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Marktentwicklung: Bearbeitete Getreidekörner und Getreidekeime (CN 1104) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode 1104 umfasst bearbeitete Getreidekörner — gequetscht, als Flocken, geschält, perlförmig geschliffen, geschnitten oder geschrotet — sowie Getreidekeime in verschiedenen Aufbereitungsformen, ausgenommen Mehl, geschliffener Reis und Bruchreis. Die analysierte Warengruppe ist ein wesentlicher Bestandteil der EU-Müllerei- und Getreideverarbeitungsindustrie und deckt sowohl Konsumgüter (z. B. Haferflocken) als auch Vorleistungen für die Lebensmittel- und Futtermittelindustrie ab.

Der Produktüberblick zeigt über den Zeitraum 2015 bis 2025 eine fundamentale Verschiebung der Handelsstruktur: Die EU hat sich von einem nahezu ausgeglichenen Handelspartner zu einem deutlichen Nettoexporteur entwickelt. Während die Exporte um 101,2 % an Wert und 71,5 % an Masse zulegten, sanken die Importe um 11,5 % im Wert. Der Handelsbilanzüberschuss stieg von rund 31 Mio. EUR auf über 133 Mio. EUR — eine Steigerung von 332 %.

Im Folgenden werden die drei zentralen Dynamiken dieses Marktes analysiert: der Aufstieg der EU zum Nettoexporteur, die Verschiebung der Handelspartner- und Konzentrationsstrukturen sowie die Entwicklung auf Produktebene mit ihren Preis- und Schockdynamiken.


1. Vom Gleichgewicht zum Nettoexporteur: Die strukturelle Transformation der EU-Handelsbilanz

1.1 Exportboom trotz schwankender Rohstoffmärkte

Die Exportentwicklung zeigt eine eindrucksvolle Steigerung der EU-Ausfuhren. Der Exportwert stieg von 94,2 Mio. EUR (2015) auf 190 Mio. EUR (2025), wobei der Höchstwert mit 207 Mio. EUR im Jahr 2022 erreicht wurde — dem Jahr des Beginns des Ukraine-Krieges und der darauf folgenden globalen Getreidekrise. Die Exportmengen entwickelten sich von 173.045 t auf 296.739 t, mit einem Spitzenwert von 298.238 t ebenfalls 2022.

Kennzahl 2015 2022 (Peak) 2025 Veränderung 2015–2025
Exportwert (Mio. EUR) 94,2 207,0 189,5 +101,2 %
Exportmenge (t) 173.045 298.238 296.739 +71,5 %
Durchschnittspreis (EUR/t) 544 766 639 +17,3 %

Die EU-interne Exportverteilung offenbart, dass Deutschland mit einem Exportanteil von 37,0 Mio. EUR (2025) der größte Exporteur innerhalb der EU bleibt, gefolgt von Irland (25,8 Mio. EUR) und Bulgarien (16,0 Mio. EUR). Besonders bemerkenswert sind die Wachstumsraten: Litauen steigerte seine Exporte um 2.136 %, Bulgarien um 155 % und Italien um 136 %. Diese Dynamik deutet auf eine zunehmende Diversifizierung der EU-Exportbasis hin.

1.2 Rückläufige Importe und sinkende Abhängigkeit

Die Importentwicklung zeigt den gegenläufigen Trend. Der Importwert sank von 63,3 Mio. EUR auf 56,0 Mio. EUR, die Einfuhrmenge von 82.414 t auf 78.814 t. Der durchschnittliche Importpreis fiel um 7,4 % von 768 EUR/t auf 711 EUR/t.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mio. EUR) 63,3 56,0 −11,5 %
Importmenge (t) 82.414 78.814 −4,4 %
Durchschnittspreis (EUR/t) 768 711 −7,4 %
Handelsbilanz (Mio. EUR) +30,9 +133,5 +331,8 %
Netto-Importabhängigkeit −0,2 % −8,5 %

Die Netto-Importabhängigkeit bestätigt diesen Strukturwandel: Immer negative Werte bedeuten, dass die EU durchgehend Nettoexporteur war — mit steigender Tendenz. Der Wert verschärfte sich von −0,2 % (2015) auf −8,5 % (2025), mit einem Extremwert von −10,1 % im Jahr 2022.

1.3 Produktionswachstum als Fundament des Exportbooms

Die EU-Produktionsdaten untermauern den Exportboom. Die Produktionsmenge stieg von 2,02 Mrd. kg auf 2,17 Mrd. kg (+7,9 %). Noch deutlicher fällt die Wertentwicklung aus: von 542 Mio. EUR auf 1,51 Mrd. EUR (+179 %). Dieser massive Preisanstieg in der Produktion spiegelt die globalen Rohstoffpreissteigerungen nach 2021 wider.

Die Exportquote verdoppelte sich nahezu: von 5,3 % (2015) auf 12,4 % (2025), mit einem Spitzenwert von 15,3 % im Jahr 2022. Die Handelsintensität stieg von 9,9 % auf 16,3 %. Beide Indikatoren belegen eine zunehmende Exportorientierung der EU-Getreideverarbeitungsindustrie.


2. Verschiebung der Handelspartner und zunehmende Exportdiversifizierung

2.1 Neuaufstellung der Importpartnerlandschaft

Die Partneranalyse für Importe zeigt gravierende Veränderungen:

Partnerland Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 29,0 24,4 −15,6 %
Ukraine 9,1 13,1 +44,2 %
China 9,3 2,5 −73,1 %
Russische Föderation 3,8 3,3 −12,5 %
Serbien 1,7 0,3 −82,8 %
Türkei 1,2 1,8 +47,2 %
Kasachstan 0,0001 2,4

Das Vereinigte Königreich bleibt mit Abstand der wichtigste Importpartner, was auf die geographische Nähe und die historischen Handelsbeziehungen zurückzuführen ist. Allerdings sind die Importe rückläufig, was teilweise mit den nach dem Brexit veränderten Handelsmodalitäten zusammenhängen könnte.

Zwei Entwicklungen fallen besonders auf:

  • China verlor massiv an Bedeutung (−73,1 %), was auf eine Verlagerung der Beschaffungsstrategien hinweisen könnte.
  • Kasachstan stieg von praktisch Null auf 2,4 Mio. EUR — ein Hinweis auf die Diversifizierung der EU-Beschaffung in Richtung Zentralasien.
  • Die Ukraine (+44,2 %) entwickelte sich zu einem wichtigeren Lieferanten, trotz — oder gerade wegen — des Krieges ab 2022, möglicherweise im Rahmen der EU-Solidaritätskorridore.

2.2 Dynamisches Exportwachstum in Schwellen- und Nischenmärkten

Die Exportpartneranalyse zeigt eine bemerkenswerte Diversifizierung:

Partnerland Exportwert 2015 (Mio. EUR) Exportwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Türkei 16,3 39,1 +140,6 %
Vereinigtes Königreich 24,7 30,6 +23,8 %
Schweiz 6,1 15,2 +147,5 %
Israel 2,6 9,8 +271,7 %
USA 7,5 7,3 −2,7 %
Ukraine 3,3 4,1 +23,0 %
Ghana 2,9 7,3 +147,3 %

Die Türkei wurde zum wichtigsten Exportmarkt der EU für CN 1104 — mit einem Zuwachs von 140,6 %. Dies überrascht, da die Türkei selbst ein bedeutender Agrarproduzent ist, und deutet auf eine steigende Nachfrage nach hochwertigen verarbeiteten Getreideprodukten oder auf Re-Export-Strukturen hin.

Israel (+272 %) und Ghana (+147 %) zeigen, dass die EU ihre Exporte sowohl in hochwertige Märkte (Israel) als auch in afrikanische Wachstumsmärkte ausdehnt.

2.3 Sinkende Konzentration im Export, stabil bei Importen

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) misst die Konzentration der Handelsströme:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 2.600 2.562 −1,5 %
HHI Importe (Volumen) 2.908 2.597 −10,7 %
HHI Exporte (Wert) 1.209 893 −26,1 %
HHI Exporte (Volumen) 1.889 1.333 −29,4 %

Während die Importkonzentration moderat bleibt (Werte um 2.500–2.600 deuten auf eine mäßig konzentrierte Marktstruktur hin), sank die Exportkonzentration deutlich. Ein HHI von 893 im Jahr 2025 zeigt, dass die EU-Exporte heute breiter gestreut sind als noch 2015. Dies ist ein Zeichen zunehmender Marktreife und geringerer Abhängigkeit von einzelnen Absatzmärkten.

Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass innerhalb der EU die baltischen Staaten (Lettland mit RSCA 0,91, Litauen 0,66) und Finnland (0,69) am stärksten auf CN 1104 spezialisiert sind, während Schweden (−0,83) und Malta (−0,80) die geringste Spezialisierung aufweisen.


3. Segmentanalyse: Hafer dominiert, Mais und Getreidekeime gewinnen an Bedeutung

3.1 Struktur der Importsegmente

Die Produktsegmentaufschlüsselung zeigt folgende Importstruktur (2025):

CN-Code Beschreibung Menge (t) Wert (Mio. EUR) Preis (EUR/t)
110429 Sonstige Getreidekörner, bearbeitet (ohne Hafer/Mais) 33.605 21,6 642
110412 Hafer, gequetscht/als Flocken 26.826 23,7 882
110419 Sonstige Getreide, gequetscht/als Flocken 8.949 4,4 493
110430 Getreidekeime 2.453 1,1 459
110422 Hafer, sonstig bearbeitet 3.527 2,0 557
110423 Mais, bearbeitet 3.454 3,2 940

CN 110429 (sonstige bearbeitete Getreidekörner) und CN 110412 (Haferflocken/gequetschter Hafer) dominieren die Einfuhren. Auffällig ist die hohe Volatilität bei CN 110430 (Getreidekeime): Die Importmenge schwankte von 6.828 t (2015) über 21.630 t (2023) auf nur 2.453 t (2025). Diese Schwankungen sind typisch für eine Nischenware, bei der einzelne Lieferverträge die Gesamtstatistik stark beeinflussen.

3.2 Exportsegmente: Haferflocken als Exportmotor

Die Exportsegmente zeigen eine andere Gewichtung:

CN-Code Beschreibung Menge 2025 (t) Menge 2015 (t) Veränderung
110412 Hafer, gequetscht/als Flocken 96.935 48.597 +99,5 %
110430 Getreidekeime 87.818 52.122 +68,5 %
110429 Sonstige Getreidekörner, bearbeitet 39.086 26.313 +48,5 %
110419 Sonstige Getreide, gequetscht/als Flocken 32.465 33.527 −3,2 %
110423 Mais, bearbeitet 24.226 7.739 +213,1 %
110422 Hafer, sonstig bearbeitet 16.209 4.747 +241,4 %

Haferprodukte (CN 110412) sind mit Abstand das wichtigste Exportsegment und haben sich nahezu verdoppelt. Getreidekeime (CN 110430) bilden das zweitgrößte Segment — ein hochwertiges Nebenprodukt der Getreideverarbeitung, das zunehmend in der Lebensmittel- und Nahrungsergänzungsmittelindustrie nachgefragt wird.

Die stärksten Wachstumsraten verzeichnen CN 110422 (Hafer, sonstig bearbeitet: +241 %) und CN 110423 (Mais, bearbeitet: +213 %). Diese Entwicklung deutet auf eine Diversifizierung der EU-Getreideverarbeitung über den traditionellen Haferflockenbereich hinaus hin.

3.3 Preisentwicklung und Preisschocks im Jahr 2022

Die durchschnittlichen Exportpreise zeigen ein deutliches Muster: Nach einem relativ stabilen Niveau von 2015 bis 2021 stiegen die Preise 2022 sprunghaft an, um danach wieder zu fallen.

Segment Preis 2019 (EUR/t) Preis 2022 (EUR/t) Preis 2025 (EUR/t) Veränderung 2019→2022
110412 (Hafer, Flocken) 843 1.008 887 +19,6 %
110430 (Getreidekeime) 336 624 477 +85,7 %
110429 (Sonstige, bearbeitet) 614 705 689 +14,8 %
110423 (Mais, bearbeitet) 433 617 472 +42,5 %

Die analyse der Preisschocks identifiziert mehrere signifikante Ereignisse im Jahr 2022, die mit dem russischen Überfall auf die Ukraine und der daraus folgenden globalen Getreidekrise zusammenhängen:

  • Côte d'Ivoire (Exportpreis): Abnormalität 30,1, Preissprung +34,8 %
  • Südafrika (Exportpreis): Abnormalität 23,2, Preissprung +23,1 %
  • Russische Föderation (Exportpreis): Abnormalität 21,0, Preissprung +28,3 %

Die Volatilitätsanalyse zeigt zudem, dass bei den Importen Kasachstan (Variationskoeffizient 1,39) und Kanada (1,39) die volatilsten Handelsbeziehungen aufweisen, was auf sporadische und mengenmäßig stark schwankende Lieferungen hindeutet. Bei den Exporten sind die Märkte in Japan (0,64), Marokko (0,64) und Südafrika (0,63) am instabilsten — ein Hinweis darauf, dass diese Märkte noch nicht durch langfristige Lieferbeziehungen stabilisiert sind.


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für CN 1104 hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die zentrale Erkenntnis ist der Aufstieg der EU vom nahezu ausgeglichenen Handelspartner zum deutlichen Nettoexporteur mit einem Handelsbilanzüberschuss von 134 Mio. EUR im Jahr 2025. Dieser Strukturwandel wurde durch drei Faktoren getrieben: erstens ein starkes Exportwachstum insbesondere in die Türkei, die Schweiz und Israel; zweitens eine breitere Streuung der Exporte auf mehr Märkte (sinkender HHI); und drittens eine zunehmende Exportquote der EU-Produktion.

Die Importseite zeichnet sich durch relative Stabilität aus, wobei China und Serbien stark an Bedeutung verloren haben, während die Ukraine und Kasachstan als neue Bezugsquellen hinzukommen. Das Vereinigte Königreich bleibt der mit Abstand wichtigste Handelspartner in beide Richtungen — sowohl als Import- als auch als Exportmarkt.

Die Preisanstiege 2022 infolge des Ukraine-Krieges haben zwar den Exportwert kurzfristig befeuert, die Preise haben sich seitdem jedoch wieder normalisiert. Die EU-Getreideverarbeitungsindustrie zeigt sich insgesamt robust: Die Exportdiversifizierung nimmt zu, die Spezialisierung baltischer und nordeuropäischer Mitgliedstaaten unterstreicht die komparativen Vorteile bestimmter Regionen, und das Segmentwachstum über den klassischen Haferflockenbereich hinaus (Mais, Getreidekeime) spricht für eine dynamische Anpassungsfähigkeit der Branche.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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