Marktentwicklung: getrocknete Hülsenfrüchte (CN 0713) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 0713 umfasst getrocknete und ausgelöste Hülsenfrüchte — darunter Erbsen, Kichererbsen, Bohnen, Linsen und Puffbohnen — auch in geschälter oder zerkleinerter Form. Diese Produktgruppe ist sowohl für die menschliche Ernährung als auch für die Tierfütterung von erheblicher Bedeutung und bildet einen wesentlichen Bestandteil der europäischen Agrarmärkte.
Der hier untersuchte Zeitraum 2015–2025 ist von mehreren strukturellen Umbrüchen geprägt: der wachsende Trend zu pflanzlichem Protein, die COVID-19-Pandemie, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine mit den darauffolgenden Sanktionen sowie globale Agrarpreisanstiege im Jahr 2022. Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU mit Drittländern und identifiziert die zentralen Marktdynamiken.
Produktübersicht und Definitionen
1. Strukturelles Defizit: Wachsende Importabhängigkeit trotz steigender Exportpreise
1.1 Die Handelsbilanz hat sich um über 70 % verschlechtert
Die EU ist im Zeitraum 2015–2025 durchgängig Netto-Importeurin von Hülsenfrüchten — und die Lücke zwischen Einfuhren und Ausfuhren hat sich deutlich vergrößert. Das Handelsdefizit verschlechterte sich von −490 Mio. € (2015) auf −839 Mio. € (2025), was einer Verschlechterung um 71,1 % entspricht. Der Tiefpunkt wurde 2022 mit −970 Mio. € erreicht, als die Importe im Zuge globaler Lieferengpässe auf 1.300 Mio. € stiegen. Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Abhängigkeit der EU von Drittländern bei Hülsenfrüchten.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 714 Mio. € | 1.114 Mio. € | +56,1 % |
| Importmenge | 763.746 t | 1.071.517 t | +40,3 % |
| Importpreis | 935 €/t | 1.040 €/t | +11,3 % |
| Exportwert | 223 Mio. € | 275 Mio. € | +23,2 % |
| Exportmenge | 584.707 t | 534.466 t | −8,6 % |
| Exportpreis | 382 €/t | 515 €/t | +34,8 % |
| Handelsbilanz | −490 Mio. € | −839 Mio. € | −71,1 % |
1.2 Exportpreissteigerungen kaschieren den mengenmäßigen Rückgang
Besonders bemerkenswert ist die gegenläufige Entwicklung von Exportwert und -menge: Während der Exportwert um 23,2 % stieg, sank die exportierte Menge um 8,6 %. Der gesamte Wertzuwachs ist damit ausschließlich auf Preissteigerungen zurückzuführen — der durchschnittliche Exportpreis erhöhte sich von 382 €/t auf 515 €/t (+34,8 %). Die EU exportiert mengenmäßig also weniger Hülsenfrüchte, erzielt aber höhere Erlöse. Die Importe hingegen wuchsen sowohl mengen- (+40,3 %) als auch wertmäßig (+56,1 %), was auf eine steigende inländische Nachfrage schließen lässt.
1.3 Mittelmeerländer dominieren den EU-internen Importmarkt
Innerhalb der EU konzentrieren sich die Importe auf wenige große Mitgliedstaaten. Italien war 2025 mit 314 Mio. € der mit Abstand größte Importeur, gefolgt von Spanien (217 Mio. €). Portugal verzeichnete das stärkste Wachstum (+104,6 % auf 84 Mio. €), was die dortige traditionsreiche Hülsenfrüchternährung widerspiegelt. Frankreich als einziger großer Importeur verzeichnete einen leichten Rückgang (−4,0 %).
Auf der Exportseite fällt auf, dass die Niederlande (+265,2 % auf 36 Mio. €) und insbesondere Dänemark (+1.415,6 % auf 24 Mio. €) stark gewachsen sind, während Frankreich (−33,7 %) und Litauen (−52,6 %) an Bedeutung verloren haben.
EU-interne Verteilung nach Mitgliedstaaten
| EU-Importeur | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 196 | 314 | +59,6 % |
| Spanien | 144 | 217 | +51,3 % |
| Portugal | 41 | 84 | +104,6 % |
| Niederlande | 46 | 83 | +79,9 % |
| Deutschland | 50 | 68 | +37,7 % |
| Belgien | 40 | 68 | +70,9 % |
| Frankreich | 72 | 69 | −4,0 % |
2. Geopolitische Verwerfungen und der Umbau der Lieferketten
2.1 Russlands Zusammenbruch als Lieferant nach 2022
Die gravierendste Veränderung in der Importpartnerstruktur betrifft Russland. Die EU-Importe aus Russland erreichten 2022 einen Spitzenwert von 274 Mio. €, brachen jedoch nach Verhängung der EU-Sanktionen drastisch ein und lagen 2025 bei nur noch 6 Mio. €. Die Volatilität dieser Handelsbeziehung war bereits vor dem Krieg extrem hoch (Variationskoeffizient CV von 1,02). Der frei gewordene Marktanteil musste von anderen Lieferanten aufgefangen werden.
2.2 Kanada, Argentinien und die Türkei füllen die Lücke
Kanada hat sich als neuer dominanter Lieferant etabliert. Die Importe stiegen von 145 Mio. € auf 305 Mio. € (+110,1 %), was Kanada mit deutlichem Abstand zum wichtigsten EU-Lieferanten macht. Die USA (+33,8 % auf 181 Mio. €) und Argentinien (+42,9 % auf 130 Mio. €) konnten ebenfalls deutlich zulegen. Die Türkei (+112,5 % auf 75 Mio. €) ist der am zweitschnellsten wachsende Lieferant. Bemerkenswert ist auch das Wachstum der Ukraine-Importe (+863,4 % auf 30 Mio. €), das teilweise auf EU-Handelserleichterungen (Autonomer Handelszollsenkung) zurückzuführen sein dürfte.
| Drittland-Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Kanada | 145 | 305 | +110,1 % |
| USA | 135 | 181 | +33,8 % |
| Argentinien | 91 | 130 | +42,9 % |
| Türkei | 35 | 75 | +112,5 % |
| Ukraine | 3 | 30 | +863,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 18 | 21 | +17,3 % |
| Russland | 10 | 6 | −37,3 % |
2.3 Preisschocks 2022 und erhöhte Volatilität in den Handelsströmen
Das Jahr 2022 markiert einen Wendepunkt mit drei signifikanten Preisschocks:
- Importpreise aus den USA: Anstieg um 57,4 % (Abnormalitäts-Score 9,8), was auf die globale Verteuerung von Agrarrohstoffen nach dem Ukraine-Krieg zurückzuführen ist
- Exportpreise nach Ägypten: Anstieg um 44,1 % (Score 9,5), bei einem Exportanteil von 28,6 %
- Exportpreise nach Indien: dramatischer Anstieg um 430,6 % (Score 9,3), verbunden mit dem nahezu vollständigen Zusammenbruch der EU-Exporte nach Indien — von 66 Mio. € (2015) auf 0,1 Mio. € (2025), was auf indische Exportbeschränkungen für Hülsenfrüchte zur Sicherung der inländischen Versorgung zurückzuführen ist
Die Volatilitätsanalyse bestätigt, dass geopolitisch exponierte Handelsbeziehungen die instabilsten sind:
| Partner | CV (Importe) | Stabilität |
|---|---|---|
| Kasachstan | 1,31 | Sehr instabil |
| Russland | 1,02 | Sehr instabil |
| Ukraine | 0,94 | Instabil |
| Vereinigtes Königreich | 0,58 | Mittel |
| Argentinien | 0,13 | Stabil |
| USA | 0,13 | Stabil |
| Kanada | 0,20 | Stabil |
2.4 Konzentration der Exporte nimmt zu, Importe bleiben diversifiziert
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) zeigt, dass die Importpartnerstruktur der EU relativ diversifiziert bleibt (HHI von 1.324 auf 1.349, +1,9 %). Im Exportbereich hingegen hat die Konzentration zugenommen (HHI von 1.478 auf 1.634, +10,6 %), was bedeutet, dass die EU-Ausfuhren zunehmend auf wenige Bestimmungsländer fokussiert sind — insbesondere Norwegen, das von 28 Mio. € auf 97 Mio. € (+252,8 %) gewachsen ist und damit zum wichtigsten Exportmarkt avancierte.
| Exportpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Norwegen | 28 | 97 | +252,8 % |
| Ägypten | 36 | 31 | −16,0 % |
| Indien | 66 | 0,1 | −99,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 27 | 29 | +5,8 % |
| China | 1 | 17 | +1.562,5 % |
| Schweiz | 8 | 18 | +117,2 % |
3. Produktspezifische Dynamiken: Linsen und Kichererbsen auf dem Vormarsch
3.1 Gartenbohnen bleiben das stabilste und größte Importsegment
Gartenbohnen (CN 071333) bilden mengen- und wertmäßig das größte und stabilste Importsegment. Die importierte Menge stieg moderat von 338.397 t (2015) auf 384.461 t (2025, +13,6 %), der Importwert erhöhte sich von 356 Mio. € auf 494 Mio. €. Mit einem Importpreis von 1.285 €/t (2025) sind Gartenbohnen das mit Abstand teuerste Segment — siebenmal teurer als Erbsen (477 €/t). Diese Preisdifferenz spiegelt die höhere Wertschöpfung und die Bedeutung als Speiseware wider.
3.2 Linsen und Kichererbsen verzeichnen das stärkste Wachstum
Linsen (CN 071340) und Kichererbsen (CN 071320) sind die am schnellsten wachsenden Importsegmente. Die Linsenimporte stiegen mengenmäßig von 174.870 t auf 276.969 t (+58,4 %), die Kichererbsenimporte von 100.907 t auf 185.679 t (+84,0 %). Beide Produkte profitieren vom Trend zu pflanzlicher Ernährung und der steigenden Nachfrage nach proteinreichen Lebensmitteln. Der Importpreis für Linsen lag 2025 bei 1.016 €/t, für Kichererbsen bei 979 €/t.
| Produktsegment (Importe) | Menge 2015 (t) | Menge 2025 (t) | Veränderung | Wert 2025 (Mio. €) | Preis 2025 (€/t) |
|---|---|---|---|---|---|
| Gartenbohnen (071333) | 338.397 | 384.461 | +13,6 % | 494 | 1.285 |
| Linsen (071340) | 174.870 | 276.969 | +58,4 % | 281 | 1.016 |
| Kichererbsen (071320) | 100.907 | 185.679 | +84,0 % | 182 | 979 |
| Erbsen (071310) | 81.789 | 114.891 | +40,5 % | 55 | 477 |
| Puffbohnen (071350) | 17.008 | 51.171 | +200,9 % | 25 | 498 |
3.3 Erbsen unterliegen extremer Schwankung — Puffbohnen als Spekulationsindikator
Die Erbsenimporte (CN 071310) zeigen die mit Abstand größte Volatilität aller Subprodukte. Die importierte Menge schwankte zwischen 81.789 t (2015) und 1.005.831 t (2023), einem Faktor von über 12. Der Importpreis kollabierte 2018 auf 218 €/t, nachdem in den Vorjahren Überkapazitäten aufgebaut worden waren. Diese extreme Volatilität ist typisch für Erbsen, die sowohl als Speiseware als auch als Futtermittel verwendet werden und damit stärker von Futtergetreidepreisen und Ernteausfällen beeinflusst werden.
Puffbohnen (CN 071350) verzeichneten mengenmäßig das stärkste Wachstum aller Importsegmente (+200,9 %), allerdings von einem niedrigen Ausgangsniveau. Die Importmenge stieg von 17.008 t auf 51.171 t, mit einem Spitzenwert von 231.469 t im Jahr 2022 — ein Anstieg, der möglicherweise mit dem Bedarf an proteinhaltigen Futtermittelalternativen nach dem Wegfall ukrainischer Lieferungen zusammenhängt.
Im Export dominieren Erbsen und Puffbohnen. Erbsenexporte sanken mengenmäßig von 362.784 t auf 198.450 t (−45,3 %), während Puffbohnenexporte von 186.339 t auf 264.717 t stiegen (+42,1 %). Die baltischen Staaten — Litauen (RCA 8,77), Estland (4,93) und Lettland (4,58) — sind die EU-weit am stärksten auf Hülsenfruchtexporte spezialisierten Volkswirtschaften.
Spezialisierung nach Mitgliedstaaten
Fazit
Der EU-Markt für getrocknete Hülsenfrüchte hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verändert. Die wichtigsten Erkenntnisse sind:
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Wachsende Importabhängigkeit: Die Handelsbilanz hat sich um 71 % verschlechtert. Die EU importiert mengenmäßig über 1 Mio. Tonnen Hülsenfrüchte pro Jahr und ist strukturell auf Drittländer angewiesen — ein Trend, der sich durch steigende Nachfrage nach pflanzlichem Protein weiter verstärken dürfte.
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Geopolitische Umstrukturierung: Der Wegfall Russlands als Lieferant nach 2022 hat die Lieferketten nachhaltig umgebaut. Kanada hat seine dominante Position ausgebaut, und neue Lieferanten wie die Türkei und die Ukraine gewinnen an Bedeutung. Die Preisschocks von 2022 haben gezeigt, wie anfällig der Markt für externe Störungen ist.
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Produktspezifische Trends: Während Gartenbohnen das größte und stabilste Segment bilden, sind Linsen und Kichererbsen die dynamischsten Wachstumskategorien. Erbsenimporte bleiben extrem volatil, was die Notwendigkeit einer diversifizierten Beschaffungsstrategie unterstreicht.
Insgesamt zeichnet sich ein Markt ab, der von steigender Nachfrage, geopolitischer Unsicherheit und einer zunehmenden Konzentration auf wenige große Lieferanten geprägt ist. Für die EU ergeben sich daraus sowohl Chancen (Wachstum der Verarbeitung und des Handels innerhalb der EU) als auch Risiken (Lieferabhängigkeit von Drittländern, Preisschwankungen).