € (+471,6 %), womit die USA das Vereinigte Königreich als größten Abnehmer ablösten.

Handelspartner Richtung 2015 (Mio. €) 2025 (Mio. €) Änderung
USA Importe 43,9 1,0 −97,6 %
USA Exporte 6,9 39,5 +471,6 %
Brasilien Importe 61,4 47,9 −21,9 %
China Exporte 5,3 13,8 +160,3 %
Indien Exporte 3,7 8,8 +137,8 %
Russland Exporte 5,6 1,5 −73,8 %

Quelle: Top-Partner nach Wert

Diese Entwicklung lässt sich wahrscheinlich durch die gestiegene US-Inlandsproduktion und den Aufbau eigener Verarbeitungskapazitäten erklären, während die EU zunehmend Derivate und hochwertige Harzprodukte in die USA exportiert.

2.2 Brasilien als wichtigster Importpartner — mit rückläufigem Trend

Brasilien blieb über den gesamten Zeitraum der wichtigste einzelne Importpartner der EU, mit einem Volumen von 47,9 Mio. € im Jahr 2025. Allerdings sank auch dieser Wert gegenüber 2015 (61,4 Mio. €) um 21,9 %. Brasilien ist als weltweit größter Produzent von Tallöl-Kolofonium ein natürlicher Rohstofflieferant für die europäische Harzverarbeitungsindustrie.

Argentinien hingegen steigerte seine Exporte in die EU von 7,0 Mio. € auf 13,3 Mio. € (+88,7 %) und gewann als sekundärer Lieferant aus Südamerika an Bedeutung. Indonesien und China verloren hingegen an Boden (−50,7 % bzw. −39,9 %).

Auffällig ist auch der Kategorie „nicht näher bezeichnete Länder und Gebiete", die 2015 mit 63,3 Mio. € einen erheblichen Anteil der Importe ausmachte und bis 2025 auf 16,7 Mio. € (−73,6 %) sank. Diese Verbesserung der Datenqualität überzeichnet den tatsächlichen Rückgang der physischen Importe teilweise.

2.3 Steigende Konzentration der Importe, sinkende der Exporte

Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) zeigen eine gegenläufige Entwicklung: Während sich die Importe zunehmend auf weniger Partner konzentrieren, diversifizieren sich die Exportströme.

Kennzahl 2015 2025 Änderung
HHI Importe (Wert) 1.839 2.641 +43,6 %
HHI Importe (Menge) 1.969 3.785 +92,3 %
HHI Exporte (Wert) 1.734 1.182 −31,9 %
HHI Exporte (Menge) 1.866 1.281 −31,4 %

Quelle: Konzentration (HHI)

Der HHI-Wert für Importe von 2.641 im Jahr 2025 liegt über der Schwelle von 2.500, ab der eine Branche als hochkonzentriert gilt. Dies birgt ein Lieferantenrisiko: Brasilien allein deckt fast die Hälfte der EU-Importe ab. Im Gegensatz dazu sind die Exporte mit einem HHI von 1.182 deutlich diversifizierter, was die Verhandlungsposition der EU stärkt.

2.4 Russlands Bedeutung als Exportmarkt schwindet

Die Exporte in die Russische Föderation sanken von 5,6 Mio. € auf 1,5 Mio. € (−73,8 %), was sich im Kontext der Sanktionen nach 2022 erklären lässt. Die Volatilität der Handelsströme mit Russland war dabei mit einem Variationskoeffizienten von 1,82 bei Importen die höchste aller untersuchten Partner — ein Indikator für extreme Unsicherheit in dieser Handelsbeziehung.


3. Wertschöpfungskette und Preisdynamik: Die EU als Derivate-Verarbeiter

3.1 Rohharz rein, Derivate raus — die EU in der Wertschöpfungskette

Die Segmentanalyse offenbart ein klares Bild der EU als Verarbeitungsstandort: Die EU importiert vorwiegend Kolofonium und Harzsäuren (CN 380610) und exportiert hauptsächlich Harzester (CN 380630) sowie weitere Derivate (CN 380690).

Importstruktur 2025 (Wertanteile):

Segment Beschreibung Mio. € Anteil
380610 Kolofonium und Harzsäuren 73,3 71,1 %
380690 Sonstige Derivate 17,1 16,6 %
380630 Harzester 11,8 11,5 %
380620 Salze 0,9 0,8 %
Gesamt 103,0 100 %

Exportstruktur 2025 (Wertanteile):

Segment Beschreibung Mio. € Anteil
380630 Harzester 103,2 57,9 %
380690 Sonstige Derivate 48,1 27,0 %
380610 Kolofonium und Harzsäuren 17,0 9,5 %
380620 Salze 10,0 5,6 %
Gesamt 178,3 100 %

Quelle: Produktsegmentvergleich

Während Kolofonium (380610) 71 % der Importe ausmacht, dominieren Harzester (380630) mit 58 % die Exporte. Der Export von Kolofonium (380610) wuchs dabei besonders dynamisch: von 7,3 Mio. € auf 17,0 Mio. € (+133,1 %). Die EU importiert Rohkolofonium zu durchschnittlich 1.124 €/t und exportiert es zu 2.104 €/t — ein Hinweis auf die Veredelung und Qualitätsdifferenzierung innerhalb desselben Zollcodes.

3.2 Preisentwicklung und der globale Schock von 2022

Die durchschnittlichen Exportpreise stiegen von 2.136 €/t (2015) auf 2.622 €/t (2025) (+22,8 %). Allerdings verlief die Preisentwicklung nicht linear. Das Jahr 2022 markierte einen deutlichen Preisschock, der auf gestiegene Energiekosten, Lieferkettenunterbrechungen und die Nachwirkungen der COVID-19-Pandemie zurückzuführen ist.

Die Preisspitze von 2022 zeigt sich besonders eindrucksvoll in den Exportpreisen der einzelnen Segmente:

Segment Exportpreis 2020 (€/t) Exportpreis 2022 (€/t) Exportpreis 2025 (€/t)
380610 – Kolofonium 1.369 2.773 2.104
380620 – Salze 1.686 3.598 4.328
380630 – Harzester 1.686 2.753 2.563
380690 – Sonstige Derivate 2.040 3.232 2.771

Quelle: Produktsegmentvergleich

Im Jahr 2022 wurden zudem drei signifikante Preisschocks identifiziert:

  • Indonesien (Importe, 2021): Ein abnormaler Preisanstieg von +71,2 % bei einem Anormalitäts-Score von 40,7 und einem Wertanteil von 11,4 %. Dies könnte mit pandemiebedingten Angebotsverknappungen in Südostasien zusammenhängen.
  • China (Exporte, 2022): Ein Preisanstieg von +55,6 % (Anormalität: 30,0), vermutlich getrieben durch die chinesische Nachfrageerholung nach den COVID-Lockdowns.
  • Vereinigtes Königreich (Exporte, 2022): Ein Anstieg von +40,1 % (Anormalität: 7,8) bei einem Wertanteil von 32,4 % — der größte einzelne Exportmarkt.

Die Preise haben sich seit 2022 wieder leicht normalisiert, liegen aber 2025 in den meisten Segmenten noch über dem Vor-Corona-Niveau.

3.3 Regionale Spezialisierung: Portugal, Skandinavien und die Harzverarbeitung

Die Spezialisierungsanalyse (RSCA) für das Jahr 2025 zeigt, dass innerhalb der EU eine deutliche regionale Konzentration der Harzproduktion besteht:

Land RSCA RCA Anteil an EU-Produktion Anteil an EU-Exporten
Portugal 0,89 17,74 24,5 % 1,4 %
Finnland 0,87 13,95 14,0 % 1,0 %
Schweden 0,59 3,91 9,4 % 2,4 %
Frankreich 0,12 1,29 10,0 % 7,8 %
Belgien 0,12 1,27 10,7 % 8,5 %

Quelle: Spezialisierung

Portugal, Finnland und Schweden weisen die höchste Spezialisierung auf — Länder mit bedeutender Forstwirtschaft und Papierindustrie, in denen Tallöl als Koppelprodukt anfällt. Interessanterweise produzieren Portugal und Finnland zwar einen erheblichen Anteil der EU-Gesamtmenge (zusammen 38,5 %), ihr Anteil an den EU-Exporten ist aber gering (zusammen 2,4 %). Dies deutet darauf hin, dass ein Großteil der Produktion innerhalb der EU weiterverarbeitet oder verbraucht wird.

Belgiens Exporte explodierten regelrecht: von 4,7 Mio. € (2015) auf 29,9 Mio. € (2025) — ein Anstieg von +529,7 %. Belgien entwickelte sich damit vom Importeur zum drittgrößten Exporteur innerhalb der EU, was auf eine Verlagerung der Verarbeitungskapazitäten oder veränderte Handelsströme über den Hafen von Antwerpen hindeuten könnte.


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für Harz und Harzderivate (CN 3806) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend transformiert. Die zentrale Erkenntnis ist der Übergang von einem Nettoimporteur zu einem zunehmend exportstarken Markt: Das Handelsdefizit von −114,4 Mio. € im Jahr 2015 verwandelte sich in einen Überschuss von +75,3 Mio. € im Jahr 2025. Dieser Wandel wurde durch zwei parallele Trends ermöglicht: einen drastischen Rückgang der Importe (−59,7 %) und ein moderates Exportwachstum (+26,1 %), das vor allem auf steigende Preise zurückzuführen ist.

Geographisch haben sich die Handelsströme deutlich verschoben. Die USA wandelten sich vom zweitgrößten Importpartner zum wichtigsten Exportmarkt, während Brasilien zwar als Hauptimportquelle erhalten blieb, aber an Bedeutung verlor. Die Importkonzentration stieg dabei auf ein bedenkliches Niveau (HHI: 2.641), während sich die Exporte diversifizierten.

Die EU positioniert sich zunehmend als Verarbeitungsstandort in der Harzwertschöpfungskette: Rohkolofonium wird importiert und als hochwertige Derivate — insbesondere Harzester — exportiert. Die Preisentwicklung war volatil, mit einem deutlichen Schock im Jahr 2022, der sich 2025 noch nicht vollständig normalisiert hat. Die Nettoimportabhängigkeit sank von +16,4 % auf −11,6 %, was die gestärkte Autonomie der EU in diesem Sektor unterstreicht. Gleichzeitig bleibt die hohe Abhängigkeit von Brasilien als Rohstofflieferant ein potenzielles Vulnerabilitätsrisiko, das eine Diversifizierung der Importquellen ratsam erscheinen lässt.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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