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Marktentwicklung: Bearbeitete tierische Schnitzstoffe (CN 9601) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarif 9601 umfasst bearbeitete tierische Schnitzstoffe wie Elfenbein, Bein, Schildpatt, Horn, Geweihe, Korallen und Perlmutter sowie Waren daraus. Der Code gliedert sich in zwei Unterpositionen: 960110 (Elfenbein) und 960190 (übrige tierische Schnitzstoffe). Im Beobachtungszeitraum 2015 bis 2025 durchlief der EU-Handel mit diesen Waren einen tiefgreifenden Strukturwandel: Die EU wandelte sich von einem Überschusshandelnde zu einem Nettoimporteur, die inländische Produktion brach massiv ein, und die Preisstrukturen auf Import- und Exportseite divergierten stark. Der folgende Bericht analysiert diese Entwicklungen auf Basis der vorliegenden Handelsdaten.


1. Vom Überschuss zum Defizit: Der grundlegende Strukturwandel des EU-Handels

1.1 Der Zusammenbruch der inländischen Produktion als Ursache

Die EU-Produktion bearbeiteter tierischer Schnitzstoffe erfuhr im Beobachtungszeitraum einen dramatischen Einbruch. Die Produktionsmenge sank von 4.000.000 kg auf 540.095 kg — ein Rückgang von 86,5 %. Parallel dazu halbierte sich der Produktionswert von geschätzten 80 Mio. EUR auf rund 20 Mio. EUR (−75,0 %). Dieser Produktionsrückgang ist zum Teil auf verschärfte Regulierungen, insbesondere das EU-Elfenbeinhandelsverbot (2017) und den internationalen Druck zum Schutz bedrohter Arten (CITES) zurückzuführen, betraf aber auch Materialien wie Korallen und Schildpatt.

1.2 Die Umkehrung der Handelsbilanz

Die Handelsbilanz verschob sich im Betrachtungszeitraum fundamental:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exporte (Wert) 25.386.142 EUR 10.022.922 EUR −60,5 %
Importe (Wert) 19.954.636 EUR 25.014.767 EUR +25,4 %
Handelsbilanz +5.431.505 EUR −14.991.845 EUR −376,0 %
Netto-Importabhängigkeit 19,0 % 44,8 % +135,9 %

Die EU war 2015 noch Nettoexporteur mit einem Überschuss von rund 5,4 Mio. EUR. Bis 2025 kehrte sich dies in ein Defizit von knapp 15 Mio. EUR um. Die Netto-Importabhängigkeit stieg auf fast 45 % — ein deutliches Signal für die wachsende Abhängigkeit von Drittlandlieferungen.

1.3 Der Bedeutungsverlust Italiens als Exportmotor

Innerhalb der EU war Italien traditionell der mit Abstand wichtigste Exporteur bearbeiteter tierischer Schnitzstoffe. Die italienischen Exporte brachen von 16,1 Mio. EUR im Jahr 2015 auf nur noch 3,7 Mio. EUR im Jahr 2025 ein (−76,8 %). Der Exportanteil Italiens am gesamten EU-Ausfuhren sank damit erheblich. Deutschland blieb als zweitgrößter Exporteur mit rund 1,9 Mio. EUR vergleichsweise stabil (+6,3 %), konnte den Rückgang Italiens jedoch nicht kompensieren.


2. Divergierende Preisstrukturen: Sinkende Exportpreise, steigende Importpreise

2.1 Dramatischer Preisverfall bei Exporten

Die durchschnittlichen Exportpreise fielen über den gesamten Zeitraum:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportpreis (Gesamt) 110.540 EUR/t 40.830 EUR/t −63,1 %
Exportpreis (960190, nicht Elfenbein) 107.729 EUR/t 45.049 EUR/t −58,2 %
Exportmenge (Gesamt) 228,4 t 244,7 t +7,1 %

Bemerkenswert ist, dass die Exportmenge trotz des Preisverfalls sogar leicht zunahm. Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend geringerwertige Schnitzstoffwaren exportiert — also Produkte mit niedrigerem Veredelungsgrad oder Materialmix.

2.2 Steigende Importpreise trotz rückläufiger Mengen

Auf der Importseite entwickelte sich die Preisentwicklung in die entgegengesetzte Richtung:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importpreis (Gesamt) 11.917 EUR/t 30.815 EUR/t +158,6 %
Importpreis (960190) 11.908 EUR/t 30.622 EUR/t +157,2 %
Importmenge (Gesamt) 1.666 t 804 t −51,8 %

Die Importmenge halbierte sich nahezu, während der Importwert um 25,4 % stieg. Der Preisanstieg bei den Importen lässt sich durch mehrere Faktoren erklären: eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Halbfertig- oder Fertigprodukten aus Drittländern, steigende Rohstoffkosten für Materialien wie Korallen und Perlmutter sowie zunehmende Regulierungskosten im Zusammenhang mit Artenschutzauflagen.

2.3 Besonderheiten des Elfenbeinsegments (960110)

Die Unterposition Elfenbein (960110) zeigt ein extrem volatiles Bild. Die Importmengen bewegen sich zwischen 2,85 t (2025) und 37,85 t (2016), die Importpreise schwanken zwischen 5.657 EUR/t und 79.461 EUR/t. Bei den Exporten traten 2021 und 2025 ungewöhnliche Mengenspitzen auf (141,0 t bzw. 28,3 t bei Preisen von nur 1.800 bzw. 7.719 EUR/t), was auf Re-Exporte oder Sondersendungen hindeuten könnte.


3. Geographische Neuausrichtung: Konzentration, Volatilität und schwindende Märkte

3.1 Zunehmende Konzentration der Importquellen

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 1.231 (2015) auf 1.676 (2025), was einer zunehmenden Konzentration der Bezugsquellen entspricht. Die wichtigsten Importpartner blieben im Wesentlichen die Philippinen, Indien und China, wobei sich ihre relative Bedeutung verschob:

Partner Importwert 2015 Importwert 2025 Veränderung
Indien 3.512.712 EUR 4.671.094 EUR +33,0 %
China 3.700.132 EUR 3.493.765 EUR −5,6 %
Philippinen 3.284.039 EUR 1.716.488 EUR −47,7 %
Indonesien 1.011.403 EUR 1.067.942 EUR +5,6 %
Vietnam 1.630.774 EUR 1.218.091 EUR −25,3 %
Fidschi 238.617 EUR 13 EUR −100,0 %

Besonders auffällig ist der vollständige Wegfall der Importe aus Fidschi — ein Land, das traditionell Korallen und Perlmutter lieferte. Der Rückgang der Philippinen (−47,7 %) steht im Einkhang mit globalen Artenschutzbestrebungen.

3.2 Die Destabilisierung traditioneller Exportmärkte in Asien

Die Exportziele der EU verschoben sich erheblich. Hongkong, 2015 mit 9,7 Mio. EUR das mit Abstand wichtigste Exportziel, sank auf 2,4 Mio. EUR (−75,3 %). Taiwan verlor 94,4 % seines Exportwerts. Gleichzeitig gewannen westliche Märkte an Bedeutung:

Exportziel Exportwert 2015 Exportwert 2025 Veränderung
USA 1.220.655 EUR 2.341.241 EUR +91,8 %
Schweiz 2.077.068 EUR 2.261.518 EUR +8,9 %
Großbritannien 1.477.574 EUR 946.593 EUR −35,9 %
Marokko 31.776 EUR 77.640 EUR +144,3 %

Die Schwankungsanalyse (Volatilität) bestätigt die Instabilität der asiatischen Märkte. Bei den Exporten weisen Hongkong (CV 1,67) und Taiwan (CV 1,14) hohe Variationskoeffizienten auf. Drei signifikante Preisschocks wurden identifiziert:

  • Taiwan (2021): Preisanstieg von +1.097 % bei einem Abnormalitätsindex von 112,1
  • Vietnam (2021): Preisanstieg von +689 % bei einem Abnormalitätsindex von 68,5
  • Hongkong (2019): Preisanstieg von +603 % bei einem Abnormalitätsindex von 37,3 und einem Wertanteil von 33,5 %

Diese Schocks, insbesondere der massive Preisanstieg bei den Hongkong-Exporten 2019 — zeitlich zusammenfallend mit den politischen Unruhen und dem Beginn der COVID-19-Pandemie — dürften den anschließenden Rückgang der Exporte in diese Märkte mitverursacht haben.

3.3 Frankreich als neuer Importriese und die Verschiebung innerhalb der EU

Innerhalb der EU vollzog sich eine bemerkenswerte Verschiebung bei den Importen nach Mitgliedstaaten. Frankreich steigerte seine Importe von 1,6 Mio. EUR auf 9,1 Mio. EUR (+453 %) und wurde damit zum größten EU-Importeur — noch vor Italien (6,0 Mio. EUR) und Deutschland (4,9 Mio. EUR). Gleichzeitig sanken die Importe Italiens um 18,0 %, und Spanien verlor nahezu die Hälfte seiner Importe (−49,6 %). In der Spezialisierungsanalyse weisen Ungarn (RSCA 0,63), die Slowakei (0,58) und Tschechien (0,47) die höchsten Spezialisierungswerte auf, während große Volkswirtschaften wie Deutschland trotz hohem Produktionsanteil (42,6 %) einen moderaten RSCA von 0,34 erreichen.


Schlussfolgerung

Der EU-Handel mit bearbeiteten tierischen Schnitzstoffen (CN 9601) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei zentralen Dimensionen grundlegend gewandelt. Erstens vollzog sich ein Strukturwandel von Nettoexporteur zu Nettoimporteur, ausgelöst durch den Zusammenbruch der inländischen Produktion (−86,5 % in Menge) und die Abnahme traditioneller Exportmärkte. Zweitens divergierten die Preisstrukturen auf Import- und Exportseite stark: Während Importpreise um 159 % stiegen und auf eine Verlagerung hin zu höherwertigen Produkten hindeuten, fielen Exportpreise um 63 %, was auf einen Bedeutungsverlust der EU als Anbieterin hochwertiger Schnitzstoffwaren hindeutet. Drittens verschob sich die geographische Struktur des Handels — die asiatischen Exportziele verloren an Bedentung, traditionelle Importquellen wie Fidschi brachen weg, und innerhalb der EU stieg Frankreich zum wichtigsten Importeur auf, während Italiens Dominanz sowohl bei Importen als auch bei Exporten schwand.

Diese Entwicklungen spiegeln das Zusammenspiel aus verschärften Artenschutzregulierungen, veränderten Nachfragepräferenzen und einer sich globalisierenden Lieferkette wider. Die gestiegene Netto-Importabhängigkeit von 19 % auf 45 % sowie die zunehmende Konjunkturanfälligkeit (Handelsintensität von 32 % auf 77 %) machen den Sektor anfälliger für externe Schocks — eine Entwicklung, die angesichts der nach wie vor hohen Volatilität bei mehreren Handelspartnern und der identifizierten Preisschocks aufmerksam beobachtet werden sollte.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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