Marktentwicklung: Gestricktes Bekleidungszubehör (CN 6117) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Warenbereich CN 6117 — konfektiertes Bekleidungszubehör und Kleidungsteile aus Gewirken oder Gestricken — über den Zeitraum 2015 bis 2025. Die Warengruppe umfasst gemäß dem Scope & Definitions drei Unterteilungen: Schals, Halstücher und Kopftücher (CN 611710), Krawatten, Schleifen und sonstiges konfektiertes Zubehör (CN 611780) sowie Teile von Kleidung oder Bekleidungszubehör (CN 611790). Der CN-Code 6117 ist als Restposition innerhalb der Kapitel-61-Überschrift „Kleidung und Bekleidungszubehör, aus Gewirken oder Gestricken" definiert. Der Analysezeitraum deckt die Jahre 2015 bis 2025 ab.
I. Exportboom trotz stagnierender Importe: Eine sich vertiefende Asymmetrie im EU-Handel
Die EU-Exporte verzeichneten ein starkes Wachstum bei gleichzeitig nahezu stabilen Importen
Der EU-Handel mit gestricktem Bekleidungszubehör entwickelte sich zwischen 2015 und 2025 in zwei deutlich unterschiedlichen Bahnen. Die Exporte wuchsen im Wert von 151,7 Mio. € auf 264,8 Mio. €, was einer Steigerung von 74,5 % entspricht. Mengenmäßig erhöhten sich die Ausfuhren von 4.317 Tonnen auf 6.978 Tonnen (+61,6 %), bei einem moderaten Preisanstieg von 35.127 €/t auf 37.929 €/t (+8,0 %). Die Importe hingegen blieben im Wert nahezu unverändert: Sie lagen 2015 bei 334,1 Mio. € und 2025 bei 330,7 Mio. € (−1,0 %). Mengenmäßig gingen die Einfuhren sogar um 11,9 % zurück — von 22.715 Tonnen auf 20.004 Tonnen —, während die durchschnittlichen Importpreise um 12,3 % auf 16.525 €/t stiegen.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 151,7 Mio. € | 264,8 Mio. € | +74,5 % |
| Exportmenge | 4.317 t | 6.978 t | +61,6 % |
| Exportpreis | 35.127 €/t | 37.929 €/t | +8,0 % |
| Importwert | 334,1 Mio. € | 330,7 Mio. € | −1,0 % |
| Importmenge | 22.715 t | 20.004 t | −11,9 % |
| Importpreis | 14.709 €/t | 16.525 €/t | +12,3 % |
Der Handelsbilanzdefizit verbesserte sich erheblich
Die divergente Entwicklung von Export- und Importseite führte zu einer deutlichen Verbesserung der Handelsbilanz. Das Defizit verringerte sich von −182,4 Mio. € im Jahr 2015 auf −65,9 Mio. € im Jahr 2025, was einer Verbesserung von 63,9 % entspricht. Bemerkenswert war das Jahr 2020: In diesem Jahr schrumpfte das Defizit auf lediglich −25,4 Mio. € — bedingt durch einen einbruchbedingten Rückgang der Importe und gleichzeitig steigende Exportpreise. 2021 und 2022 normalisierte sich das Defizit wieder, bevor es 2023 mit nur noch −11,6 Mio. € den niedrigsten Stand der gesamten Periode erreichte.
Die Preisdynamik unterscheidet sich fundamental zwischen Import und Export
Ein zentraler Befund der Preisentwicklung ist die Divergenz der Preisniveaus: Exportpreise lagen durchgehend deutlich über den Importpreisen. Während die EU 2025 im Schnitt 37.929 €/t exportierte, betrug der Importpreis lediglich 16.525 €/t — ein Verhältnis von etwa 2,3:1. Dies spiegelt die unterschiedliche Wertschöpfungsstruktur wider: Die EU exportiert tendenziell hochwertigere, weiterverarbeitete Produkte und importiert mengenmäßig vor allem Standardzubehör aus kostengünstigen Produktionsländern. Besonders auffällig war der Exportpreisanstieg in den Jahren 2020 und 2021, als die Preise auf über 60.000 €/t bzw. 50.000 €/t stiegen, bevor sie sich wieder normalisierten.
II. Strategische Neuausrichtung der Handelsströme: Brexit, Nearshoring und der Aufstieg neuer Partner
China blieb der dominierende Importpartner, während der UK-Handel kollabierte
Die Importstruktur wird weiterhin von China dominiert, das 2015 einen Importwert von 246,6 Mio. € und 2025 von 237,2 Mio. € aufwies (−3,8 %). Damit entfielen zuletzt rund 71,7 % aller EU-Importe aus Drittländern auf China — eine Quasi-Monopolstellung. Die Konzentration auf einen einzigen Lieferanten blieb trotz leichter Entspannung hoch, wie der Herfindahl-Hirschman-Index bestätigt: Er sank lediglich von 5.524 auf 5.312 (−3,8 %), was weiterhin eine hohe Konzentration anzeigt.
Die gravierendste Veränderung auf der Importseite betraf das Vereinigte Königreich. Die EU-Importe aus dem UK fielen von 22,0 Mio. € (2015) auf 9,1 Mio. € (2025), ein Rückgang von 58,8 %. Auch die Volatilität der UK-Importe war mit einem Variationskoeffizienten von 3,24 extrem hoch — der höchste Wert aller Partnerländer. Dies deutet auf einen strukturellen Schock hin, der mit dem Brexit und der damit verbundenen Einführung von Zollformalitäten zusammenhängt.
| Top-Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 246,6 Mio. € | 237,2 Mio. € | −3,8 % |
| United Kingdom | 22,0 Mio. € | 9,1 Mio. € | −58,8 % |
| Türkiye | 12,9 Mio. € | 15,2 Mio. € | +18,4 % |
| Bangladesh | 4,7 Mio. € | 6,4 Mio. € | +37,2 % |
| India | 9,4 Mio. € | 4,8 Mio. € | −49,3 % |
| Viet Nam | 1,5 Mio. € | 5,7 Mio. € | +268,1 % |
| Myanmar | 1,3 Mio. € | 0,6 Mio. € | −51,9 % |
Vietnam und Bangladesh gewannen als alternative Lieferanten an Bedeutung
Hinter dem chinesischen Monolith vollzieht sich eine subtile Diversifizierung. Vietnam verfünffachte seinen Exportwert in die EU von 1,5 Mio. € auf 5,7 Mio. € (+268,1 %) — das stärkste prozentuale Wachstum aller Importpartner. Bangladesh steigerte seine Ausfuhren um 37,2 % auf 6,4 Mio. €. Indien und Myanmar hingegen verloren deutlich (−49,3 % bzw. −51,9 %). Diese Verschiebungen spiegeln die globale Neuausrichtung von Textillieferketten wider, bei der Südostasien gegenüber Südasien an Boden gewinnt.
Marokko entwickelte sich zum dynamischsten Exportpartner der EU
Auf der Exportseite vollzog sich die spektakulärste Veränderung beim Handel mit Marokko: Die EU-Ausfuhren dorthin stiegen von lediglich 2,0 Mio. € (2015) auf 53,8 Mio. € (2025), eine Steigerung von 2.557,6 %. Marokko wurde damit zum mit Abstand wichtigsten Exportziel. Dieses Wachstum steht im Einkhang mit der Intensivierung der EU-Marokko-Handelsbeziehungen im Textilsektor und dem Aufbau von Nearshoring-Kapazitäten in Nordafrika.
Auch Tunesien verzeichnete ein außergewöhnliches Exportwachstum: von 4,1 Mio. € auf 17,8 Mio. € (+340,2 %). Die Schweiz (+53,4 %) und die USA (+36,4 %) stiegen ebenfalls als Absatzmärkte. Hingegen sanken die Exporte nach Serbien (−64,5 %) und ins Vereinigte Königreich (−33,9 %) — letzteres erneut ein Brexit-Effekt.
| Top-Exportpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Morocco | 2,0 Mio. € | 53,8 Mio. € | +2.557,6 % |
| United Kingdom | 31,9 Mio. € | 21,1 Mio. € | −33,9 % |
| Tunisia | 4,1 Mio. € | 17,8 Mio. € | +340,2 % |
| Serbia | 14,6 Mio. € | 5,2 Mio. € | −64,5 % |
| United States | 14,8 Mio. € | 20,2 Mio. € | +36,4 % |
| Switzerland | 14,0 Mio. € | 21,5 Mio. € | +53,4 % |
| Albania | 1,4 Mio. € | 2,9 Mio. € | +100,6 % |
Brexit-Preisschocks prägten den Handel im Jahr 2021
Die Analyse von Handelsschocks identifizierte drei signifikante Preisereignisse. Zwei davon betrafen das Vereinigte Königreich im Jahr 2021: Bei den Exporten in die EU lag die Preisabweichung bei 83,0 % (Anomalie: 11,4), bei den Importen aus dem UK bei 113,8 % (Anomalie: 6,6). Diese synchronen Preisschocks lassen sich mit den neuen Zoll- und Handelsformalitäten nach dem Brexit erklären, die zum 1. Januar 2021 in Kraft traten. Ein dritter Schock betraf die EU-Exporte nach China im Jahr 2017 mit einer Preisschiebung von 63,2 % (Anomalie: 35,4).
III. Strukturwandel der EU-Produktion und regionale Spezialisierungsmuster
Die EU-Produktion von gestricktem Bekleidungszubehör erlitt einen dramatischen Einbruch
Die Produktionsdaten offenbaren einen tiefgreifenden Strukturwandel: Die Produktionsmenge sank von 86,9 Mio. Stück im Jahr 2015 auf lediglich 11,8 Mio. Stück im Jahr 2025 — ein Rückgang von 86,4 %. Der Produktionswert verringerte sich im gleichen Zeitraum von 386,6 Mio. € auf 239,3 Mio. € (−38,1 %). Der geringere Rückgang des Wertes gegenüber der Menge deutet auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produkten hin, da die verbleibende Produktion offenbar höhere Erlöse pro Stück erzielte. Dies korrespondiert mit dem steigenden durchschnittlichen Exportpreis und der Tatsache, dass die EU sich auf Premiumsegmente konzentriert.
Südeuropäische Mitgliedstaaten weisen eine klare Spezialisierung in diesem Warensegment auf
Die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 zeigt ein klares geostrukturanles Muster innerhalb der EU. Die am stärksten spezialisierten Länder sind:
| Land | RSCA-Index | Anteil an EU-Exporten | Anteil an EU-Produktion |
|---|---|---|---|
| Croatia | 0,656 | 0,4 % | 2,0 % |
| Portugal | 0,648 | 1,4 % | 6,5 % |
| Spain | 0,405 | 5,8 % | 13,7 % |
| Italy | 0,368 | 8,0 % | 17,3 % |
| Denmark | 0,359 | 1,7 % | 3,6 % |
Italien und Spanien dominieren sowohl die Produktion als auch den Export: Zusammen entfielen 2025 rund 31,0 % der EU-Produktion und 13,8 % der EU-Exporte auf diese beiden Länder. Italien verzeichnete das absolute Spitzenwachstum unter den EU-Exporteuren: Die Ausfuhren stiegen von 60,4 Mio. € auf 97,9 Mio. € (+62,1 %). Spaniens Exporte explodierten regelrecht von 12,9 Mio. € auf 63,5 Mio. € (+392,6 %), was die rasante Professionalisierung des spanischen Bekleidungszubehör-Sektors widerspiegelt.
Die Exportkonzentration blieb niedrig, während die Importkonzentration hoch verharrte
Die Konzentrationsindizes bestätigen die Asymmetrie der Handelsstruktur. Der Export-HHI lag stabil bei rund 873 (sehr niedrig), was auf eine breite Diversifizierung der Exportziele hindeutet. Der Import-HHI sank leicht von 5.524 auf 5.312, verbleibt jedoch auf einem hohen Niveau, was die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten — allen voran China — unterstreicht. Die Mengenkonzentration der Exporte veränderte sich sogar noch stärker: Der HHI stieg von 1.366 auf 4.289 (+213,9 %), was auf die zunehmende Dominanz weniger Großabnehmer wie Marokko und die Schweiz hindeutet.
Schlussfolgerung
Der EU-Handel mit gestricktem Bekleidungszubehör (CN 6117) durchlebte zwischen 2015 und 2025 einen bemerkenswerten Strukturwandel. Die drei zentralen Erkenntnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
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Stärkung der Exportposition bei gleichzeitiger Stagnation der Importe: Die EU konnte ihr Handelsbilanzdefizit um fast zwei Drittel reduzieren, getrieben durch ein starkes Exportwachstum (+74,5 %) bei weitgehend stabilen Importen. Die steigenden Exportpreise deuten auf eine Hinwendung zu hochwertigeren Produkten hin.
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Geopolitische Verschiebungen prägen die Handelspartnerstruktur: Der Brexit verursachte massive Handelsumlenkungen im Verhältnis zum Vereinigten Königreich — sowohl bei Importen als auch bei Exporten. Gleichzeitig stiegen Marokko und Tunesien zu zentralen Exportpartnern auf, was auf eine strategische Nearshoring-Entwicklung in Nordafrika hindeutet. Auf der Importseite bleibt China mit über 70 % Marktanteil dominant, doch Länder wie Vietnam und Bangladesh gewinnen an Bedeutung.
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Dramatischer Rückgang der EU-Binnenproduktion: Der Einbruch der Produktionsmengen um 86,4 % stellt die tiefgreifendste Veränderung dar. Die verbleibende Produktion konzentriert sich auf wenige südeuropäische Länder (Italien, Spanien, Portugal), die zugleich die stärksten Exporteure sind. Dies deutet auf eine funktionale Aufgabenteilung hin: Die EU produziert zunehmend für den Export und kompensiert den Rückgang der Binnenproduktion durch Importe — vor allem aus Asien.