Marktentwicklung: Kerosin (CN 27101921) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt Leuchtöl (Kerosin) (KN-Code 27101921) im Zeitraum 2015 bis 2025. Kerosin ist ein mittelschweres Destillat aus Erdöl, das überwiegend als Flugkraftstoff (Jet Fuel) verwendet wird, aber auch in der Petrochemie und als Beleuchtungsmittel Bedeutung besitzt. Die Analyse basiert auf jährlichen Handelsdaten der EU gegenüber Drittländern und umfasst Werte, Mengen, Preise, Handelspartnerstrukturen, Konzentrationsmaße sowie Volatilitätsindikatoren. Im Mittelpunkt stehen drei zentrale Erkenntnisbereiche: das strukturelle Handelsdefizit der EU, die geopolitische Umorientierung der Importquellen sowie die Preisvolatilität und Schockereignisse der Jahre 2022/2023.
Übersicht und Definitionsdaten
1. Strukturelles Handelsdefizit und robustes Wachstum beider Handelsströme
1.1 Die EU ist ein persistenter Nettoimporteur von Kerosin
Über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg weist die EU ein durchgehend negatives Handelsbilanz bei Kerosin auf. Im Jahr 2015 betrug das Defizit rund 3,52 Mrd. EUR; im Jahr 2025 lag es bei rund 3,22 Mrd. EUR — eine leichte Verbesserung um 8,5 %. Das maximale Defizit wurde mit rund 5,91 Mrd. EUR verzeichnet, das Minimum (d. h. die geringste Unterdeckung) bei rund 1,23 Mrd. EUR. Die EU importierte somit stets deutlich mehr Kerosin, als sie exportierte.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Min. (2015–2025) | Max. (2015–2025) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 7,36 Mrd. € | 12,01 Mrd. € | 3,89 Mrd. € | 15,20 Mrd. € | +63,2 % |
| Exporte (Wert) | 3,84 Mrd. € | 8,79 Mrd. € | 2,66 Mrd. € | 9,30 Mrd. € | +129,0 % |
| Handelsbilanz | −3,52 Mrd. € | −3,22 Mrd. € | −5,91 Mrd. € | −1,23 Mrd. € | +8,5 % |
1.2 Wachstum bei Exporten übertrifft Importzuwächse
Bemerkenswert ist, dass die EU-Exporte von Kerosin mit +129 % nominal deutlich stärker wuchsen als die Importe (+63,2 %). Die exportierte Menge stieg von 6,85 Mio. Tonnen (2015) auf 12,57 Mio. Tonnen (2025), was einem Zuwachs von 83,6 % entspricht. Die importierte Menge wuchs im gleichen Zeitraum von 15,22 Mio. Tonnen auf 18,46 Mio. Tonnen (+21,3 %). Dies deutet darauf hin, dass die EU ihre Rolle als Umschlag- und Raffinationsstandort ausgebaut hat: Einerseits wird mehr Rohkerosin importiert und in europäischen Raffinerien verarbeitet, andererseits steigt die Wiederausfuhr verarbeiteter Produkte — insbesondere über Häfen in den Niederlanden, Spanien und Griechenland.
1.3 Preisentwicklung spiegelt globale Energiemärkte wider
Der durchschnittliche Exportpreis bewegte sich zwischen 386 EUR/t (Minimum) und 899 EUR/t (Maximum), wobei 2015 bei 560 EUR/t begonnen und 2025 bei 699 EUR/t geendet wurde (+24,7 %). Die Importpreise zeigten eine breitere Schwankungsbreite: von 341 EUR/t bis 1.082 EUR/t (Maximum), was auf die Abhängigkeit von globalen Rohölpreisen und Lieferkettenengpässen hinweist. Der Anstieg des Importpreises von 484 EUR/t (2015) auf 650 EUR/t (2025) entspricht +34,4 %.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Min. | Max. | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Exportpreis (EUR/t) | 560 | 699 | 386 | 899 | +24,7 % |
| Importpreis (EUR/t) | 484 | 650 | 341 | 1.082 | +34,4 % |
2. Geopolitische Umorientierung: Neue Importquellen und veränderte Partnerstrukturen
2.1 Kuwait und China als dynamische neue Importpartner
Die auffälligste Veränderung auf der Importseite betrifft die Importe aus Kuwait: Diese stiegen von 741 Mio. EUR (2015) auf 4,25 Mrd. EUR (2025) — eine Steigerung von 473,1 %. Kuwait wurde damit zum mit Abstand wichtigsten Kerosinlieferanten der EU. Ebenso vergrößerte sich der Handel mit China, der von 125 Mio. EUR auf 611 Mio. EUR zunahm (+388,3 %), sowie mit Indien (+114,0 %). Diese Verschiebung deutet auf eine strategische Diversifizierung der EU-Einfuhren hin — weg von traditionellen Golf-Partnern wie Saudi-Arabien (−47,0 %) und dem Vereinigten Königreich (−42,7 %) hin zu neuen Quellen.
| Herkunftsland | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigte Arabische Emirate | 1,34 Mrd. € | 1,45 Mrd. € | +7,7 % |
| Kuwait | 741 Mio. € | 4,25 Mrd. € | +473,1 % |
| Indien | 772 Mio. € | 1,65 Mrd. € | +114,0 % |
| Saudi-Arabien | 1,15 Mrd. € | 610 Mio. € | −47,0 % |
| Südkorea | 575 Mio. € | 734 Mio. € | +27,7 % |
| Vereinigtes Königreich | 514 Mio. € | 295 Mio. € | −42,7 % |
| China | 125 Mio. € | 611 Mio. € | +388,3 % |
2.2 Steigende Konzentration der Importe bei gleichzeitiger Diversifizierung der Exporte
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 1.035 (2015) auf 1.745 (2025) — eine Zunahme um 68,6 %. Ein HHI von 1.745 liegt bereits im Bereich moderater Konzentration. Dies bedeutet, dass sich die EU-Importe zunehmend auf wenige große Lieferanten konzentrieren — allen voran Kuwait. Parallel dazu sank der Export-HHI leicht von 2.178 auf 1.968 (−9,6 %), was auf eine etwas breitere Streitung der Exportziele hindeutet.
2.3 Britische Exporte nach Brexit und Aufstieg Spaniens als Exportmacht
Besonders auffällig auf der Exportseite ist der Aufstieg des Vereinigten Königreichs als Exportziel: Die EU-Exporte dorthin stiegen von 426 Mio. EUR (2015) auf 1,61 Mrd. EUR (2025), was einem Plus von 277,8 % entspricht — möglicherweise eine Folge des Brexit und der Notwendigkeit, Kerosin als Drittland-Lieferung zu behandeln. Ebenso bemerkenswert ist der Anstieg der Exporte nach Spanien (+519,0 %), das sich zu einem wichtigen Umschlagplatz im Mittelmeerraum entwickelt hat. Die Exporte in die nicht näher spezifizierten Kategorien (extra-Union-Handel) stiegen sogar um 782,6 %, was auf Zollmeldepraktiken und bunkering-Aktivitäten (Schiffsversorgung) zurückzuführen sein dürfte.
| Bestimmungsland | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Bunker/Provisionen (extra-Union) | 1,28 Mrd. € | 1,99 Mrd. € | +55,9 % |
| Schweiz | 954 Mio. € | 1,21 Mrd. € | +27,2 % |
| Vereinigtes Königreich | 426 Mio. € | 1,61 Mrd. € | +277,8 % |
| Nicht spezifiziert (extra-Union) | 229 Mio. € | 2,02 Mrd. € | +782,6 % |
| Spanien | 310 Mio. € | 1,92 Mrd. € | +519,0 % |
| Vereinigte Staaten | 161 Mio. € | 469 Mio. € | +190,5 % |
3. Preisvolatilität und geopolitische Schocks: Der Einfluss des Ukraine-Krieges ab 2022
3.1 Hohe Volatilität bei Schlüsselhandelspartnern
Die Analyse der Variationskoeffizienten (CV) zeigt, dass bestimmte Handelsbeziehungen bei Kerosin erheblichen Schwankungen unterworfen sind. Besonders volatil sind die Importe aus Kuwait (CV = 0,89) und China (CV = 0,80), was die oben beschriebene starke Mengenzunahme widerspiegelt. Auf der Exportseite weisen die Handelsströme nach Ukraine (CV = 1,14) und Gibraltar (CV = 0,95) die höchste Schwankungsbreite auf — ein Hinweis auf die politische und wirtschaftliche Instabilität dieser Märkte.
| Handelspartner | Strom | Variationskoeffizient (CV) | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Kuwait | Importe | 0,89 | Sehr hoch |
| China | Importe | 0,80 | Sehr hoch |
| Russische Föderation | Importe | 0,67 | Hoch |
| Saudi-Arabien | Importe | 0,53 | Mittel |
| Ukraine | Exporte | 1,14 | Extrem hoch |
| Gibraltar | Exporte | 0,95 | Sehr hoch |
3.2 Preischocks im Jahr 2022: Ukraine-Krieg und Energiekrise
Die Daten identifizieren das Jahr 2022 als zentrales Schockjahr. Drei signifikante Preisereignisse wurden erkannt:
| Ereignis | Strom | Abnormalität | Preisverschiebung | Wertanteil |
|---|---|---|---|---|
| Schweiz — Exporte | Exporte | 32,1 | +53,1 % | 33,5 % |
| Russland — Importe | Importe | 7,4 | +161,5 % | 3,6 % |
| Tunesien — Exporte | Exporte | 6,9 | +121,5 % | 2,7 % |
Der massivste Schock betraf die Exportpreise in die Schweiz mit einer Abnormalität von 32,1 und einer Preisverschiebung von +53,1 %. Angesichts des hohen Wertanteils von 33,5 % an den Gesamexporten spiegelt dies die allgemeine Energiepreisexplosion wider, die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 einsetzte. Gleichzeitig stiegen die Importpreise aus Russland um 161,5 % — ein direkter Effekt der Sanktionen und des sich auflösenden Handelsverhältnisses mit Moskau.
3.3 Inländische Spezialisierung: Griechenland und die Niederlande als Kerosin-Drehscheiben
Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass innerhalb der EU bestimmte Mitgliedstaaten eine herausragende Rolle im Kerosinhandel spielen. Griechenland weist mit einem RSCA-Wert von 0,867 die höchste Spezialisierung auf — erwartbar angesichts der griechischen Schifffahrts- und Raffinerieindustrie. Die Niederlande (RSCA = 0,556) dominieren mit einem Produktionsanteil von 50,8 % an den EU-Exporten und fungieren als wichtigster europäischer Umschlagplatz über den Hafen Rotterdam. Belgien (RSCA = 0,318) vervollständigt das Bild der Benelux-Raffinerieregion.
| EU-Mitgliedstaat | RSCA | Produktionsanteil an EU-Exporten |
|---|---|---|
| Griechenland | 0,867 | 9,5 % |
| Slowenien | 0,559 | 3,6 % |
| Niederlande | 0,556 | 50,8 % |
| Bulgarien | 0,349 | 1,3 % |
| Belgien | 0,318 | 16,4 % |
Fazit
Der EU-Markt für Kerosin (KN 27101921) zeichnet sich im Zeitraum 2015–2025 durch drei zentrale Dynamiken aus:
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Wachsendes Handelsvolumen bei bestehendem Defizit: Sowohl Importe als auch Exporte sind nominal und mengenmäßig deutlich gestiegen. Die EU bleibt ein Nettoimporteur, konnte das Defizit jedoch durch den stärkeren Anstieg der Exporte leicht reduzieren.
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Geopolitische Umorientierung der Importquellen: Kuwait hat Saudi-Arabien und das Vereinigte Königreich als wichtigsten Kerosinlieferanten abgelöst. Die Importkonzentration (HHI) ist um fast 70 % gestiegen, was eine gewisse Abhängigkeit von wenigen Golfstaaten impliziert. Gleichzeitig haben sich China und Indien als neue Lieferanten etabliert.
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Preisschocks und Volatilität durch den Ukraine-Krieg: Das Jahr 2022 markiert einen Wendepunkt mit dramatischen Preissteigerungen — sowohl bei Importen aus Russland (+161,5 %) als auch bei Exporten in die Schweiz (+53,1 %). Die Volatilität bei bestimmten Handelsströmen (Kuwait, Ukraine, Gibraltar) unterstreicht die Anfälligkeit des Marktes für geopolitische Ereignisse.
Insgesamt zeigt die Analyse einen Markt, der trotz struktureller Importabhängigkeit dynamisch wächst und sich in seinen Handelsstrukturen in Reaktion auf geopolitische Verschiebungen — insbesondere den Brexit und den Ukraine-Krieg — nachhaltig transformiert.