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Marktentwicklung: Sonstige Waren (CN 96) — 2015–2025

Einleitung

Das Zollkapitel 96 der Kombinierten Nomenklatur umfasst ein breites Sortiment an „Verschiedenen Waren“ – von Besen und Bürsten über Schreibgeräte, Feuerzeuge und Reißverschlüsse bis hin zu Hygieneprodukten und Isolierbehältern. Die vorliegende Analyse untersucht die Entwicklung des Außenhandels der Europäischen Union mit Nicht-EU-Ländern für diesen Warenkorb im Zeitraum 2015 bis 2025 auf Basis der Jahresdaten des Trade Dashboard. Dabei werden sowohl die aggregierten Handelsströme als auch die Verschiebungen bei den wichtigsten Partnerländern, der binnenmarktlichen Spezialisierung der Mitgliedstaaten, der Produktstruktur sowie von Preis- und Mengendynamiken beleuchtet.


1. Importboom aus China und die schleichende Erosion des Handelsüberschusses

Die Einfuhren wuchsen fast fünfmal so stark wie die Ausfuhren, sodass sich der Ausfuhrüberschuss nahezu auflöste

In der Summe expandierte der EU-Handel mit „Verschiedenen Waren“ asymmetrisch. Während die Exporte zwischen 2015 und 2025 von 5,23 Mrd. € auf 5,73 Mrd. € zulegten (+9,5 %), schossen die Importe im selben Zeitraum von 3,75 Mrd. € auf 5,43 Mrd. € empor (+44,5 %). Die Folge war eine drastische Schrumpfung des Handelsbilanzsaldos von 1,48 Mrd. € auf nur noch 0,30 Mrd. € (−79,4 %). (Daten: Handelsüberblick)

Indikator 2015 2025 Veränderung
Exporte (Mrd. €) 5,23 5,73 +9,5 %
Importe (Mrd. €) 3,75 5,43 +44,5 %
Handelsbilanz (Mrd. €) 1,48 0,30 −79,4 %
Exportmenge (kt) 738,3 678,0 −8,2 %
Importmenge (kt) 462,0 624,3 +35,1 %

Die gegenläufige Mengenentwicklung verstärkte die wertmäßige Dynamik: Die Exportmenge sank um 8,2 %, während die Importmenge um 35,1 % zulegte. Der durchschnittliche Exportpreis stieg dagegen um 19,3 % und hielt den Ausfuhrwert stabil, während der Importpreis mit +7,0 % moderat blieb.

Beinahe eine Verdoppelung der Bezüge aus China ließ die Importkonzentration sprunghaft ansteigen

Das Importwachstum wurde fast vollständig von China getragen. Die Einfuhren aus der Volksrepublik kletterten von 1,86 Mrd. € (2015) auf 3,64 Mrd. € (2025), ein Plus von 95,8 %. Dadurch erhöhte sich der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importe von 2 798 auf 4 687 (+67,5 %), was eine hohe und zunehmende Anbieterkonzentration signalisiert. (Vgl. Top-Handelspartner und Konzentrationsindex)

Top-Importpartner nach Wert (2015 → 2025)

Land 2015 (Mio. €) 2025 (Mio. €) Veränderung
China 1 861 3 643 +95,8 %
Vereinigtes Königreich 471 201 −57,4 %
Schweiz 274 332 +20,9 %
Japan 267 254 −4,6 %
Vereinigte Staaten 183 182 −0,6 %
Vietnam 61 80 +32,2 %
Türkei 77 119 +55,0 %

Das Vereinigte Königreich, 2015 noch zweitwichtigster Lieferant, verlor nach dem EU-Austritt massiv an Bedeutung (−57,4 %). Im Gegensatz dazu bauten die Schweiz, die Türkei und Vietnam ihre Stellung aus.


2. Geografische Neuausrichtung der Exporte – Russland verliert, westliche Partner kompensieren

Der russische Markt brach um nahezu die Hälfte ein, vor allem nach den Sanktionen von 2022

Die EU-Ausfuhren nach Russland verringerten sich zwischen 2015 und 2025 von 499 Mio. € auf 269 Mio. € (−46,2 %). Der Rückgang vollzog sich in zwei Wellen: ein schleichender Niedergang bis 2021 und ein beschleunigter Einbruch ab 2022, als das Volumen von noch 382 Mio. € (2021) auf 269 Mio. € (2025) sank. Auch die Mengenlieferungen fielen stark – von 93,9 kt auf 22,0 kt –, was auf die zunehmende handelspolitische und logistische Entkopplung hindeutet. (Daten: Handelsüberblick Exporte und Volatilitätsanalyse)

Die Vereinigten Staaten, die Schweiz und Australien fingen die Russland-Verluste weitgehend auf

Drei traditionell stabile Abnehmer steigerten ihre Bezüge erheblich:

Das Vereinigte Königreich blieb mit Abstand der größte Exportmarkt: Die Lieferungen nahmen von 1,11 Mrd. € auf 1,34 Mrd. € zu (+20,4 %) und erwiesen sich damit als ausgesprochen widerstandsfähig.

Innerhalb der EU verschieben sich die Exportgewichte – Tschechien auf dem Vormarsch

Auf Ebene der meldenden Mitgliedstaaten zeigte sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Deutschland blieb mit 1,41 Mrd. € (2025) zwar der größte EU-Exporteur, musste jedoch leichte Einbußen hinnehmen (−5,8 %). Frankreich und Polen verloren stärker (−16,9 % bzw. −21,0 %). Dagegen legten Italien (+21,2 %), die Niederlande (+25,0 %) und insbesondere Tschechien zu – dessen Ausfuhren sich von 171 Mio. € auf 451 Mio. € mehr als verdoppelten (+164,1 %). (Vgl. Mitgliedstaaten-Übersicht)

Diese Aufholbewegung spiegelt sich in der Spezialisierung wider: Tschechien wies 2025 den höchsten RSCA-Wert (0,38) unter den EU-27 auf, gefolgt von Griechenland (0,27) und Polen (0,22). Die geringste Spezialisierung zeigten Malta (−0,95), Luxemburg (−0,85) und Finnland (−0,78). (Vgl. Spezialisierungskarte)


3. Produktmix – Hygieneprodukte als tragende Exportsäule, Bürsten und Schreibwaren dominieren die Importe

Exporte werden vom Segment 9619 (Hygieneartikel) angeführt

EU-weit entfällt der mit Abstand größte Ausfuhrposten auf Waren der Position 9619 – Binden, Tampons, Windeln und ähnliche Hygieneprodukte. Der Exportwert belief sich 2025 auf 2,45 Mrd. € und war damit mehr als doppelt so hoch wie das nächstgrößere Segment (Bürsten und Pinsel, 1,04 Mrd. €). Die exportierte Menge sank im Betrachtungszeitraum von 567 kt auf 532 kt (−6,3 %), doch ein kräftiger Preisanstieg von 3 861 €/t auf 4 601 €/t (+19,2 %) sicherte den Wertzuwachs. (Vgl. Produktsegment-Vergleich)

Top-Exportsegmente 2025 (Wert)

HS-Position Beschreibung Wert (Mio. €) Anteil an Gesamtexport
9619 Hygienische Binden, Windeln u. ä. 2 446,5 42,7 %
9603 Besen, Bürsten, Pinsel 1 039,7 18,1 %
9608 Kugelschreiber, Füllhalter u. ä. 583,0 10,2 %
9613 Feuerzeuge 270,7 4,7 %
9609 Bleistifte, Kreiden 108,0 1,9 %

Die Preise für exportierte Bürsten (9603) stiegen von 13 890 €/t auf 20 273 €/t (+46 %), während die Menge nur um 5,6 % zurückging – ein weiteres Indiz für die qualitative Aufwertung der EU-Ausfuhren.

Importseitig dominieren einfache Gebrauchsgüter aus China

Die größten Importposten sind Bürsten und Pinsel (9603) mit 1,63 Mrd. € (2025), gefolgt von Schreibwaren (9608) mit 835 Mio. € und Hygieneprodukten (9619) mit 402 Mio. €. Anders als im Export verharren die Importpreise für viele dieser Güter auf niedrigerem Niveau: Schreibwaren (9608) wurden 2025 mit 10 470 €/t importiert, während die EU für ihre Exporte 31 405 €/t erzielte – ein klarer Hinweis auf eine Arbeitsteilung entlang der Qualitätsleiter.

Top-Importsegmente 2025 (Wert)

HS-Position Beschreibung Wert (Mio. €) Anteil an Gesamtimport
9603 Besen, Bürsten, Pinsel 1 630,8 30,0 %
9608 Kugelschreiber, Füllhalter u. ä. 835,2 15,4 %
9617 Vakuum-Isolierbehälter 525,1 9,7 %
9609 Bleistifte, Kreiden 177,8 3,3 %
9613 Feuerzeuge 181,5 3,3 %

Auffällig ist der starke Anstieg der Importe von Isolierbehältern (9617): Der Wert vervierfachte sich von 125 Mio. € (2015) auf 525 Mio. € (2025), getrieben sowohl von einer Mengenausweitung als auch steigenden Preisen. China liefert hier den Löwenanteil und verdrängt zunehmend andere Anbieter.

Preisschocks unterstreichen die Anfälligkeit spezifischer Lieferbeziehungen

Die Analyse identifizierte zwei markante Preisschocks auf der Exportseite. Für Südafrika stieg der Einheitspreis 2022 sprunghaft um 49,2 %, während die gelieferte Menge um 35 % einbrach – ein Muster, das auf eine Verknappung oder Qualitätsverschiebung hindeutet. Im Fall Israels kam es 2018 zu einem temporären Preisrückgang (−7,4 %), der sich in den Folgejahren wieder normalisierte. Beide Ereignisse unterstreichen die Sensitivität der Warenströme gegenüber länderspezifischen Angebots- und Nachfrageverschiebungen. (Vgl. Preisschock-Analyse)


Fazit

Der EU-Außenhandel mit „Verschiedenen Waren“ erlebte im letzten Jahrzehnt eine tiefgreifende Transformation. Während die Ausfuhren nur moderat zulegten und ihr Wachstum fast ausschließlich über höhere Preise erzielten, explodierten die Importe – allen voran aus China – und ließen den langjährigen Handelsüberschuss beinahe verschwinden. Die geografische Ausrichtung der Exporte verschob sich deutlich: Russland verlor massiv an Bedeutung, während die USA, die Schweiz und Australien als Abnehmer an Gewicht gewannen. Innerhalb der EU stieg Tschechien zu einem führenden Exportstandort auf. Strukturell zeichnet sich die EU durch eine klare Spezialisierung auf hochwertige Hygieneprodukte (9619) aus, wohingegen sie bei arbeitsintensiven Erzeugnissen wie Bürsten und Schreibwaren stark von Importen abhängt. Die zunehmende Anbieterkonzentration auf der Einfuhrseite und die sichtbaren Preisschocks mahnen zur Wachsamkeit gegenüber möglichen Verwundbarkeiten in globalen Lieferketten.