Marktentwicklung: Ölsaatenmehl (CN 1208) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 1208 umfasst Mehl von Ölsamen oder ölhaltigen Früchten (ausg. Senfmehl), untergliedert in Sojabohnenmehl (120810) und sonstiges Ölsaatenmehl (120890). Der betrachtete Zeitraum 2015–2025 war von tiefgreifenden geopolitischen Verwerfungen, pandemiebedingten Lieferkettenbrüchen sowie einer agrarpolitischen Neuausrichtung der EU geprägt. Der vorliegende Marktbericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit diesem Produkt und beleuchtet die wesentlichen Strukturverschiebungen in Handelsvolumen, Partnerländern und Produktsortiment.
1. Vom moderaten Überschuss zur exportgetriebenen Handelsmacht
1.1 Die EU stärkt ihre Nettoexportposition nachhaltig
Im gesamten Beobachtungszeitraum war die EU bei Ölsaatenmehl Nettoexporteurin — doch das Ausmaß dieser Stellung hat sich dramatisch verstärkt. Der Nettohandelssaldo stieg von 33,9 Mio. EUR (2015) auf 70,3 Mio. EUR (2025), was einem Zuwachs von 107,6 % entspricht. Die Nettoimportabhängigkeit verschob sich von −0,6 % auf −4,1 %, wobei der negative Wert eine positive Nettoexportposition signalisiert.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exporte (Wert) | 60,9 Mio. EUR | 92,5 Mio. EUR | +52,0 % |
| Exporte (Menge) | 107.871 t | 135.195 t | +25,3 % |
| Exporte (Preis) | 564 EUR/t | 684 EUR/t | +21,3 % |
| Importe (Wert) | 27,0 Mio. EUR | 22,2 Mio. EUR | −17,8 % |
| Importe (Menge) | 73.171 t | 28.622 t | −60,9 % |
| Importe (Preis) | 369 EUR/t | 775 EUR/t | +110,2 % |
| Handelssaldo | 33,9 Mio. EUR | 70,3 Mio. EUR | +107,6 % |
1.2 Exportwachstum und Importrückgang verlaufen asymmetrisch
Die Exporte konnten sowohl mengen- als auch wertmäßig zulegen, wenngleich das Preiswachstum (+21,3 %) hinter dem mengenmäßigen Zuwachs (+25,3 %) zurückblieb. Im Importbereich hingegen sank das Volumen um fast 61 %, während der durchschnittliche Importpreis sich mehr als verdoppelte (+110,2 %). Dies deutet auf eine Selektion hin: Die EU importierte zwar weniger Mengen, dafür aber tendenziell teurere, spezialisierte Qualitäten.
1.3 Exportpropensität und Handelsintensität steigen stark an
Die Exportpropensität — also der Anteil der Produktion, der exportiert wird — stieg von 1,5 % auf 5,2 % (Veränderung: +251,7 %). Die Handelsintensität verdreifachte sich nahezu von 2,3 % auf 6,3 % (+171,6 %). Parallel dazu sank die EU-Produktionsmenge von 8,0 Mrd. kg auf 6,6 Mrd. kg (−17,4 %), während der Produktionswert von 1,0 Mrd. EUR auf 1,75 Mrd. EUR stieg (+75,0 %). Die EU produziert also weniger Menge zu höherem Wert und exportiert davon einen wachsenden Anteil — ein klares Zeichen für eine Aufwertung der Wertschöpfungskette.
2. Geopolitische Umbrüche und Neuausrichtung der Handelspartner
2.1 Die Importseite: Verlust traditioneller Lieferanten, Aufstieg Serbiens
Die Struktur der EU-Importpartner hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei Entwicklungen fallen besonders auf:
| Partnerland | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 13,8 Mio. EUR | 4,9 Mio. EUR | −64,6 % |
| Serbien | 5,0 Mio. EUR | 10,8 Mio. EUR | +118,0 % |
| Russische Föderation | 2,2 Mio. EUR | 7.518 EUR | −99,7 % |
| Ukraine | 1,3 Mio. EUR | 1.303 EUR | −99,9 % |
| Indien | 1,0 Mio. EUR | 141.541 EUR | −86,0 % |
| China | 584.374 EUR | 1,1 Mio. EUR | +96,6 % |
| Belarus | 636.495 EUR | 932.664 EUR | +46,5 % |
Der Rückgang der Importe aus dem Vereinigten Königreich (−64,6 %) ist wahrscheinlich auf den Brexit und die damit verbundenen Handelsreibungen zurückzuführen. Die Importe aus Russland und der Ukraine sind nahezu vollständig eingebrochen — ein Zusammenhang, der mit den Sanktionen nach dem Beginn des Ukraine-Krieges 2022 sowie den Handelsbeschränkungen erklärbar ist. Serbien hat sich dagegen zum wichtigsten Importpartner der EU entwickelt und seinen Anteil von 5,0 Mio. EUR auf 10,8 Mio. EUR mehr als verdoppelt.
2.2 Die Exportseite: Vom türkischen Markt zur Schweizer Dominanz
Die Exportstruktur zeigt eine noch dramatischere Neuausrichtung:
| Partnerland | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 8,5 Mio. EUR | 62,0 Mio. EUR | +627,2 % |
| Türkei | 36,2 Mio. EUR | 122.924 EUR | −99,7 % |
| Vereinigtes Königreich | 10,7 Mio. EUR | 18,2 Mio. EUR | +70,7 % |
| Algerien | 1,4 Mio. EUR | 1,0 Mio. EUR | −27,0 % |
| Saudi-Arabien | 405.697 EUR | 1,1 Mio. EUR | +161,2 % |
| Marokko | 45.281 EUR | 89.227 EUR | +97,1 % |
| Ägypten | 133.604 EUR | 23.623 EUR | −82,3 % |
Die Türkei, 2015 mit 36,2 Mio. EUR noch mit Abstand der wichtigste Exportmarkt, ist 2025 mit lediglich 122.924 EUR praktisch bedeutungslos. Dieser preisbezogene Schock — abnormality 28,2, Shift +2.249 % — fiel 2019 vor allem preislich auf, als sich die Exportpreise in die Türkei sprunghaft erhöhten. Im Gegenzug stiegen die EU-Exporte in die Schweiz von 8,5 Mio. EUR auf 62,0 Mio. EUR — ein Zuwachs von über 627 %. Die Schweiz wurde damit zum dominanten Exportmarkt, auf den 2025 rund 67 % des EU-Exportwertes entfielen. Dieser Konzentrationsprozess spiegelt sich auch im Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Exporte wider, der von 4.058 auf 4.913 stieg (+21,1 %) — ein Anstieg, der auf wachsende Konzentration hindeutet.
2.3 Der regionale Fokus innerhalb der EU verlagert sich
Auch die EU-internen Exportmuster haben sich verschoben:
| EU-Mitgliedstaat | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 8,6 Mio. EUR | 62,5 Mio. EUR | +630,4 % |
| Griechenland | 7,9 Mio. EUR | 17,7 Mio. EUR | +123,4 % |
| Bulgarien | 36,2 Mio. EUR | 48.251 EUR | −99,9 % |
| Österreich | 2,9 Mio. EUR | 5,9 Mio. EUR | +103,0 % |
| Niederlande | 270.142 EUR | 1,8 Mio. EUR | +579,0 % |
Italien hat sich zum mit Abstand größten EU-Exporteur entwickelt — ein Trend, der mit der hohen Spezialisierung des Landes (RSCA: 0,73, RCA: 6,31) korrespondiert. Bulgarien, 2015 noch der größte Exporteur mit 36,2 Mio. EUR, ist 2025 mit unter 50.000 EUR praktisch vom Exportmarkt verschwunden — ein bemerkenswerter Einbruch, der auf tiefgreifende Produktions- oder Handelsverschiebungen hindeutet. Griechenland und Österreich konnten ihre Positionen ausbauen.
3. Strukturwandel im Produktsortiment: Sojamehl dominiert, Nischenprodukte verteuern sich
3.1 Sojabohnenmehl (120810) wird zum dominanten Exportprodukt
Die Produktsegmentanalyse zeigt eine klare Verschiebung zugunsten von Sojabohnenmehl (120810):
| Kennzahl | 120810 (Sojabohnenmehl) | 120890 (Sonstiges Ölsaatenmehl) |
|---|---|---|
| Exporte 2015 | 22.256 t / 13,6 Mio. EUR | 85.615 t / 47,2 Mio. EUR |
| Exporte 2025 | 129.489 t / 71,5 Mio. EUR | 5.706 t / 21,0 Mio. EUR |
| Mengenänderung | +481,6 % | −93,3 % |
| Wertänderung | +424,3 % | −55,5 % |
| Durchschn. Preis 2025 | 552 EUR/t | 3.685 EUR/t |
Während die Menge der Sojabohnenmehl-Exporte sich fast versechsfachte, brachen die Exportmengen des sonstigen Ölsaatenmehls um über 93 % ein. Gleichzeitig explodierten die Preise für 120890 von 552 EUR/t (2015) auf 3.685 EUR/t (2025). Dies deutet darauf hin, dass der Export von sonstigem Ölsaatenmehl sich von volumenorientierten Standardprodukten hin zu hochwertigen Nischenqualitäten verlagert hat.
3.2 Auch bei den Importen vollzieht sich ein Preisanstieg bei sinkenden Mengen
Das Bild spiegelt sich auf der Importseite wider:
| Kennzahl | 120810 (Sojabohnenmehl) | 120890 (Sonstiges Ölsaatenmehl) |
|---|---|---|
| Importe 2015 | 42.689 t / 17,6 Mio. EUR | 30.482 t / 9,4 Mio. EUR |
| Importe 2025 | 27.039 t / 15,6 Mio. EUR | 1.584 t / 6,6 Mio. EUR |
| Mengenänderung | −36,6 % | −94,8 % |
| Wertänderung | −11,6 % | −29,4 % |
| Durchschn. Preis 2025 | 575 EUR/t | 4.185 EUR/t |
Die Importpreise für 120890 stiegen von 308 EUR/t (2015) auf 4.185 EUR/t (2025) — eine Verzehnfachung. Dieses Muster — drastisch fallende Mengen bei steigenden Preisen — lässt auf eine zunehmende Spezialisierung und Qualitätsorientierung schließen. Möglicherweise werden nur noch hochspezialisierte Ölsaatenmehle (etwa Lein-, Raps- oder Sonnenblumenmehle) importiert, die im EU-Binnenmarkt nicht in ausreichender Menge oder Qualität verfügbar sind.
3.3 Schocks und Volatilität prägen einzelne Handelsströme
Die Volatilitätsanalyse identifiziert drei bemerkenswerte Schockereignisse:
| Schock | Typ | Richtung | Jahr | Abnormality | Preis-Shift | Wertanteil |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Russland | Preis | Importe | 2020 | 291,8 | +1.255 % | 6,8 % |
| Türkei | Preis | Exporte | 2019 | 28,2 | +2.249 % | 13,2 % |
| Schweiz | Preis | Exporte | 2022 | 7,2 | +47,5 % | 86,8 % |
Der Russland-Schock (2020) führte zu einem sprunghaften Anstieg der Importpreise — möglicherweise verbunden mit veränderten Handelsbedingungen oder Sanktionsvorläufen. Der Türkei-Schock (2019) markierte den Beginn des Einbruchs des wichtigsten damaligen Exportmarktes. Der Schweiz-Schock (2022) war preislich moderater, betraf aber den mit Abstand größten Handelsstrom (86,8 % des Exportwertes).
Besonders hohe Volatilität (Variationskoeffizient > 2) weisen die Importströme aus Ukraine (CV: 2,10) und Brasilien (CV: 2,24) sowie die Exportströme in die Türkei (CV: 2,15), Marokko (CV: 2,85) und Ägypten (CV: 2,73) auf — allesamt Märkte mit stark schwankenden Handelsbeziehungen.
Schlussfolgerung
Die EU hat ihren Markt für Ölsaatenmehl (CN 1208) im Zeitraum 2015–2025 grundlegend umstrukturiert. Drei zentrale Trends definieren die Entwicklung:
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Stärkung der Nettoexportposition: Die EU ist von einem moderaten Überschuss (34 Mio. EUR) zu einer deutlichen Exportdominanz (70 Mio. EUR) übergegangen, getrieben durch steigende Exportpropensität und eine gleichzeitige Kontraktion der Importmengen.
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Geopolitische Neuausrichtung der Handelspartner: Traditionelle Handelsbeziehungen — insbesondere mit der Türkei, Russland und der Ukraine — sind eingebrochen. Die Schweiz wurde zum dominanten Exportmarkt, Serbien zum wichtigsten Importpartner. Diese Verschiebung spiegelt geopolitische Umbrüche (Brexit, Ukraine-Krieg, Sanktionen) wider und birgt ein wachsendes Konzentrationsrisiko, wie der steigende HHI auf der Exportseite zeigt.
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Qualitative Aufwertung des Sortiments: Sojabohnenmehl dominiert mengenmäßig den Export, während sonstiges Ölsaatenmehl zu einem hochpreisigen Nischenprodukt geworden ist (durchschnittlicher Exportpreis 2025: 3.685 EUR/t). Die EU-Produktion selbst verschiebt sich hin zu höherem Wert bei geringeren Mengen — ein Indikator für eine Aufwertung der europäischen Wertschöpfungskette in diesem Segment.
Die zunehmende Exportkonzentration auf die Schweiz als Abnehmer sowie die Abhängigkeit von wenigen Schlüsselländern bei gleichzeitigem Rückgang der Diversifizierung stellen mittelfristig potenzielle Verwundbarkeiten dar, die es zu beobachten gilt.