Marktentwicklung: Gestrickte Handschuhe (CN 6116) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU für gestrickte Fingerhandschuhe, Handschuhe ohne Fingerspitzen und Fausthandschuhe (KN-Code 6116) im Zeitraum 2015 bis 2025. Der Markt hat sich in diesem Jahrzehnt grundlegend gewandelt: Die EU ist von einer noch teilweise eigenständigen Produktion zu einer fast vollständigen Importabhängigkeit übergegangen. Gleichzeitig haben sich die Handelspartner sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite erheblich verschoben, und die heimische Produktion hat sich in Volumen und Wert nahezu halbiert. Die COVID-19-Pandemie und ihre Nachwirkungen markieren eine Zäsur, die den ohnehin bestehenden Strukturwandel drastisch beschleunigt hat. Der folgende Bericht gliedert sich in drei Hauptabschnitte, die die zentralen Dynamiken dieses Marktes beleuchten.
1. Von der Eigenproduktion zur Importabhängigkeit: Das wachsende Handelsdefizit
1.1 Die Handelsbilanz hat sich deutlich verschlechtert
Die EU war im Zeitraum 2015–2025 ein Nettoimporteur gestrickter Handschuhe — und das Handelsdefizit hat sich in absoluten Zahlen weiter vertieft:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 798 Mio. € | 1.033 Mio. € | +29,4 % |
| Exporte (Wert) | 96 Mio. € | 126 Mio. € | +30,8 % |
| Handelsdefizit | −702 Mio. € | −907 Mio. € | −29,2 % |
Während Importe und Exporte nominal ähnlich stark gewachsen sind, verschlechterte sich das Defizit in absoluten Zahlen um rund 205 Mio. €. Die EU importiert gestrickte Handschuhe im Wert von etwa dem Achtfachen ihrer Exporte — ein Verhältnis, das über den gesamten Zeitraum weitgehend stabil blieb.
1.2 Importvolumina und -preise zeigen einen ausgeprägten COVID-Zyklus
Die Entwicklung der Einfuhren verlief nicht linear, sondern wurde stark durch die Pandemie und ihre Nachwirkungen geprägt:
| Jahr | Importmenge (t) | Importwert (Mio. €) | Durchschnittspreis (€/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 72.079 | 798 | 11.073 |
| 2019 | ~87.366 | ~997 | ~11.413 |
| 2020 | ~86.380 | ~930 | ~10.768 |
| 2021 | 94.106 | ~1.113 | ~11.823 |
| 2022 | ~90.347 | 1.335 | ~14.781 |
| 2023 | ~73.508 | ~986 | ~13.414 |
| 2025 | 82.020 | 1.033 | 12.592 |
Der Importwert erreichte 2022 mit 1.335 Mio. € seinen Höhepunkt — obwohl die Einfuhrmenge bereits gegenüber 2021 rückläufig war. Der Preisanstieg von durchschnittlich 11.823 €/t (2021) auf 14.781 €/t (2022) — ein Plus von rund 25 % — war der entscheidende Treiber. Dies spiegelt globale Lieferkettenstörungen, steigende Rohstoff- und Energiekosten sowie die nachwirkende Pandemienachfrage wider. Seit 2023 haben sich sowohl Mengen als auch Preise wieder abgeschwächt, liegen aber noch deutlich über dem Vor-COVID-Niveau.
1.3 Die Netto-Importabhängigkeit hat sich dramatisch erhöht
Die strukturell bedeutsamste Kennzahl ist der Netto-Importabhängigkeitsgrad, der sich von 30,1 % (2015) auf 92,7 % (2025) fast verdreifacht hat. Im selben Zeitraum stieg auch die Handelsintensität von 40,3 % auf 104,1 %, was bedeutet, dass der Außenhandel das Produktionsvolumen der EU inzwischen übersteigt. Die EU produziert weniger, als sie konsumiert — und die Lücke wird zunehmend durch Importe geschlossen.
2. Regionale Neuausrichtung: Südostasiatischer Aufstieg und exportseitige Diversifizierung
2.1 China dominiert die Einfuhren, Vietnam wächst explosionsartig
Die Importpartner haben sich über den Zeitraum erheblich verschoben:
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. €) | Importwert 2025 (Mio. €) | Veränderung | Volatilität (CV) |
|---|---|---|---|---|
| China | 446 | 616 | +38,0 % | 0,11 |
| Sri Lanka | 105 | 124 | +18,3 % | 0,25 |
| Pakistan | 83 | 94 | +12,9 % | 0,07 |
| Vietnam | 18 | 73 | +309,5 % | 0,46 |
| Indien | 11 | 22 | +88,8 % | 0,16 |
| Malaysia | 27 | 24 | −9,7 % | 0,16 |
| Südkorea | 54 | 17 | −68,1 % | 0,45 |
China bleibt mit Abstand der größte Lieferanteilhaber (ca. 60 % der Importe nach Wert), wobei die Einfuhren 2022 mit 834 Mio. € ihren Höhepunkt erreichten. Auffälligstes Wachstum zeigt jedoch Vietnam: Die Einfuhren stiegen von 18 Mio. € auf 73 Mio. € — ein Plus von fast 310 %. Dies spiegelt die globale „China+1"-Diversifizierungsstrategie wider, bei der Unternehmen Produktionskapazitäten in Südostasien aufbauen, um die Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten zu reduzieren. Gleichzeitig fielen die Importe aus Südkorea um 68 %, was auf eine Verlagerung der koreanischen Textilproduktion in Niedriglohnländer hindeutet. Pakistan zeigt als einziger Partner eine bemerkenswert niedrige Volatilität (CV 0,07), was auf stabile Lieferbeziehungen hindeutet. Ein Preisschock bei pakistanischen Importen im Jahr 2022 (+22,1 %) unterstreicht jedoch die allgemeine Preisinstabilität in diesem Jahr.
2.2 Die EU exportiert zunehmend in die Schweiz und Nordeuropa, weniger nach Großbritannien und Russland
Auch auf der Exportseite haben sich die Gewichte verschoben:
| Bestimmungsland | Exportwert 2015 (Mio. €) | Exportwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Großbritannien | 35 | 21 | −39,2 % |
| Schweiz | 10 | 22 | +125,6 % |
| Norwegen | 5 | 10 | +107,5 % |
| USA | 5 | 10 | +88,0 % |
| Ukraine | 1 | 4 | +233,3 % |
| Türkei | 11 | 11 | −0,9 % |
| Russland | 6 | 2 | −65,2 % |
Der Rückgang der Exporte nach Großbritannien (−39 %) ist wahrscheinlich auf den Brexit und die damit verbundenen Handelsbarrieren zurückzuführen. Die Exporte nach Russland brachen um 65 % ein — ein Zusammenhang mit den Sanktionen nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 liegt nahe. Dagegen gewannen geographisch nahe Märkte wie die Schweiz (+126 %) und Norwegen (+108 %) sowie die USA (+88 %) deutlich an Bedeutung.
2.3 Die Exportkonzentration ist stark gesunken — die Importkonzentration leicht gestiegen
Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) zeigen gegenläufige Trends:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Import-HHI (Wert) | 3.481 | 3.870 | +11,2 % |
| Export-HHI (Wert) | 1.682 | 866 | −48,5 % |
Die Exportkonzentration halbierte sich nahezu — die EU exportiert gestrickte Handschuhe inzwischen deutlich diversifizierter als zuvor. Die traditionellen Abnehmer Belgien (−59 %) und Großbritannien (−39 %) verloren an Gewicht, während zahlreiche kleinere Märkte hinzukamen. Die Importkonzentration blieb mit HHI-Werten über 3.300 hoch, was die dominante Stellung Chinas widerspiegelt, stieg jedoch nur moderat an — trotz des Wachstums von Vietnam und Indien.
Innerhalb der EU waren es vor allem Deutschland (Importe: +22 %), die Niederlande (+66 %), Polen (+76 %) und Schweden (+64 %), die ihre Einfuhren am stärksten steigerten, wie die EU-internen Handelsströme zeigen.
3. Produktionsrückgang in der EU und preisgetriebene Segmentverschiebungen
3.1 Die heimische Produktion hat sich nahezu halbiert
Die EU-Produktion gestrickter Handschuhe ist über den Betrachtungszeitraum dramatisch eingebrochen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 72,1 Mio. Paar | 40,0 Mio. Paar | −44,5 % |
| Produktionswert | 119 Mio. € | 75 Mio. € | −36,8 % |
Der Rückgang des Produktionswertes (−37 %) fiel geringer aus als der Mengenrückgang (−45 %), was auf eine gewisse Aufwertung der verbleibenden Produktion hinweist. Gleichzeitig stiegen die Exportpreise pro Paar von 1,84 € auf 2,11 € (+14,3 %), was darauf hindeutet, dass die EU sich zunehmend auf hochwertigere Nischenprodukte konzentriert.
In der Spezialisierungsanalyse (2025) zeigt sich, dass Schweden (RSCA 0,54, RCA 3,33) und Belgien (RSCA 0,41, RCA 2,37) die am stärksten spezialisierten Exportländer innerhalb der EU sind. Portugal verzeichnete das mit Abstand stärkste Exportwachstum aller EU-Mitgliedstaaten: von 4 Mio. € auf 14 Mio. € (+247 %), was auf eine gezielte Industrialisierungspolitik im Textilsektor hindeuten könnte.
3.2 Beschichtete Handschuhe dominieren den Importmarkt, Baumwolle verliert an Bedeutung
Die Segmentaufschlüsselung der Einfuhren zeigt eine klare Dominanz des Segments 611610 (mit Kunststoff oder Kautschuk beschichtete Handschuhe):
Importe nach Segment:
| Segment | Beschreibung | Menge 2015 (t) | Menge 2025 (t) | Veränderung | Wert 2025 (Mio. €) | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 611610 | Beschichtet/überzogen | 53.438 | 64.146 | +20,0 % | 752 | 72,8 % |
| 611693 | Synthetische Fasern | 10.241 | 11.355 | +10,9 % | 220 | 21,3 % |
| 611692 | Baumwolle | 7.421 | 5.210 | −29,8 % | 31 | 2,9 % |
| 611699 | Sonstige Spinnstoffe | 624 | 1.042 | +67,0 % | 15 | 1,5 % |
| 611691 | Wolle/feine Tierhaare | 356 | 268 | −24,7 % | 16 | 1,5 % |
Beschichtete Handschuhe (611610) machen fast drei Viertel des Importvolumens aus und vergrößerten ihren Anteil noch leicht. Baumwollhandschuhe (611692) verloren hingegen fast 30 % ihres Volumens — ein Trend, der auf die Verschiebung hin zu funktionelleren, industriell beschichteten Handschuhen und die sinkende Nachfrage nach einfachen Baumwollhandschuhen zurückzuführen sein dürfte. Synthetische Fasern (611693) blieben als zweitgrößtes Segment stabil.
3.3 Wollhandschuhe: Kleines Volumen, hohe Wertschöpfung
Ein bemerkenswerter Befund betrifft das Nischensegment der Wollhandschuhe (611691):
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge | 356 t | 268 t | −24,7 % |
| Importwert | 13 Mio. € | 16 Mio. € | +20,3 % |
| Preis pro Tonne | 36.960 € | 59.135 € | +60,0 % |
| Exportpreis pro Tonne | 117.185 € | 219.629 € | +87,5 % |
Obwohl die Einfuhrmenge sank, stieg der Importwert — die durchschnittlichen Preise pro Tonne legten um 60 % zu. Noch deutlicher fällt die Preisentwicklung bei Exporten aus: Mit 219.629 €/t (2025) erzielen Wollhandschuhe fast das Siebenfache des Durchschnittspreises aller exportierten Handschuhe. Dieses Segment positioniert sich klar im Premium- und Luxussegment. Auf Exportseite stieg der Wert von Wollhandschuhen von 6,0 Mio. € auf 9,9 Mio. € (+66,5 %), obwohl die Menge um 12 % sank — ein weiterer Beleg für die preisgetriebene Aufwertung.
Schluss
Der Markt für gestrickte Handschuhe (KN 6116) in der EU hat sich zwischen 2015 und 2025 von einer noch teilweise eigenständig produzierenden Branche zu einem stark importabhängigen Markt gewandelt. Die Netto-Importabhängigkeit stieg von 30 % auf 93 %, die heimische Produktion halbierte sich nahezu. China bleibt der dominante Lieferant, doch Vietnam hat sich als zweite Kraft in Asien etabliert. Die COVID-19-Pandemie verursachte einen ausgeprägten Nachfrage- und Preisschock (2021–2022), von dem sich der Markt bis 2025 noch nicht vollständig erholt hat.
Gleichzeitig zeigt sich auf der Exportseite eine bemerkenswerte Diversifizierung: Die Exportkonzentration halbierte sich, neue Absatzmärkte (Schweiz, Nordeuropa, USA) gewannen an Gewicht, während der Brexit und die Russland-Sanktionen traditionelle Märkte einbrechen ließen. Die verbleibende EU-Produktion verschiebt sich tendenziell hin zu hochwertigeren Segmenten — besonders sichtbar im Wollhandschuh-Segment, wo die Preise trotz sinkender Mengen stark zulegten.
Für die EU ergeben sich aus dieser Entwicklung zwei zentrale Herausforderungen: die Abhängigkeit von wenigen außereuropäischen Lieferanten (insbesondere China) zu verringern und gleichzeitig die verbleibende heimische Wertschöpfung im Premiumsegment zu stärken.