Marktentwicklung: Mineralische Wärmedämmstoffe (CN 6806) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zolltarifbereich CN 6806 über den Zeitraum 2015 bis 2025. Die Warengruppe umfasst Schlackenwolle, Steinwolle und ähnliche mineralische Wollen, geblähte mineralische Erzeugnisse wie Vermiculit und geblähten Ton sowie Mischungen und Waren aus mineralischen Stoffen zu Wärme-, Kälte- oder Schallschutzzwecken. Der analysierte Zeitraum ist von drei strukturellen Umbrüchen geprägt: der energie- und klimapolitischen Beschleunigung nach dem European Green Deal, der COVID-19-Pandemie sowie den geopolitischen Verwerfungen infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ab 2022. Anhand von Handelsdaten, Produktionszahlen, Konzentrationsindikatoren und Schockereignissen werden die wesentlichen Dynamiken dieses für die Energiewende zentralen Marktsegments untersucht.
Übersicht & Definitionen auf dem Trade Dashboard
I. Stabiler Überschuss trotz Wertschöpfungswandel: Die EU als Nettoexporteur mit steigenden Einheitspreisen
Die EU verzeichnet durchgehend einen Handelsüberschuss bei Drittländern
Die EU war im gesamten Betrachtungszeitraum Nettoexporteur von mineralischen Wärmedämmstoffen. Der Handelsüberschuss gegenüber Drittländern lag 2015 bei rund 327 Mio. EUR und stieg bis 2025 auf 366 Mio. EUR, was einem Anstieg von 11,9 % entspricht. Der niedrigste Wert wurde mit rund 132 Mio. EUR in einem Zwischenjahr verzeichnet, der höchste mit 366 Mio. EUR im letzten Beobachtungsjahr.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 645,4 | 813,4 | +26,0 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 318,0 | 447,0 | +40,6 % |
| Handelsüberschuss (Mio. EUR) | 327,4 | 366,4 | +11,9 % |
| Netto-Importabhängigkeit | −7,5 % | −6,9 % | +7,6 % |
Handelsübersicht · Netto-Importabhängigkeit
Die Mengenentwicklung zeigt ein asymmetrisches Wachstumsmuster
Die Exportmengen stiegen im selben Zeitraum nur moderat von 499.293 t auf 517.024 t (+3,6 %), wohingegen die Importmengen von 212.200 t auf 268.744 t wuchsen (+26,6 %). Das bedeutet, dass der Handelsüberschuss mengenmäßig von 287.092 t auf 248.280 t sogar leicht schrumpfte. Der Überschuss im Wert blieb jedoch erhalten, weil die Exportpreise stärker stiegen als die Importpreise.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportmenge (t) | 499.293 | 517.024 | +3,6 % |
| Importmenge (t) | 212.200 | 268.744 | +26,6 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 1.293 | 1.573 | +21,7 % |
| Importpreis (EUR/t) | 1.499 | 1.663 | +11,0 % |
Dieses Muster deutet auf eine Verschiebung hin: Die EU exportiert zunehmend hochwertigere Erzeugnisse und importiert mengenmäßig stärker wachsende Basisprodukte zu niedrigeren Einheitspreisen.
Die Handelsintensität und Exportneigung nehmen zu
Sowohl die Handelsintensität als auch die Exportneigung sind über den gesamten Zeitraum deutlich gestiegen. Die Handelsintensität erhöhte sich von 17,7 % auf 23,1 % (+30,3 %), die Exportneigung von 12,9 % auf 15,9 % (+23,4 %). Dies zeigt eine wachsende Verflechtung des EU-Binnenmarktes mit Drittländermärkten – ein Indiz sowohl für die international wettbewerbsfähige Produktionsbasis der EU als auch für die steigende Nachfrage nach Dämmstoffen im Zuge der Energieeffizienzvorschriften.
II. Geopolitische Umbrüche als Treiber der Handelsstrukturverschiebung: Russland, Türkei und die Neuordnung der Partnerlandschaft
Der Zusammenbruch des Handels mit Russland prägt das Bild ab 2022
Die auffälligste Dynamik im gesamten Zeitraum ist der praktisch vollständige Wegfall Russlands als Handelspartner. Bei den Importen sank der Wert von rund 10,0 Mio. EUR (2015) auf 0,1 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 98,9 % entspricht. Bei den Exporten war der Rückgang sogar absolut: von 35,0 Mio. EUR auf praktisch null (8.273 EUR). Der Höchstwert der Importe aus Russland lag bei 43,5 Mio. EUR (in einem Zwischenjahr vor den Sanktionen), der Höchstwert der Exporte bei 39,4 Mio. EUR. Die Handelsvolatilität mit Russland war mit einem Variationskoeffizienten von 0,63 (Importe) bzw. 0,68 (Exporte) die höchste aller Partnerschaften.
Die Türkei und Ukraine füllen das entstandene Vakuum
Die Verlagerung der Handelsströme zeigt sich besonders bei zwei Partnern:
| Partner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe aus der Türkei | 2,6 | 28,3 | +983,8 % |
| Importe aus der Ukraine | 4,3 | 39,3 | +804,9 % |
| Importe aus Belarus | 1,1 | 4,0 | +257,0 % |
| Exporte in die Ukraine | 10,8 | 17,7 | +64,3 % |
Die Türkei verzeichnete das höchste Anwachsen aller Importpartner mit fast einer Verzehnfachung des Wertes. Die Volatilität der türkischen Importe ist mit einem CV von 0,92 ebenfalls extrem hoch, was auf eine instabile und stark schwankende Handelsbeziehung hindeutet. Ein markanter Preisschock bei türkischen Importen wurde 2022 festgestellt (Preisabweichung: +39,8 %, Abnormalitätsindex: 16,8). Die Ukraine wurde sowohl als Import- als auch als Exportpartner bedeutsamer – ein Muster, das auch mit dem Wiederaufbaubedarf und der EU-Unterstützung zusammenhängen dürfte.
Der Aufstieg der Türkei als Lieferant spiegelt globale Lieferkettenverschiebungen wider
Die Türkei hat sich von einem untergeordneten Lieferanten (2,6 Mio. EUR, 2015) zum viertwichtigsten Importpartner der EU entwickelt (28,3 Mio. EUR, 2025). Dieser Anstieg von fast 1.000 % steht im Kontext steigender Energie- und Rohstoffkosten in der EU, die türkische Hersteller bei günstigeren Produktionsbedingungen wettbewerbsfähig machten. Allerdings signalisiert der hohe Variationskoeffizient (0,92) eine gewisse Anfälligkeit dieser Lieferbeziehung.
Die westlichen Nachbarländer bleiben die tragenden Handelspartner
Trotz der Umbrüche im Osten bleiben die klassischen Partnerschaften stabil. Das Vereinigte Königreich ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner beiderseits: Importe von 97,7 Mio. EUR auf 132,9 Mio. EUR (+36,1 %), Exporte von 113,5 Mio. EUR auf 147,5 Mio. EUR (+30,0 %). Die Schweiz als zweitwichtigster Exportmarkt verzeichnete das stärkste Wachstum unter den etablierten Partnern (+92,2 %, von 58,7 Mio. EUR auf 112,8 Mio. EUR). Norwegen blieb bei den Exporten relativ stabil (−6,2 %), bei den Importen wuchs es jedoch um 68,8 %.
III. Strukturwandel der Produktion: Sinkende Mengen, steigende Werte und regionale Spezialisierung
Die EU-Produktion verzeichnet einen deutlichen Preis-Mengen-Gap
Die EU-Produktion von CN 6806 zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung: Während die Produktionsmenge von 5.450.014 t (2015) auf 4.750.000 t (2025) um 12,8 % sank, stieg der Produktionswert von 2.265 Mio. EUR auf 4.821 Mio. EUR – ein Anstieg von 112,8 %. Dies ergibt eine Verdreifachung des durchschnittlichen Produktionspreises pro Kilogramm und deutet auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produkten sowie auf die Auswirkungen der Energiepreis- und Rohstoffkostensteigerungen der Jahre 2021–2023.
Osteuropäische Mitgliedstaaten sind die exportstärksten Produzenten
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt eine klare regionale Konzentration der Produktionskompetenz:
| Land | RCA (R) | RSCA | Anteil an EU-Produktion |
|---|---|---|---|
| Kroatien | 14,05 | 0,87 | 5,7 % |
| Slowenien | 5,19 | 0,68 | 5,2 % |
| Litauen | 3,54 | 0,56 | 2,2 % |
| Polen | 3,12 | 0,52 | 20,7 % |
| Estland | 1,95 | 0,32 | 0,7 % |
Polen ist mit einem Anteil von 20,7 % an der EU-Produktion der mit Abstand größte Produzent und gleichzeitig der viertgrößte Exporteur (98,5 Mio. EUR, 2025). Deutschland bleibt der größte Exporteur (220,5 Mio. EUR), hat aber bei den Importen stark verloren (von 87,3 Mio. EUR auf 33,8 Mio. EUR, −61,3 %), was auf eine gesteigerte Eigenproduktion oder veränderte Handelsströme hindeuten könnte.
EU-Mitgliedstaaten nach Exportwert
Steinwolle dominiert den Handel, hochwertige Mischungen prägen die Exportstruktur
Die Aufschlüsselung nach Produktsegmenten zeigt folgende Struktur:
| Segment | Beschreibung | Anteil am Importwert 2025 | Anteil am Exportwert 2025 |
|---|---|---|---|
| 680610 | Stein-/Schlackenwolle | 59,3 % | 50,9 % |
| 680620 | Geblähte mineralische Erzeugnisse | 12,5 % | 9,4 % |
| 680690 | Mischungen und Waren | 28,2 % | 32,9 % |
Steinwolle (680610) ist das mengen- und wertmäßig dominierende Segment. Auffällig ist die Preisentwicklung innerhalb der Segmente:
- 680610 (Steinwolle): Der Exportpreis stieg von 1.356 EUR/t auf 1.827 EUR/t (+34,7 %), der Importpreis schwankte stark, erreichte 2022 einen Spitzenwert von 1.350 EUR/t.
- 680690 (Mischungen/Waren): Mit Exportpreisen von 3.092 EUR/t und Importpreisen von 3.696 EUR/t (2025) ist dies das wertvollste Segment. Die Exportpreise stiegen von 2.043 EUR/t auf 3.092 EUR/t (+51,3 %).
- 680620 (Geblähte Erzeugnisse): Bei Importen stieg der Preis von 1.095 EUR/t auf 1.495 EUR/t, bei Exporten von 419 EUR/t auf 458 EUR/t.
Preisschocks aus China und Marokko deuten auf Lieferkettenverwerfungen hin
Drei signifikante Preisschocks wurden im Untersuchungszeitraum identifiziert:
| Schock | Richtung | Zeitpunkt | Preissprung | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| China – Importe | Preis | 2021 | +166,3 % | 143,4 |
| Marokko – Exporte | Preis | 2020 | +49,7 % | 75,0 |
| Türkei – Importe | Preis | 2022 | +39,8 % | 16,8 |
Der chinesische Preisschock 2021 ist mit Abstand der gravierendste. Er steht im Kontext der globalen Lieferkettenkrise nach der COVID-19-Pandemie und der sprunghaft gestiegenen Frachtraten. China hatte zu diesem Zeitpunkt einen Importwertanteil von 15,4 %, was den systemischen Effekt dieses Schocks unterstreicht. Der marokkanische Exportpreisschock 2020 könnte mit pandemiebedingten Engpässen zusammenhängen.
Konzentration und Marktzugang differieren je nach Handelsrichtung
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) zeigt unterschiedliche Konzentrationsprofile:
| Kennzahl | Importe 2015 | Importe 2025 | Exporte 2015 | Exporte 2025 |
|---|---|---|---|---|
| HHI (Wert) | 1.783 | 1.465 | 688 | 858 |
| HHI (Menge) | 1.247 | 1.380 | 889 | 1.421 |
Die Importkonzentration nach Wert ist gesunken (von 1.783 auf 1.465, −17,8 %), was auf eine Diversifierung der Importquellen hinweist – konsistent mit dem Wegfall Russlands und der Hinwendung zur Türkei und der Ukraine. Bei den Exporten hingegen ist die Konzentration nach Wert gestiegen (+24,7 %) und nach Menge sogar stark angestiegen (+59,9 %), was auf eine zunehmende Fokussierung auf wenige große Absatzmärkte (v. a. UK, Schweiz, USA) hindeutet.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für mineralische Wärmedämmstoffe (CN 6806) hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verändert, auch wenn die Grundstruktur als nettoexportierende Region erhalten blieb. Die drei zentralen Befunde lauten:
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Wert- statt Mengenwachstum: Die EU exportiert mengenäßig nur wenig mehr als 2015, erzielt aber deutlich höhere Erlöse. Die Produktion zeigt dasselbe Muster – weniger Volumen, aber mehr als doppelt so hohe Wertschöpfung. Dies spiegelt sowohl die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten als auch eine Verschiebung zu höherwertigen Produkten wider, die den Anforderungen moderner Energieeffizienzstandards entsprechen.
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Geopolitische Umgestaltung der Handelspartnerlandschaft: Der Wegfall Russlands als Handelspartner (−98,9 % bei Importen, −100 % bei Exporten) wurde teilweise durch die Türkei und die Ukraine kompensiert, deren Handelsvolumina um ein Vielfaches stiegen. Gleichzeitig bleiben das Vereinigten Königreich, die Schweiz und Norwegen die tragenden Säulen des EU-Außenhandels. Die Importkonzentration ist gesunken, die Exportkonzentration jedoch gestiegen – ein potenzielles Risiko für die Exportseite.
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Osteuropa als Produktionskern mit hoher Spezialisierung: Polen, Kroatien, Slowenien und Litauen weisen die höchsten Spezialisierungsindikatoren auf. Polen allein produziert über ein Fünftel der EU-Produktion. Deutschland, traditionell der größte Exporteur, hat seine Importe stark reduziert, was auf eine Verlagerung der Wertschöpfungsketten innerhalb der EU hindeuten könnte.
Insgesamt zeigt der Markt für mineralische Dämmstoffe eine bemerkenswerte Resilienz gegenüber den multiplen Schocks des Untersuchungszeitraums – gestützt durch die regulatorischen Rahmenbedingungen der EU-Klimapolitik, die eine anhaltend hohe Nachfrage nach hochwertigen Dämmmaterialien gewährleisten.