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Marktentwicklung: Stärkegewinnungsrückstände (CN 2303) — 2015–2025

Einleitung

Der Zollcode CN 2303 umfasst ein breites Spektrum pflanzlicher Nebenprodukte: Rückstände aus der Stärkegewinnung (230310), Bagasse und ausgelaugte Rübenschnitzel aus der Zuckerproduktion (230320) sowie Treber, Schlempen und Abfälle aus Brauereien und Brennereien (230330). Diese Warengruppe wird überwiegend als Futtermittel, Biogassubstrat oder industrieller Rohstoff verwendet und bildet damit einen Querschnitt der europäischen Agrar- und Lebensmittelindustrie ab.

Im Analysezeitraum 2015–2025 hat sich die Handelsposition der EU bei diesen Erzeugnissen erheblich verändert. War die Union zu Beginn des Zeitraums noch nahezu im Gleichgewicht zwischen Exporten und Importen, so hat sich ein zunehmendes Handelsdefizit herausgebildet. Die folgende Analyse beleuchtet die wichtigsten Triebkräfte dieser Entwicklung anhand von Werten, Mengen, Preisen und Handelspartnerstrukturen. Die Datengrundlage umfasst die vollständigen Jahre 2015 bis 2025 (Übersicht CN 2303 auf dem Trade Dashboard).


1. Schrumpfende Exporte und wachsende Importe — Eine sich vertiefende Handelslücke

1.1 Die EU-Exporte verloren sowohl an Volumen als auch an Wert

Die Ausfuhren von CN 2303 aus der EU in Drittländer sind im Betrachtungszeitraum spürbar zurückgegangen. Das Exportvolumen sank von 899.004 Tonnen (2015) auf 735.458 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 18,2 % entspricht. Der Exportwert fiel von 243 Mio. EUR auf 213 Mio. EUR (−12,2 %). Der Mindestwert wurde 2023 mit lediglich 195 Mio. EUR erreicht. Teilweise kompensiert wurde der Mengenrückgang durch steigende Preise: Die durchschnittlichen Exportpreise stiegen von 270 EUR/t auf 290 EUR/t (+7,4 %) — mit einem Spitzenwert von 421 EUR/t im Jahr 2022 (Handelsübersicht).

1.2 Die EU-Importe stiegen überproportional

Demgegenüber entwickelten sich die Einfuhren dynamisch: Der Importwert erhöhte sich von 250 Mio. EUR (2015) auf 378 Mio. EUR (2025), ein Plus von 51,3 %. Der Höchstwert wurde 2022 mit 555 Mio. EUR erreicht — ein Jahr, in dem die globalen Rohstoffpreise infolge des Ukraine-Kriegs stark anstiegen. Auch die importierte Menge wuchs, wenn auch moderater, von 1,54 Mio. Tonnen auf 1,71 Mio. Tonnen (+10,5 %). Die Importpreise legten von 162 EUR/t auf 221 EUR/t zu (+36,9 %), mit einem Peak von 311 EUR/t im Jahr 2022 (Handelsübersicht).

1.3 Das Handelsdefizit hat sich dramatisch vergrößert

Aus dem nahezu ausgeglichenen Handelsbilanzsaldo von −6,7 Mio. EUR im Jahr 2015 wurde bis 2025 ein Defizit von 164 Mio. EUR. Der Tiefpunkt wurde 2022 mit −310 Mio. EUR erreicht. Die Netto-Importabhängigkeit stieg von 4,5 % auf 7,8 % (Net Import Reliance). Dies deutet darauf hin, dass die inländische Nachfrage nach diesen Nebenprodukten — insbesondere als Futtermittel — stärker wuchs als das heimische Angebot.

1.4 Segmentanalyse: Verschiedene Teilprodukte entwickeln sich gegenläufig

Die drei Unterpositionen von CN 2303 zeigen sehr unterschiedliche Dynamiken:

Segment Beschreibung Import 2015 (t) Import 2025 (t) Veränderung Export 2015 (t) Export 2025 (t) Veränderung
230320 Zuckerabfälle, Bagasse 1.024.007 746.666 −27,1 % 302.440 141.789 −53,1 %
230330 Brauerei-/Brennereiabfälle 499.775 790.051 +58,1 % 304.309 314.033 +3,2 %
230310 Stärkerückstände 19.623 169.183 +762,2 % 292.255 279.636 −4,3 %

(Quelle: Produktsegment-Vergleich)

Der größte Teilmarkt — die Zuckerabfälle (230320) — verlor sowohl bei Importen als auch bei Exporten deutlich an Volumen. Demgegenüber wuchsen die Importe von Brauereiabfällen (230330) um 58 %, und die Stärkerückstände (230310) verzeichneten einen außergewöhnlichen Importanstieg um über 760 %, wobei der Sprung vor allem in 2025 stattfand (von 24.765 t in 2024 auf 169.183 t).

Bei den Importpreisen zeigt sich 2022 ein flächendeckender Preisschock: Der Preis für 230330 stieg auf 322 EUR/t (von 234 EUR/t in 2021), für 230320 auf 283 EUR/t (von 213 EUR/t) und für 230310 sogar auf 745 EUR/t (von 552 EUR/t).


2. Tektonische Verschiebungen bei den Handelspartnern

2.1 Russland als Importpartner fast vollständig weggebrochen

Die dramatischste Veränderung auf der Importseite betrifft Russland. Der russische Anteil an den EU-Importen von CN 2303 fiel von 76 Mio. EUR (2015) auf lediglich 532.289 EUR (2025), was einem Rückgang von 99,3 % entspricht. Der Höchstwert wurde 2020 mit 161 Mio. EUR erreicht. Der Kollaps nach 2022 steht im Zusammenhang mit den Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs und markiert eine fundamentale Umstrukturierung der Importquellen (Top-Partner Importe).

2.2 USA, Ägypten und Ukraine füllen die Lücke

Die Lieferlücke wurde teilweise durch andere Partner geschlossen:

Partnerland Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigte Staaten 83,0 137,9 +66,3 %
Ägypten 22,2 90,3 +306,3 %
Ukraine 8,7 32,8 +275,1 %
Vereinigtes Königreich 24,5 30,0 +22,4 %
Kanada 10,2 17,1 +68,4 %

(Quelle: Top-Partner Importe)

Die USA sind damit zum mit Abstand wichtigsten Importpartner aufgestiegen. Ägypten und Ukraine verzeichneten das stärkste prozentuale Wachstum, wobei Ägypten 2022 sogar kurzzeitig mit 90 Mio. EUR den zweiten Rang belegte. Die Volatilität bei diesen neuen Partnern ist allerdings hoch: Ägypten weist einen Variationskoeffizienten (CV) von 0,69 auf, die Ukraine von 0,53 (Volatilitätsanalyse).

2.3 Auf der Exportseite: Stabilität beim UK, starker Rückgang bei der Türkei

Der wichtigste Exportpartner bleibt das Vereinigte Königreich mit einem weitgehend stabilen Wert von 69 Mio. EUR (2015 und 2025). Die Türkei als zweitgrößter Abnehmer im Jahr 2015 (60 Mio. EUR) brach dagegen auf 19 Mio. EUR ein (−67,9 %). Dagegen wuchsen die Exporte in die Schweiz von 25 Mio. EUR auf 47 Mio. EUR (+89,0 %) sowie nach Israel von lediglich 66.383 EUR auf knapp 9 Mio. EUR. Saudi-Arabien, 2015 noch mit 12 Mio. EUR vertreten, fiel auf unter 95.000 EUR (−99,2 %). Die Exportmärkte zeigen somit eine deutliche Umorientierung (Top-Partner Exporte).

2.4 Intra-EU-Handel: Irland und Spanien als größte Importeure

Innerhalb der EU sind es vor allem Irland und Spanien, die den Importbedarf an CN-2303-Waren decken. Irland steigerte seine Einfuhren von 83 Mio. EUR auf 159 Mio. EUR (+90,3 %) und Spanien von 61 Mio. EUR auf 112 Mio. EUR (+84,0 %). Bei den Exporten innerhalb der EU führen die Niederlande (37 Mio. EUR, +42,3 %) und Deutschland (25 Mio. EUR, stabil), während Frankreich seine Exporte von 50 Mio. EUR auf 29 Mio. EUR reduzierte (−42,2 %) (Top-Reporter).

2.5 Marktkonzentration blieb moderat

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importe nach Wert lag zwischen 2.147 und 2.974 und sank leicht von 2.266 auf 2.167 (−4,4 %). Dies deutet auf einen mäßig konzentrierten Markt hin, der sich etwas diversifiziert hat — konsistent mit der Abkehr von Russland und der Hinwendung zu mehreren neuen Lieferanten. Die Exportkonzentration blieb mit einem HHI von 1.674 bis 1.791 relativ niedrig und leicht steigend (+7,0 %) (Konzentrationsanalyse).


3. Preisanstieg, Produktionswachstum und regionale Spezialisierung

3.1 Die EU-Produktion wuchs mengenäßig moderat, im Wert jedoch stark

Die EU-Inlandsproduktion von CN 2303 (gemessen an PRODCOM-Daten) stieg mengenäßig von 22,2 Mrd. kg auf 23,1 Mrd. kg (+3,8 %). Der Produktionswert hingegen verdoppelte sich nahezu von 982 Mio. EUR auf 2.152 Mio. EUR (+119,1 %). Der Höchstwert wurde 2022 mit 3.005 Mio. EUR erreicht. Dies spiegelt den allgemeinen Rohstoffpreisanstieg wider, der durch die Energiekrise und Lieferkettenstörungen nach 2020 ausgelöst wurde (Produktionsvolumen).

3.2 Regionale Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Analyse der Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) zeigt klare regionale Muster. Am stärksten auf CN 2303 spezialisiert sind mittel- und osteuropäische Mitgliedstaaten mit bedeutender Zucker- und Stärkeindustrie:

Land RSCA 2025 RCA 2025 Produktionsanteil
Bulgarien 0,570 3,649 2,3 %
Österreich 0,556 3,505 11,6 %
Ungarn 0,475 2,806 7,5 %
Slowakei 0,412 2,403 5,1 %
Frankreich 0,309 1,893 14,8 %

(Quelle: Spezialisierungsanalyse)

Demgegenüber stehen Länder wie Irland (RSCA: −0,999), Estland (−0,989) und Schweden (−0,870), die kaum eigene Produktion aufweisen und stark auf Importe angewiesen sind.

3.3 Preisschocks 2022 als Wendepunkt

Im Jahr 2022 wurden mehrere markante Preisschocks identifiziert:

  • Ägypten (Importe): Der Preis stieg um 78,3 %, mit einer Abnormalität von 5,0 Standardabweichungen und einem Anteil von 11,8 % am Importwert.
  • Serbien (Importe): Preisanstieg von 46,6 %, Abnormalität von 23,0 Standardabweichungen, 5,3 % Wertanteil.
  • Norwegen (Exporte): Preisanstieg von 46,5 % im Jahr 2019, Abnormalität von 4,5 Standardabweichungen, 9,0 % Wertanteil.

Diese Schocks deuten auf eine erhöhte Anfälligkeit der EU-Handelsströme für Preisspitzen bei einzelnen Partnern hin, insbesondere bei den als Ersatz für Russland neu gewonnenen Lieferanten (Supply-Shock-Analyse).

3.4 Handelsintensität und Exportquote deuten auf steigende Verflechtung hin

Die Handelsintensität stieg von 15,6 % auf 22,5 % (+44,7 %), und die Exportquote erhöhte sich von 6,3 % auf 9,0 % (+43,8 %). Die Exportquote weist die höchste Salienz auf (84,8 Punkte), was bedeutet, dass die EU im Vergleich zu anderen Sektoren bei CN 2303 überproportional stark exportorientiert ist — trotz des gleichzeitig wachsenden Importbedarfs.


Schlussfolgerung

Der Markt für CN-2303-Erzeugnisse in der EU hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verändert. Die drei zentralen Entwicklungen sind:

  1. Strukturelle Abkehr von russischen Lieferungen und deren Substitution durch diversifizierte, aber teils volatilere Quellen (USA, Ägypten, Ukraine), was die Versorgungssicherheit kurzfristig erhöht, langfristig aber neue Risiken birgt.

  2. Ein sich vertiefendes Handelsdefizit, das von nahe null (2015) auf 164 Mio. EUR (2025) anwuchs, getrieben durch steigende Futtermittelnachfrage und ein exportseitiges Volumendefizit, das nur teilweise durch höhere Preise kompensiert wird.

  3. Ein deutlicher Preisanstieg sowohl auf Import- als auch auf Exportseite, der seinen Höhepunkt 2022 in der globalen Rohstoffkrise fand und die Produktionswerte in der EU nahezu verdoppelte.

Für Marktakteure und Politikgestalter ist insbesondere die erhöhte Importabhängigkeit relevant: Mit einer Netto-Importquote von 7,8 % und einer Handelsintensität von über 22 % ist die EU bei diesem Produktsegment stärker in globale Märkte eingebunden als noch vor zehn Jahren. Die Diversifizierung der Lieferantenbasis nach dem Wegfall Russlands ist zwar gelungen, geht jedoch mit höherer Preissvolatilität bei neuen Partnern einher.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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