Marktentwicklung: Erdnussöl (CN 1508) — 2015–2025
Einführung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollcode 1508 (Erdnussöl und seine Fraktionen, auch raffiniert, jedoch chemisch unmodifiziert) im Zeitraum 2015 bis 2025. Der Markt für Erdnussöl ist ein Nischenmarkt innerhalb der pflanzlichen Fette und Öle, der sich im Untersuchungszeitraum durch drei zentrale Dynamiken auszeichnet: eine gravierende Verschiebung der Importstruktur, ein deutlicher Preisanstieg bei gleichzeitig rückläufigen Mengen sowie eine wachsende Abhängigkeit der EU von Drittlandslieferungen. Die EU ist bei Erdnussöl ein Nettoimporteur, dessen Handelsbilanz sich zwar nominal verbessert hat, dessen strukturelle Verwundbarkeit jedoch zugenommen hat. Die Produktdefinition umfasst sowohl rohes (150810) als auch raffiniertes Erdnussöl (150890).
1. Importpartner-Strukturwandel: Von Westafrika nach Lateinamerika
Senegals Zusammenbruch als Hauptlieferant
Die auffälligste Veränderung im EU-Erdnussölmarkt ist der vollständige Bedeutungsverlust Senegals als Importpartner. Der Importwert aus Senegal fiel von 31,1 Mio. EUR im Jahr 2015 auf lediglich 275.180 EUR im Jahr 2025 — ein Rückgang von 99,1 %. Analog sanken die Importe aus Gambia von 5,7 Mio. EUR auf 1,3 Mio. EUR (−77,9 %). Diese westafrikanischen Länder, die zu Beginn des Untersuchungszeitraums zu den wichtigsten Erdnussöllieferanten der EU zählten, haben ihre Marktposition nahezu vollständig verloren.
Brasilien und Nicaragua als neue dominante Lieferanten
Der Rückgang westafrikanischer Lieferanten wurde durch die Zunahme lateinamerikanischer Exporteure kompensiert. Brasilien stieg zum mit Abstand wichtigsten Importpartner der EU auf: Der Importwert wuchs von 20,0 Mio. EUR auf 30,7 Mio. EUR (+54,1 %). Noch dynamischer entwickelten sich die Importe aus Nicaragua, die sich von 8,2 Mio. EUR auf 18,7 Mio. EUR mehr als verdoppelten (+127,9 %). Auch Argentinien behauptete seine Position mit einem Anstieg von 10,2 Mio. EUR auf 13,4 Mio. EUR (+32,0 %).
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Brasilien | 19,95 | 30,74 | +54,1 % |
| Argentinien | 10,17 | 13,43 | +32,0 % |
| Nicaragua | 8,19 | 18,67 | +127,9 % |
| Senegal | 31,10 | 0,28 | −99,1 % |
| Gambia | 5,72 | 1,27 | −77,9 % |
| USA | 5,88 | 1,70 | −71,1 % |
Steigende Konzentration der Importstruktur
Diese Verschiebung geht mit einer zunehmenden Konzentration einher. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 2.331 auf 3.395 (+45,7 %). Nach Volumen erhöhte sich der HHI von 2.336 auf 3.517 (+50,6 %). Die Importe konzentrieren sich somit deutlich stärker auf wenige Partnerländer als noch zu Beginn des Zeitraums — insbesondere auf Brasilien und Nicaragua.
Konzentration der Importe (HHI)
Volatilität insbesondere bei afrikanischen Lieferanten
Die Volatilität der Importe nach Partnerland zeigt, dass insbesondere die afrikanischen Lieferanten extreme Schwankungen aufweisen. Sudan weist mit einem Variationskoeffizienten (CV) von 1,67 den höchsten Wert auf, gefolgt von den USA (CV 1,38) und Südafrika (CV 1,17). Senegal (CV 0,95) und Gambia (CV 0,71) zeigen ebenfalls eine hohe Volatilität, die den instabilen Charakter dieser Handelsbeziehungen unterstreicht. Im Vergleich dazu sind die lateinamerikanischen Hauptlieferanten Brasilien (CV 0,22) und Nicaragua (CV 0,26) deutlich stabiler.
Volatilitätsanalyse nach Partnerland
2. Preisanstieg bei rückläufigen Mengen: Eine qualitative Verlagerung des Handels
Mengenrückgang auf Import- und Exportseite
Sowohl die Import- als auch die Exportmengen sind im Betrachtungszeitraum deutlich gesunken. Die Importe fielen von 69.283 t auf 45.135 t (−34,9 %), die Exporte von 9.135 t auf 6.545 t (−28,4 %). Dieser Mengenrückgang bei gleichzeitiger Wertstabilität bzw. -zunahme auf der Exportseite deutet auf fundamentale Preisverschiebungen hin.
Deutlicher Preisanstieg — stärker bei Exporten
Die durchschnittlichen Importpreise stiegen von 1.198 EUR/t auf 1.462 EUR/t (+22,0 %). Noch markanter war der Preisanstieg bei Exporten: von 1.536 EUR/t auf 2.604 EUR/t (+69,5 %). Die Exportpreise erreichten ihren Höchststand 2022 mit 2.817 EUR/t.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge (t) | 69.283 | 45.135 | −34,9 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 83,0 | 66,0 | −20,5 % |
| Importpreis (EUR/t) | 1.198 | 1.462 | +22,0 % |
| Exportmenge (t) | 9.135 | 6.545 | −28,4 % |
| Exportwert (Mio. EUR) | 14,0 | 17,0 | +21,5 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 1.536 | 2.604 | +69,5 % |
Segmentvergleich: Raffiniertes Öl als hochwertiges Exportprodukt
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt ein deutliches Muster. Auf der Importseite dominiert rohes Erdnussöl (150810) mit 44.875 t im Jahr 2025, während raffiniertes Öl (150890) nur 260 t ausmacht. Der Preisunterschied ist jedoch bemerkenswert: Der Importpreis für raffiniertes Öl stieg von 1.534 EUR/t auf 4.153 EUR/t, während der Preis für Rohöl von 1.190 EUR/t auf 1.446 EUR/t anstieg.
Auf der Exportseite exportiert die EU überwiegend raffiniertes Erdnussöl (150890): 6.491 t im Jahr 2025 gegenüber lediglich 54 t Rohöl (150810). Der Exportpreis für Raffiniertes Öl lag 2025 bei 2.502 EUR/t — ein deutlicher Aufschlag gegenüber dem Rohöl-Importpreis, der auf die Wertschöpfung durch Veredelung innerhalb der EU hinweist. Auffällig sind die extrem hohen und stark schwankenden Exportpreise für rohes Erdnussöl (150810), die 2025 mit 14.921 EUR/t einen außerordentlich hohen Wert erreichten. Diese Schwankungen sind jedoch angesichts der sehr geringen Handelsvolumina (zuletzt 54 t) mit Vorsicht zu interpretieren.
Preischock bei Exporten in die Schweiz
Ein signifikanter Preisschock wurde 2019 bei den Exporten in die Schweiz identifiziert. Der Exportpreis stieg um 83,3 %, wobei die Schweiz zu diesem Zeitpunkt einen Anteil von 10,2 % am Exportwert hielt. Die Anomalie erreichte einen Abnormalitätswert von 848,9. Die Exporte in die Schweiz insgesamt sind im Zeitraum von 3,5 Mio. EUR auf 0,5 Mio. EUR (−85,6 %) eingebrochen, was auf eine nachhaltige Destabilisierung dieser Handelsbeziehung hindeutet.
Identifizierte Preis- und Mengenschocks
3. Wachsende Importabhängigkeit und sinkende Eigenproduktion
Dramatischer Anstieg der Netto-Importabhängigkeit
Der Indikator für die Netto-Importabhängigkeit weist eine der bemerkenswertesten Entwicklungen des gesamten Zeitraums aus. Im Jahr 2015 lag der Wert bei −11,3 % — die EU war also netto ein Exporteur von Erdnussöl. Bis 2025 stieg dieser Wert auf +37,3 %, was einem Anstieg von 429,3 % entspricht. Das Minimum lag bei −20,5 %, das Maximum bei 42,2 %. Diese Entwicklung dokumentiert den Übergang von einer Überschuss- zu einer Defizitposition der EU im Erdnussölhandel.
Rückgang der Eigenproduktion
Die inländische Produktion der EU ist im Betrachtungszeitraum erheblich gesunken. Die Produktionsmenge fiel von 79,1 Mio. kg auf 42,0 Mio. kg (−46,9 %), wobei der Produktionswert mit 100,9 Mio. EUR bzw. 100,8 Mio. EUR nahezu unverändert blieb (−0,1 %). Dies deutet darauf hin, dass die verbleibende EU-Produktion auf höhwertigere Segmente konzentriert ist. Die Kombination aus rückläufiger Produktion und steigender Importabhängigkeit unterstreicht die zunehmende Verwundbarkeit der EU-Versorgungssicherheit bei Erdnussöl.
Eigenproduktion der EU (Menge)
Zunehmende Handelsintensität und Exportquote
Die Handelsintensität stieg von 13,0 % auf 54,6 % (+321,6 %) — ein Indikator dafür, dass der Erdnussölmarkt der EU sich zunehmend am internationalen Handel orientiert. Gleichzeitig erhöhte sich die Exportquote von 11,7 % auf 19,0 % (+63,1 %). Die Handelsintensität weist die mit Abstand höchste Salienz (326,2) unter den Vulnerabilitätsindikatoren auf und ist damit der dominante Faktor für die zunehmende Marktöffnung.
Handelsintensität | Netto-Importabhängigkeit
Verschiebungen innerhalb der EU-Mitgliedstaaten
Innerhalb der EU haben sich die Handelsrollen der Mitgliedstaaten verschoben. Italien blieb mit 41,6 Mio. EUR der größte Importeur, obwohl seine Importe leicht rückläufig waren (−4,4 %). Die Niederlande verdoppelten ihre Importe von 6,3 Mio. EUR auf 14,3 Mio. EUR (+127,6 %) und sind zum zweitgrößten Importeur aufgestiegen. Dem gegenüber standen drastische Rückgänge in Frankreich (21,5 Mio. EUR → 5,7 Mio. EUR; −73,6 %) und Belgien (10,6 Mio. EUR → 2,4 Mio. EUR; −77,5 %).
Bei den Exporten innerhalb der EU wurde Belgien mit 10,5 Mio. EUR zum führenden Exporteur (+99,6 %), während Frankreich von 3,9 Mio. EUR auf 0,5 Mio. EUR einbrach (−86,8 %). Deutschland erhöhte seine Exporte von 0,9 Mio. EUR auf 1,8 Mio. EUR (+102,8 %).
Importe nach EU-Mitgliedstaaten
Spezialisierungsmuster innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse bestätigt die handelsstrukturelle Dominanz weniger Mitgliedstaaten. Die Niederlande weisen mit einem RCA-Wert von 3,09 und einem RSCA von 0,51 die stärkste Spezialisierung auf, gefolgt von Italien (RCA 2,86) und Belgien (RCA 1,91). Dem gegenüber stehen Staaten wie Ungarn (RCA 0,00), Tschechien (RCA 0,001) und Dänemark (RCA 0,001), die praktisch keine Spezialisierung im Erdnussölhandel besitzen.
Spezialisierungsanalyse nach Mitgliedstaat
Fazit
Der EU-Markt für Erdnussöl (CN 1508) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei wesentlichen Dimensionen gewandelt:
Erstens haben sich die Importströme geografisch gravierend verschoben. Westafrikanische Lieferanten — allen voran Senegal — haben ihre einst dominante Stellung nahezu vollständig verloren, während lateinamerikanische Produzenten, insbesondere Brasilien und Nicaragua, die Versorgungslücke gefüllt haben. Diese Verschiebung geht mit einer deutlich höheren Konzentration der Importe einher, die das Risiko von Lieferunterbrechungen erhöht.
Zweitens hat sich das Preis-Mengen-Verhältnis fundamental verändert. Die Import- und Exportmengen sind erheblich gesunken, während die Preise — insbesondere bei Exporten — stark angestiegen sind. Die EU hat sich dabei als Veredler von Erdnussöl positioniert: Roheres Öl wird importiert, raffiniert und mit erheblicher Wertschöpfung wieder exportiert.
Drittens und am gravierendsten ist die Netto-Importabhängigkeit der EU von einem negativen Ausgangsniveau (Nettoexporteur) auf fast 37 % gestiegen. Zusammen mit dem fast vollständigen Rückgang der inländischen Produktionsmengen und der zunehmenden Handelsintensität ergibt sich ein Bild eines Marktes, der zwar exportseitig wettbewerbsfähig geblieben ist, dessen Versorgungssicherheit jedoch in steigendem Maße von einer kleinen Zahl lateinamerikanischer Lieferanten abhängt.