Marktentwicklung: Elektrischer Strom (CN 2716) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht analysiert den Handel der Europäischen Union mit elektrischem Strom (CN 2716) mit Nicht-EU-Ländern im Zeitraum von 2015 bis 2025. Der Betrachtungszeitraum umfasst die Phase vor, während und nach der Energiekrise von 2022, die europäische Strommärkte nachhaltig verändert hat. Grundlage der Analyse sind Handelswerte in Euro, ergänzende Mengenangaben in Tausend Kilowattstunden (1.000 kWh) sowie daraus abgeleitete Durchschnittspreise je MWh. Da die physische Massenmenge (Tonnen) für Strom durchgängig mit null gemeldet wird, dienen ausschließlich die ergänzenden Mengenangaben als Mengenindikator.
1. Preisschocks als dominierender Treiber der Wertentwicklung
Die Exportpreise stiegen deutlich stärker als die exportierten Strommengen
Die von der EU exportierte Strommenge wuchs im Betrachtungszeitraum von 92,7 TWh (2015) auf 112,5 TWh (2025) — ein Anstieg um 21,4 %. Demgegenüber verdoppelte sich der durchschnittliche Exportpreis nahezu: Er stieg von 41,0 €/MWh auf 76,3 €/MWh (+86,3 %). Infolgedessen erhöhte sich der Exportwert von 3,80 Mrd. € auf 8,58 Mrd. € (+126,1 %). Der Höchstpreis im gesamten Betrachtungszeitraum lag bei 215,5 €/MWh.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportmenge (TWh) | 92,7 | 112,5 | +21,4 % |
| Exportpreis (€/MWh) | 41,0 | 76,3 | +86,3 % |
| Exportwert (Mrd. €) | 3,80 | 8,58 | +126,1 % |
Quelle: Handelsübersicht
Die Importpreise vervielfachten sich trotz moderater Mengensteigerungen
Die Importentwicklung fiel noch deutlicher aus. Die importierte Strommenge stieg von 65,5 TWh auf 86,2 TWh (+31,7 %), während der Importpreis von 30,9 €/MWh auf 97,7 €/MWh kletterte (+216,1 %). Der Importwert wuchs dementsprechend von 2,02 Mrd. € auf 8,42 Mrd. € — ein Anstieg um 316,1 %. Der Höchstpreis für Importstrom erreichte mit 258,7 €/MWh ein bemerkenswertes Niveau.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge (TWh) | 65,5 | 86,2 | +31,7 % |
| Importpreis (€/MWh) | 30,9 | 97,7 | +216,1 % |
| Importwert (Mrd. €) | 2,02 | 8,42 | +316,1 % |
Quelle: Handelsübersicht
Die Energiekrise von 2022 verursachte extreme Preisausschläge
Die gegenüber den Anfangs- und Endwerten deutlich höheren Maximalwerte — Importpreis: 258,7 €/MWh, Exportpreis: 215,5 €/MWh, Importwert: 22,1 Mrd. €, Exportwert: 16,3 Mrd. € — deuten auf eine Phase extremer Preis- und Werthochstände hin, die zeitlich mit der Energiekrise 2022 zusammenfällt. Der maximale Handelsbilanzdefizit von −5,86 Mrd. € in einem einzelnen Jahr unterstreicht die Tiefe der Krise für den EU-Stromsektor. Die Tatsache, dass die Endpreise (2025) sowohl bei Importen als auch bei Exporten deutlich unter den Maximalwerten liegen, zeigt, dass sich der Markt nach der Krisenphase wieder eingependelt hat — allerdings auf einem gegenüber dem Vor-Krisen-Niveau erheblich erhöhten Preisniveau.
2. Strukturelle Verschiebungen in den Handelsbeziehungen
Norwegen wurde mit großem Abstand zum wichtigsten Stromlieferanten der EU
Unter den wichtigsten Importpartnern ragt Norwegen mit einem Wertzuwachs von 327 Mio. € auf 1,80 Mrd. € (+449,4 %) heraus. Ebenfalls bemerkenswert sind die Anstiege bei Montenegro (von 26 Mio. € auf 253 Mio. €, +887,1 %) und der Republik Moldau (von 0,02 Mio. € auf 16 Mio. €, +66.219 %). Nordmazedonien verzeichnete ebenfalls ein kräftiges Wachstum (+151,7 %). Die Ukraine hingegen verlor als Importpartner an Bedeutung (−32,7 %), was möglicherweise mit den Folgen des Krieges zusammenhängt.
| Importpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Norwegen | 327 | 1.795 | +449,4 % |
| Montenegro | 26 | 253 | +887,1 % |
| Nordmazedonien | 85 | 214 | +151,7 % |
| Ukraine | 174 | 117 | −32,7 % |
| Republik Moldau | 0,02 | 16 | +66.219 % |
Quelle: Top-Handelspartner
Innerhalb der EU verschoben sich die Rollen von Nettoexport- und Nettoimportländern
Die Analyse der EU-Binnenhandelsströme zeigt tiefgreifende Veränderungen. Italien steigerte seine Stromimporte von 25 Mio. € auf 2,56 Mrd. € (+10.049 %) und wurde damit zum mit Abstand größten EU-Stromimporteur. Deutschland erhöhte seine Importe von 159 Mio. € auf 1,31 Mrd. € (+723 %), bei gleichzeitig nur moderatem Exportwachstum (von 751 Mio. € auf 1,02 Mrd. €, +35 %) — Deutschland wandelte sich damit von einem Nettoexporteur (2015: +592 Mio. €) zu einem Nettoimporteur (2025: −296 Mio. €). Auch Dänemark (+513 %) verzeichnete kräftiges Importwachstum.
Demgegenüber baute Frankreich seine Exportposition kräftig aus: Die Exporte stiegen von 954 Mio. € auf 2,28 Mrd. € (+139 %), während die Importe nahezu unverändert blieben (+6 %). Slowenien verzeichnete das stärkste Exportwachstum aller betrachteten EU-Länder (+545 %, von 119 Mio. € auf 769 Mio. €).
| EU-Land | Richtung | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Italien | Import | 25 | 2.557 | +10.049 % |
| Deutschland | Import | 159 | 1.312 | +723 % |
| Dänemark | Import | 130 | 799 | +513 % |
| Kroatien | Import | 198 | 302 | +53 % |
| Frankreich | Export | 954 | 2.283 | +139 % |
| Slowenien | Export | 119 | 769 | +545 % |
| Deutschland | Export | 751 | 1.016 | +35 % |
Quelle: Hauptreporter
Die Importkonzentration nahm zu, während sich die Exportbasis verbreiterte
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe stieg von 1.458 auf 2.384 (+63,5 %), was auf eine zunehmende Konzentration der Importe auf wenige Lieferländer hindeutet — insbesondere auf Norwegen, das seinen Anteil am EU-Stromimportwert von 327 Mio. € auf 1,80 Mrd. € ausweitete. Gleichzeitig sank der Export-HHI von 2.473 auf 1.830 (−26,0 %), was eine breitere Streuung der Exporte über mehr Partnerländer signalisiert. Die gleichzeitige Zunahme der Importkonzentration und Abnahme der Exportkonzentration deutet auf eine zunehmende Asymmetrie im EU-Stromhandel hin.
| Richtung | HHI 2015 | HHI 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe | 1.458 | 2.384 | +63,5 % |
| Exporte | 2.473 | 1.830 | −26,0 % |
Quelle: Konzentrationsanalyse
3. Erosion des Handelsbilanzüberschusses im Stromsektor
Der positive Handelsbilanzsaldo schrumpfte um über 90 %
Im Jahr 2015 wies die EU im Stromhandel mit Drittländern einen Überschuss von 1,77 Mrd. € aus. Bis 2025 schrumpfte dieser auf lediglich 163 Mio. € — eine Abnahme um 90,8 %. Im gesamten Betrachtungszeitraum wurde das Minimum mit einem Defizit von −5,86 Mrd. € erreicht. Der Übergang von einem komfortablen Überschuss zu einem nahezu ausgeglichenen Saldo spiegelt die Kombination aus stark gestiegenen Importpreisen, zunehmender Importkonzentration auf Norwegen und dem kräftigen Nachfragewachstum in Ländern wie Italien und Deutschland wider.
| Kennzahl | Betrag |
|---|---|
| Handelsbilanz 2015 | +1,77 Mrd. € |
| Handelsbilanz 2025 | +0,16 Mrd. € |
| Minimum im Zeitraum | −5,86 Mrd. € |
| Veränderung 2015–2025 | −90,8 % |
Quelle: Handelsübersicht
Spezialisierungsmuster innerhalb der EU variieren erheblich
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU. Bulgarien (RSCA: 0,74), Griechenland (0,55) und Slowenien (0,51) weisen die höchste Spezialisierung im Stromexport auf. Demgegenüber stehen Malta (RSCA: −0,99), Luxemburg (−0,77) und Italien (−0,69) als am wenigsten spezialisierte Länder — ein Ergebnis, das mit Italiens Rolle als bedeutendem Nettoimporteur konsistent ist. Die Spezialisierungsunterschiede spiegeln sowohl geografische Lage (Balkanstaaten als Transit- und Exportregion) als auch nationale Erzeugungsstrukturen wider.
| Land | RSCA | Einordnung |
|---|---|---|
| Bulgarien | +0,74 | hoch spezialisiert |
| Griechenland | +0,55 | hoch spezialisiert |
| Slowenien | +0,51 | hoch spezialisiert |
| Slowakei | +0,47 | hoch spezialisiert |
| Dänemark | +0,42 | hoch spezialisiert |
| Malta | −0,99 | stark unterrepräsentiert |
| Luxemburg | −0,77 | unterrepräsentiert |
| Italien | −0,69 | unterrepräsentiert |
| Belgien | −0,50 | unterrepräsentiert |
| Portugal | −0,21 | unterrepräsentiert |
Quelle: Spezialisierung
Fazit
Der EU-Stromhandel mit Drittländern hat sich zwischen 2015 und 2025 in wesentlichen Dimensionen verändert. Drei Ergebnisse stechen hervor:
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Preise statt Mengen als Werttreiber: Die Handelswerte wurden überwiegend durch Preissteigerungen und nicht durch Mengenwachstum getrieben. Die Exportpreise stiegen um 86 %, die Importpreise gar um 216 %, während die jeweiligen Mengen nur um 21 % bzw. 32 % wuchsen. Die Energiekrise von 2022 hinterließ deutliche Spuren in Form von Höchstpreisen (Import: 258,7 €/MWh, Export: 215,5 €/MWh) und einem temporären Handelsbilanzdefizit von −5,86 Mrd. €.
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Strukturelle Neuaufstellung der Handelsbeziehungen: Norwegen hat sich als dominierender Stromlieferant der EU etabliert (+449 %). Innerhalb der EU verschoben sich die Rollen erheblich: Deutschland wandelte sich von Nettoexporteur zu Nettoimporteur, Italien wurde zum mit Abstand größten Importeur, während Frankreich und Slowenien ihre Exportposition kräftig ausbauten. Die steigende Importkonzentration (HHI +64 %) birgt mittelfristig das Risiko einer stärkeren Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten.
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Schrumpfender Handelsüberschuss: Der EU-Stromhandelsüberschuss fiel von 1,77 Mrd. € auf lediglich 163 Mio. € — ein Rückgang um 91 %. Die EU hat sich damit von einer komfortablen Nettoexportposition in eine nahezu ausgeglichene Lage bewegt. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als sie trotz stark gestiegener Exportwerte eintritt — die noch stärker gestiegenen Importwerte haben den Überschuss jedoch aufgezehrt.