Marktentwicklung: Kokosnüsse, Paranüsse und Kaschunüsse (CN 0801) — 2015–2025
Einleitung
Der EU-Markt für Kokosnüsse, Paranüsse und Kaschunüsse (KN-Code 0801) umfasst sieben Unterkategorien von frischen und getrockneten Nüssen — mit und ohne Schale. Die EU ist bei diesem Warensegment in hohem Maße auf Importe angewiesen: Die Netto-Importabhängigkeit lag im gesamten Beobachtungszeitraum konstant bei rund 83 %. Die Einfuhren stiegen im Zeitraum 2015–2025 von 959 Mio. EUR auf 1.677 Mio. EUR (+74,8 %), während die Ausfuhren nur von 77 Mio. EUR auf 102 Mio. EUR wuchsen (+33,9 %). Damit verschärfte sich das Handelsdefizit von −883 Mio. EUR auf −1.575 Mio. EUR. Der vorliegende Bericht analysiert die zentralen Entwicklungslinien dieses Marktes und ordnet die wichtigsten strukturellen Verschiebungen ein.
1. Starker Mengen- und Preisimpuls: Die Verdopplung des EU-Imports
Der Importwert wuchs deutlich schnelter als das Handelsvolumen
Zwischen 2015 und 2025 erhöhte sich das Importvolumen der EU bei CN 0801 von 214.027 Tonnen auf 329.434 Tonnen — ein Zuwachs von 53,9 %. Im gleichen Zeitraum legte der Importwert um 74,8 % zu, was auf einen zusätzlichen Preiseffekt hindeutet. Der durchschnittliche Einfuhrpreis stieg von 4.482 EUR/t auf 5.090 EUR/t (+13,6 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (EUR) | 959.235.232 | 1.676.924.644 | +74,8 % |
| Importmenge (t) | 214.027 | 329.434 | +53,9 % |
| Durchschnittspreis (EUR/t) | 4.482 | 5.090 | +13,6 % |
Die Preisspitzen korrelieren mit pandemie- und klimabedingten Angebotsengpässen
Ein besonders bemerkenswerter Preisschock trat 2021 bei Importen aus den Philippinen auf: Der Preis stieg um 44,9 % (Abnormalitäts-Score 23,8). Dies fiel in die Phase globaler Lieferkettenstörungen während der COVID-19-Pandemie, die tropische Nüsse — die aufwendig zu transportieren sind — besonders hart traf. Der Importpreis für Kokosnüsse, getrocknet (080111), erreichte 2025 mit 3.054 EUR/t einen historischen Höchststand.
Kaschunüsse ohne Schale dominieren das Importwachstum
Die mengenmäßige Zunahme wird fast vollständig von einem einzigen Segment getragen: Kaschunüsse ohne Schale (080132). Dessen Importvolumen verdoppelte sich von 100.953 t auf 201.371 t, und der Wert stieg von 688 Mio. EUR auf 1.273 Mio. EUR. Kaschunüsse ohne Schale machten 2025 bereits 61 % des gesamten Importvolumens und 76 % des Importwertes aus. Im Gegensatz dazu stagnierten oder gingen andere Segmente wie frische Kokosnüsse (080119: 24.765 t → 19.645 t) und geschälte Paranüsse (080122: 12.859 t → 10.110 t) mengenmäßig leicht zurück.
| Unterkategorie (Importmenge, t) | 2015 | 2020 | 2025 | Trend |
|---|---|---|---|---|
| Kaschunüsse o. Schale (080132) | 100.953 | 150.637 | 201.371 | ▲ stark steigend |
| Kokosnüsse getrocknet (080111) | 69.490 | 73.241 | 83.424 | ▲ moderat steigend |
| Kokosnüsse frisch (080119) | 23.976 | 16.370 | 19.645 | ▼ leicht rückläufig |
| Kokosnüsse i. Schale (080112) | 5.755 | 15.501 | 14.576 | ▲ deutlich gestiegen |
| Paranüsse o. Schale (080122) | 12.859 | 16.225 | 10.110 | ▼ rückläufig |
| Paranüsse i. Schale (080121) | 720 | 769 | 132 | ▼ stark rückläufig |
| Kaschunüsse i. Schale (080131) | 274 | 240 | 175 | ▼ rückläufig |
2. Süd-Süd-Lieferketten: Vietnamesisch-kasuistische Dominanz und der Aufstieg Westafrikas
Vietnam festigte seine Rolle als mit Abstand wichtigster Lieferant
Die Importstruktur nach Herkunftsländern zeigt eine klare Konzentration auf wenige tropische Lieferanten. Vietnam war 2015 mit 436 Mio. EUR bereits der größte Exporteur und steigerte seinen Anteil bis 2025 auf 920 Mio. EUR (+110,8 %). Damit entfielen 2025 über 55 % des gesamten EU-Importwertes auf Vietnam. Der Anstieg korreliert mit dem globalen Boom der Cashew-Verarbeitung in Vietnam, das sowohl Rohware aus Afrika importiert als auch verarbeitete Kaschunüsse in die EU ausführt.
| Herkunftsland | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vietnam | 436 | 920 | +110,8 % |
| Philippinen | 68 | 130 | +91,4 % |
| Côte d'Ivoire | 22 | 217 | +905,9 % |
| Indonesien | 60 | 78 | +29,1 % |
| Indien | 166 | 78 | −52,9 % |
| Bolivien | 62 | 94 | +52,9 % |
| Sri Lanka | 18 | 39 | +115,2 % |
Côte d'Ivoire als dynamischster Wachstumsmarkt
Der bemerkenswerteste Einzeltrend ist der fulminante Aufstieg der Elfenbeinküste: Die EU-Importe stiegen von 22 Mio. EUR auf 217 Mio. EUR — eine Verzehnfachung (+905,9 %). Côte d'Ivoire avancierte damit vom Ranglistenplatz weit abseits der Top-Lieferanten zur drittgrößten Quelle. Hintergrund ist die Strategie mehrerer westafrikanischer Staaten, die einheimische Verarbeitung von Kaschunüssen auszubauen und nicht mehr nur Rohware nach Vietnam zu exportieren. Die stark gestiegenen Importe aus Côte d'Ivoire dürften somit teilweise vietnamesische Lieferketten substituieren — ein Prozess, der die Importkonzentration (HHI) von 2.549 (2015) auf 3.322 (2025) zunächst sogar erhöhte.
Indien verliert als Lieferant an Bedeutung
Währenddessen halbierten sich die EU-Importe aus Indien von 166 Mio. EUR auf 78 Mio. EUR (−52,9 %). Indien war 2015 noch der zweitwichtigste Lieferant; 2025 liegt es nur noch auf dem fünften Rang. Die Volatilität der indischen Lieferungen war dabei auffallend hoch (Variationskoeffizient 0,27), was auf schwankende Ernten und wechselnde Exportpolitik hindeuten kann.
Die EU exportiert vor allem innerhalb Europas
Auf der Exportseite dominieren Nachbarländer: Das Vereinigte Königreich war mit 44 Mio. EUR (2025) das mit Abstand wichtigste Abnehmerland, gefolgt von der Schweiz (19 Mio. EUR, +126 %). Der Export in die Ukraine stieg von 0,5 Mio. EUR auf 3,6 Mio. EUR (+657 %), was mit einer Preisexplosion 2022 (Anstieg um 94,8 %) zusammenfiel und möglicherweise mit Versorgungsengpässen infolge des Krieges erklärt werden kann. Die Exportkonzentration (HHI) sank im Gegensatz zur Importseite deutlich von 4.103 auf 2.340, was auf eine Diversifizierung der Absatzmärkte hindeutet.
3. Strukturelle Verwundbarkeit: Hohe Importabhängigkeit und konzentrierte Lieferketten
Die EU produziert nur einen Bruchteil ihres Bedarfs
Obwohl die EU-Produktion mengenmäßig von 314 Mio. kg auf 600 Mio. kg (+91 %) stieg, blieb der Produktionswert mit rund 990 Mio. EUR nahezu unverändert (−1 %). Die starke Mengenausweitung bei stagnierendem Wert verweist auf zunehmende Margendrücke im EU-Verarbeitungssektor. Die Handelsintensität — also der Anteil des Handels am Gesamtkonsum — lag 2025 bei 92,9 %, was die extreme Offenheit dieses Marktes unterstreicht.
Die Niederlande und Deutschland dominieren den EU-Binnenmarkt
Innerhalb der EU konzentriert sich der Handel auf wenige Mitgliedstaaten. Die Niederlande waren 2025 mit 551 Mio. EUR der größte Importeur, gefolgt von Deutschland (535 Mio. EUR, +145 %) und Spanien (157 Mio. EUR, +264 %). Die Niederlande weisen mit einem RCA-Wert von 3,95 und einem RSCA von 0,60 die höchste Spezialisierung innerhalb der EU auf, was ihre Rolle als Handels- und Verteilerzentrum für tropische Nüsse bestätigt.
Lieferkettenrisiken bleiben trotz Diversifizierungsversuchen bestehen
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass einzelne Lieferanten trotz ihres hohen Marktanteils eine niedrige Schwankung aufweisen — Vietnam etwa mit einem Variationskoeffizienten von nur 0,27. Dies spricht für stabile, aber eben auch konzentrierte Lieferbeziehungen. Kritischer ist die Situation bei kleineren, aber schnell wachsenden Lieferanten: Côte d'Ivoire (CV 0,30) und Ghana (CV 0,38) unterliegen stärkeren jährlichen Schwankungen, was auf Ernte- und Logistikrisiken in der westafrikanischen Cashew-Produktion hindeutet. Auf Exportseite ist die Volatilität bei den EU-Ausfuhren in Richtung Marokko (CV 1,03) und Algerien (CV 1,16) besonders hoch, was auf sporadische Handelsbeziehungen schließen lässt.
| Handelspartner (Importe) | CV (Volatilität) | Markenrelevanz |
|---|---|---|
| Vietnam | 0,27 | Sehr hoch |
| Philippinen | 0,10 | Hoch |
| Côte d'Ivoire | 0,30 | Hoch (wachsend) |
| Indonesien | 0,16 | Mittel |
| Indien | 0,27 | Mittel (rückläufig) |
| Bolivien | 0,20 | Mittel |
| Sri Lanka | 0,24 | Niedrig |
Fazit
Der EU-Markt für Kokosnüsse, Paranüsse und Kaschunüsse hat sich zwischen 2015 und 2025 durch drei zentrale Dynamiken geprägt: erstens ein überproportionales Wachstum der Einfuhren, das sowohl mengen- als auch preisgetrieben war; zweitens eine klare Verschiebung der Lieferantenstruktur zugunsten Vietnams und Westafrikas (insbesondere Côte d'Ivoires) zu Lasten Indiens; und drittens eine anhaltend hohe Importabhängigkeit von rund 83 %, die trotz eines leichten Anstiegs der EU-Produktion unverändert blieb. Die Dominanz der Kaschunüsse ohne Schale (080132) im Importportfolio — 2025 über 60 % des Volumens — macht den Markt zugleich abhängig von der Verarbeitungskapazität in wenigen Herkunftsländern. Während sich die Exportseite der EU diversifizierte, blieb die Importseite trotz des Aufstiegs neuer Lieferanten weiterhin konzentriert, wie der gestiegene HHI-Wert belegt. Für europäische Handelsunternehmen und Politikgestalter bleibt die Frage, wie sich diese Abhängigkeit von tropischen Drittländern — bei gleichzeitig wachsender Nachfrage — in den kommenden Jahren gestalten wird.