Marktentwicklung: Sonstige Waren (CN 96) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifabschnitt 96 („Verschiedene Waren") umfasst ein breites Spektrum an Konsumgütern — von Bürsten und Besen über Kugelschreiber und Feuerzeuge bis hin zu Hygieneartikeln und Vakuumflaschen. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU-27 im Zeitraum 2015–2025 mit Drittländern (nicht-EU). Die zentrale Erkenntnis: Obwohl die EU ihren Exportwert um 9,5 % steigern konnte, schrumpfte der Handelsüberschuss drastisch — ein Signal für tiefgreifende strukturelle Verschiebungen in den Handelsströmen.
1. Schrumpfender Handelsüberschuss trotz steigender Exportwerte
Die EU exportiert weniger Volumen zu höheren Preisen
Die EU-Ausfuhren in CN 96 stiegen im Betrachtungszeitraum von 5,23 Mrd. € (2015) auf 5,73 Mrd. € (2025), was einem Plus von 9,5 % entspricht. Parallel dazu sank das Ausfuhrvolumen von 738.251 t auf 677.956 t (−8,2 %). Der durchschnittliche Exportpreis erhöhte sich infolgedessen von 7.088 €/t auf 8.453 €/t (+19,3 %). Dies deutet auf eine qualitative Aufwertung der EU-Exporte hin — es werden tendenziell hochwertigere und teurere Waren ausgeführt, während das physische Volumen rückläufig ist.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. €) | 5,23 | 5,73 | +9,5 % |
| Exportvolumen (t) | 738.251 | 677.956 | −8,2 % |
| Exportpreis (€/t) | 7.088 | 8.453 | +19,3 % |
Quelle: Übersicht Handelsdaten
Importe wachsen deutlich schneller — sowohl im Wert als auch im Volumen
Dem moderaten Exportwachstum steht ein erheblich dynamischeres Importwachstum gegenüber. Die EU-Einfuhren stiegen von 3,76 Mrd. € auf 5,43 Mrd. € — ein Anstieg von 44,5 %. Das Importvolumen wuchs sogar um 35,1 % von 462.031 t auf 624.285 t, bei einem moderaten Preisanstieg von lediglich 7,0 % (von 8.128 €/t auf 8.694 €/t). Im Gegensatz zu den Exporten, wo die Preissteigerung das Volumendefizit kompensierte, wachsen die Importe also in beiden Dimensionen — ein Indiz für eine steigende reale Nachfrage nach Drittlandsgütern.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mrd. €) | 3,76 | 5,43 | +44,5 % |
| Importvolumen (t) | 462.031 | 624.285 | +35,1 % |
| Importpreis (€/t) | 8.128 | 8.694 | +7,0 % |
Quelle: Übersicht Handelsdaten
Der Handelsüberschuss schmilzt auf unter 300 Mio. €
Die divergierenden Wachstumspfade von Exporten und Importen führten zu einer dramatischen Erosion des Handelsbilanzüberschusses: von 1,48 Mrd. € im Jahr 2015 auf nur noch 304 Mio. € im Jahr 2025 — ein Rückgang von 79,5 %. Der Überschuss erreichte seinen Tiefstand im letzten Beobachtungsjahr, was die Abwärtstendenz unterstreicht. Die Nettoimportabhängigkeit verbesserte sich zwar nominell von −8,1 % auf −4,4 % (negative Werte bedeuten Überschuss), doch dieser „Fortschritt" spiegelt lediglich die Annäherung an eine ausgeglichene Bilanz wider.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Handelsbilanz (Mrd. €) | 1,48 | 0,30 | −79,5 % |
| Nettoimportabhängigkeit (%) | −8,1 | −4,4 | +46,3 % (Annäherung an Null) |
Quelle: Nettoimportabhängigkeit
2. Zunehmende Konzentration auf wenige Handelspartner
China als dominierender Importeur mit beispiellosem Wachstum
Die mit Abstand auffälligste Entwicklung im Handel der EU mit Drittländern betrifft China. Die EU-Importe aus China verdoppelten sich nahezu — von 1,86 Mrd. € (2015) auf 3,64 Mrd. € (2025), ein Anstieg von 95,8 %. China stellte damit 2025 rund 67 % aller EU-Einfuhren in diesem Warenbereich. Kein anderer Partner zeigt auch nur annähernd eine vergleichbare Dynamik. Die Top-Handelspartner nach Importwert illustrieren diese Dominanz eindrücklich:
| Partnerland | Import 2015 (Mio. €) | Import 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 1.861 | 3.643 | +95,8 % |
| Schweiz | 274 | 332 | +20,9 % |
| Japan | 267 | 254 | −4,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 471 | 201 | −57,4 % |
| USA | 183 | 182 | −0,6 % |
| Türkei | 77 | 119 | +55,0 % |
| Vietnam | 61 | 80 | +32,2 % |
Brexit und Sanktionen prägen die Exportlandschaft
Auf der Exportseite zeigen sich geopolitische Einflüsse besonders deutlich. Die Ausfuhren in das Vereinigte Königreich stiegen von 1,11 Mrd. € auf 1,34 Mrd. € (+20,4 %), wobei der Anstieg teilweise auf Handelsreibungskosten und den Wegfall des EU-Binnenmarktzugangs zurückzuführen sein dürfte. Gleichzeitig brachen die Exporte in die Russische Föderation nach 2022 um 46,2 % ein — von 499 Mio. € auf 269 Mio. € — ein direktes Ergebnis der Sanktionen infolge des Ukraine-Konflikts. Die Exporte in die USA (+25,7 %) und in die Schweiz (+28,7 %) entwickelten sich dagegen positiv. Interessant ist auch das Wachstum nach Australien (+37,4 %) und in die Ukraine (+27,3 %).
| Partnerland | Export 2015 (Mio. €) | Export 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 1.112 | 1.338 | +20,4 % |
| USA | 476 | 598 | +25,7 % |
| Schweiz | 345 | 444 | +28,7 % |
| Russische Föderation | 499 | 269 | −46,2 % |
| Australien | 134 | 185 | +37,4 % |
| Ukraine | 115 | 147 | +27,3 % |
| Norwegen | 193 | 208 | +7,7 % |
Steigende Konzentration der Importe — fallende Konzentration der Exporte
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für den Importwert stieg von 2.799 auf 4.687 (+67,5 %) — ein deutlicher Hinweis auf die zunehmende Abhängigkeit von wenigen Lieferländern, primär China. Im gleichen Zeitraum blieb der Export-HHI mit einem Anstieg von lediglich 9,7 % (von 781 auf 856) relativ stabil, was auf eine diversifizierte Exportstruktur hindeutet. Auch bei der Mengenkonzentration zeigen sich ähnliche Trends: Der Import-HHI (Volumen) stieg um 70,4 % von 3.581 auf 6.101.
| Kennzahl | HHI 2015 | HHI 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 2.799 | 4.687 | +67,5 % |
| Exporte (Wert) | 781 | 856 | +9,7 % |
| Importe (Volumen) | 3.581 | 6.101 | +70,4 % |
| Exporte (Volumen) | 1.198 | 1.508 | +25,9 % |
Quelle: Konzentrationsindizes
Innerhalb der EU selbst weisen Tschechien (RCA 2,22) und Polen (RCA 1,57) die höchste Spezialisierung im Export von CN-96-Waren auf — ein Hinweis auf die Bedeutung mitteleuropäischer Produktionsstandorte für diese Warengruppe, insbesondere im Bereich Hygieneartikel und Bürobedarf. Malta, Luxemark und Finnland sind am wenigsten spezialisiert (RCA < 0,15).
Quelle: Spezialisierung der EU-Mitgliedstaaten
3. Produktsegmente im Wandel: Hygieneartikel als Exportanker, Vakuumflaschen als dynamischster Wachstumstreiber
Hygieneartikel (KN 9619) dominieren den EU-Export mit Abstand
Das mit Abstand wichtigste Exportsegment innerhalb von CN 96 sind Hygieneartikel (KN 9619) — also Binden, Tampons und Windeln. Mit einem Exportvolumen von 531.742 t (2025) und einem Wert von 2,45 Mrd. € machen Hygieneartikel rund 43 % des gesamten CN-96-Exportwerts aus. Das Volumen blieb dabei über den gesamten Zeitraum relativ stabil (2015: 567.389 t), der Wert stieg jedoch um 11,7 % — getrieben durch steigende Preise (von 3.861 €/t auf 4.601 €/t, +19,2 %). Die EU fungiert hier als klarer Nettexporteur: Gegenüber 2,45 Mrd. € Exportwert stehen lediglich 402 Mio. € Importwert.
Vakuum-Isolierflaschen (KN 9617) als dynamischstes Importsegment
Das außergewöhnlichste Wachstum zeigt sich bei Vakuum-Isolierflaschen (KN 9617). Die Importe stiegen von 125 Mio. € (2015) auf 525 Mio. € (2025) — ein Plus von 319 %. Im gleichen Zeitraum vervierfachte sich das Volumen von 16.123 t auf 54.162 t (+236 %), bei einem Preisanstieg von 7.762 €/t auf 9.695 €/t (+25 %). Dieses Segment profitiert vom globalen Trend zu nachhaltigen Trinkflaschen und der wachsenden Nachfrage nach hochwertigen Isoliergefäßen, wobei die Produktion überwiegend in Asien stattfindet. Auffällig ist, dass die Preise 2022 mit 11.485 €/t ihren Höhepunkt erreichten und seitdem wieder leicht sinken — möglicherweise ein Hinweis auf zunehmende Wettbewerbsintensität.
Schreibgeräte (KN 9608): Sinkende Volumina bei divergenten Preisentwicklungen
Kugelschreiber, Füllfederhalter und ähnliche Waren (KN 9608) zeigen ein ambivalentes Bild. Im Export sank das Volumen von 23.668 t auf 18.551 t (−22 %), während der Exportpreis von 29.150 €/t auf 31.405 €/t stieg (+7,7 %). Im Import hingegen sank der Preis von 14.635 €/t auf 10.470 €/t (−28,5 %), bei gleichzeitig steigendem Volumen (45.263 t → 79.744 t, +76 %). Die EU verliert also Marktanteile im Volumenexport von Schreibgeräten, während günstigere Importe — überwiegend aus Asien — das Inlandsgeschäft zunehmend unter Druck setzen.
Bürsten und Besen (KN 9603): Wachsende Importe zu höheren Preisen
Bürsten, Besen und Pinsel (KN 9603) sind das zweitgrößte Export- und das größte Importsegment. Die Importe stiegen von 1,06 Mrd. € auf 1,63 Mrd. € (+54 %), bei einem Volumenanstieg von 138.401 t auf 207.590 t (+50 %). Bemerkenswert ist der Preisspread: Die EU exportiert Bürsten zu durchschnittlich 20.273 €/t, importiert sie aber zu lediglich 7.855 €/t — ein klarer Hinweis darauf, dass die EU hochwertige, markenbasierte Produkte ausführt und gleichzeitig günstigere Massenware importiert.
Übersicht der wichtigsten Produktsegmente (Werte in Mio. €, 2025)
| Segment | Beschreibung | Importwert | Exportwert | Saldo |
|---|---|---|---|---|
| KN 9619 | Hygieneartikel, Windeln | 402 | 2.447 | +2.045 |
| KN 9603 | Bürsten, Besen, Pinsel | 1.631 | 1.040 | −591 |
| KN 9608 | Kugelschreiber, Füllhalter | 835 | 583 | −252 |
| KN 9617 | Vakuum-Isolierflaschen | 525 | — | −525 |
| KN 9613 | Feuerzeuge | 181 | 271 | +90 |
| KN 9609 | Bleistifte, Farbstifte | 178 | 108 | −70 |
| KN 9610 | Schiefertafeln, Tafeln | 70 | 35 | −35 |
Quelle: Produktsegmentvergleich
EU-Produktion: Weniger Stücke, aber höherer Produktionswert
Parallel zur Handelsentwicklung zeigt sich in der EU-Inlandsproduktion ein bemerkenswerter Trend: Die Produktionsmenge sank von 15,64 Mrd. Stück auf 12,37 Mrd. Stück (−20,9 %), während der Produktionswert von 11,02 Mrd. € auf 14,84 Mrd. € (+34,7 %) anstieg. Der durchschnittliche Produktionswert pro Stück stieg somit von 0,70 € auf 1,20 € — ein Anstieg von über 70 %. Dies unterstreicht den Strukturwandel hin zu höherwertiger Produktion in der EU, während volumenintensive Standardproduktion verstärkt in Drittländer — insbesondere nach Asien — verlagert wird.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mrd. Stück) | 15,64 | 12,37 | −20,9 % |
| Produktionswert (Mrd. €) | 11,02 | 14,84 | +34,7 % |
| Wert pro Stück (€) | 0,70 | 1,20 | ca. +71 % |
Quelle: Produktionsvolumina
Fazit
Die Handelsentwicklung der EU im Bereich CN 96 (Verschiedene Waren) zwischen 2015 und 2025 ist durch drei übergreifende Trends gekennzeichnet:
Erstens vollzieht sich ein struktureller Wandel der Handelsbilanz. Der einst beträchtliche Überschuss von fast 1,5 Mrd. € ist auf unter 300 Mio. € geschrumpft. Dies geschieht nicht durch einen Exportrückgang — der Exportwert stieg leicht —, sondern durch ein Importwachstum, das mit +44,5 % weit über dem Exportwachstum liegt.
Zweitens zeigt sich eine zunehmende Abhängigkeit von China als Lieferland. Mit einem Importanteil von rund 67 % und einem Anstieg um fast 96 % über den Betrachtungszeitraum dominiert China den EU-Import in diesem Segment in einem Maße, das die Importkonzentration (HHI) um fast 68 % ansteigen ließ. Die Handelsintensität stieg von 38 % auf 58 %, die Exportneigung von 27 % auf 42 % — beides Zeichen einer wachsenden globalen Verflechtung, die Chancen, aber auch Verwundbarkeiten birgt.
Drittens findet innerhalb des Warenkorbs ein Produktmixwandel statt. Hygieneartikel sind mit großem Abstand der Exportanker der EU, während Vakuumflaschen das mit Abstand dynamischste Importsegment darstellen (+319 %). Bei Schreibgeräten und Bürsten verlagert sich die EU stärker in die Rolle der Hochwert-Exporteurin, während günstigere Massenprodukte zunehmend importiert werden. Die EU-Inlandsproduktion spiegelt diesen Trend wider: weniger physische Einheiten, aber ein deutlich höherer Produktionswert — ein Muster, das auf eine fortgesetzte industrielle Aufwertung hindeutet, aber auch die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit im Volumensegment aufwirft.