Marktentwicklung: Samen und ölhaltige Früchte (CN 1207) — 2015–2025
Einführung
Der Zolltarifcode 1207 umfasst eine breite Palette von Ölsamen und ölhaltigen Früchten — darunter Sesam-, Senf-, Saflor- und Mohnsamen, Baumwoll- und Melonenkerne sowie diverse sonstige Samen —, die nach dem EU-Zolltarif nicht unter die einzelnen Positionen 1201 bis 1206 (Soja, Erdnüsse, Kopra, Leinsaat, Raps, Sonnenblumenkerne) fallen. Der Zeitraum 2015 bis 2025 war durch fundamentale geopolitische Ereignisse geprägt: die COVID-19-Pandemie ab 2020, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ab Februar 2022 sowie die daraus resultierenden Lieferkettenumbrüche und Preisverwerfungen auf den globalen Agrarmärkten. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Zeitraum 2015 bis 2025 und beleuchtet die wichtigsten strukturellen Veränderungen. Die Daten beziehen sich auf den Gesamtüberblick der EU-Außenhandelsstatistik.
1. Starker Volumenausbau bei Importen und Exporten — und ein wachsendes Handelsdefizit
1.1 Die EU ist eindeutig ein Nettoimporteur
Die EU importiert bei CN 1207 im betrachteten Zeitraum durchweg deutlich mehr als sie exportiert. Im Jahr 2015 beliefen sich die Einfuhren auf 555,5 Mio. EUR, die Ausfuhren auf 144,7 Mio. EUR — das ergab ein Handelsdefizit von rund 411 Mio. EUR. Bis 2025 wuchsen die Einfuhren auf 866,4 Mio. EUR und die Ausfuhren auf 230,4 Mio. EUR, sodass sich das Defizit auf 636 Mio. EUR ausweitete.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (Mio. EUR) | 555,5 | 866,4 | +55,9 % |
| Exporte (Mio. EUR) | 144,7 | 230,4 | +59,3 % |
| Saldo (Mio. EUR) | −410,9 | −635,9 | −54,8 % |
Quelle: Handelsüberblick
1.2 Mengenwachstum übertrifft Wertentwicklung
Sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite stieg das physische Volumen stärker als der Handelswert. Die Importmengen wuchsen von 345.359 t (2015) auf 571.473 t (2025), was einem Zuwachs von 65,5 % entspricht. Die Exportmengen stiegen von 85.933 t auf 136.374 t (+58,7 %). Der durchschnittliche Importpreis sank im selben Zeitraum leicht um 5,8 % von 1.609 EUR/t auf 1.516 EUR/t, was darauf hindeutet, dass die EU zunehmend mengenstarke, aber preisgünstigere Lieferquellen erschlossene. Der Exportpreis blieb dagegen nahezu unverändert bei rund 1.683–1.689 EUR/t (+0,3 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge (t) | 345.359 | 571.473 | +65,5 % |
| Exportmenge (t) | 85.933 | 136.374 | +58,7 % |
| Importpreis (EUR/t) | 1.609 | 1.516 | −5,8 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 1.683 | 1.689 | +0,3 % |
Quelle: Handelsüberblick
1.3 Preiszyklen spiegeln globale Agrarmarkt-Turbulenzen wider
Die durchschnittlichen Einfuhr- und Ausfuhrpreise unterlagen im Zeitraum deutlichen Schwankungen. Der Importpreis erreichte seinen Tiefpunkt 2018 bei 1.322 EUR/t, kletterte bis 2022 auf 1.723 EUR/t und fiel 2025 wieder auf 1.516 EUR/t. Diese Preisbewegungen korrespondieren mit der Phase niedriger Rohstoffpreise vor 2020, dem pandemiebedingten Nachholeffekt 2021/22 und den Preisimpulsen des Ukraine-Krieges. Auf der Exportseite lag der Höchstpreis 2022 bei 2.563 EUR/t — ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Tiefstwert von 1.258 EUR/t in 2019/20. Die große Differenz zwischen Import- und Exportpreis 2022 (1.723 vs. 2.563 EUR/t) legt nahe, dass die EU vor allem hochwertigere oder weiterverarbeitete Ölsamen-Produkte ausführt.
2. Diversifizierung der Lieferketten und Verschiebung der Partnerlandschaft
2.1 China, Indien und Nigeria als wichtigste Lieferanten
Auf der Partnerseite zeigt sich, dass China im gesamten Zeitraum der mit Abstand wichtigste Importpartner blieb — mit einem Importwert von 130,8 Mio. EUR im Jahr 2025 (Rückgang von 154,3 Mio. EUR in 2015, −15,2 %). Indien rangierte auf Platz zwei mit 71,4 Mio. EUR (Rückgang von 102,7 Mio. EUR, −30,5 %). Nigeria und die Ukraine vervollständigten die Spitzengruppe mit jeweils rund 35–36 Mio. EUR. Bemerkenswert ist der leichte Rückgang der chinesischen und indischen Lieferungen, während die Ukraine ihre Position trotz des Krieges halten konnte (+11,4 %).
| Herkunftsland | Importe 2015 (Mio. EUR) | Importe 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 154,3 | 130,8 | −15,2 % |
| Indien | 102,7 | 71,4 | −30,5 % |
| Ukraine | 31,8 | 35,4 | +11,4 % |
| Nigeria | 36,4 | 35,9 | −1,4 % |
| Russland | 18,3 | 10,9 | −40,3 % |
| Kanada | 28,0 | 20,4 | −27,3 % |
Quelle: Hauptimporteure nach Wert
2.2 Dramatischer Anstieg nicht spezifizierter Handelsströme
Ein auffälliger Befund ist der extreme Anstieg der Importe aus „Ländern und Gebieten, die aus Handels- oder militärischen Gründen im Rahmen des Binnenhandels nicht angegeben sind" — von 1,6 Mio. EUR (2015) auf 185,6 Mio. EUR (2025), was einem Zuwachs von über 11.300 % entspricht. Diese Kategorie ist in der EU-Handelsstatistik für Fälle reserviert, in denen Herkunfts- oder Bestimmungsländer aus vertraulichkeits- oder sicherheitspolitischen Gründen nicht offengelegt werden. Der sprunghafte Anstieg — insbesondere ab 2022 — könnte mit der Umleitung von Handelsströmen im Kontext der Sanktionen gegen Russland und Belarus zusammenhängen oder auf veränderte Meldepraktiken einzelner EU-Mitgliedstaaten zurückzuführen sein.
2.3 Die EU exportiert verstärkt in den Nahen Osten und nach Russland
Auf der Exportseite dominieren traditionell die Niederlande als größter Exporteur (71,0 Mio. EUR, +78,2 % gegenüber 2015) und Griechenland (31,3 Mio. EUR, +97,5 %). Saudi-Arabien verzeichnete mit 22,8 Mio. EUR das stärkste absolute Wachstum (+92,8 %), gefolgt von Russland mit 23,2 Mio. EUR (+73,7 %). Die Exporte nach China stiegen besonders stark: von 0,8 Mio. EUR (2015) auf 5,4 Mio. EUR (2025), was einem Plus von 548 % entspricht. Japan (+83,8 %) und die Vereinigten Arabischen Emirate (+47,2 %) zeigen ebenfalls ein wachsendes Engagement der EU auf außereuropäischen Märkten.
2.4 Herkunftskonzentration bei Importen nimmt ab — Diversifizierungseffekt
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importkonzentration sank von 1.294 (2015) auf 728 (2025), eine Reduktion um 43,7 %. Ein HHI unter 1.500 gilt als Indikator für einen moderat konzentrierten Markt; der Rückgang signalisiert eine deutliche Diversifizierung der EU-Importquellen. Auf der Konzentrationsseite wird ersichtlich, dass auch die Exportkonzentration leicht abnahm (von 694 auf 536, −22,8 %), wenngleich die Volumenkonzentration bei Exporten stieg (+23,8 %) — ein Hinweis darauf, dass einzelne Bestimmungsländer mengenmäßig an Bedeutung gewinnen.
3. Produktsegmente, Spezialisierung und Preisschocks
3.1 Sesamsamen und Senfsamen dominieren den EU-Import
Laut der Produktsegment-Aufschlüsselung setzen sich die EU-Importe bei CN 1207 im Wesentlichen aus folgenden Segmenten zusammen:
| Produktsegment | Mengenanteil 2025 (t) | Importwert 2025 (Mio. EUR) |
|---|---|---|
| 120740 — Sesamsamen | 133.516 | 236,6 |
| 120799 — Sonstige Ölsamen | 144.656 | 267,2 |
| 120750 — Senfsamen | 96.369 | 58,7 |
| 120770 — Melonenkerne | 1.572 | 93,3 |
| 120760 — Saflorsamen | 14.598 | 7,9 |
| 120791 — Mohnsamen | 7.985 | 13,3 |
| 120729 — Baumwollsamen | 50 | 0,1 |
Quelle: Produktvergleich
Sesamsamen (CN 120740) und die Restkategorie „sonstige" (CN 120799) bilden mengen- und wertmäßig das Rückgrat des EU-Imports. Auffällig ist der starke Mengenanstieg bei CN 120799 — von 77.120 t (2015) auf 144.656 t (2025), was nahezu einer Verdopplung entspricht. Auch die Baumwollsamen (CN 120729), die mengenmäßig 2016 noch 41.791 t umfassten, sind auf praktisch null gesunken — ein Hinweis auf den Bedeutungsverlust der Baumwollsaatölproduktion in der EU. Melonenkerne (CN 120770) verbuchen trotz geringem Mengenanteil (1.572 t) einen beachtlichen Importwert von 93,3 Mio. EUR, was einem außergewöhnlich hohen Stückpreis von rund 59.301 EUR/t entspricht — ein Zeichen für die hohe Wertschöpfung in diesem Nischensegment.
3.2 Baumwollsamen und Mohnsamen dominieren die EU-Ausfuhren
Die EU exportiert bei CN 1207 vor allem Baumwollsamen (CN 120729) mit 88.005 t im Jahr 2025 (Wert: 31,4 Mio. EUR) sowie Mohnsamen (CN 120791) mit 15.791 t (Wert: 40,3 Mio. EUR). Mohnsamen sind exportseitig mit Abstand das wertvollste Segment pro Tonne — mit einem Exportpreis von rund 2.555 EUR/t. Die Baumwollsaat-Exporte schwankten im Zeitraum erheblich (von 22.438 t in 2017 bis 110.689 t in 2020), was mit globalen Baumwollmarktkonjunkturen und dem Kreislauf von Überangebot und Verknappung zusammenhängt. Die Exporte von Baumwollsamen zur Aussaat (CN 120721) stiegen kontinuierlich von 26 t auf 2.309 t — ein Hinweis auf die zunehmende Bedeutung der EU als Lieferant von Saatgut.
3.3 Griechenland und Österreich sind innerhalb der EU am stärksten spezialisiert
Die Analyse der Spezialisierung zeigt, dass innerhalb der EU erhebliche Unterschiede bei der Exportspezialisierung bestehen. Griechenland weist mit einem RSCA-Wert von 0,80 und einem RCA von 8,77 die stärkste Spezialisierung auf — das Land exportiert im Verhältnis zu seinem Gesamthandel deutlich überdurchschnittlich viel bei CN 1207. Österreich folgt mit RSCA 0,64 und RCA 4,50. Am anderen Ende der Skala stehen Irland (RSCA −1,00) und Zypern (RSCA −0,99), die praktisch nicht in diesem Segment exportieren. Die innergemeinschaftlichen Exporte werden dabei von den Niederlanden (71,0 Mio. EUR), Griechenland (31,3 Mio. EUR) und Tschechien (21,5 Mio. EUR) dominiert.
3.4 Preisschocks bei Argentinien, Paraguay und Südkorea weisen auf strukturelle Vulnerabilitäten hin
Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere signifikante Preisschocks:
| Land | Richtung | Schocktyp | Zeitpunkt | Abnormalität | Preisänderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Argentinien | Import | Preis | 2018 | 884,5 | +88,8 % |
| Paraguay | Import | Preis | 2022 | 232,1 | +82,6 % |
| Südkorea | Export | Preis | 2017 | 67,4 | +1.470,9 % |
Quelle: Angebotspreisschocks
Der argentinische Preisschock 2018 — mit einer Abnormalität von 884,5 — fiel in eine Phase wirtschaftlicher Instabilität Argentiniens und starker Währungsabwertung des Peso, die die Exportpreise für landwirtschaftliche Güter in Euro stark erhöhte. Der paraguayische Schock 2022 steht im Kontext der globalen Agrarpreisinflation nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges. Der extrem hohe Exportpreisschock nach Südkorea (+1.471 %) im Jahr 2017 bei einem Wertanteil von nur 0,9 % dürfte auf ein niedriges Ausgangsvolumen und einen einmaligen Sondereffekt zurückzuführen sein. Kazakhstan weist mit einem Variationskoeffizienten von 1,13 die höchste Volatilität bei Importen auf, während bei Exporten Südkorea (CV 1,58) und Oman (CV 1,04) am schwankungsanfälligsten sind — beides Märkte, bei denen die EU nur geringe Handelsvolumina aufweist.
Schlussfolgerung
Der EU-Außenhandel mit Ölsamen und ölhaltigen Früchten (CN 1207) verzeichnete zwischen 2015 und 2025 ein robustes Wachstum sowohl bei Importen (+56 % nach Wert, +66 % nach Menge) als auch bei Exporten (+59 % nach Wert, +59 % nach Menge). Das Handelsdefizit weitete sich auf 636 Mio. EUR aus, da die Importmengen deutlich stärker wuchsen als die Preise. Gleichzeitig diversifizierte die EU ihre Importquellen spürbar (HHI-Rückgang um 44 %), was als strategische Reaktion auf geopolitische Risiken interpretiert werden kann — insbesondere nach dem Ukraine-Krieg 2022. Die auffällige Zunahme nicht spezizifierter Handelsströme (von 1,6 auf 186 Mio. EUR) bleibt allerdings erklärungsbedürftig und könnte auf Veränderungen in der Meldung oder auf verdeckte Handelsumleitungen hindeuten. Produktseitig dominieren Sesamsamen und die Restkategorie CN 120799 den Importmix, während die EU exportseitig vor allem Baumwoll- und Mohnsamen liefert. Die identifizierten Preisschocks — insbesondere aus Argentinien (2018) und Paraguay (2022) — unterstreichen die anhaltende Anfälligkeit der EU für Preisvolatilitäten in Drittland-Lieferketten. Insgesamt zeigt die Analyse einen Markt in Expansion, der zunehmend global verflochten, aber auch geopolitisch exponiert ist.