Marktentwicklung: Erdölrückstände (CN 2713) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 2713 umfasst Petrolkoks (nichtcalciniert und calciniert), Bitumen aus Erdöl sowie sonstige Rückstände aus Erdöl oder Öl aus bituminösen Mineralien. Diese Produktgruppe ist zentral für die petrochemische Industrie, die Aluminiumproduktion, die Stahlherstellung sowie den Straßen- und Infrastrukturbau. Im Zeitraum 2015 bis 2025 hat sich die EU im Handel mit diesen Erzeugnissen von einem moderaten Überschuss zu einem deutlichen Handelsbilanzüberschuss entwickelt — bei gleichzeitiger Verschiebung der Lieferanten- und Abnehmerstrukturen. Der folgende Bericht analysiert die wesentlichen Handelsströme, Preisdynamiken und Marktstrukturen auf Grundlage der verfügbaren Handelsdaten für CN 2713.
I. Vom Nettoimporteur zum starken Nettoexporteur — Strukturelle Verschiebung der Handelsbilanz
Die EU-Exporte wachsen deutlich schneller als die Importe
Im Zeitraum 2015–2025 stiegen die EU-Exporte von Erdölrückständen in Drittländer um 67,7 % von 1,40 Mrd. EUR auf 2,35 Mrd. EUR, während die Importe lediglich um 21,0 % von 0,93 Mrd. EUR auf 1,13 Mrd. EUR zunahmen. Besonders bemerkenswert ist, dass die Exportmengen ebenfalls um 26,2 % stiegen (von 6,78 Mio. t auf 8,56 Mio. t), wohingegen die Importmengen sogar um 33,5 % sanken (von 8,04 Mio. t auf 5,35 Mio. t). Die EU hat damit ihr Handelsvolumen in diesem Segment aktiv umstrukturiert.
Der Handelsbilanzüberschuss hat sich mehr als verdreifacht
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 1,40 | 1,06 | 2,35 | +67,7 % |
| Importwert (Mrd. EUR) | 0,93 | 0,74 | 1,13 | +21,0 % |
| Handelsbilanz (Mrd. EUR) | 0,47 | 0,20 | 1,22 | +160,2 % |
| Exportmenge (Mio. t) | 6,78 | 6,78 | 8,56 | +26,2 % |
| Importmenge (Mio. t) | 8,04 | 4,65 | 5,35 | −33,5 % |
Quelle: Übersicht Handelsströme
Die Importseiten-Dynamik zeigt eine schrumpfende Abhängigkeit von Drittländern
Die sinkende Importmenge bei gleichzeitig steigendem Importwert spiegelt zwei gegenläufige Effekte wider: Einerseits hat die EU ihren Bedarf an importierten Erdölrückständen — insbesondere an nichtcalciniertem Petrolkoks (CN 271311) — spürbar reduziert. Die Importe von 271311 sanken von 6,47 Mio. t (2015) auf 3,70 Mio. t (2025). Andererseits trieben steigende Weltmarktpreise den Gesamtwert nach oben. Die durchschnittlichen Importpreise erhöhten sich um 82,0 % von 116 EUR/t auf 211 EUR/t.
II. Preisschocks und Energiekrise — Volatile Preisentwicklung über den gesamten Zeitraum
Die Energiekrise 2022 hat die Preise auf ein historisches Hoch getrieben
Sowohl Import- als auch Exportpreise zeigten im gesamten Beobachtungszeitraum erhebliche Schwankungen. Der stärkste Preisanstieg war 2022 zu verzeichnen, als die durch den russischen Angriff auf die Ukraine ausgelöste Energiekrise die Rohstoffmärkte weltweit erschütterte. Die durchschnittlichen Importpreise erreichten mit 352 EUR/t (2022) ihren Höchststand, Exportpreise stiegen auf 395 EUR/t.
| Jahr | Ø Importpreis (EUR/t) | Ø Exportpreis (EUR/t) |
|---|---|---|
| 2015 | 116 | 207 |
| 2016 | 96 | 157 |
| 2017 | 134 | 217 |
| 2018 | 240 | 316 |
| 2019 | 252 | 278 |
| 2020 | 159 | 157 |
| 2021 | 216 | 281 |
| 2022 | 352 | 395 |
| 2023 | 245 | 332 |
| 2024 | 199 | 275 |
| 2025 | 211 | 275 |
Calciniertem Petrolkoks weist die höchste Preissensitivität auf
Die Segmentanalyse zeigt, dass calcinierter Petrolkoks (CN 271312) die mit Abstand volatilste Preisentwicklung aufweist. Die Importpreise für 271312 schwankten zwischen 301 EUR/t (2016) und 1.035 EUR/t (2022) — eine Spanne von über 240 %. Im Exportbereich erreichten die Preise für calcinierten Petrolkoks sogar 1.246 EUR/t (2024). Dieser extreme Ausschlag ist auf das geringe Handelsvolumen und die hohe Spezialisität des Produkts zurückzuführen, das vor allem in der Aluminiumindustrie verwendet wird.
| Segment | Ø Importpreis 2015 (EUR/t) | Ø Importpreis 2022 (EUR/t) | Ø Importpreis 2025 (EUR/t) |
|---|---|---|---|
| 271311 — Petrolkoks, nichtcalciniert | 65 | 206 | 101 |
| 271312 — Petrolkoks, calciniert | 376 | 1.035 | 575 |
| 271320 — Bitumen aus Erdöl | 290 | 518 | 421 |
| 271390 — Sonstige Rückstände | 158 | 394 | 257 |
Identifizierte Preisschocks deuten auf geopolitische Ursachen hin
Die Analyse von Lieferanten-Schocks identifizierte drei bemerkenswerte Ereignisse:
- Import-Preisschock aus dem Vereinigten Königreich (2018): Ein anomaler Preisanstieg von 144 % mit einer Abweichung von 21,9 Standardabweichungen. Der UK-Anteil am Importwert lag bei 15,8 %.
- Import-Preisschock aus der Türkei (2019): Ein Anstieg von 315 % bei einer Abweichung von 19,9 Standardabweichungen. Der Türkei-Anteil am Importwert betrug 8,1 %.
- Export-Preisschock nach China (2021): Ein Anstieg von 168 % mit einer Abweichung von 15,8 Standardabweichungen und einem Anteil von 4,3 % am Exportwert.
Diese Schocks unterstreichen die Sensitivität des Marktes gegenüber einzelnen Handelspartnern und makroökonomischen Ereignissen. Die Volatilitätsanalyse zeigt zudem, dass Importpartner wie Argentinien (CV = 1,00) und Bosnien-Herzegowina (CV = 1,26) eine extrem hohe Volatilität aufweisen, während die etablierten Partner USA (CV = 0,19) und UK (CV = 0,20) deutlich stabilere Handelsströme zeigen.
III. Geopolitische Umstrukturierung — Verschiebung der Handelspartnerschaften
Die USA bleiben wichtigster Importeur, aber neue Akteure gewinnen an Bedeutung
Im Importbereich dominieren die Vereinigten Staaten mit einem stabilen Wert von rund 580 Mio. EUR (2015 und 2025 nahezu unverändert). Hinter dieser scheinbaren Stabilität verbirgt sich jedoch eine Verschiebung: Der US-Anteil am gesamten Importwert ist relativ gesunken, da neue Lieferanten aufgestiegen sind. Die bemerkenswerteste Entwicklung zeigt die Türkei, deren Exporte in die EU von lediglich 5 Mio. EUR (2015) auf 217 Mio. EUR (2025) stiegen — ein Plus von über 4.200 %. Auch Norwegen (von 7 Mio. EUR auf 32 Mio. EUR, +338 %) und das Vereinigte Königreich (von 63 Mio. EUR auf 148 Mio. EUR, +135 %) gewannen als Lieferanten an Bedeutung.
Venezuela und Serbien als Verlierer der Umstrukturierung
Gleichzeitig sind traditionelle Lieferanten stark an Bedeutung verloren. Venezuela verlor 96,7 % seines Exportwerts in die EU (von 53 Mio. EUR auf unter 2 Mio. EUR) — ein Zusammenhang, der mit den US-Sanktionen und der Destabilisierung der venezolanischen Ölindustrie erklärt werden kann. Serbien verlor 88,0 % (von 49 Mio. EUR auf 6 Mio. EUR). Die Partneranalyse zeigt insgesamt eine Diversifizierung der Importquellen: Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe fiel von 4.336 auf 3.257 (−24,9 %).
Exporte: Nordafrika und Großbritannien als Wachstumsmärkte
Auf der Exportseite ist das Vereinigte Königreich zum wichtigsten Abnehmer aufgestiegen (von 158 Mio. EUR auf 377 Mio. EUR, +139 %). Marokko verfünffachte seinen Import aus der EU nahezu (von 50 Mio. EUR auf 181 Mio. EUR, +259 %). Algerien blieb mit 281 Mio. EUR ein stabiler Großabnehmer. Gleichzeitig sanken die Exporte in die USA um 58 % (von 124 Mio. EUR auf 52 Mio. EUR), was auf gestiegene US-Inlandsproduktion und veränderte Handelsströme im Zuge der Schieferölrevolution hindeuten kann.
Innerhalb der EU zeigen sich deutliche regionale Spezialisierungen
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass Griechenland (RSCA = 0,84) und Litauen (RSCA = 0,80) die stärkste Spezialisierung im Export von Erdölrückständen aufweisen. Spanien ist sowohl größter Exporteur (544 Mio. EUR) als auch größter Importeur (177 Mio. EUR) innerhalb der EU — ein Hinweis auf seine Rolle als bedeutender Raffineriestandort und Transithub. Die Exporte von Griechenland (+147 %), den Niederlanden (+278 %) und Frankreich (+223 %) wuchsen besonders stark, was auf den Ausbau von Raffineriekapazitäten und logistischen Vorteilen hindeutet.
| EU-Mitgliedstaat | Exporte 2025 (Mio. EUR) | Veränderung 2015→2025 | RSCA (2025) |
|---|---|---|---|
| Spanien | 543,8 | +40,0 % | 0,27 |
| Griechenland | 433,0 | +146,9 % | 0,84 |
| Italien | 203,5 | −27,7 % | — |
| Niederlande | 374,6 | +278,3 % | — |
| Deutschland | 102,5 | +0,9 % | — |
| Schweden | 102,8 | −29,7 % | 0,25 |
| Frankreich | 109,8 | +222,9 % | — |
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Erdölrückstände (CN 2713) hat sich im Zeitraum 2015–2025 fundamental gewandelt. Die EU hat ihre Position vom ausgeglichenen Handelspartner zu einem deutlichen Nettoexporteur mit einem Überschuss von 1,22 Mrd. EUR (2025) ausgebaut. Diese Transformation wurde durch drei Haupttrends getrieben:
Erstens führte der Rückgang der Importmengen (insbesondere bei nichtcalciniertem Petrolkoks) in Kombination mit steigenden Exportmengen zu einer strukturellen Verlagerung. Zweitens sorgten die Energiekrise 2022 und geopolitische Spannungen für extreme Preisausschläge, von denen sich die Märkte bis 2025 noch nicht vollständig erholt haben — die Importpreise liegen mit 211 EUR/t weiter deutlich über dem Vor-Krisen-Niveau von 116 EUR/t (2015). Drittens haben sich die Handelspartnerschaften infolge geopolitischer Ereignisse (Sanktionen gegen Venezuela und Russland, Brexit) erheblich verschoben, wobei die Türkei als neuer Großlieferant und Marokko als Wachstumsabnehmer besonders hervorstechen. Die Diversifizierung der Importquellen (sinkender HHI) ist ein positives Signal für die Versorgungssicherheit der EU, während die weiterhin hohe Preissensitivität bei calciniertem Petrolkoks ein Überwachungsfeld bleibt.