Marktentwicklung: Getreidestroh und Spreu (CN 1213) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifposten CN 1213 umfasst Stroh und Spreu von Getreide — roh, gehäckselt, gemahlen, gepresst oder in Pelletform. Obwohl es sich bei diesem Produkt um einen vergleichsweise niedrigwertigen Agrarrohstoff handelt, hat sich der EU-Außenhandel damit im Betrachtungszeitraum 2015–2025 erheblich dynamisiert. Die EU ist dabei eindeutig ein Nettoexporteur: Der Handelsüberschuss stieg von rund 53 Mio. EUR im Jahr 2015 auf über 129 Mio. EUR im Jahr 2025 — ein Zuwachs von 143 %. Die Exporte verdoppelten sich mengenmäßig nahezu (von ca. 414.500 t auf 861.400 t), während die Importe mit rund 47.600 t im Jahr 2025 nur einen Bruchteil davon ausmachen.
Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Marktdynamiken anhand von drei zentralen Erkenntnisbereichen: dem außergewöhnlichen Exportwachstum, der geografischen Neuausrichtung der Handelsströme sowie dem Auftreten von Preisschocks und Volatilität.
1. Verdopplung der Exporte und ein expandierender Handelsüberschuss
Die EU exportiert heute doppelt so viel Getreidestroh wie 2015
Der bemerkenswerteste Trend im Zeitraum 2015–2025 ist das nahezu lineare Wachstum der EU-Exporte. Die exportierte Menge stieg von 414.498 t (2015) auf 861.416 t (2025) — ein Plus von 107,8 %. Der Exportwert legte im selben Zeitraum sogar um 140 % zu, von 56,1 Mio. EUR auf 134,6 Mio. EUR. Dass der Wert stärker wuchs als die Menge, zeigt, dass neben der Mengenausweitung auch eine gewisse Preisdynamik wirksam war.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportmenge (t) | 414.498 | 861.416 | +107,8 % |
| Exportwert (EUR) | 56.101.152 | 134.617.252 | +140,0 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 135,35 | 156,27 | +15,5 % |
| Importmenge (t) | 20.527 | 47.560 | +131,7 % |
| Importwert (EUR) | 3.063.727 | 5.650.491 | +84,4 % |
| Importpreis (EUR/t) | 149,25 | 118,80 | −20,4 % |
| Handelsüberschuss (EUR) | 53.037.425 | 128.966.761 | +143,2 % |
Die EU ist ein Preisnehmer auf der Importseite — und ein Preissetzer auf der Exportseite
Ein strukturell auffälliges Merkmal ist die gegenläufige Preisentwicklung: Während der Exportpreis über den Zeitraum um 15,5 % auf 156,27 EUR/t stieg (mit einem Spitzenwert von 180,96 EUR/t im Beobachtungszeitraum), sank der Importpreis um 20,4 % auf lediglich 118,80 EUR/t — den niedrigsten Wert im gesamten Zeitraum. Der Exportpreis lag damit 2025 rund 31 % über dem Importpreis. Dies deutet darauf hin, dass die EU qualitativ höherwertiges oder besser vermarktetes Stroh exportiert, während günstigere Partien — insbesondere aus Osteuropa und Zentralasien — importiert werden.
Der Handelsüberschuss hat sich mehr als verdoppelt
Der Handelsbilanzüberschuss wuchs von 53,0 Mio. EUR (2015) auf 129,0 Mio. EUR (2025). Auch in den Jahren mit niedrigeren Exportwerten — der Mindestwert lag bei 54,1 Mio. EUR — blieb der Überschuss stets positiv und betrug nie weniger als 49,9 Mio. EUR. Die EU hat ihre Rolle als globaler Strohexporteur im untersuchten Zeitraum somit deutlich ausgebaut.
2. Geografische Diversifizierung: Neue Märkte im Nahen Osten und Ostasien
Die Schweiz bleibt der wichtigste Abnehmer — aber ihr Anteil sinkt
Die Schweiz war 2015 mit 39,5 Mio. EUR das mit Abstand wichtigste Exportziel und blieb dies auch 2025 mit 65,4 Mio. EUR (+65,6 %). Der Schweizer Markt zeichnet sich durch eine außergewöhnlich niedrige Volatilität aus (Variationskoeffizient von nur 0,11). Allerdings sank der Anteil der Schweiz am gesamten Exportwert, da andere Märkte weit stärker wuchsen.
Nahost und Nordafrika: Explosives Wachstum von einem niedrigen Ausgangsniveau
Die auffälligste Dynamik zeigt sich bei den MENA-Exportzielen:
| Zielland | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Marokko | 1.657.209 | 15.244.326 | +819,9 % |
| Jordanien | 869.627 | 6.969.178 | +701,4 % |
| VAE | 262.143 | 3.850.836 | +1.369,0 % |
| Saudi-Arabien | 12.084.397 | 17.949.023 | +48,5 % |
| Katar | ~0 | 1.905.932 | — |
Saudi-Arabien war 2015 bereits ein relevanter Markt, doch die Neuzugänge Marokko, Jordanien, VAE und Katar repräsentieren eine klare strategische Diversifizierung der EU-Exporte in Richtung Golfstaaten und Nordafrika. Diese Regionen haben einen wachsenden Bedarf an Futtermitteln und Einstreu, der teilweise durch lokale Wasserknappheit und begrenzte heimische Getreideproduktion bedingt ist.
Südkorea als neuer Fernost-Markt
Besonders hervorzuhebend ist der Aufstieg Südkoreas vom praktisch irrelevanten Handelspartner (4.535 EUR im Jahr 2015) zu einem der Top-Exportziele mit 10,0 Mio. EUR im Jahr 2025. Die extreme prozentuale Veränderung (+221.127 %) spiegelt den Aufbau einer völlig neuen Handelsbeziehung wider. Der Variationskoeffizient von 1,34 deutet allerdings darauf hin, dass dieser Handelsstrom noch nicht konsolidiert ist.
Die Exportkonzentration ist deutlich gesunken
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für den Exportwert sank von 5.430 auf 2.847 — ein Rückgang von 47,6 %. Obwohl der HHI-Wert 2025 noch immer auf ein moderat konzentriertes Marktbild hindeutet, ist die Richtung eindeutig: Die EU hat ihre Exportbasis von einer starken Konzentration auf die Schweiz und Saudi-Arabien hin zu einem breiteren Portfolio diversifiziert.
Spanien ist zum wichtigsten EU-Exportmitgliedstaat aufgestiegen
Auf der Seite der EU-Exportländer hat Spanien eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen: von 14,9 Mio. EUR (2015) auf 63,0 Mio. EUR (2025) — ein Plus von 324 %. Damit hat Spanien Frankreich als führenden EU-Exporteur überholt. Frankreich (36,7 Mio. EUR, +85 %), Deutschland (16,6 Mio. EUR, +29 %) und Italien (4,7 Mio. EUR, +209 %) folgen.
Besonders auffällig ist das Wachstum in den osteuropäischen Mitgliedstaaten: Polen (+610 %) und Bulgarien (+2.407 %) haben ihre Exporte von niedrigem Niveau aus stark ausgeweitet, was auf eine zunehmende Integration dieser Länder in die Stroh-Lieferketten hindeutet.
Die Importseite: Vereinigtes Königreich dominiert, Irland wächst rasant
Die EU-Importe werden vom Vereinigten Königreich dominiert (2025: 4,6 Mio. EUR, +91,9 % gegenüber 2015). Innerhalb der EU hat sich Irland zum mit Abstand größten Importeur entwickelt: Der irische Importwert stieg von 231.000 EUR auf 4,05 Mio. EUR (+1.655 %). Dies spiegelt den Bedarf Irlands als großer Viehwirtschaftsnation wider, die Stroh als Einstreu importiert.
Hingegen sind die Importe aus Russland (−82 %) und der Schweiz (−92 %) erheblich gesunken, was teilweise geopolitische Ursachen haben dürfte.
3. Preisschocks und Volatilität als strukturelle Risiken
Preisanomalien bei Schlüsselhandelspartnern
Das Analysemodul hat zwei signifikante Preisschocks identifiziert:
| Partner | Schocktyp | Zeitpunkt | Abnormalität | Preisänderung | Anteil am Exportwert |
|---|---|---|---|---|---|
| Saudi-Arabien | Preis | 2023 | 86,4 | +37,6 % | 20,9 % |
| Marokko | Preis | 2022 | 4,0 | +35,4 % | 5,6 % |
Der Saudi-Arabien-Schock ist besonders signifikant: Mit einer Abnormalität von 86,4 (dem höchsten Wert aller erkannten Schocks) und einem Anteil von 20,9 % am gesamten EU-Exportwert im Jahr 2023 deutet dies auf eine erhebliche Preisanpassung in einem strategisch wichtigen Markt hin. Hintergrund dürften die weltweit gestiegenen Agrarpreise nach dem Beginn des Ukraine-Konflikts im Februar 2022 sein, die sich mit zeitlicher Verzögerung auch auf den Strohmarkt ausgewirkt haben. Der Exportpreis erreichte 2023 mit 180,96 EUR/t seinen Spitzenwert.
Hohe Volatilität bei neu aufgebauten Handelsbeziehungen
Die Volatilitätsanalyse zeigt ein erwartbares Muster: Handelsbeziehungen, die erst im Beobachtungszeitraum aufgebaut wurden, weisen tendenziell höhere Variationskoeffizienten (CV) auf als etablierte Märkte.
Exportseite — Variationskoeffizient (Auswahl):
| Partner | CV | Bewertung |
|---|---|---|
| Schweiz | 0,11 | Sehr stabil |
| Saudi-Arabien | 0,55 | Moderat |
| Jordanien | 0,57 | Moderat |
| Marokko | 1,11 | Hoch |
| Südkorea | 1,34 | Hoch |
| Türkei | 1,70 | Sehr hoch |
Die Schweiz als ältester und größter Handelspartner zeigt mit einem CV von lediglich 0,11 die stabilste Entwicklung. Im Gegensatz dazu sind die Ströme in Richtung Marokko, Südkorea und Türkei — allesamt jüngere Handelsbeziehungen — deutlich volatiler. Dies ist ein natürlicher Begleiteffekt der geografischen Diversifizierung: Neue Märkte bringen zunächst Unsicherheit mit sich.
Importseite — Variationskoeffizient (Auswahl):
| Partner | CV | Bewertung |
|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 0,58 | Moderat |
| China | 1,42 | Hoch |
| Ukraine | 1,21 | Hoch |
| Belarus | 1,20 | Hoch |
| Russland | 1,24 | Hoch |
Auf der Importseite fällt die hohe Volatilität bei den osteuropäischen und zentralasiatischen Lieferanten auf. Die Importe aus Russland (CV 1,24), der Ukraine (CV 1,21) und Belarus (CV 1,20) schwankten im Zeitraum erheblich, was sowohl auf agrarische Erntezyklen als auch auf geopolitische Ereignisse zurückzuführen sein dürfte. China (CV 1,42) zeigt als Importpartner ebenfalls eine hohe Schwankungsbreite.
Die Importkonzentration ist leicht gestiegen — ein Gegentrend zur Exportdiversifizierung
Während die Exportkonzentration deutlich abnahm (HHI von 5.430 auf 2.847), stieg die Importkonzentration leicht an (HHI von 6.224 auf 6.751). Die EU bezieht ihr Importstroh also aus einem tendenziell enger werdenden Kreis von Lieferanten — allen voran dem Vereinigten Königreich und zunehmend Irland. Diese einseitigere Importstruktur stellt ein gewisses Risiko dar, insbesondere im Kontext der Handelsbeziehungen nach dem Brexit.
Fazit
Der EU-Markt für Getreidestroh und Spreu (CN 1213) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei zentrale Ergebnisse lassen sich zusammenfassen:
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Die EU hat ihre Position als globaler Nettoexporteur massiv ausgebaut. Exporte verdoppelten sich mengenmäßig und mehr als verdoppelten sich wertmäßig. Der Handelsüberschuss stieg auf über 129 Mio. EUR. Dieses Wachstum wurde sowohl durch Mengenausdehnung als auch durch moderate Preissteigerungen getrieben.
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Die geografische Diversifizierung der Exporte ist die strukturell wichtigste Entwicklung. Neben dem traditionellen Kernmarkt Schweiz haben sich der Nahe Osten (Saudi-Arabien, VAE, Jordanien, Katar), Nordafrika (Marokko) und Ostasien (Südkorea) als dynamische Wachstumsmärkte etabliert. Die Exportkonzentration sank um fast die Hälfte — ein Zeichen für eine resilientere Handelsstruktur.
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Preisschocks und Volatilität bleiben Begleiterscheinungen des Strukturwandels. Der massive Preisschock bei Exporten nach Saudi-Arabien (2023) zeigt, dass geopolitische Ereignisse und globale Agrarmarktturbulenzen den Strohhandel direkt beeinflussen. Gleichzeitig sind neu aufgebaute Handelsbeziehungen naturgemäß volatiler als etablierte.
Die zunehmende Bedeutung osteuropäischer EU-Mitgliedstaaten (Spanien, Polen, Bulgarien) als Exporteure sowie das rapide Wachstum Irlands als Importeur sind weitere Trends, die den Strukturwandel innerhalb der EU selbst widerspiegeln. Angesichts des wachsenden globalen Bedarfs an nachhaltigen landwirtschaftlichen Nebenprodukten — etwa für Bioenergie, Verpackungsmaterial oder Tierhaltung — dürfte die Dynamik dieses Marktes auch mittelfristig anhalten.