Marktentwicklung: Getreidegrieß (CN 1103) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Bereich der Zollnomenklatur 1103 (Grobgrieß, Feingrieß und Pellets von Getreide) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Produktgruppe 1103 umfasst vier Untergliederungen: Weizengrieß (110311), Maisgrieß (110313), Grieß aus sonstigem Getreide (110319) sowie Getreidepellets (110320). Die Analyse stützt sich auf handelsstatistische Daten der EU und beleuchtet Strukturverschiebungen bei Handelspartnern, Preisentwicklungen, produktsegmentale Dynamiken sowie die Rolle der EU als Produzent und Exporteur.
1. Wachsende Überschüsse bei steigenden Exportpreisen
1.1 Die EU als struktureller Nettoexporteur
Die EU weist im gesamten Beobachtungszeitraum einen ausgeprägten Handelsüberschuss bei Getreidegrieß auf. Die Handelsbilanz stieg von 130,1 Mio. EUR (2015) auf 179,5 Mio. EUR (2025), ein Anstieg um 38,0 %. Die Nettoimportabhängigkeit blieb durchgehend negativ (2015: −8,7 %; 2025: −6,5 %), was die Position der EU als Nettounterstreicher bestätigt.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 143,9 | 198,2 | +37,7 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 13,8 | 18,7 | +35,3 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | 130,1 | 179,5 | +38,0 % |
| Nettoimportabhängigkeit | −8,7 % | −6,5 % | +24,9 % |
1.2 Preisgetriebenes Exportwachstum
Ein zentrales Merkmal der Periode ist, dass der Anstieg des Exportwerts überwiegend preisinduziert war. Während die Exportmenge lediglich um 6,1 % stieg (von 324.432 t auf 344.331 t), erhöhte sich der durchschnittliche Exportpreis um 29,7 % (von 444 EUR/t auf 576 EUR/t). Der Höchstwert des Exportpreises wurde 2022 mit 666 EUR/t erreicht — ein Jahr, das von der globalen Getreidekrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine geprägt war.
| Kennzahl | 2015 | 2022 | 2025 |
|---|---|---|---|
| Exportmenge (t) | 324.432 | 324.437¹ | 344.331 |
| Exportpreis (EUR/t) | 444 | 666 | 576 |
| Importmenge (t) | 22.577 | 36.136² | 31.173 |
| Importpreis (EUR/t) | 611 | 521³ | 599 |
¹ Entspricht dem Durchschnitt aus den Segmentmengen. ² Maximalwert im Zeitraum (2023). ³ Geschätzt aus dem Minimum.
1.3 Inlandsproduktion als Fundament des Exportwachstums
Die EU-Produktion stützt die Exportkapazität. Die Produktionsmenge stieg von 4,4 Mrd. kg auf 6,0 Mrd. kg (+37,2 %), der Produktionswert sogar von 1,1 Mrd. EUR auf 2,6 Mrd. EUR (+139,7 %). Der überproportionale Anstieg des Produktionswerts gegenüber der Menge spiegelt die gestiegenen Rohstoffpreise und Verarbeitungskosten wider. Die Exportneigung sank jedoch von 8,6 % auf 6,8 %, was darauf hindeutet, dass ein wachsender Anteil der Produktion im Binnenmarkt verbleibt.
2. Umbruch bei Handelspartnern: Diversifizierung und neue Märkte
2.1 Dramatische Diversifizierung der Importquellen
Die Importkonzentration (HHI nach Werten) sank von 5.987 auf 1.565 (−73,9 %) — ein außergewöhnlicher Strukturwandel. 2015 dominierte das Vereinigte Königreich mit 77 % des Importwerts (10,6 Mio. EUR von 13,8 Mio. EUR). Bis 2025 fiel sein Anteil auf rund 26 %, während neue Lieferanten aufstiegen.
| Lieferant | Importwert 2015 (EUR) | Importwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 10.619.411 | 4.832.792 | −54,5 % |
| Serbien | 647.507 | 4.311.056 | +565,8 % |
| Ukraine | 632.769 | 2.926.527 | +362,5 % |
| Marokko | 38.086 | 1.199.983 | +3.050,7 % |
| Russland | 349.038 | 307.973 | −11,8 % |
| Schweiz | 148.525 | 209.330 | +40,9 % |
Die Importpartneranalyse zeigt, dass Serbien und Ukraine die größten Gewinner sind. Für Marokko ist der Anstieg besonders bemerkenswert: von einem vernachlässigbaren Basiswert auf über 1,2 Mio. EUR. Diese Entwicklung könnte mit der engen Verflechtung der europäischen und nordafrikanischen Grieß-/Couscous-Industrie zusammenhängen.
2.2 Westafrika und Israel als dynamische Exportmärkte
Auf der Exportseite blieb das Vereinigte Königreich mit Abstand der wichtigste Abnehmer (2025: 58,7 Mio. EUR, +63,9 % gegenüber 2015). Bemerkenswert ist jedoch das Wachstum in westafrikanischen Märkten und Nahost.
| Bestimmungsland | Exportwert 2015 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 35.812.969 | 58.700.277 | +63,9 % |
| Côte d'Ivoire | 12.733.709 | 28.437.676 | +123,3 % |
| Saudi-Arabien | 25.814.973 | 15.484.372 | −40,0 % |
| Israel | 3.976.702 | 11.713.556 | +194,6 % |
| Kamerun | 4.412.803 | 7.542.925 | +70,9 % |
| Mali | 6.373.707 | 8.317.689 | +30,5 % |
| Senegal | 5.999.816 | 2.791.420 | −53,5 % |
Der Aufstieg der Côte d'Ivoire (+123,3 %) und Israels (+194,6 %) als Exportmärkte steht im Gegensatz zum Rückgang Saudi-Arabiens (−40,0 %). Der Exportkonzentrationsindex (HHI) blieb mit einem Anstieg von 1.126 auf 1.284 (+14,0 %) auf moderatem Niveau relativ stabil, was bedeutet, dass die Exportbasis bereits zu Beginn diversifiziert war.
2.3 Italien überholt Frankreich als führender EU-Exporteur
Innerhalb der EU verschob sich die Führungsrolle bei den Exporten erheblich. Frankreich, 2015 mit 55,1 Mio. EUR der größte EU-Exporteur, verlor 18,1 % und sank auf 45,1 Mio. EUR. Italien hingegen steigerte seine Ausfuhren um 162,6 % von 23,4 Mio. EUR auf 61,5 Mio. EUR und wurde damit zum führenden Exporteur der EU.
| EU-Mitgliedstaat | Exportwert 2015 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frankreich | 55.091.457 | 45.143.011 | −18,1 % |
| Italien | 23.414.071 | 61.479.129 | +162,6 % |
| Spanien | 21.779.872 | 33.168.058 | +52,3 % |
| Irland | 15.752.080 | 19.446.033 | +23,5 % |
Auch bei der Spezialisierung ragt Italien mit einem RSCA-Wert von 0,40 und einem RCA von 2,35 hervor — ein klares Zeichen für komparative Vorteile bei der Grießproduktion (insbesondere Hartweizengrieß für Pasta). Auf der Importseite stiegen Kroatia (+1.924,9 %) und Frankreich (+776,5 %) als bedeutende EU-Importeure auf, während die Niederlande −85,4 % verloren.
3. Preisschocks, Maisboom und Pellet-Wachstum: Dynamik auf Produktebene
3.1 Maisgrieß als neuer Importtreiber
Die Segmentanalyse zeigt einen tiefgreifenden Strukturwandel bei den Importen. Der Maisgrieß (110313) entwickelte sich vom Nischenprodukt zum dominanten Importsegment, während der Grieß aus sonstigem Getreide (110319) massiv an Bedeutung verlor.
| Segment | Importmenge 2015 (t) | Importanteil 2015 | Importmenge 2025 (t) | Importanteil 2025 |
|---|---|---|---|---|
| 110313 Maisgrieß | 4.710 | 20,9 % | 20.824 | 66,8 % |
| 110319 Sonstiges Getreidegrieß | 14.881 | 65,9 % | 4.778 | 15,3 % |
| 110311 Weizengrieß | 719 | 3,2 % | 4.882 | 15,7 % |
| 110320 Pellets | 2.267 | 10,0 % | 689 | 2,2 % |
Die Maisgrieß-Importe vervierfachten sich nahezu mengenmäßig (von 4.710 t auf 20.824 t) und verteuerten sich im Wert von 1,9 Mio. EUR auf 8,3 Mio. EUR (+337,5 %). Der sprunghafte Anstieg ab 2022 (15.562 t nach 4.528 t im Vorjahr) fällt mit der globalen Getreidekrise zusammen. Die Importpreise für Maisgrieß blieben dabei mit 400 EUR/t (2025) bemerkenswert stabil, was auf wettbewerbsfähige Lieferantenstrukturen hindeutet.
Gleichzeitig sank der Importanteil des sonstigen Getreidegrießes (110319) von 66 % auf 15 % — sowohl mengenmäßig (14.881 t → 4.778 t) als auch preislich mit starken Schwankungen (637 EUR/t im Jahr 2015, Höchstwert 972 EUR/t im Jahr 2025).
3.2 Pellets und Weizengrieß als Exportstützen
Im Exportsegment dominierte der Weizengrieß (110311) mit einem Anteil von 50,3 % am Exportwert (2025: 99,7 Mio. EUR). Die Pellets (110320) verzeichneten das stärkste relative Wachstum und mehr als verdoppelten ihren Wert von 10,2 Mio. EUR auf 23,7 Mio. EUR (+132,5 %).
| Segment | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Anteil 2015 | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Anteil 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| 110311 Weizengrieß | 78,4 | 54,5 % | 99,7 | 50,3 % | +27,2 % |
| 110313 Maisgrieß | 49,9 | 34,6 % | 64,1 | 32,3 % | +28,5 % |
| 110320 Pellets | 10,2 | 7,1 % | 23,7 | 11,9 % | +132,5 % |
| 110319 Sonstiges | 5,5 | 3,8 % | 10,8 | 5,4 % | +95,4 % |
Interessant ist, dass die Weizengrieß-Exportmenge 2022 auf 117.061 t einbrach (von 190.118 t im Jahr 2020), der Exportpreis jedoch auf 793 EUR/t stieg — ein Indiz dafür, dass Mengenengpässe durch höhere Preise kompensiert wurden. Bis 2025 erholte sich die Menge auf 171.108 t, der Preis sank auf 582 EUR/t.
3.3 Preisvolatilität und Schockereignisse 2022
Die Volatilitätsanalyse identifiziert 2022 als Jahr außergewöhnlicher Preisbewegungen. Drei Preisschocks im Export wurden erkannt:
| Bestimmungsland | Abnormalität | Preissprung | Zeitpunkt | Anteil am Exportwert |
|---|---|---|---|---|
| Schweiz | 9,1 | +38,4 % | 2022 | 2,9 % |
| Mali | 7,6 | +61,9 % | 2022 | 6,2 % |
| Côte d'Ivoire | 4,9 | +66,2 % | 2022 | 15,8 % |
Diese Schocks stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022, der globale Getreide- und Futtermittelpreise in die Höhe trieb. Besonders betroffen waren afrikanische Abnehmer, bei denen die EU-Exportpreise für Grieß um 62–66 % anstiegen.
Auch auf der Importseite zeigt sich hohe Volatilität: Die Importe aus der Ukraine (Variationskoeffizient 1,38) und Kamerun (VK 3,31) schwankten über den Zeitraum stark. Der Handel mit dem Vereinigten Königreich war dagegen auf der Exportseite außerordentlich stabil (VK 0,11).
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Getreidegrieß (CN 1103) durchlebte zwischen 2015 und 2025 tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Die EU blieb throughout ein Nettounterstützer mit wachsendem Handelsüberschuss, wobei das Exportwachstum primär preis- und weniger mengengetrieben war. Die bemerkenswerteste Entwicklung liegt in der Diversifizierung der Importquellen: Der einstige UK-Dominanz wurde durch das Aufkommen Serbiens, der Ukraine und Marokkos abgelöst. Auf der Exportseite gewannen westafrikanische Märkte und Israel an Gewicht, während Italien Frankreich als führenden EU-Exporteur ablöste.
Auf Produktebene vollzog sich ein bemerkenswerter Strukturwandel: Maisgrieß ersetzte den sonstigen Getreidegrieß als dominantes Importsegment, und Getreidepellets entwickelten sich zum dynamischsten Exportsegment mit einem Wertzuwachs von 132,5 %. Das Jahr 2022 markierte einen Wendepunkt — die durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Preisschocks verteuerten EU-Exporte in afrikanische Märkte um bis zu 66 % und trieben gleichzeitig die Maisgrieß-Importe in die Höhe. Die EU-Produktion reagierte mit kräftigem Wachstum (+37 % mengenmäßig, +140 % wertmäßig), was die Versorgungsrobustität des Binnenmarktes unterstrich.