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Marktentwicklung: Erdölbitumen (CN 271320) — 2015–2025

Einführung

Erdölbitumen (Zolltarifnummer 271320) ist ein wesentliches Erzeugnis der Erdölverarbeitung und wird vor allem im Straßenbau sowie in der Bauindustrie verwendet. Die Gesamtübersicht des EU-Außenhandels zeigt über den Zeitraum 2015 bis 2025 ein konstantes Bild: Die Europäische Union ist ein struktureller Nettoexporteur dieses Produkts und verzeichnete in jedem Jahr eine deutlich positive Handelsbilanz. Gleichzeitig vollzog sich in den letzten zehn Jahren ein tiefgreifender Wandel — sowohl bei den Handelspartnern als auch bei den Preisniveaus und der Marktkonzentration. Im Jahr 2022 markierte die globale Energiekrise eine Zäsur, deren Auswirkungen bis heute nachwirken.

Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Handelsdynamiken in drei Abschnitten.


1. Preisgetriebenes Wachstum bei durchgehendem Exportüberschuss

1.1 Die EU als bedeutender Nettoexporteur: Überschüsse von über einer Milliarde Euro

Die EU erzielte im gesamten Beobachtungszeitraum einen durchgehend positiven Handelsbilanzsaldo. Im Vergleich von 2015 und 2025 ergibt sich folgendes Bild:

Kennzahl 2015 Minimum Maximum 2025 Veränderung 2015→2025
Exportwert 1.106 Mio. € 822 Mio. € 1.751 Mio. € 1.596 Mio. € +44,3 %
Importwert 120 Mio. € 99 Mio. € 346 Mio. € 269 Mio. € +123,5 %
Handelsbilanz +985 Mio. € +723 Mio. € +1.461 Mio. € +1.327 Mio. € +34,6 %

Der Handelsbilanzsaldo pendelte zwischen 723 Mio. € und 1.461 Mio. € und erreichte 2025 mit 1.327 Mio. € erneut ein hohes Niveau. Die EU exportierte damit Erdölbitumen im Wert von rund dem Sechsfachen der Importe — ein Indiz für die starke Raffinerie- und Verarbeitungskapazität der europäischen Mineralölindustrie.

1.2 Mengenentwicklung: Stabile Exporte, stark wachsende Importe

Während der Exportwert um 44,3 % stieg, veränderte sich das Exportvolumen im selben Zeitraum nur marginal:

Kennzahl 2015 Minimum Maximum 2025 Veränderung 2015→2025
Exportmenge 4.544.470 t 3.581.419 t 4.912.685 t 4.586.035 t +0,9 %
Importmenge 414.726 t 395.482 t 668.930 t 638.818 t +54,0 %

Die Exportmenge blieb mit 4,59 Mio. Tonnen nahezu unverändert (+0,9 %), wohingegen sich der Exportwert um fast die Hälfte erhöhte. Dies bedeutet, dass das Wachstum nahezu vollständig preisgetrieben war. Im Gegensatz dazu stiegen die Importe sowohl mengen- als auch wertmäßig: Das Volumen wuchs um 54,0 % auf 638.818 Tonnen, der Wert gar um 123,5 %. Die EU importierte 2025 also nicht nur mehr Erdölbitumen als 2015, sondern zahlte dafür auch deutlich höhere Preise.

1.3 Preisdynamik: Spitzenwerte während der Energiekrise 2022

Die durchschnittlichen Export- und Importpreise unterlagen erheblichen Schwankungen:

Preisindikator 2015 Minimum Maximum 2025 Veränderung 2015→2025
Exportpreis (€/t) 243,30 193,47 467,74 347,94 +43,0 %
Importpreis (€/t) 290,26 240,85 517,62 421,24 +45,1 %

Die Höchstpreise von 467,74 €/t (Export) bzw. 517,62 €/t (Import) fielen in die Energiepreiskrise des Jahres 2022, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Obwohl sich die Preise danach wieder nach unten korrigierten, blieben sie 2025 mit 347,94 €/t (Export) bzw. 421,24 €/t (Import) deutlich über dem Ausgangsniveau von 2015. Auffallend ist, dass der Importpreis durchgehend über dem Exportpreis lag — ein Hinweis darauf, dass importiertes Bitumen im Durchschnitt hochwertigeren Sorten oder aus entfernteren Herkunftsländern mit höheren Transportkosten entsprach.


2. Tiefgreifender Wandel der Handelspartnerschaften

2.1 Aufstieg der Türkei zum dominierenden Importlieferanten

Der dramatischste Strukturwandel im Importbereich vollzog sich bei den Herkunftsländern. Die Türkei stieg von praktisch null auf einen Importwert von 216 Mio. € und wurde damit zum mit Abstand wichtigsten EU-Lieferanten:

Importpartner 2015 2025 Veränderung
Türkei 1.048 € 216,2 Mio. €
Vereinigtes Königreich 9,9 Mio. € 17,6 Mio. € +77,9 %
Russische Föderation 2,6 Mio. € 9,5 Mio. € +265,5 %
Belarus 13,0 Mio. € 8,2 Mio. € −36,6 %
Irak 27 € 6,1 Mio. €
Serbien 48,9 Mio. € 1,9 Mio. € −96,2 %
Bosnien und Herzegowina 29,5 Mio. € 0,2 Mio. € −99,4 %

Der Anstieg der türkischen Bitumenexporte in die EU — von lediglich 1.048 € im Jahr 2015 auf 216 Mio. € im Jahr 2025 — ist der zentrale Strukturwandel im Importmarkt. Die Türkei vereinigte 2025 einen Marktanteil von rund 80 % der EU-Importe auf sich. Demgegenüber stehen drastische Rückgänge bei den traditionellen Balkan-Lieferanten: Serbien (−96,2 %) und Bosnien und Herzegowina (−99,4 %) verloren ihre Bedeutung als Importquellen fast vollständig.

2.2 Nordafrika und das Vereinigte Königreich als wichtigste Exportmärkte

Auf der Exportseite sticht neben dem anhaltend starken Handel mit Algerien vor allem das außergewöhnliche Wachstum der Exporte nach Marokko hervor:

Exportpartner 2015 2025 Veränderung
Vereinigtes Königreich 131,6 Mio. € 359,6 Mio. € +173,2 %
Algerien 217,5 Mio. € 281,2 Mio. € +29,3 %
Marokko 34,9 Mio. € 168,7 Mio. € +383,2 %
Norwegen 143,0 Mio. € 147,8 Mio. € +3,3 %
Schweiz 112,8 Mio. € 92,5 Mio. € −18,0 %
Vereinigte Staaten 78,8 Mio. € 44,9 Mio. € −43,0 %
Ägypten 61,1 Mio. € 2,3 Mio. € −96,3 %

Das Vereinigte Königreich war 2025 mit 359,6 Mio. € der mit Abstand wichtigste Exportmarkt — trotz des Brexits und des daraus resultierenden Handelsregimewechsels ein Zuwachs von 173,2 %. Marokko verfünffachte seine EU-Bitumenimporte nahezu (+383,2 %), was auf den starken Ausbau der marokkanischen Infrastruktur — insbesondere Autobahn- und Straßenprojekte — hindeutet. Algerien blieb als traditionsstarker Markt mit 281,2 Mio. € stabil wichtig. Demgegenüber fielen die Exporte nach Ägypten praktisch auf null (−96,3 %) und in die USA um 43,0 %.

2.3 Innerer EU-Handel: Griechenland und die Niederlande als neue Exportmächte

Auch innerhalb der EU verschoben sich die Gewichte erheblich. Bei den exportierenden Mitgliedstaaten:

Exportierender EU-Staat 2015 2025 Veränderung
Griechenland 133,4 Mio. € 432,6 Mio. € +224,3 %
Spanien 264,7 Mio. € 242,9 Mio. € −8,2 %
Italien 280,7 Mio. € 203,0 Mio. € −27,7 %
Niederlande 31,2 Mio. € 168,9 Mio. € +442,0 %
Frankreich 31,3 Mio. € 109,2 Mio. € +249,3 %
Schweden 132,8 Mio. € 92,9 Mio. € −30,1 %
Deutschland 81,0 Mio. € 92,5 Mio. € +14,3 %

Griechenland stieg vom viertgrößten zum größten EU-Exporteur mit einem Zuwachs von 224,3 % auf — die griechischen Raffinerien (insbesondere im Korinth-Kanal-Gebiet) sind offenbar zu einem zentralen europäischen Produktionsstandort für Bitumen geworden. Die Niederlande (+442,0 %) und Frankreich (+249,3 %) verzeichneten ebenfalls außergewöhnliche Wachsraten. Demgegenüber büßten Italien (−27,7 %), Schweden (−30,1 %) und Spanien (−8,2 %) an Bedeutung ein.

Auf der Importseite innerhalb der EU fielen insbesondere die Zuwächse Belgiens und Irlands auf:

Importierender EU-Staat 2015 2025 Veränderung
Belgien 2,0 Mio. € 88,9 Mio. € +4.240 %
Frankreich 12,4 Mio. € 53,8 Mio. € +333,3 %
Irland 5,1 Mio. € 41,7 Mio. € +722,5 %
Rumänien 24,6 Mio. € 32,6 Mio. € +32,3 %
Finnland 2,3 Mio. € 6,1 Mio. € +158,7 %
Bulgarien 28,8 Mio. € 9,6 Mio. € −66,9 %
Kroatien 12,8 Mio. € 0,5 Mio. € −95,8 %

Belgiens Importe stiegen von 2,0 Mio. € auf 88,9 Mio. € (+4.240 %) — ein Anstieg, der mit der Rolle des Antwerpener Hafens als Mineralölumschlagplatz zusammenhängen dürfte. Irland (+722,5 %) und Frankreich (+333,3 %) steigerten ihre Importe ebenfalls stark, was auf wachsende inländische Nachfrage oder veränderte logistische Strukturen hindeutet. Gleichzeitig verloren Kroatien (−95,8 %) und Bulgarien (−66,9 %) an Bedeutung als Importeure.


3. Wachsende Konzentration und geopolitische Versorgungsrisiken

3.1 Zunehmende Ungleichgewichte: Der Herfindahl-Hirschman-Index

Die Konzentration der Handelspartner, gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index (HHI), entwickelte sich zwischen Import- und Exportseite sehr unterschiedlich:

HHI-Indikator (Wert) 2015 Minimum Maximum 2025 Veränderung
Importe (HHI) 2.498 2.086 6.660 6.660 +166,6 %
Exporte (HHI) 988 873 1.135 1.135 +15,0 %
HHI-Indikator (Volumen) 2015 Minimum Maximum 2025
Importe (HHI) 2.677 2.015 6.935 6.935
Exporte (HHI) 982 881 1.474 1.474

Ein HHI unter 1.500 gilt als Zeichen eines unkonzen­trierten (diversifizierten) Marktes, Werte über 2.500 als hochkonzentriert. Die EU-Exporte blieben mit einem HHI von 1.135 im Bereich einer gesunden Diversifizierung — die EU belieferte 2025 eine breite Palette von Märkten. Der Importmarkt hingegen verschob sich von bereits hoher Konzentration (2.498) zu extremer Konzentration (6.660), fast ausschließlich bedingt durch die Dominanz der Türkei. Dies birgt ein erhebliches Kontrahentenrisiko: Störungen im Handel mit der Türkei könnten die EU-Importversorgung mit Erdölbitumen empfindlich treffen.

3.2 Preisvolatilität und identifizierte Versorgungsschocks

Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass bestimmte Handelsbeziehungen einem überdurchschnittlichen Schwankungsrisiko unterliegen. Der Variationskoeffizient (CV) als Maß für die relative Volatilität betrug bei den Importen:

Importpartner CV
Kanada 2,12
Irak 1,42
Saudi-Arabien 1,29
Bosnien und Herzegowina 1,26
Russische Föderation 1,07
Vereinigte Staaten 0,72

Ein CV über 1,0 kennzeichnet ein hohes Maß an Instabilität. Besonders bei Kanada, Irak und Saudi-Arabien waren die Handelsströme stark schwankend, was auf sporadische Lieferungen und reaktive Beschaffungsentscheidungen hindeutet. Bei den Exporten waren die traditionellen Partner Algerien (CV 0,18), Norwegen (CV 0,17) und die Schweiz (CV 0,12) besonders stabil.

Die Analyse einzelner Schockereignisse identifiziert drei herausragende Ereignisse:

Ereignis Art Richtung Zeitpunkt Preis-/Mengen-Shift Anteil am Handelswert
Marokko — Preisschock Preis Export 2017 +170,4 % 11,6 %
Bosnien u. Herzegowina — Angebotsschock Angebot Import 2021 −98,1 % 6,5 %
Russische Föderation — Preisschock Preis Import 2021 +54,7 % 11,7 %

Der Marokko-Preisschock von 2017 (Abnormalität: 59,3) war das extremste einzelne Ereignis — die Exportpreise nach Marokko stiegen um 170,4 %. Dies deutet auf eine außergewöhnliche Vertrags- oder Marktsituation hin, möglicherweise im Zusammenhang mit großvolumigen Infrastrukturprojekten. Der Angebotsschock aus Bosnien und Herzegowina (2021) mit einem Einbruch von −98,1 % ist Teil des bereits beschriebenen völligen Rückzugs balkanischer Lieferanten aus dem EU-Importmarkt. Der russische Preisschock (2021) mit einem Anstieg von +54,7 % fiel in die Phase der sich zuspitzenden geopolitischen Lage vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine und dem damit verbundenen Auftrieb bei Energiepreisen.

3.3 Komparativer Vorteil innerhalb der EU: Spezialisierungsmuster 2025

Die Spezialisierungsindikatoren (RSCA-Wert) für 2025 zeigen, welche EU-Länder einen ausgeprägten komparativen Vorteil bei Erdölbitumen besitzen und welche nahezu ausschließlich Importeure sind:

Stärkste Spezialisierung (Nettoexporteure):

EU-Staat RSCA Produktanteil am Export
Griechenland 0,869 9,6 %
Litauen 0,839 7,1 %
Ungarn 0,409 6,4 %
Slowakei 0,310 4,0 %
Schweden 0,308 4,5 %

Geringste Spezialisierung (Nettoimporteure):

EU-Staat RSCA Produktanteil am Export
Slowenien −1,000 ≈0 %
Kroatien −1,000 ≈0 %
Luxemburg −0,999 ≈0 %
Irland −0,995 <0,1 %
Estland −0,969 <0,1 %

Griechenland und Litauen stehen mit hohen RSCA-Werten an der Spitze der Spezialisierung, gefolgt von Ungarn, der Slowakei und Schweden. Diese Länder verfügen über bedeutende Raffineriekapazitäten und exportieren Erdölbitumen in großem Umfang. Am anderen Ende des Spektrums stehen Slowenien, Kroatien, Luxemburg und Irland, die praktisch kein Bitumen exportieren und fast vollständig auf Importe angewiesen sind. Diese Polarisierung innerhalb der EU unterstreicht die Bedeutung der Raffineriestruktur für die Handelspositionierung.


Schlussfolgerung

Der EU-Außenhandel mit Erdölbitumen (CN 271320) zeigt im Zeitraum 2015 bis 2025 drei zentrale Dynamiken:

Erstens blieb die EU ein stabiler und umsatzstarker Nettoexporteur mit Überschüssen von bis zu 1,5 Mrd. €. Allerdings war das Wachstum auf den Exportseiten nahezu ausschließlich preisgetrieben — die physische Menge stagnierte. Die Energiekrise 2022 verursachte historische Preisspitzen, die sich seither teilweise normalisierten, aber das Preisniveau dauerhaft angehoben haben.

Zweitens verschob sich die Handelspartnerschaftslandschaft fundamental. Die Türkei entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum mit Abstand dominantesten Importlieferanten der EU, während traditionelle Balkan-Anbieter wie Serbien und Bosnien fast vollständig vom Markt verschwanden. Auf der Exportseite gewannen Marokko und in erheblichem Maß das Vereinigte Königreich an Bedeutung, während Ägypten als Absatzmarkt zusammenbrach. Innerhalb der EU stiegen Griechenland und die Niederlande zu den führenden Exportländern auf.

Drittens führte der Aufstieg der Türkei zu einer extremen Konzentration des EU-Importmarktes (HHI von 6.660), die ein erhebliches Abhängigkeitsrisiko darstellt. Im Gegensatz dazu blieb die Exportbasis mit einem HHI von 1.135 gut diversifiziert. Die identifizierten Preis- und Angebotsschocks — insbesondere in Marokko (2017), Bosnien (2021) und Russland (2021) — belegen die Anfälligkeit einzelner Handelsbeziehungen für extreme Schwankungen. Für die Versorgungssicherheit der EU empfiehlt sich angesichts dieser Entwicklungen eine kritische Beobachtung der Importkonzentration und eine Diversifierungsstrategie der Lieferantenstruktur.

Erstellt am 2026-08-08. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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