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Marktentwicklung: Graphit (CN 3801) — 2015–2025

Einleitung

Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Zeitraum 2015 bis 2025 für den Zolltarif CN 3801, der künstlichen Graphit, kolloidalen/halbkolloidalen Graphit sowie Zubereitungen auf Graphit- oder Kohlenstoffgrundlage (in Form von Pasten, Blöcken, Platten oder anderen Halbfertigerzeugnissen) umfasst. Die Position gliedert sich in vier Unterpositionen:

Code Beschreibung
380110 Künstlicher Graphit
380120 Kolloider und halbkolloider Graphit
380130 Kohlenstoffhaltige Pasten für Elektroden und Ofenauskleidungen
380190 Zubereitungen auf Graphit-/Kohlenstoffgrundlage (Pasten, Blöcke, Platten u. a.)

Graphit ist ein strategischer Rohstoff für die Stahlindustrie, die Batterieproduktion (insbesondere Lithium-Ionen-Anoden), die Automobilindustrie und zahlreiche Hochtemperaturanwendungen. Die analysierte Dekade ist von einer fundamentalen strukturellen Wende geprägt: Die EU wandelte sich von einem leichten Nettoexporteur zu einem erheblich importabhängigen Markt, wobei China als dominanter Lieferant eine zunehmend zentrale Rolle einnimmt.


1. Vom Überschuss zum Defizit: Die strukturelle Wende im EU-Graphithandel

Der Zusammenbruch der Handelsbilanz

Der auffälligste Trend im betrachteten Zeitraum ist der Wandel der EU-Handelsbilanz. Die EU verzeichnete 2015 noch einen leichten Handelsüberschuss von rd. 1,7 Mio. EUR. Bis 2018 wuchs dieser Überschuss auf rund 211 Mio. EUR an — dem Höchstwert im gesamten Zeitraum. Ab 2020 kippte die Bilanz jedoch in ein zunehmendes Defizit, das 2023 mit rund −641 Mio. EUR seinen Tiefpunkt erreichte. Bis 2025 hat sich das Defizit auf −164 Mio. EUR verringert, liegt aber weiterhin deutlich im Negativen.

Kennzahl 2015 2018 2020 2022 2023 2025
Exporte (Mrd. EUR) 0,16 0,45 0,25 0,44 0,32 0,31
Importe (Mrd. EUR) 0,16 0,24 0,43 0,95 0,96 0,47
Saldo (Mrd. EUR) +0,002 +0,21 −0,18 −0,51 −0,64 −0,16
Nettoimportquote (%) −4,0 36,9

Die Nettoimportquote verlief von −4,0 % (2015, also leichter Nettoexporteur) bis auf 36,9 % (2025). Der Höchstwert lag bei 50,5 %. Die Veränderung gegenüber dem Ausgangswert beträgt rechnerisch über 1.000 %.

Asymmetrisches Wachstum: Importe wachsen doppelt so schnell

Die Importentwicklung übertraf die Exportentwicklung über den gesamten Zeitraum deutlich:

Kennzahl Exporte Importe
Wert 2015 159 Mio. EUR 157 Mio. EUR
Wert 2025 308 Mio. EUR 473 Mio. EUR
Wertänderung +94,0 % +200,8 %
Menge 2015 67.692 t 89.760 t
Menge 2025 105.833 t 170.949 t
Mengenänderung +56,3 % +90,5 %

Sowohl in Wert- als auch in Mengentermen wuchsen die Importe etwa doppelt so stark wie die Exporte. Bemerkenswert ist, dass die Importmengen bereits 2015 über dem Exportniveau lagen (89.760 t vs. 67.692 t) — die EU war also in Volumentermen schon damals nettoimportabhängig; der damalige leichte Wertüberschuss ergab sich aus höheren Exportpreisen.

Preisentwicklung und Lücke zwischen Im- und Exportpreisen

Die Durchschnittspreise beider Handelsrichtungen stiegen im Zeitraum stark an, allerdings mit unterschiedlicher Dynamik:

Kennwert 2015 2022 (Peak) 2025
Exportpreis (EUR/t) 2.347 3.256 2.913
Importpreis (EUR/t) 1.751 5.106 2.766
Differenz (EUR/t) +596 −1.850 +148

Bis 2015 lagen die Exportpreise über den Importpreisen, was auf die Ausfuhr höherwertiger Spezialprodukte hindeutete. Ab 2019 überstiegen die Importpreise jedoch die Exportpreise — ein Effekt der weltweiten Graphitverknappung und der massiven Preisanstiege insbesondere bei künstlichem Graphit aus China. Bis 2025 hat sich die Preisspreizung wieder weitgehend normalisiert (+148 EUR/t zugunsten der Exporte), was auf eine gewisse Marktentlastung hindeutet.


2. China als dominanter Lieferant: Konzentration, Volatilität und geopolitische Risiken

Chinas exponentiell wachsender Importanteil

Die Importpartnerstruktur hat sich im Zeitraum fundamental verschoben. China entwickelte sich vom wichtigsten unter mehreren Lieferanten zum quasi-dominanten Anbieter:

Lieferant Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
China 29,9 300,4 +905,6 %
Japan 25,8 38,0 +47,7 %
USA 30,5 36,2 +18,7 %
Norwegen 15,7 15,8 +0,8 %
Indien 13,4 10,3 −23,6 %
Vereinigtes Königreich 12,3 8,2 −33,2 %
Russische Föderation 3,3 0,0001 −100,0 %

Chinas Anteil an den EU-Graphitimporten stieg von rd. 19 % (2015) auf rd. 64 % (2025). Der Importwert aus China erreichte 2023 mit 752 Mio. EUR seinen Spitzenwert — fast das 25-fache des Ausgangsniveaus. Dieses Wachstum spiegelt die zunehmende EU-Nachfrage nach Anodenmaterial für Lithium-Ionen-Batterien wider, deren Produktion massiv auf künstlichen Graphit aus China angewiesen ist.

Preisvolatilität und identifizierte Schocks

Die Preisvolatilität variiert je nach Handelspartner erheblich. Anhand des Variationskoeffizienten (CV) lassen die volatilsten Partnerschaften identifizieren:

Partner (Importe) CV Partner (Exporte) CV
Island 1,73 Russische Föderation 1,07
Brasilien 1,26 Georgien 0,84
Malaysia 0,84 Japan 0,69
China 0,60 Mexiko 0,57
Russische Föderation 0,60 Türkei 0,47

Im Zeitraum wurden drei signifikante Preisschocks detektiert:

Schock Jahr Typ Anstieg Anteil am Gesamtwert
China-Importe 2019 Preis +203,5 % 72,2 %
Norwegen-Importe 2022 Preis +76,3 % 4,4 %
Mexiko-Exporte 2022 Preis +56,0 % 6,2 %

Der China-Preisschock von 2019 ist der mit Abstand bedeutsamste: Bei einem Anstieg von über 200 % und einem Wertanteil von 72,2 % an den gesamten EU-Importen wirkte er sich unmittelbar auf die gesamte europäische Wertschöpfungskette aus. Der Norwegen-Schock 2022 fällt in den Kontext der Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, die die norwegische Energieintensive Industrie besonders traf. Der Exportpreisschock nach Mexiko 2022 steht im Zusammenhang mit dem globalen Rohstoffpreisanstieg.

Steigende Konzentration und Sanktionswirkung

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importpartner stieg im Zeitraum drastisch:

HHI (Wertbasis) 2015 2025 Veränderung
Importe 1.361 4.227 +210,5 %
Exporte 1.059 1.471 +38,9 %

Ein HHI von über 2.500 gilt als hochkonzentriert. Die Importe erreichen mit 4.227 einen Wert, der auf eine extreme Abhängigkeit von wenigen Quellen hindeutet — primär China. Die Exporte bleiben mit 1.471 deutlich diversifizierter.

Die Importe aus der Russischen Föderation brachen nach 2022 vollständig zusammen: von 9,4 Mio. EUR (2018, Höchstwert) auf nur 107 EUR (2025). Dies ist eindeutig auf die EU-Sanktionen gegen Russland zurückzuführen. Die dadurch entstandene Lücke wurde weitgehend durch verstärkte Importe aus China geschlossen, was die ohnehin bestehende Konzentration weiter verschärfte.


3. Produktion, Segmente und Mitgliedstaatliche Dynamik innerhalb der EU

EU-Produktion: Wertexpansion bei moderater Mengenentwicklung

Die EU-Inlandsproduktion (PRODCOM 23.99.14.00) zeigt eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen Wert- und Mengenentwicklung:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktionswert (Mio. EUR) 204 636 +211,7 %
Produktionsmenge (t) 83.304 107.732 +29,3 %

Während die Produktionsmenge nur um rd. 29 % stieg, verdreifachte sich der Produktionswert nahezu. Dies deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten sowie auf allgemeine Preiseffekte hin. Die Relation von Importmenge zu Produktionsmenge verschärfte sich dennoch: von 1,1 (2015: 89.760 t Importe vs. 83.304 t Produktion) auf 1,6 (2025: 170.949 t vs. 107.732 t). Die EU produziert also heimisch weniger als die Hälfte dessen, was sie insgesamt benötigt.

Die Spezialisierungsmuster innerhalb der EU zeigen, dass Frankreich (RSCA: 0,43), Österreich (0,43) und Deutschland (0,21) die am stärksten auf Graphit exportorientierten Mitgliedstaaten sind. Deutschland dominiert sowohl mit einem Exportanteil von 32 % als auch mit einem Importanteil von 21 % am EU-Gesamtvolumen.

Segmentanalyse: Künstlicher Graphit dominiert Im- und Exporte

Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt sehr unterschiedliche Entwicklungen:

Importe nach Segment (Werte in Mio. EUR):

Segment 2015 2019 2022 2023 2025 Δ 2015→2025
380110 – Künstlicher Graphit 117 251 827 819 378 +223 %
380190 – Zubereitungen 24 54 99 122 77 +223 %
380130 – Elektrodenpasten 13 13 18 15 12 −7 %
380120 – Kolloider Graphit 4 4 3 2 7 +56 %

Importe nach Segment (Mengen in t):

Segment 2015 2019 2022 2023 2025 Δ 2015→2025
380110 – Künstlicher Graphit 58.280 81.551 154.971 156.021 117.375 +101 %
380190 – Zubereitungen 12.991 15.274 20.479 22.533 44.757 +244 %
380130 – Elektrodenpasten 18.238 15.057 11.139 8.834 8.011 −56 %
380120 – Kolloider Graphit 250 539 220 217 806 +222 %

Künstlicher Graphit (380110) ist mit Abstand das größte Segment und verzeichnete sowohl in Wert als auch Menge das stärkste Wachstum. Der Importwert erreichte 2022 mit 827 Mio. EUR einen Spitzenwert — ein Anstieg, der primär durch die massiven Preissteigerungen (von 2.001 EUR/t auf 5.334 EUR/t) getrieben war. Die Mengenentwicklung zeigt einen anderen Verlauf: Hier stiegen die Importe von 58.280 t (2015) auf 156.021 t (2023) und fielen 2025 auf 117.375 t — ein möglicher Hinweis auf Bestandsanpassungen und Nachfragekalibrierung nach dem Preisschock.

Zubereitungen auf Graphit-/Kohlenstoffbasis (380190) zeigen das dynamischste Mengenwachstum: Die Importmenge verdreifachte sich nahezu von 12.991 t auf 44.757 t, was auf wachsende Bedarfe in der Batterie- und Elektrodenfertigung hindeutet. Dieses Segment hat 380130 (Elektrodenpasten) als zweitgrößtes Importsegment abgelöst.

Elektrodenpasten (380130) verzeichnen dagegen einen kontinuierlichen Rückgang sowohl in der Import- (von 18.238 t auf 8.011 t, −56 %) als auch in der Exportmenge (von 41.968 t auf 41.677 t, −1 %). Der Rückgang der Importe könnte auf eine Verlagerung der Elektrodenproduktion in Drittländer oder den technologischen Wandel in der Stahlherstellung (Elektrolichtbogenöfen) hindeuten.

Kolloider und halbkolloider Graphit (380120) bleibt ein Nischensegment, zeigt aber in jüngster Zeit ein auffälliges Mengenwachstum bei den Exporten (von 1.873 t auf 4.807 t) sowie bei den Importen (2025: 806 t vs. 250 t in 2015). Die Exportpreise für 380120 liegen mit 2.834 EUR/t (2025) deutlich unter denen der anderen Segmente, was auf einen eher standardisierten Produktcharakter hindeutet.

Mitgliedstaatliche Dynamiken: Osteuropäische Importexplosion

Die Importentwicklung nach EU-Mitgliedstaaten zeigt eine bemerkenswerte geographische Verschiebung:

Mitgliedstaat Importe 2015 (Mio. EUR) Importe 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Ungarn 0,5 170,6 +31.375 %
Polen 3,8 106,6 +2.691 %
Deutschland 42,9 66,8 +55,7 %
Niederlande 17,5 35,2 +101,1 %
Frankreich 26,4 30,9 +17,3 %
Belgien 17,2 13,4 −22,0 %
Italien 15,7 19,1 +21,6 %

Ungarns Importe stiegen von lediglich 0,5 Mio. EUR auf 170,6 Mio. EUR — ein Anstieg um das 314-fache. Polen verzeichnete ebenfalls ein extremes Wachstum (von 3,8 auf 106,6 Mio. EUR). Diese Entwicklung steht im direkten Zusammenhang mit den massiven Investitionen in Batterie-Gigafactories in diesen Ländern (u. a. Samsung SDI in Ungarn, LG Energy Solution und SK Innovation in Polen), die große Mengen an künstlichem Graphit als Anodenmaterial benötigen.

Bei den Exporten dominieren Deutschland (+91,7 %, auf 116 Mio. EUR), Frankreich (+116,3 %, auf 86 Mio. EUR) und ein bemerkenswerter Anstieg Spaniens (von 1,9 Mio. EUR auf 41,8 Mio. EUR, +2.147 %). Spaniens starkes Exportwachstum könnte mit der Ansiedlung von Batterie- und Automobilzulieferern in Verbindung stehen.

Die wichtigsten Exportziele sind die USA (98,6 Mio. EUR, +530 %), Indien (21,6 Mio. EUR, +127 %), Brasilien (20,8 Mio. EUR, +549 %) und Norwegen (17,2 Mio. EUR, +97 %). Das starke Wachstum der Exporte in die USA und nach Brasilien spiegelt die globale Nachfrage nach Graphitprodukten in einem Umfeld zunehmender Diversifizierungsbemühungen außerhalb Chinas wider.


Schlussfolgerung

Der EU-Graphithandel (CN 3801) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental verändert. Die drei zentralen Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Strukturelle Handelswende: Die EU hat sich von einem nahezu ausgeglichenen Handel (leichter Überschuss von 1,7 Mio. EUR in 2015) zu einem erheblichen Nettoimporteur entwickelt (Defizit von 164 Mio. EUR in 2025, Spitzenwert von −641 Mio. EUR in 2023). Die Nettoimportquote stieg von −4 % auf 37 %. Importe wuchsen sowohl in Wert (+201 %) als auch Menge (+91 %) deutlich schneller als Exporte (+94 % bzw. +56 %). Die EU-Inlandsproduktion konnte trotz Wertverdreifachung (+212 %) mengenmäßig nicht Schritt halten (+29 %), sodass der Importbedarf die heimische Produktion um 60 % übersteigt.

  2. China-Abhängigkeit als zentrales Risiko: China ist mit einem Importanteil von 64 % (300 Mio. EUR) der dominierende Lieferant. Der HHI der Importe stieg von 1.361 auf 4.227 — ein Niveau, das eine extreme Konzentration anzeigt. Die vollständige Abkehr von russischen Lieferungen nach 2022 verschärfte diese Konzentration zusätzlich. Der massive Preisschock bei chinesischen Importen (2019, +203 %) demonstrierte die Verwundbarkeit der EU-Lieferkette.

  3. Batteriemand als Treiber der Nachfrageverschiebung: Die explosive Zunahme der Importe in Ungarn (+31.375 %) und Polen (+2.691 %) sowie das starke Wachstum des Segments 380190 (Zubereitungen, +244 % mengenmäßig) deuten auf den raschen Ausbau der europäischen Batterieproduktion als zentralen Nachfragetreiber hin. Gleichzeitig sinkt die traditionelle Nachfrage nach Elektrodenpasten (380130, −56 % mengenmäßig), was auf den technologischen Wandel in der Stahlindustrie hindeutet.

Die Daten legen nahe, dass die strategische Autonomie der EU im Bereich Graphit seit 2020 erodiert ist. Maßnahmen zur Diversifizierung der Lieferantenbasis, zum Ausbau heimischer Kapazitäten und zur Förderung von Recyclingtechnologien werden angesichts der weiter wachsenden Batterienachfrage zu einem zentralen Handlungsfeld der europäischen Rohstoffpolitik.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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