Marktentwicklung: Mittelschwere Öle (CN 271019) — 2015–2025
Einleitung
Der CN-Code 271019 umfasst mittelschwere Öle und Zubereitungen aus Erdöl oder bituminösen Mineralien (ohne Biodiesel). Es handelt sich um einen Sammelcode für eine Vielzahl von Erzeugnissen — von Kerosin über Heizöle und Gasöl bis hin zu Schmierölen — und damit um eine der wichtigsten Produktkategorien innerhalb der mineralischen Brennstoffe. Die Übersicht des Codes 271019 zeigt, dass der Handel mit Drittländern im Zeitraum 2015 bis 2025 drei zentrale Dynamiken aufweist: eine langfristig sinkende Handelsmenge, einen dramatischen Preis- und Lieferantenschock im Jahr 2022 sowie eine tiefgreifende Neuausrichtung der Importquellen infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Der vorliegende Bericht analysiert diese Entwicklungen anhand der vorliegenden Daten.
1. Mengenrückgang bei steigenden Werten: Die Preisturbulenzen dominieren das Bild
Der langfristige Rückgang der Handelsmengen
Sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten ist über den gesamten Betrachtungszeitraum ein deutlicher Mengenrückgang festzustellen. Die Handelsübersicht dokumentiert folgende Entwicklung:
| Indikator | 2015 | 2020 (Tief) | 2022 (Hoch) | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Importe (Mrd. €) | 44,7 | 30,7 | 82,4 | 48,5 | +8,6 % |
| Importe (Mio. t) | 107,3 | 89,1 | 84,7 | 74,8 | −30,2 % |
| Importpreis (€/t) | 417 | 342 | 972 | 647 | +55,3 % |
| Exporte (Mrd. €) | 38,4 | 26,1 | 69,8 | 44,1 | +15,0 % |
| Exporte (Mio. t) | 117,6 | 71,9 | 74,7 | 65,6 | −28,5 % |
| Exportpreis (€/t) | 418 | 332 | 934 | 672 | +60,7 % |
Die Importmengen sanken von 107,3 Mio. Tonnen (2015) auf 74,8 Mio. Tonnen (2025) — ein Rückgang um 30,2 %. Die Exportmengen verloren im selben Zeitraum 28,5 % (von 117,6 auf 65,6 Mio. Tonnen). Dieser mengenmäßige Rückgang ist zum Teil auf strukturelle Faktoren zurückzuführen, darunter die Energiewende, Effizienzgewinne und die Verlagerung der EU-Raffinerietätigkeit.
Der Preisschock 2022 als Umsatztreiber
Trotz des mengenmäßigen Rückgangs stiegen die Handelswerte 2022 auf Rekordniveau — allein getrieben durch Preiseffekte. Die Importpreise verdoppelten sich von 466 €/t (2021) auf 972 €/t (2022), ein Anstieg von 108,5 %. Die Exportpreise stiegen von 500 €/t auf 934 €/t (+86,8 %). Der Markt mit Schocks und Volatilität zeigt, dass dieser Preisschock bei praktisch allen Handelspartnern gleichzeitig auftrat — ein klarer Hinweis auf einen globalen Ölmarktschock in Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022.
Der Handelsbilanzdefizit bleibt bestehen
Die EU weist im gesamten Zeitraum ein konstantes Handelsbilanzdefizit bei CN 271019 auf. Im Jahr 2015 betrug das Defizit 6,3 Mrd. €, im Krisenjahr 2022 erreichte es mit 12,6 Mrd. € seinen Höhepunkt und sank bis 2025 auf 4,4 Mrd. € — den niedrigsten Wert im Beobachtungszeitraum. Dies ist sowohl auf den Mengenrückgang als auch auf eine teilweise Normalisierung der Preise zurückzuführen.
2. Russlands Lieferstopp und die Neuausrichtung der Importquellen
Der Zusammenbruch der russischen Lieferungen
Die mit Abstand wichtigste strukturelle Veränderung im Zeitraum 2015–2025 betrifft die Importe aus Russland. Die Länderübersicht der Importe zeigt die Entwicklung eindrucksvoll:
| Jahr | Russland (Mrd. €) | Russland (Mio. t) | Anteil am Importwert |
|---|---|---|---|
| 2015 | 15,7 | 40,7 | 35,2 % |
| 2021 | 18,3 | 39,3 | 42,1 % |
| 2022 | 29,1 | 32,3 | 35,3 % |
| 2023 | 2,7 | 3,5 | 4,3 % |
| 2024 | 0,3 | 0,5 | 0,5 % |
| 2025 | 0,2 | 0,4 | 0,3 % |
Die Importe aus Russland sanken von 15,7 Mrd. € (2015) auf 0,2 Mrd. € (2025), eine Reduktion um 98,9 %. Mengenmäßig fielen die Lieferungen von 40,7 Mio. Tonnen auf 0,4 Mio. Tonnen. Der Höhepunkt lag 2022 bei 29,1 Mrd. € — dies war allerdings preisgetrieben, da die Mengen bereits rückläufig waren. Ab 2023 brachen die Importe vollständig zusammen, als die EU-Sanktionen gegen russische Erdölprodukte vollständig wirksam wurden. Der Preisschock-Analyse zufolge betrug die Anomalität des russischen Preisschocks 5,0 Standardabweichungen, mit einem Preisanstieg von 228,8 % gegenüber dem Basiszeitraum 2020/2021.
Die neuen Hauptlieferanten: Golfstaaten und Indien füllen die Lücke
Die durch den russischen Rückfall entstandene Versorgungslücke wurde durch eine Diversifizierung der Importquellen kompensiert. Die Importpartner-Daten zeigen die wichtigsten Gewinner:
| Lieferant | 2015 (Mrd. €) | 2025 (Mrd. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Saudi-Arabien | 3,0 | 8,2 | +171,1 % |
| Kuwait | 0,7 | 6,9 | +826,8 % |
| Indien | 1,8 | 4,9 | +163,6 % |
| Vereinigte Arabische Emirate | 1,6 | 2,5 | +53,1 % |
| Vereinigte Staaten | 6,3 | 6,1 | −2,5 % |
| Vereinigtes Königreich | 4,5 | 1,5 | −67,5 % |
Besonders bemerkenswert ist der Aufstieg Kuwats: Von einem Randlieferanten (0,7 Mrd. € in 2015) zum viertwichtigsten Importpartner (6,9 Mrd. € in 2025, Anstieg um 826,8 %). Die Mengenentwicklung bestätigt, dass dies kein reiner Preiseffekt ist: Kuwats Exportmengen stiegen von 1,5 Mio. Tonnen (2015) auf 10,8 Mio. Tonnen (2025). Saudi-Arabien und Indien konnten ihre Positionen ebenfalls erheblich ausbauen. Die US-Lieferungen blieben in Wert und Menge relativ stabil.
Dramatische Zunahme der Importdiversifizierung
Die Veränderung der Lieferantenstruktur spiegelt sich eindrucksvoll im Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) wider, der die Marktkonzentration misst. Der Konzentrationsindex zeigt:
| Indikator | 2015 | 2021 | 2022 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.916 | 2.269 | 1.792 | 975 | −49,1 % |
| HHI Importe (Menge) | 2.136 | 2.609 | 1.893 | 997 | −53,3 % |
| HHI Exporte (Wert) | 707 | 550 | 700 | 810 | +14,6 % |
Der Import-HHI sank von 1.916 auf 975 — ein Rückgang um 49,1 %. Dies ist eine der stärksten Diversifizierungsbewegungen, die bei mineralischen Brennstoffen zu beobachten sind. Lag die EU 2015 noch im Bereich einer „mäßig konzentrierten" Marktstruktur (HHI > 1.500), so erreicht sie 2025 mit einem HHI unter 1.000 eine „niedrig konzentrierte" Struktur. Im Gegensatz dazu stieg der Export-HHI leicht an (+14,6 %), was darauf hindeutet, dass die EU-Exporte sich zunehmend auf wenige Hauptmärkte (Niederlande, Vereinigtes Königreich, Gibraltar) konzentrieren.
3. Produktsegmente, EU-Binnenhandel und Spezialisierungsmuster
Leuchtöl und Heizöle dominieren die Importstruktur
Die Produktaufschlüsselung zeigt, dass sich die Zusammensetzung der Importe über den Zeitraum verändert hat. Die wichtigsten Segmente im Jahr 2025 waren:
| Segment | CN-Code | Importe 2025 (Mio. t) | Importe 2025 (Mrd. €) |
|---|---|---|---|
| Gasöl, Schwefel ≤ 0,001 % (neu) | 27101944 | 37,1 | 23,3 |
| Leuchtöl (Kerosin) | 27101921 | 18,5 | 12,0 |
| Heizöle, Schwefel ≤ 0,1 % | 27101951 | 5,0 | 2,3 |
| Gasöl, Schwefel 0,002–0,1 % | 27101947 | 2,1 | 1,4 |
| Schmieröle und Zubereitungen | 27101999 | 1,8 | 1,8 |
| Gasöl (allgemein) | 27101931 | 1,6 | 0,9 |
Besonders auffällig ist das Segment 27101944 (ultraniedrigschwefeliges Gasöl ≤ 0,001 %), das ab 2025 als eigenständiger Code erfasst wird und sofort mit 37,1 Mio. Tonnen das mengenmäßig größte Importsegment darstellt. Dies spiegelt die Umsetzung strengerer Umweltvorschriften wider — insbesondere die IMO-2020-Vorschriften für schwefelarme Schiffskraftstoffe und die EU-Vorgaben zu emissionsarmen Kraftstoffen. Der Bestandscode 27101921 (Kerosin) verbleibt als zweitgrößtes Segment und zeigte über den Zeitraum eine bemerkenswerte Stabilität: Die Mengen stiegen sogar leicht von 15,2 Mio. Tonnen (2015) auf 18,5 Mio. Tonnen (2025), was auf den anhaltenden Bedarf der Luftfahrtindustrie hindeutet.
Die Rolle der Niederlande als Drehkreuz des EU-Handels
Innerhalb der EU spielen die Niederlande eine dominierende Rolle — sowohl bei Importen als auch bei Exporten. Die EU-Binnenstatistik zeigt für 2025:
| Land | Importe (Mrd. €) | Exporte (Mrd. €) |
|---|---|---|
| Niederlande | 8,4 | 9,3 |
| Frankreich | 10,5 | — |
| Italien | 5,5 | 3,7 |
| Belgien | 4,4 | 5,2 |
| Spanien | 4,3 | 4,6 |
| Griechenland | 2,7 | 5,2 |
| Deutschland | 2,7 | 3,6 |
Die Niederlande sind mit Abstand der größte Exporteur (9,3 Mrd. €), was auf die Bedeutung des Hafens Rotterdam als europäisches Raffinerie- und Logistikzentrum zurückzuführen ist. Belgien und Griechenland weisen ebenfalls starke Exportpositionen auf, während Frankreich und Deutschland die größten Nettoimporteure sind.
Spezialisierungsmuster innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten:
| Land | RSCA-Index | RCA-Index | Deutung |
|---|---|---|---|
| Malta | 0,77 | 7,69 | Stark spezialisiert |
| Griechenland | 0,65 | 4,80 | Stark spezialisiert |
| Finnland | 0,61 | 4,15 | Spezialisiert |
| Litauen | 0,54 | 3,34 | Spezialisiert |
| Belgien | 0,44 | 2,54 | Spezialisiert |
| Niederlande | 0,34 | 2,05 | Spezialisiert |
| Slowenien | 0,27 | 1,75 | Leicht spezialisiert |
| Deutschland | −0,34 | 0,49 | Nicht spezialisiert |
| Polen | −0,78 | 0,12 | Nicht spezialisiert |
| Irland | −0,84 | 0,09 | Nicht spezialisiert |
Länder mit Küstenlage und großen Raffineriekapazitäten (Malta, Griechenland, Finnland, Belgien, Niederlande) weisen eine positive Spezialisierung auf. Binnenländer und Länder ohne nennenswerte Raffinerieinfrastruktur (Polen, Tschechien, Ungarn, Luxemburg) sind Nettoimporteure mit negativen Spezialisierungsindizes. Deutschland nimmt eine Mittelposition ein — es hat zwar erhebliche Raffineriekapazitäten, ist aber aufgrund seines enormen Energiebedarfs dennoch ein Nettoimporteur.
Schlussfolgerung
Der Markt für mittelschwere Öle (CN 271019) hat sich im Zeitraum 2015–2025 in drei Phasen entwickelt: eine Phase relativer Stabilität (2015–2019), eine Phase akuter Krise (2020–2022) und eine Phase der Neuausrichtung (2023–2025). Die COVID-19-Pandemie führte 2020 zu einem vorübergehenden Einbruch der Handelsmengen, doch der eigentliche Wendepunkt war der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine im Februar 2022, der sowohl einen globalen Preisschock als auch eine vollständige Umstrukturierung der EU-Importquellen auslöste.
Die EU hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, ihre Abhängigkeit von russischen Mineralöllieferungen von rund 35 % des Importwertes auf unter 1 % zu reduzieren — eine bemerkenswerte Diversifizierungsleistung. Die Lücke wurde vor allem durch Golfstaaten (Saudi-Arabien, Kuwait, VAE) und Indien geschlossen. Gleichzeitig sind die Handelsmengen langfristig rückläufig, was auf strukturelle Veränderungen im Energiesektor hindeutet. Der Preisschock von 2022 hat sich zwar ab 2023 teilweise normalisiert, die Preise verbleiben jedoch deutlich über dem Vorkrisenniveau: Die durchschnittlichen Importpreise lagen 2025 bei 647 €/t gegenüber 417 €/t im Jahr 2015.
Die Einführung neuer Produktcodes (insbesondere 27101944 für ultraniedrigschwefeliges Gasöl) spiegelt die zunehmende regulatorische Differenzierung wider und wird die Marktbetrachtung in den kommenden Jahren weiter verändern. Insgesamt zeigt der Markt für CN 271019, wie geopolitische Ereignisse, regulatorische Rahmenbedingungen und globale Energiemärkte zusammenwirken und innerhalb weniger Jahre eine tiefgreifende Transformation eines zentralen Rohstoffmarktes bewirken können.