Marktentwicklung: Tabak und Nikotinprodukte (CN 24) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Warenbereich CN 24 (Tabak, Tabakersatzstoffe sowie nikotinhaltige Erzeugnisse zur Inhalation ohne Verbrennung und sonstige nikotinhaltige Produkte) im Zeitraum 2015 bis 2025. Der betrachtete CN-Code umfasst vier Unterkapitel: unverarbeiteten Tabak (2401), Zigarren und Zigaretten (2402), verarbeiteten Tabak (2403) sowie seit 2022 eigenständig ausgewiesene E-Zigaretten und nikotinhaltige Alternativprodukte (2404). Der Zeitraum ist von drei zentralen Entwicklungen geprägt: einem deutlichen preisgetriebenen Wachstum der Exporte, der strukturellen Herausbildung eines neuen Produktsegments (CN 2404) und einer erheblichen Neuausrichtung der Handelspartnerlandschaft. Die EU ist über den gesamten Zeitraum hinweg Nettoexporteur und hat diesen Status bis 2025 noch einmal deutlich ausgebaut.
Weitere Informationen zu Umfang und Definitionen des CN-Codes 24 finden sich im Überblick auf dem EU Trade Dashboard.
1. Preisgetriebenes Exportwachstum und ein sich verdreifachender Handelsüberschuss
1.1 Die Exporte verdoppeln sich im Wert, bleiben mengenmäßig jedoch nahezu stabil
Der auffälligste Befund im Gesamtüberblick ist die Diskrepanz zwischen Wert- und Mengenentwicklung der EU-Ausfuhren. Zwischen 2015 und 2025 stieg der Exportwert von rd. 4,4 Mrd. EUR auf rd. 8,3 Mrd. EUR (+87,6 %), während die exportierte Menge lediglich von 394.212 t auf 414.179 t zunahm (+5,1 %). Dies bedeutet, dass nahezu das gesamte nominale Wachstum auf gestiegene Stückpreise zurückzuführen ist: Der durchschnittliche Exportpreis kletterte von 11.251 EUR/t auf 20.097 EUR/t (+78,6 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 4,44 | 8,32 | +87,6 % |
| Exportmenge (t) | 394.212 | 414.179 | +5,1 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 11.251 | 20.097 | +78,6 % |
| Importwert (Mrd. EUR) | 3,10 | 5,41 | +74,7 % |
| Importmenge (t) | 597.687 | 643.414 | +7,7 % |
| Importpreis (EUR/t) | 5.175 | 8.407 | +62,4 % |
| Handelsbilanz (Mrd. EUR) | 1,34 | 2,91 | +117,5 % |
Quelle: Gesamtübersicht
1.2 Der Handelsüberschuss wächst überproportional — gestützt durch Preisdivergenz
Die Handelsbilanz verbesserte sich von 1,34 Mrd. EUR (2015) auf 2,91 Mrd. EUR (2025), was einem Plus von 117,5 % entspricht. Der Maximalwert wurde 2024 mit rd. 3,19 Mrd. EUR erreicht. Der Grund für das überproportionale Wachstum des Überschusses liegt in der Preisentwicklung: Während die Exportpreise um 78,6 % stiegen, erhöhten sich die Importpreise lediglich um 62,4 %. Die EU exportiert also tendenziell hochpreisigere Tabak- und Nikotinprodukte (insbesondere Zigaretten und E-Zigaretten) und importiert mengenmäßig vor allem unverarbeiteten Rohtabak, der einen deutlich geringeren Einheitspreis aufweist.
1.3 Die EU baut ihre Rolle als Nettoexporteur kontinuierlich aus
Die Netto-Importabhängigkeit lag 2015 bei lediglich −2,3 % und verschob sich bis 2025 auf −33,1 %. Der negative Wert kennzeichnet die EU durchgehend als Nettoexporteur; die Verstärkung dieses Niveaus um mehr als das Zehnfache unterstreicht den Bedeutungszuwachs des Sektors für die EU-Außenhandelsbilanz. Parallel dazu stiegen die Exportquote von 6,5 % auf 68,4 % und die Handelsintensität von 10,4 % auf 78,0 % — beides Indikatoren für eine zunehmende Exportorientierung des Sektors.
2. Strukturelle Umwälzung: CN 2404 als neues Wachstumssegment mit hohen Einheitspreisen
2.1 Seit 2022 wird CN 2404 eigenständig erfasst — und wächst rasant
Das Unterkapitel 2404 (Erzeugnisse zur Inhalation ohne Verbrennung sowie nikotinhaltige Produkte zur Nikotinaufnahme) wurde ab 2022 als eigener Handelscode ausgewiesen. Es entwickelte sich in kürzester Zeit zu einem der wertstärksten Segmente innerhalb von CN 24. Die Einfuhren stiegen von 16.090 t bzw. 931 Mio. EUR (2022) auf 32.195 t bzw. 1,46 Mrd. EUR (2025). Noch dynamischer verliefen die Ausfuhren: von 26.077 t bzw. 1,34 Mrd. EUR (2022) auf 56.206 t bzw. 2,91 Mrd. EUR (2025). Die EU verzeichnete damit 2025 in diesem Segment bereits einen Überschuss von rd. 1,45 Mrd. EUR.
| CN-Code | Beschreibung | Importe 2025 (Mrd. EUR) | Exporte 2025 (Mrd. EUR) | Saldo |
|---|---|---|---|---|
| 2401 | Unverarbeiteter Tabak | 3,29 | 1,36 | −1,93 |
| 2402 | Zigarren, Zigaretten | 0,50 | 2,35 | +1,85 |
| 2403 | Verarbeiteter Tabak | 0,13 | 1,70 | +1,57 |
| 2404 | E-Zigaretten, Nikotinersatzprodukte | 1,46 | 2,91 | +1,45 |
Quelle: Produktsegmentvergleich
2.2 CN 2404 weist die mit Abstand höchsten Einheitspreise aller Segmente auf
Die durchschnittlichen Exportpreise für CN 2404 lagen bei rd. 51.749 EUR/t (2025), verglichen mit 29.194 EUR/t bei Zigaretten (2402), 14.868 EUR/t bei verarbeitetem Tabak (2403) und 8.375 EUR/t bei unverarbeitetem Tabak (2401). Dies spiegelt den hohen Wertschöpfungsanteil nikotinhaltiger Alternativprodukte (z. B. E-Liquids, Nikotinbeutel, Verdampfer) wider. Auch auf der Importseite ist das Segment mit rd. 45.423 EUR/t das teuerste. Die hohen Einheitspreise tragen trotz vergleichsweise geringer Mengen überproportional zum Gesamthandelswert bei.
2.3 Traditionelle Segmente zeigen divergierende Trends
Während CN 2404 expandierte, entwickelten sich die etablierten Segmente uneinheitlich:
- CN 2401 (unverarbeiteter Tabak): Die Importmengen blieben mit rd. 566.000–584.000 t relativ stabil; der Importwert stieg jedoch von 2,63 Mrd. EUR auf 3,29 Mrd. EUR (+25 %), was vor allem auf höhere Rohtabakpreise (von 4.644 auf 5.632 EUR/t) zurückzuführen ist. Die Ausfuhren von Rohtabak verloren mengenmäßig leicht an Boden (von 172.244 t auf 162.956 t), gewannen aber preislich deutlich (+49 %).
- CN 2402 (Zigarren, Zigaretten): Die Exportmengen sanken von rd. 140.000 t auf rd. 81.000 t (−42 %), wobei die Stückzahlen (supplementary unit) von rd. 126 Mio. Stück auf rd. 80 Mio. Stück fielen. Der Exportwert verringerte sich von 2,65 Mrd. EUR auf 2,35 Mrd. EUR, was einen kontinuierlichen Rückgang der EU-Zigarettenausfuhren in Drittmärkte signalisiert — möglicherweise bedingt durch regulatorische Verschärfungen und sinkende Nachfrage in Zielmärkten.
- CN 2403 (verarbeiteter Tabak): Die Exportmengen stiegen zwar leicht (von 80.791 t auf 114.184 t), der Exportwert unterlag jedoch starken Schwankungen und erreichte 2025 mit 1,70 Mrd. EUR nicht mehr das Rekordniveau von 2020 (3,13 Mrd. EUR). Die Exportpreise fielen von einem Spitzenwert von 23.192 EUR/t (2020) auf 14.868 EUR/t (2025).
2.4 Die inländische Produktion schrumpft signifikant
Parallel zum Strukturwandel im Handel ging die inländische Produktion in der EU deutlich zurück: Die Produktionsmenge sank von rd. 812 Mrd. kg auf rd. 535 Mrd. kg (−34,1 %), der Produktionswert von 17,3 Mrd. EUR auf 10,5 Mrd. EUR (−39,4 %). Dieser Rückgang ist sowohl auf den gesellschaftlichen Wandel (sinkender Zigarettenkonsum in der EU) als auch auf Verlagerungseffekte zurückzuführen. Der steigende Exportüberschuss trotz schrumpfender Inlandsproduktion deutet darauf hin, dass die EU zunehmend importierte Vorprodukte (v. a. Rohtabak) veredelt und in Form hochwertiger Fertigerzeugnisse wieder ausführt.
3. Radikale Neuausrichtung der Handelspartnerlandschaft
3.1 China wird zum dominierenden Importpartner — mit einem Preisschock 2022
Die Entwicklung der wichtigsten Handelspartner zeigt eine dramatische Verschiebung bei den Importen. China stieg von einem Importvolumen von rd. 85 Mio. EUR (2015) auf rd. 1,48 Mrd. EUR (2025) — eine Steigerung von 1.643 %. Ab 2022 ist dieser Anstieg fast vollständig auf das Segment CN 2404 (E-Zigaretten und Nikotinersatzprodukte) zurückzuführen. Der Preisschock bei den Einfuhren aus China im Jahr 2022 — mit einer abnormalen Preisabweichung von 293,3 und einem Preisanstieg von 547,4 % — ist auf die erstmalige getrennte Erfassung von CN 2404 und die hohen Einheitspreise des Segments zurückzuführen. Der Variationskoeffizient der Importwerte aus China liegt mit 0,378 deutlich über dem der traditionellen Tabaklieferanten.
| Importpartner | Wert 2015 (Mio. EUR) | Wert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Brasilien | 590 | 656 | +11,2 % |
| China | 85 | 1.476 | +1.643 % |
| Indien | 186 | 392 | +111,2 % |
| Malawi | 247 | 362 | +46,5 % |
| Tansania | 208 | 197 | −4,9 % |
| Mosambik | 143 | 188 | +32,0 % |
| USA | 371 | 279 | −24,9 % |
Quelle: Handelspartner — Importe
3.2 Japan wird zum mit Abstand wichtigsten Exportmarkt der EU
Auf der Exportseite ist der spektakulärste Anstieg bei Japan zu beobachten: Die EU-Ausfuhren nach Japan stiegen von 206 Mio. EUR (2015) auf rd. 1,74 Mrd. EUR (2025) — ein Plus von 743 %. Japan löste damit das Vereinigte Königreich als wichtigsten Einzelmarkt ab. Die Ukraine (+401 %), die Türkei (+120 %) und die Russische Föderation (+109 %) verzeichneten ebenfalls sehr starke Zuwächse. Demgegenüber sanken die Exporte in die Vereinigten Arabischen Emirate um 44,2 %, was auf eine Umorientierung der Handelsströme oder regulatorische Änderungen hindeuten könnte.
| Exportpartner | Wert 2015 (Mio. EUR) | Wert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Japan | 206 | 1.737 | +743,0 % |
| Vereinigtes Königreich | 410 | 599 | +46,0 % |
| Türkei | 237 | 522 | +119,8 % |
| Russische Föderation | 207 | 433 | +109,3 % |
| Schweiz | 171 | 349 | +103,9 % |
| Ukraine | 64 | 318 | +401,5 % |
| VAE | 334 | 187 | −44,2 % |
Quelle: Handelspartner — Exporte
3.3 Innerhalb der EU verschiebt sich die Exportfunktion von Deutschland zu Italien, Polen und Rumänien
Die Verteilung nach EU-Mitgliedstaaten offenbart eine bemerkenswerte interne Umstrukturierung. Deutschland war 2015 mit rd. 1,69 Mrd. EUR der mit Abstand größte EU-Exporter und sank bis 2025 auf rd. 1,10 Mrd. EUR (−35,3 %). Gleichzeitig stiegen die Exporte aus Italien von 104 Mio. EUR auf rd. 1,09 Mrd. EUR (+944 %), aus Rumänien von 59 Mio. EUR auf rd. 1,00 Mrd. EUR (+1.603 %), aus Polen von 230 Mio. EUR auf 894 Mio. EUR (+289 %) und aus Schweden von 186 Mio. EUR auf 726 Mio. EUR (+290 %). Diese Verschiebung spiegelt sowohl Produktionsverlagerungen innerhalb des Binnenmarktes als auch das Aufkommen neuer Produktionsstandorte für Nikotinersatzprodukte wider — insbesondere in Italien und Polen, die bei CN 2404 als Produktions- und Exportstandorte stark expandiert haben dürften.
3.4 Die Handelskonzentration nimmt bei Importen und Exporten zu
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importwerte stieg von 840 auf 1.128 (+34,3 %), für Exportwerte von 585 auf 744 (+27,3 %). Beide Werte liegen zwar noch unterhalb der Schwelle von 2.500, ab der von hoher Konzentration gesprochen wird, aber der Trend ist eindeutig: Auf der Importseite trug der rasant wachsende Anteil Chinas erheblich zur Konzentration bei. Auf der Exportseite spiegelt sich die zunehmende Dominanz weniger Schlüsselmärkte (allen voran Japan) wider. Besorgniserregend ist die Volatilität der Exportströme in bestimmte Märkte: Saudi-Arabien (CV 0,64), Ägypten (CV 0,45) und Serbien (CV 0,44) weisen hohe Schwankungen auf, was die Anfälligkeit für Nachfrageschocks in diesen Zielmärkten unterstreicht.
Schlussfolgerung
Die EU hat ihren Handel mit Tabak und Nikotinprodukten im Zeitraum 2015–2025 grundlegend transformiert. Die drei zentralen Befunde sind:
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Preisgetriebenes Wachstum: Der Exportwert wuchs um 87,6 %, obwohl die Mengen nur um 5,1 % zunahm. Die EU exportiert zunehmend hochwertige, stark verarbeitete Produkte — ein Trend, der den Handelsüberschuss von 1,3 Mrd. EUR auf 2,9 Mrd. EUR anwachsen ließ.
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Segmentwandel durch CN 2404: Die erstmalige separate Erfassung nikotinhaltiger Alternativprodukte ab 2022 hat ein neues, hochpreisiges Segment mit Einheitspreisen von rd. 50.000 EUR/t sichtbar gemacht, das sich in nur vier Jahren zum drittgrößten Handelssegment innerhalb von CN 24 entwickelt hat. Dieses Segment ist der Haupttreiber des preisgetriebenen Wachstums.
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Geopolitische Neuausrichtung: China avancierte zum wichtigsten Importpartner (v. a. für E-Zigarettenprodukte), Japan zum wichtigsten Exportmarkt. Innerhalb der EU verschob sich die Exportfunktion weg von Deutschland hin zu Italien, Rumänien, Polen und Schweden. Diese Umstrukturierung bringt sowohl Chancen (Diversifizierung, Wertschöpfung) als auch Risiken (wachsende Konzentration auf wenige Partner, Abhängigkeit von regulatorischen Rahmenbedingungen im Segment CN 2404) mit sich.
Die Daten legen nahe, dass die EU im Tabak- und Nikotinsektor von einem mengenorientierten hin zu einem wertschöpfungsorientierten Handelsmodell übergeht — ein Strukturwandel, der durch regulatorische Entwicklungen (EU-Tabakrichtlinie, nationale E-Zigaretten-Regulierungen) und Konsumtrends (Hinwendung zu Alternativprodukten) weiter angetrieben werden dürfte.