Marktentwicklung: Kleinuhrwerke (CN 9108) — 2015–2025
Einführung
Kleinuhr-Werke (CN 9108) bilden das Herzstück der Uhrmacherei: Es handelt sich um vollständig zusammengesetzte Uhrwerke — mechanisch oder elektrisch betrieben —, die in Armbanduhren und andere Zeitmesser eingebaut werden. Die EU hat in diesem Segment eine lange Tradition, insbesondere in Frankreich, Deutschland und Italien. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU mit Drittländern im Zeitraum 2015 bis 2025 anhand von Import-, Export- und Produktionsdaten. Die zentrale Erkenntnis dieser Dekade ist ein tiefgreifender Strukturwandel: Die EU wandelt sich vom Nettexporteur zum zunehmend importabhängigen Markt, bei gleichzeitiger Verschiebung hin zu hochpreisigen Uhrwerkssegmenten.
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1. Vom Nettexporteur zum Importabhängigen: Eine strukturelle Handelsverschiebung
1.1 Der Handelsbilanzdefizit hat sich mehr als verdoppelt
Im Jahr 2015 wies die EU im Segment CN 9108 ein Handelsbilanzdefizit von −24,8 Mio. € auf. Bis 2025 hatte sich dieses Defizit auf −58,4 Mio. € ausgeweitet — eine Verschlechterung um 135,7 %. Die EU ist damit in diesem Jahrzehnt vom Status eines relativ ausgeglichenen Akteurs zu einem deutlichen Nettoimporteur geworden.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Handelsbilanz (EUR) | −24,8 Mio. € | −58,4 Mio. € | −135,7 % |
| Netto-Importabhängigkeit | 47,3 % | 83,9 % | +77,4 % |
1.2 Importe werten trotz Mengenrückgang
Die Importeure in der EU bezahlten 2025 insgesamt 74,1 Mio. € für Kleinuhr-Werke aus Drittländern — ein Plus von 12,9 % gegenüber 2015 (65,6 Mio. €). Gleichzeitig sank das importierte Volumen (Nettomasse) von 83,6 Tonnen auf 48,7 Tonnen (−41,8 %), und die importierte Stückzahl fiel von 3,49 Mio. auf 1,91 Mio. Stück (−45,3 %). Der durchschnittliche Preis pro Stück verdoppelte sich nahezu: von 18,80 €/Stück auf 38,80 €/Stück (+106,4 %). Dieses Muster deutet auf eine klare Premiumisierung der Importe hin — weniger, aber teurere Uhrwerke.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (EUR) | 65,6 Mio. € | 74,1 Mio. € | +12,9 % |
| Importmenge (t) | 83,6 t | 48,7 t | −41,8 % |
| Import-Stückzahl | 3,49 Mio. p/st | 1,91 Mio. p/st | −45,3 % |
| Ø-Importpreis (p/st) | 18,80 € | 38,80 € | +106,4 % |
1.3 Exporte brechen sowohl im Wert als auch in der Stückzahl ein
Dem gegenüber steht ein drastischer Rückgang der EU-Ausfuhren: Der Exportwert halbierte sich nahezu von 40,8 Mio. € (2015) auf 15,7 Mio. € (2025), ein Minus von 61,5 %. Die exportierte Stückzahl sank von 221.505 auf 162.548 Stück (−26,6 %), und der durchschnittliche Exportpreis pro Stück fiel von 184,35 € auf 96,62 € (−47,6 %). Auffällig ist, dass das Gewicht der Exporte stieg (von 38,0 t auf 138,5 t, +264,8 %), während die Stückzahl sank — was auf eine Verschiebung hin zu schwereren, möglicherweise industrielleren Uhrwerktypen hindeuten könnte.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (EUR) | 40,8 Mio. € | 15,7 Mio. € | −61,5 % |
| Exportmenge (t) | 38,0 t | 138,5 t | +264,8 % |
| Export-Stückzahl | 221.505 p/st | 162.548 p/st | −26,6 % |
| Ø-Exportpreis (p/st) | 184,35 € | 96,62 € | −47,6 % |
1.4 Die EU-Produktion schrumpft parallel
Die inländische Produktion der EU fiel im gleichen Zeitraum von 606.485 Stück auf 426.112 Stück (−29,7 %), der Produktionswert sank von 19,2 Mio. € auf 10,1 Mio. € (−47,5 %). Dies unterstreicht, dass der wachsende Importbedarf nicht allein durch eine steigende Nachfrage bedingt ist, sondern durch einen realen Rückgang der heimischen Fertigungskapazitäten.
2. Premiumisierung und Segmentwandel: Automatikuhrwerke als neuer Import-Schwerpunkt
2.1 Automatikuhrwerke (CN 910820) überholen Quarzwerke mit mechanischer Anzeige (CN 910811) im Importwert
Innerhalb des Segments CN 9108 hat sich die Zusammensetzung der Importe fundamental verschoben. Im Jahr 2015 dominierte noch CN 910811 (elektrisch betriebene Werke mit mechanischer Anzeige) mit einem Importwert von 32,3 Mio. € und einer Menge von 49,6 t. CN 910820 (Werke mit automatischem Aufzug) lag bei 26,2 Mio. € und 19,8 t.
Bis 2025 hatte sich das Bild umgekehrt: CN 910820 erreichte einen Importwert von 44,8 Mio. € (+71,3 %) bei einer Menge von 17,3 t (−12,4 %). CN 910811 fiel hingegen auf 22,2 Mio. € (−31,3 %) und 20,6 t (−58,4 %). Automatikuhrwerke sind damit das wertmäßig größte Importsegment geworden — ein klares Signal für die Nachfrage nach mechanischen Premiumuhren.
| Segment | Importwert 2015 | Importwert 2025 | Δ | Ø-Preis/Stück 2015 | Ø-Preis/Stück 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| 910811 (elektr., mech. Anzeige) | 32,3 Mio. € | 22,2 Mio. € | −31,3 % | 12,78 €/Stück | 16,39 €/Stück |
| 910820 (automatischer Aufzug) | 26,2 Mio. € | 44,8 Mio. € | +71,3 % | 114,38 €/Stück | 149,16 €/Stück |
| 910890 (Handaufzug) | 4,9 Mio. € | 5,4 Mio. € | +11,0 % | 40,50 €/Stück | 48,15 €/Stück |
2.2 Exportseitig: Handaufzugswerke dominieren weiter, verlieren aber an Wert
Auf der Exportseite ist CN 910890 (Werke mit ausschließlichem Handaufzug) das mengen- und gewichtsmäßig größte Segment. 2015 exportierte die EU Werke im Wert von 23,6 Mio. €, 2025 nur noch 5,5 Mio. € (−76,7 %). Bemerkenswert ist der Einbruch des durchschnittlichen Exportpreises pro Stück: von 307,08 €/Stück auf 120,94 €/Stück. Gleichzeitig stieg die exportierte Masse stark an (von 15,5 t auf 135,8 t), was möglicherweise auf Chargenlieferungen von Standardwerken zurückzuführen ist.
CN 910820 (Automatik) hingegen brach mengenmäßig ein: von 15,8 t (2015) auf nur noch 0,9 t (2025), bei einem Exportwert-Rückgang von 10,2 Mio. € auf 8,0 Mio. €. Die EU verliert also insbesondere im hochwertigen Automatiksegment an Exportmacht.
2.3 Die EU produziert weniger, aber der Markt verschiebt sich nach oben
Insgesamt spiegeln die Segmentdaten einen globalen Trend wider: Die Nachfrage verschiebt sich von günstigen Quarzwerken mit mechanischer Anzeige (CN 910811) hin zu mechanischen Automatikwerken (CN 910820). Die EU-Lieferanten können diesen Trend auf der Exportseite zunehmend nicht bedienen, während die Importseite — allen voran die Schweiz — den steigenden Bedarf an Premiumuhrwerken deckt.
3. Geografische Konzentration: Die Schweiz als dominanter Partner und der Brexit-Effekt
3.1 Die Schweiz kontrolliert über 80 % der EU-Importe nach Wert
Der mit Abstand wichtigste Handelspartner der EU bei Kleinuhr-Werken ist die Schweiz. Im Jahr 2015 importierte die EU Uhrwerke im Wert von 46,2 Mio. € aus der Schweiz; bis 2025 stieg dieser Wert auf 61,2 Mio. € (+32,6 %). Damit entfielen 2025 rund 82,7 % des gesamten EU-Importwerts auf die Schweiz — ein Ergebnis, das die herausragende Stellung der Schweizer Uhrwerksindustrie (ETA, Sellita u. a.) unterstreicht.
| Partnerland | Importwert 2015 | Importwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 46,2 Mio. € | 61,2 Mio. € | +32,6 % |
| China | 5,4 Mio. € | 4,8 Mio. € | −11,6 % |
| Japan | 2,6 Mio. € | 4,6 Mio. € | +75,2 % |
| Hongkong | 1,6 Mio. € | 2,0 Mio. € | +24,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 9,2 Mio. € | 0,12 Mio. € | −98,7 % |
| Thailand | 0,33 Mio. € | 0,40 Mio. € | +21,5 % |
| Türkei | 0,01 Mio. € | 0,16 Mio. € | +1.415,2 % |
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 5.241 auf 6.953 (+32,7 %) — ein weiteres Zeichen für die zunehmende Konzentration auf wenige Lieferanten, allen voran die Schweiz.
3.2 Der Brexit lässt die Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich kollabieren
Das Vereinigte Königreich war 2015 mit 9,2 Mio. € der zweitwichtigste Importpartner. Nach dem Brexit sank der Importwert bis 2025 auf nur noch 121.730 € — ein Rückgang von 98,7 %. Auch die Exporte in das Vereinigte Königreich fielen von 5,2 Mio. € auf 2,0 Mio. € (−62,6 %). Der Brexit hat die bilateralen Lieferketten in diesem Segment offensichtlich stark gestört; das Vereinigte Königreich wird nun als Drittland behandelt, mit entsprechenden Zollformalitäten und -kosten.
Ein besonderes Preisschock-Ereignis wurde für Importe aus dem Vereinigten Königreich im Jahr 2018 festgestellt (Anomalie: 73,7, Preissprung: +209,5 %), was zeitlich mit den Unsicherheiten im Vorfeld des Austritts zusammenfiel.
3.3 Exportpartner: Schweiz und USA verlieren, VAE gewinnen an Bedeutung
Auf der Exportseite dominierte die Schweiz mit 27,1 Mio. € (2015), gefolgt von den USA, Hongkong und dem Vereinigten Königreich. Bis 2025 sank der Schweizer Exportwert auf 8,5 Mio. € (−68,7 %), die USA-Fälle von 1,6 Mio. € auf 0,5 Mio. € (−70,9 %). Die Exportkonzentration (HHI) sank von 4.699 auf 3.473 (−26,1 %) — die Exporte werden also etwas breiter gestreut, auch wenn der Gesamtwert fällt.
Ein bemerkenswertes Wachstum zeigten die Vereinigten Arabischen Emirate: von 74.792 € auf 386.943 € (+417,4 %), ein Hinweis auf den aufstrebenden Luxusuhrenmarkt in der Golfregion.
| Partnerland | Exportwert 2015 | Exportwert 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 27,1 Mio. € | 8,5 Mio. € | −68,7 % |
| Vereinigtes Königreich | 5,2 Mio. € | 2,0 Mio. € | −62,6 % |
| Hongkong | 3,2 Mio. € | 1,9 Mio. € | −39,1 % |
| USA | 1,6 Mio. € | 0,5 Mio. € | −70,9 % |
| Japan | 0,7 Mio. € | 0,4 Mio. € | −43,2 % |
| VAE | 0,07 Mio. € | 0,39 Mio. € | +417,4 % |
3.4 Innerhalb der EU: Frankreich als Spezialist, Deutschland als größter Markt
Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass Frankreich innerhalb der EU die mit Abstand höchste Spezialisierung im Export von Kleinuhr-Werken aufweist (RSCA: 0,6873, RCA: 5,40). Frankreichs Anteil an den EU-Exporten in diesem Produkt beträgt 42,2 %. Deutschland hingegen ist der mengenmäßig größte Importeur innerhalb der EU (27,4 Mio. € Importwert 2025), gefolgt von Frankreich (30,1 Mio. €) — wobei Frankreichs Importe stärker gewachsen sind (+41,1 % gegenüber 2015).
Spezialisierung der EU-Mitgliedstaaten
Schlussfolgerung
Die EU steht im Segment der Kleinuhr-Werke (CN 9108) am Ende einer Dekade fundamentaler Transformation. Die zentralen Entwicklungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
-
Importabhängigkeit auf Rekordniveau: Die Netto-Importabhängigkeit stieg von 47,3 % auf 83,9 %. Die EU produziert weniger und importiert zunehmend — insbesondere hochwertige Automatikwerke aus der Schweiz, die über 80 % des Importwerts kontrolliert.
-
Premiumisierung der Nachfrage: Der durchschnittliche Importpreis pro Stück hat sich mehr als verdoppelt. Der Markt verschiebt sich von günstigen Quarzwerken hin zu mechanischen Automatikwerken, was die wachsende Bedeutung der Schweizer Uhrwerksindustrie für die europäische Uhrenfertigung unterstreicht.
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Strukturelle Schwäche der EU-Exporte: Die EU verliert in nahezu allen wichtigen Exportmärkten an Boden. Der Exportwert sank um 61,5 %, der Exportpreis pro Stück um 47,6 %. Lediglich die VAE und einige Nischenmärkte zeigen Wachstumspotenzial.
-
Brexit als Zäsur: Der Handel mit dem Vereinigten Königreich — einst zweitgrößter Partner auf beiden Seiten — ist nahezu vollständig kollabiert. Diese Entwicklung ist sowohl auf regulatorische Hürden als auch auf Lieferkettenumstrukturierungen zurückzuführen.
Die Daten legen nahe, dass die EU-Uhrmacherindustrie in den kommenden Jahren vor der Herausforderung stehen wird, die Abhängigkeit von Schweizer Zulieferern zu managen und gleichzeitig eigene Exportmärkte zurückzugewinnen — eine Aufgabe, die angesichts der globalen Wettbewerbsdynamik alles andere als trivial erscheint.