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Marktentwicklung: Erdgas und gasförmige Kohlenwasserstoffe (CN 2711) — 2015–2025

Einleitung

Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit Drittländern für den Zolltarifcode CN 2711 — Erdgas und andere gasförmige Kohlenwasserstoffe im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Rubrik umfasst sowohl verflüssigte als auch gasförmige Kohlenwasserstoffe, darunter verflüssigtes Erdgas (LNG, CN 271111), Propan (CN 271112), Butane (CN 271113) sowie pipelinegebundenes Erdgas (CN 271121). Der Beobachtungszeitraum deckt mehrere Marktphasen ab: eine Phase relativ stabiler Energiepreise (2015–2019), die COVID-19-Nachfrageeinbrüche (2020), die beispiellose Energiekrise ab 2021/2022 sowie die anschließende Neuausrichtung der europäischen Gasversorgung.

Im Jahr 2025 beliefen sich die EU-Importe auf einen Gesamtwert von 88,0 Mrd. EUR und ein Volumen von 143,9 Mio. Tonnen, während die Exporte 4,2 Mrd. EUR bzw. 6,0 Mio. Tonnen erreichten. Damit weist die EU weiterhin einen erheblichen Handelsdefizit von 83,8 Mrd. EUR auf — eine strukturelle Abhängigkeit, die den gesamten Untersuchungszeitraum prägt.


I. Die tektonische Verschiebung: Vom Pipeline-Erdgas zum verflüssigten Erdgas

Pipeline-Erdgas verliert seine dominante Stellung

Die auffälligste strukturelle Veränderung im EU-Gashandel betrifft das Verhältnis zwischen pipelinegebundenem Erdgas (CN 271121) und verflüssigtem Erdgas (LNG, CN 271111). Pipeline-Erdgas war 2015 mit 82,7 Mio. Tonnen das unangefochtene Hauptimportprodukt und machte rund 69 % der Gesamtimporte aus. Bis 2025 sank das Volumen jedoch auf 63,1 Mio. Tonnen — ein Rückgang von 23,6 %.

LNG-Importe vervielfachen sich

Demgegenüber stiegen die LNG-Importe von 20,4 Mio. Tonnen (2015) auf 65,2 Mio. Tonnen (2025) — eine Steigerung von über 220 %. Damit hat LNG im Jahr 2025 erstmals das Pipeline-Erdgas als mengenmäßig größte Importkategorie überholt. Der Wendepunkt lässt sich anhand der Datenreihe klar ablesen:

Jahr Pipeline-Erdgas (271121) LNG (271111) LNG-Anteil an Pipeline
2015 82,7 Mio. t 20,4 Mio. t 24,7 %
2018 88,8 Mio. t 27,6 Mio. t 31,1 %
2019 78,8 Mio. t 44,5 Mio. t 56,5 %
2021 90,8 Mio. t 40,2 Mio. t 44,3 %
2022 84,8 Mio. t 61,9 Mio. t 73,0 %
2023 70,5 Mio. t 64,5 Mio. t 91,5 %
2025 63,1 Mio. t 65,2 Mio. t 103,3 %

Quelle: Produktsegment-Vergleich

Preisunterschiede zwischen den Segmenten

Die Preisentwicklung zeigt, dass LNG historisch teurer war als Pipeline-Erdgas. Im Jahr 2015 betrug der LNG-Importpreis 314 EUR/t gegenüber 321 EUR/t für Pipeline-Gas — noch vergleichbar. In der Hochpreisphase 2022 lagen die LNG-Preise bei 1.284 EUR/t gegenüber 1.316 EUR/t für Pipeline-Gas; die Differenz näherte sich an, da die Pipeline-Lieferungen knapper und geopolitisch belasteter wurden. Im Jahr 2025 betrug der LNG-Preis 529 EUR/t und der Pipeline-Gas-Preis 540 EUR/t — Pipeline-Erdgas war also leicht teurer als LNG, was die veränderte Knappheitssituation widerspiegelt.

Im Energieäquivalent (Terajoule, oberer Heizwert) lag der Pipeline-Gas-Preis 2025 bei 9.600 EUR/TJ, verglichen mit 5.659 EUR/TJ im Jahr 2015 — ein langfristiger Anstieg um 69,6 %.

Übrige Gaskategorien bleiben Nischenprodukte

Propan (CN 271112) und Butane (CN 271113) blieben mengenmäßig stabil bei jeweils rund 12 Mio. Tonnen bzw. 3 Mio. Tonnen pro Jahr. Verflüssigte Olefine (CN 271114, Ethylen, Propylen u. a.) und sonstige gasförmige Kohlenwasserstoffe (CN 271119) spielen volumenmäßig eine untergeordnete Rolle.


II. Energiepreisschock 2022 und seine ungleichmäßige Erholung

Der dramatische Preisanstieg von 2021 auf 2022

Der untersuchte Zeitraum wird vom beispiellosen Energiepreisschock dominiert, der sich 2021–2022 entfaltete. Die durchschnittlichen EU-Importpreise entwickelten sich wie folgt:

Jahr Importpreis (EUR/t) Veränderung zum Vorjahr
2015 323
2016 195 −39,6 %
2019 242
2020 173 −28,6 %
2021 432 +150,1 %
2022 1.239 +186,7 %
2023 683 −44,9 %
2024 528 −22,7 %
2025 528 ±0,0 %

Quelle: Gesamtübersicht

Der Importwert erreichte 2022 mit 234,9 Mrd. EUR seinen Höchststand — mehr als das Achtfache des Tiefstands von 27,9 Mrd. EUR im Jahr 2020. Die Importmenge blieb mit 156,9 Mio. Tonnen im Vergleich zu 2021 (159,7 Mio. Tonnen) nahezu stabil, sodass der Anstieg fast vollständig preisgetrieben war.

Das Handelsdefizit erreicht historische Dimensionen

Das Handelsdefizit der EU im Gassektor explodierte 2022 auf −230,1 Mrd. EUR — gegenüber −38,3 Mrd. EUR im Jahr 2015 und einem historischen Tiefstwert von −26,4 Mrd. EUR (2020, als die Nachfrage pandemiebedingt sank). Bis 2025 normalisierte sich das Defizit auf −83,8 Mrd. EUR, blieb aber mehr als doppelt so hoch wie in der Vorkrisenzeit.

Identifizierung einzelner Preisschocks

Die Analyse der Versorgungsschocks identifiziert drei besonders signifikante Ereignisse:

Schock-Event Typ Zeitpunkt Preissprung Wertanteil
USA-Importe Preis 2021 +228,0 % 23,8 %
UK-Exporte Preis 2022 +220,5 % 15,6 %
Serbien-Exporte Preis 2022 +508,7 % 6,2 %

Der US-Importschock bereits 2021 deutet darauf hin, dass die europäische Gaspreisentwicklung den globalen Märkten vorausgeeilt ist — die EU konkurrierte frühzeitig um LNG-Lieferungen auf dem Weltmarkt, noch bevor die russischen Pipeline-Lieferungen 2022 vollständig eingeschränkt wurden. Der extreme Preissprung bei den Exporten nach Serbien (+508,7 %) spiegelt wider, dass die EU als Transit- und Reexporteur in Südosteuropa eine neue Rolle übernahm.

Volatilitätsunterschiede nach Herkunftsland

Die Volatilitätsanalyse zeigt bemerkenswerte Unterschiede in der Stabilität der Lieferbeziehungen (gemessen am Variationskoeffizienten, CV):

Lieferant CV (Importe) Bewertung
Aserbaidschan 0,97 Sehr instabil
Peru 0,95 Sehr instabil
Ägypten 0,91 Sehr instabil
USA 0,85 Instabil
Vereinigtes Königreich 0,33 Moderat
Russische Föderation 0,29 Relativ stabil
Norwegen 0,11 Sehr stabil
Algerien 0,14 Sehr stabil

Paradoxerweise war Russland als Lieferant über den gesamten Zeitraum betrachtet mengenmäßig relativ stabil (CV = 0,29), doch diese Stabilität maskierte das abrupte Ausfallereignis 2022. Die neuen LNG-Lieferanten wie die USA weisen eine deutlich höhere Volatilität auf (CV = 0,85), was die inhärente Schwankungsanfälligkeit der Umstellung auf Spotmarkt-basierte LNG-Importe widerspiegelt.


III. Geopolitische Neuausrichtung der Handelsbeziehungen

Russlands Importanteil schrumpft — die USA werden zum Schlüssel-Lieferanten

Die tiefgreifendste geopolitische Verschiebung zeigt sich in der Veränderung der Handelspartner. Russland war 2015 mit einem Importwert von 12,9 Mrd. EUR der mit Abstand wichtigste Gaslieferant der EU. Im Jahr 2025 betragen die Importe aus Russland 13,2 Mrd. EUR — nominal kaum verändert, aber ihr Anteil am Gesamtimportwert sank von rund 32 % (2015) auf etwa 15 % (2025). Der Höchstwert lag bei 48,3 Mrd. EUR (2022), als die noch laufenden Restlieferungen zu extremen Preisen abgerechnet wurden.

Lieferant Importwert 2015 (Mrd. EUR) Importwert 2025 (Mrd. EUR) Veränderung
Russische Föderation 12,9 13,2 +2,5 %
Algerien 8,7 14,5 +66,5 %
Norwegen 6,1 10,8 +78,3 %
Vereinigte Staaten 0,8 28,4 +3.329,5 %
Vereinigtes Königreich 3,6 4,2 +16,7 %
Katar 2,8 3,9 +38,2 %
Nigeria 1,2 2,3 +91,2 %

Quelle: Top-Handelspartner nach Wert

Die USA stiegen von einem marginalen Lieferanten (0,8 Mrd. EUR, 2015) zum zweitgrößten Gaslieferanten der EU auf (28,4 Mrd. EUR, 2025). Die Steigerung um mehr als 3.300 % ist historisch beispiellos und spiegelt den massiven LNG-Ausbau in den USA und die europäische Diversifizierungsstrategie nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wider. Der Höchstwert der US-Importe lag bei 53,8 Mrd. EUR (2022), als die EU in einer Art „Preisbietwettbewerb" um globale LNG-Mengen rang.

Importkonzentration sinkt trotz Volatilität

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert sank von 2.185 (2015) auf 1.925 (2025) — ein Rückgang um 11,9 %. Ein HHI unter 2.500 gilt als moderat konzentriert; die Abnahme signalisiert eine messbare Diversifizierung der EU-Gasversorgung. Der niedrigste Wert wurde 2020 mit 1.551 erreicht, als pandemiebedingt mehrere Lieferanten an Bedeutung gewannen. Das Volumen des HHI für Importe folgt einem ähnlichen Muster (von 2.164 auf 1.848).

Die EU wird zum Gasexporteur — mit veränderten Zielländern

Auf der Exportseite zeigt sich eine Gegenbewegung: Der Export-HHI stieg von 550 (2015) auf 1.950 (2025) — eine Zunahme um 254,8 %. Die EU-Exporte konzentrieren sich zunehmend auf wenige Nachbarländer:

Exportziel Exportwert 2015 (Mrd. EUR) Exportwert 2025 (Mrd. EUR) Veränderung
Ukraine 0,12 1,46 +1.106,2 %
Moldau 0,007 0,61 +8.575,7 %
Serbien 0,032 0,17 +436,4 %
Vereinigtes Königreich 0,18 0,30 +68,5 %
Marokko 0,20 0,30 +47,8 %
Norwegen 0,048 0,16 +241,3 %

Quelle: Top-Handelspartner nach Wert (Exporte)

Die dramatischen Anstiege bei den Exporten in die Ukraine (+1.106 %) und nach Moldau (+8.576 %) sind klar mit dem russischen Angriffskrieg und der Unterbrechung der russischen Gaslieferungen durch die Ukraine verknüpft. Die EU hat damit eine neue Rolle als Gasversorger für osteuropäische Staaten übernommen, die zuvor von russischen Direktlieferungen abhängig waren.

Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass insbesondere kleinere EU-Staaten mit LNG-Importinfrastruktur eine hohe Handelsspezialisierung aufweisen:

Mitgliedstaat RSCA Produktanteil am Gesamtexport
Belgien 0,73 53,2 %
Lettland 0,65 1,6 %
Estland 0,64 1,5 %
Litauen 0,52 1,9 %
Kroatien 0,49 1,2 %

Große Volkswirtschaften wie Deutschland (RSCA −0,86), Österreich (−0,88) und Polen (−0,94) sind dagegen hochgradig unspezialisiert, was ihre Rolle als Nettoimporteure unterstreicht.

Unter den EU-Exportmitgliedstaaten stachen Ungarn (Exporte: von 0,13 Mrd. EUR auf 1,36 Mrd. EUR, +952 %) und Rumänien (von 0,03 Mrd. EUR auf 0,71 Mrd. EUR, +2.214 %) als dynamischste Reexporteure hervor — ein Hinweis auf die zunehmende Rolle mitteleuropäischer Staaten als Gasverteilungsknoten.


Schlussfolgerung

Die Handelsentwicklung der EU im Bereich Erdgas und gasförmige Kohlenwasserstoffe (CN 2711) zwischen 2015 und 2025 ist durch drei miteinander verflochtene Megatrends geprägt:

  1. Strukturelle Substitution: Verflüssigtes Erdgas (LNG) hat pipelinegebundenes Erdgas als mengenmäßig wichtigste Importkategorie abgelöst. Im Jahr 2025 überstiegen die LNG-Importe (65,2 Mio. t) erstmals die Pipeline-Importe (63,1 Mio. t) — eine fundamentale Verschiebung der europäischen Energieinfrastruktur.

  2. Preisvolatilität und Erholung: Der Energiepreisschock von 2022 trieb die Importpreise auf 1.239 EUR/t und das Handelsdefizit auf −230 Mrd. EUR. Die Preise haben sich bis 2025 auf 528 EUR/t stabilisiert — immer noch 63,5 % über dem Niveau von 2015. Die Erholung ist also unvollständig; die EU zahlt dauerhaft mehr für ihre Gasimporte.

  3. Geopolitische Neuausrichtung: Russlands Anteil an den EU-Importen ist von rund einem Drittel auf etwa ein Sechstel geschrumpft, während die USA zum zweitgrößten Lieferanten aufgestiegen sind. Gleichzeitig hat die EU eine neue Rolle als Gasversorger für die Ukraine und Moldau übernommen. Diese Umorientierung ging mit einer messbaren Diversifizierung der Importquellen (sinkender HHI) einher, brachte aber auch höhere Volatilität durch die Abhängigkeit von schwankungsanfälligen LNG-Spotmärkten mit sich.

Die europäische Gasversorgung im Jahr 2025 ist flexibler, aber auch teurer und komplexer als noch vor einem Jahrzehnt. Die Fähigkeit der EU, ihre neue Importstruktur in eine dauerhaft sichere und bezahlbare Energieversorgung zu übersetzen, wird die kommenden Jahre prägen.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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