Marktentwicklung: Frische und getrocknete Weintrauben (CN 0806) — 2015–2025
Einführung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit frischen und getrockneten Weintrauben (KN-Code 0806) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Analyse umfasst sowohl Einfuhr- als auch Ausfuhrströme mit Drittländern, wobei die Warengattung zwei Unterpositionen zusammenfasst: frische Weintrauben (080610) und getrocknete Weintrauben (080620). Die EU ist bei diesem Produkt in hohem Maße auf Importe angewiesen — die Netto-Importabhängigkeit lag im gesamten Betrachtungszeitraum konstant bei rund 86 %. Im Folgenden werden die wesentlichen Marktdynamiken in drei Abschnitten dargestellt und interpretiert.
1. Wachsendes Importvolumen und deutlich ausgeweitetes Handelsdefizit
Die EU-Importe sind zwischen 2015 und 2025 sowohl mengen- als auch wertmäßig stark gestiegen
Die Einfuhren von Weintrauben in die EU entwickelten sich über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg deutlich aufwärts:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge (t) | 682.030 | 892.965 | +30,9 % |
| Importwert (EUR) | 1.337 Mio. | 2.097 Mio. | +56,8 % |
| Durchschnittspreis (EUR/t) | 1.961 | 2.348 | +19,8 % |
(Quelle: Gesamtübersicht)
Der Wert der Einfuhren wuchs somit deutlich stärker als die Menge, was auf steigende Preise und/oder eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Lieferungen hindeutet. Die Importmenge erreichte mit 892.965 Tonnen im Jahr 2025 ihren Höchststand im Beobachtungszeitraum.
Die Exporte stagnierten mengenmäßig, während der Exportwert nur moderat stieg
Im Gegensatz zu den Importen verlief die Exportentwicklung verhaltener:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportmenge (t) | 207.079 | 178.268 | −13,9 % |
| Exportwert (EUR) | 408 Mio. | 482 Mio. | +18,2 % |
| Durchschnittspreis (EUR/t) | 1.968 | 2.701 | +37,2 % |
(Quelle: Gesamtübersicht)
Die EU exportierte 2025 rund 29.000 Tonnen weniger Weintrauben als 2015 — ein Rückgang von fast 14 %. Gleichzeitig stiegen die Exportpreise um 37 %, sodass der Gesamtwert der Ausfuhren dennoch leicht zunahm. Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend hochpreisige Qualitäten oder aufbereitete Ware exportiert, während das Mengenvolumen schrumpft.
Das Handelsdefizit hat sich nahezu verdoppelt
Aus der Gegenüberstellung ergibt sich ein sich deutlich vertiefendes Defizit in der Handelsbilanz:
| Jahr | Handelsbilanz (EUR) |
|---|---|
| 2015 | −930 Mio. |
| 2018 | −921 Mio. |
| 2022 | −1.185 Mio. |
| 2025 | −1.615 Mio. |
(Quelle: Gesamtübersicht)
Das Defizit verschlechterte sich um 73,8 % von −930 Mio. EUR auf −1.615 Mio. EUR. Dies ist die logische Konsequenz aus dem starken Importwachstum bei gleichzeitig rückläufigem Exportvolumen. Die Netto-Importabhängigkeit blieb dabei erstaunlich stabil bei rund 86 % (Minimalwert 84,4 %, Maximalwert 90,2 %), was darauf hindeutet, dass die strukturelle Abhängigkeit der EU von Drittlandslieferungen seit Jahren konstant hoch ist.
Der heimische Erzeugermarkt schrumpft mengenmäßig, steigt jedoch im Wert
Die EU-Produktionsvolumina fielen von 60.459 Tonnen im ersten auf 40.000 Tonnen im letzten Beobachtungsjahr (−33,8 %). Demgegenüber stieg der Produktionswert von 63 Mio. EUR auf 80 Mio. EUR (+26,1 %). Dieses Muster — weniger Menge, aber höherer Wert — lässt auf eine Qualitäts- und Preispremiumisierung im europäischen Weinbau schließen. Gleichzeitig unterstreicht der Produktionsrückgang die zunehmende Importabhängigkeit.
2. Geografische Neuausrichtung der Handelsbeziehungen
Die Importpartnerlandschaft hat sich zugunsten südamerikanischer und afrikanischer Lieferanten verschoben
Unter den wichtigsten Importpartnern zeigen sich deutliche Wachstumsunterschiede:
| Partner | Importwert 2015 (EUR) | Importwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Südafrika | 350 Mio. | 582 Mio. | +66,4 % |
| Türkei | 246 Mio. | 270 Mio. | +9,6 % |
| Peru | 135 Mio. | 309 Mio. | +129,0 % |
| Indien | 61 Mio. | 204 Mio. | +235,7 % |
| Chile | 197 Mio. | 225 Mio. | +13,7 % |
| Ägypten | 76 Mio. | 158 Mio. | +107,9 % |
| Brasilien | 47 Mio. | 58 Mio. | +22,1 % |
(Quelle: Handelspartner)
Südafrika blieb der mit Abstand wichtigste Lieferant der EU und stellte 2025 Weintrauben im Wert von 582 Mio. EUR bereit. Die dynamischste Entwicklung verzeichnete jedoch Indien (+235,7 %), gefolgt von Peru (+129,0 %) und Ägypten (+107,9 %). Diese drei Länder haben ihre Lieferungen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt bzw. mehr als verdreifacht. Die Importkonzentration (HHI) blieb mit Werten um 1.450 relativ stabil, was auf eine mäßig diversifizierte, aber nicht übermäßig konzentrierte Lieferantenbasis hindeutet.
Die türkischen Lieferungen sind weitgehend stabil geblieben
Im Gegensatz zu den stark wachsenden Lieferanten aus Südamerika und Afrika verzeichnete die Türkei als zweitgrößter Importpartner nur ein moderates Wachstum von 9,6 %. Das Handelsvolumen schwankte zwischen 230 Mio. EUR (2021) und 302 Mio. EUR (2019), was auf eine gewisse Sättigung oder saisonale Schwankungen hindeuten könnte. Dennoch bleibt die Türkei ein zentraler Lieferant, insbesondere für getrocknete Weintrauben (Rosinen/Sultaninen).
Die EU-Exporte konzentrieren sich stark auf den Vereinigten Königreich
Die Exportstruktur der EU wird vom Vereinigten Königreich dominiert:
| Zielmarkt | Exportwert 2015 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 227 Mio. | 233 Mio. | +2,9 % |
| Schweiz | 56 Mio. | 78 Mio. | +38,3 % |
| Norwegen | 33 Mio. | 53 Mio. | +58,7 % |
| Russische Föderation | 13 Mio. | 26 Mio. | +97,0 % |
| Belarus | 8 Mio. | 4 Mio. | −47,7 % |
| Ukraine | 2 Mio. | 10 Mio. | +357,8 % |
(Quelle: Handelspartner)
Das Vereinigte Königreich nahm 2025 Weintrauben im Wert von 233 Mio. EUR ab und blieb damit der mit Abstand größte Abnehmer. Die Exportkonzentration (HHI) sank allerdings von 3.390 auf 2.782 (−17,9 %), was auf eine zunehmende Diversifierung der Exportmärkte hindeutet. Besonders stark wuchsen die Exporte in die Ukraine (+357,8 %), die Russische Föderation (+97,0 %) und Norwegen (+58,7 %). Der Export nach Belarus ging hingegen um 47,7 % zurück.
Innerhalb der EU sind die Niederlande das zentrale Import- und Verteilerzentrum
Bei den EU-Mitgliedstaaten als Einführer dominieren die Niederlande mit großem Abstand:
| Land | Importwert 2015 (EUR) | Importwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Niederlande | 779 Mio. | 1.260 Mio. | +61,7 % |
| Deutschland | 175 Mio. | 192 Mio. | +9,6 % |
| Spanien | 49 Mio. | 151 Mio. | +210,8 % |
| Frankreich | 56 Mio. | 71 Mio. | +27,6 % |
| Italien | 51 Mio. | 86 Mio. | +67,1 % |
| Polen | 20 Mio. | 41 Mio. | +106,6 % |
(Quelle: Berichterstatter)
Die Niederlande importierten 2025 Weintrauben im Wert von 1,26 Mrd. EUR — mehr als die Hälfte aller EU-Importe. Dies unterstreicht die Rolle der Niederlande als zentraler Logistik- und Verteilerknoten für frisches Obst in Europa. Spanien (+210,8 %) und Polen (+106,6 %) verzeichneten die stärksten relativen Zuwächse. Bei den Exporten innerhalb der EU führen Spanien (172 Mio. EUR) und Italien (126 Mio. EUR), während griechische Weintraubenexporte um 33,1 % auf 42 Mio. EUR sanken.
Die Spezialisierung innerhalb der EU folgt dem klassischen Weinbau-Gürtel
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass traditionelle Weinbauländer auch beim Handel mit Tafeltrauben am stärksten spezialisiert sind:
| Land | RCA | Rel. Spezialisierung (RSCA) |
|---|---|---|
| Griechenland | 3,75 | 0,579 |
| Italien | 3,65 | 0,570 |
| Niederlande | 3,07 | 0,508 |
| Spanien | 2,11 | 0,358 |
Demgegenüber weisen Irland, Estland, Finnland und Polen eine sehr geringe Spezialisierung auf (RSCA nahe −1,0), was bedeutet, dass diese Länder Weintrauben primär importieren und kaum exportieren.
3. Preissteigerungen und divergierende Entwicklungen der Segmentprodukte
Frische Weintrauben dominieren den Importmarkt mengenmäßig und verzeichnen das stärkste Wachstum
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt ein deutlich unterschiedliches Bild zwischen frischen und getrockneten Weintrauben:
Importe nach Segment:
| Segment | Menge 2015 (t) | Menge 2025 (t) | Δ Menge | Wert 2015 (EUR) | Wert 2025 (EUR) | Δ Wert |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Frisch (080610) | 445.761 | 674.930 | +51,4 % | 902 Mio. | 1.489 Mio. | +65,1 % |
| Getrocknet (080620) | 236.269 | 218.035 | −7,7 % | 435 Mio. | 608 Mio. | +39,7 % |
(Quelle: Segmentvergleich)
Frische Weintrauben machten 2025 rund 76 % der Importmenge aus und sind für das gesamte Mengenwachstum verantwortlich. Getrocknete Weintrauben verloren mengenmäßig leicht an Bedeutung (−7,7 %), stiegen aber im Wert um fast 40 % — ein Hinweis auf erhebliche Preissteigerungen bei getrockneten Weintrauben.
Die Exportpreise für getrocknete Weintrauben haben sich mehr als verdoppelt
Besonders auffällig ist die Preisentwicklung bei den Exporten:
Importpreise (EUR/t):
| Segment | Preis 2015 | Preis 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frisch | 2.024 | 2.206 | +9,0 % |
| Getrocknet | 1.842 | 2.789 | +51,4 % |
Exportpreise (EUR/t):
| Segment | Preis 2015 | Preis 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frisch | 1.994 | 2.622 | +31,5 % |
| Getrocknet | 1.745 | 3.630 | +108,0 % |
(Quelle: Segmentvergleich)
Während die Importpreise für frische Weintrauben nur moderat um 9 % stiegen, verdoppelte sich der Exportpreis für getrocknete Weintrauben nahezu auf 3.630 EUR/t. Dies deutet darauf hin, dass die EU bei getrockneten Weintrauben eine deutliche Wertschöpfungskette betreibt — möglicherweise über Verarbeitung, Qualitätsauswahl und Markenbildung. Der Gesamt-Exportpreis stieg von 1.968 auf 2.701 EUR/t (+37,2 %).
Preis- und Angebotschocks betrafen insbesondere Peru und Indien
Die Schockanalyse identifiziert zwei bemerkenswerte Ereignisse:
| Partner | Schocktyp | Jahr | Abnormalität | Preisänderung | Anteil am Importwert |
|---|---|---|---|---|---|
| Peru | Preisschock | 2022 | 12,7 | −13,7 % | 15,4 % |
| Indien | Preisschock | 2018 | 3,0 | +13,7 % | 11,6 % |
Der Preisschock bei Peru im Jahr 2022 war mit einer Abnormalität von 12,7 besonders ausgeprägt und ging mit einem Preisrückgang von 13,7 % einher. Dies könnte mit einer Überproduktion oder einer Saisonausweitung in Peru zusammenhängen. Der Preisanstieg bei indischen Lieferungen im Jahr 2018 (+13,7 %) war ebenfalls signifikant. Die Volatilitätsanalyse zeigt zudem, dass Lieferungen aus der Republik Moldau (CV: 0,43) und dem Iran (CV: 0,37) die höchsten Schwankungen aufwiesen, während Chile (CV: 0,14) und die Türkei (CV: 0,17) als besonders stabile Lieferanten galten.
Die EU ist ein hochgradig handelsoffener Markt mit begrenzter Exportneigung
Die Verwundbarkeitsindikatoren verdeutlichen die strukturelle Position der EU im globalen Weintraubenhandel:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit | 86,1 % | 86,5 % | +0,4 Pkt. |
| Handelsintensität | 94,8 % | 94,6 % | −0,3 Pkt. |
| Exportneigung | 59,6 % | 56,5 % | −3,1 Pkt. |
(Quelle: Handelsintensität / Exportneigung)
Die Handelsintensität von nahezu 95 % zeigt, dass Weintrauben in der EU fast vollständig über den internationalen Handel vermarktet werden. Die Exportneigung sank jedoch leicht von 59,6 % auf 56,5 % — ein Indiz dafür, dass der Binnenkonsum gegenüber dem Export an Bedeutung gewinnt. Die stabile Netto-Importabhängigkeit bei gleichzeitig sinkender Exportneigung unterstreicht die zunehmende Rolle der EU als Nettoimporteur.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für frische und getrocknete Weintrauben entwickelte sich zwischen 2015 und 2025 entlang dreier zentraler Trends: Erstens vertiefte sich die strukturelle Importabhängigkeit der EU deutlich — das Handelsdefizit wuchs von 930 Mio. auf über 1,6 Mrd. EUR, während die heimische Produktion mengenmäßig um ein Drittel schrumpfte. Zweitens verschob sich die geografische Zusammensetzung der Handelsströme: Lieferanten aus Südamerika (Peru) und Südostasien (Indien) gewannen stark an Bedeutung, während die EU-Exportmärkte eine gewisse Diversifierung erfuhren, auch wenn das Vereinigte Königreich nach wie vor dominiert. Drittens zeigen die Preisunterschiede zwischen Importen und Exporten, dass die EU — insbesondere bei getrockneten Weintrauben — eine erhebliche Wertschöpfung über Verarbeitung und Qualitätspositionierung erzielt.
Die Netto-Importabhängigkeit von über 86 % bleibt ein kritischer Faktor. Angesichts des weiter steigenden Importbedarfs und der Konzentration auf wenige große Lieferanten wie Südafrika, die Türkei und Peru ist die EU weiterhin anfällig für Lieferunterbrechungen, Preisschwankungen und klimabedingte Ernteausfälle in den Herkunftsländern.