Live-Daten erkunden

Marktentwicklung: Gips und Anhydrit (CN 2520) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarif CN 2520 umfasst Gipsstein und Anhydrit (252010) sowie gebrannten Gips und Calciumsulfatprodukte (252020), die unter anderem im Bauwesen, in der Papierindustrie und in der Zahnmedizin verwendet werden. Die EU-Datenbank zeigt, dass der EU-Außenhandel mit diesen Produkten im Zeitraum 2015–2025 erheblich an Dynamik gewonnen hat. Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Handelsströme, Marktstrukturen und Preisentwicklungen und identifiziert die zentralen Triebkräfte hinter den beobachteten Veränderungen.


1. Vom Überschussmodell zum Exportboom: Die EU als globaler Nettoexporteur

1.1 Die EU weist durchgehend einen positiven Handelsbilanzüberschuss auf

Die EU exportiert über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg deutlich mehr Gips und Anhydrit als sie importiert. Der Handelsbilanzüberschuss in Euro stieg von 98,4 Mio. EUR (2015) auf 150,8 Mio. EUR (2025), was einem Zuwachs von 53,2 % entspricht. Die Netto-Importabhängigkeit lag im gesamten Zeitraum im negativen Bereich (−4,1 % bis −16,0 %), was die Rolle der EU als Nettoexporteur bestätigt.

1.2 Exporte wachsen stärker als Importe – Mengen und Werte divergieren

Die Exportentwicklung zeigt ein robustes Wachstum:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert (EUR) 126,0 Mio. 207,1 Mio. +64,4 %
Exportmenge (t) 5.347.082 10.049.920 +88,0 %
Durchschnittspreis Export (EUR/t) 23,56 20,60 −12,5 %

Die Importe wuchsen sowohl mengen- als auch wertmäßig noch deutlicher:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (EUR) 27,5 Mio. 56,2 Mio. +104,5 %
Importmenge (t) 302.426 1.078.377 +256,6 %
Durchschnittspreis Import (EUR/t) 90,96 52,15 −42,7 %

Auffällig ist, dass die Exportmengen nahezu verdoppelt (+88 %), die Importmengen aber mehr als verdreifacht wurden (+257 %). Dennoch bleibt das Handelsbilanzüberschuss-Verhältnis positiv, weil der EU-Export mengenmäßig absolut deutlich überwiegt.

1.3 Steigende Exportorientierung und Handelsintensität

Die Exportneigung stieg von 7,9 % (2015) auf 18,1 % (2025), was einer Steigerung von 129,6 % entspricht. Die Handelsintensität verdoppelte sich von 11,4 % auf 22,7 %. Der EU-Gipsmarkt ist damit im untersuchten Zeitraum deutlich internationaler geworden — sowohl in der Verkaufs- als auch in der Beschaffungsrichtung.


2. Globale Neuordnung der Handelspartner: Atlantik-Achse und neue Lieferanten aus dem Mittelmeerraum

2.1 Das Vereinigte Königreich und die USA dominieren den EU-Export

Die wichtigsten Exportziele der EU haben sich in der Dekade stark konsolidiert:

Partnerland 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 21,3 51,0 +139,4 %
Vereinigte Staaten 10,9 30,9 +182,8 %
Nigeria 10,1 12,8 +26,7 %
Israel 9,0 12,5 +39,9 %
Kanada 0,5 10,2 +1.864,0 %
Kolumbien 6,3 7,8 +22,8 %
Brasilien 3,9 7,6 +96,1 %

Das Vereinigte Königreich ist mit Abstand der wichtigste Exportpartner und hat seinen Anteil nahezu verdoppelt. Besonders bemerkenswert ist der Anstieg der Exporte nach Kanada um fast das 20-Fache, was auf eine verstärkte nordamerikanische Nachfrage hindeutet. Der Export in afrikanische Märkte (Nigeria, Ghana, Elfenbeinküste, Togo) und nach Lateinamerika (Kolumbien, Brasilien) zeigt, dass sich die EU auch in Entwicklungs- und Schwellenländer als Lieferant positioniert.

2.2 Marokko und Tunesien als neue Importquellen im Mittelmeerraum

Die Importpartnerstruktur hat sich im Betrachtungszeitraum gravierend verändert:

Partnerland 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Marokko 2,9 17,3 +486,5 %
Vereinigtes Königreich 8,1 13,4 +66,2 %
Türkei 3,3 6,9 +111,9 %
Nordmazedonien 0,5 3,0 +556,4 %
Tunesien 0,006 1,8 +29.741,2 %
Bosnien und Herzegowina 1,2 1,7 +40,5 %
Republik Moldau 4,4 3,2 −27,2 %

Marokko hat sich vom Kleinstlieferanten zum zweitgrößten Importpartner der EU entwickelt. Tunesien ist von praktisch keinem Importanteil auf fast 1,8 Mio. EUR gestiegen. Die Importpreise sanken dabei deutlich, insbesondere bei 252020 (von 189 EUR/t auf 117 EUR/t), was auf wettbewerbsfähige Angebote aus Nordafrika und der Türkei hindeutet. Einzig die Republik Moldau verlor an Bedeutung (−27,2 %).

2.3 Spanien und Deutschland als Säulen des EU-Exportwachstums

Auf der EU-Innenseite dominieren wenige Mitgliedstaaten den Export:

Reporter 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Spanien 48,1 108,1 +124,5 %
Deutschland 34,4 47,7 +38,7 %
Irland 7,9 10,8 +37,1 %
Zypern 4,9 8,7 +75,8 %
Niederlande 1,2 7,7 +557,3 %
Frankreich 10,5 8,7 −17,2 %

Spanien hat seinen Exportwert mehr als verdoppelt und dominiert mit über 52 % des EU-Gesamtexports. Die Niederlande verfünffachten ihre Exporte, was auf die Rolle als europäischer Logistik- und Umschlagplatz hindeuten könnte. Frankreich ist der einzige große Exporteur mit einem Rückgang (−17,2 %).

Auf der Importseite sticht besonders Portugal hervor (+653 %), gefolgt von den Niederlanden (+424 %) und Irland (+121 %), was auf gestiegene Inlandsnachfrage in diesen Ländern schließen lässt.


3. Segmentierung, Konzentration und Preisdruck: Strukturelle Veränderungen im Produktmix

3.1 Die Rohprodukte dominieren mengenmäßig, Verarbeitete erzielen höhere Preise

Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt ein deutliches Muster:

Exporte:

Produkt 2015 Menge (t) 2025 Menge (t) 2015 Wert (Mio. EUR) 2025 Wert (Mio. EUR) Ø-Preis 2015 (EUR/t) Ø-Preis 2025 (EUR/t)
252010 (Rohgips/Anhydrit) 4.735.224 9.683.592 61,1 129,2 12,90 13,34
252020 (Gebrannter Gips) 611.858 366.328 64,9 77,8 106,06 212,47

Die Exportmenge bei Rohgips (252010) verdoppelte sich nahezu, bei gebranntem Gips (252020) halbierte sie sich sogar. Allerdings stieg der Preis für 252020-Exporte von 106 EUR/t auf 212 EUR/t — eine Verdopplung, die den wertmäßigen Rückgang trotz gesunkener Mengen teilweise kompensierte. Rohgips blieb preisstabil (12,90 → 13,34 EUR/t).

Importe:

Produkt 2015 Menge (t) 2025 Menge (t) 2015 Wert (Mio. EUR) 2025 Wert (Mio. EUR) Ø-Preis 2015 (EUR/t) Ø-Preis 2025 (EUR/t)
252010 (Rohgips/Anhydrit) 192.876 858.550 6,9 30,6 35,52 35,62
252020 (Gebrannter Gips) 109.550 219.827 20,7 25,7 188,55 116,72

Die Importe von Rohgips (252010) versechsfachten sich mengenmäßig, wobei der Preis stabil blieb. Gebrannter Gips wurde mengenweise verdoppelt, aber der Importpreis sank von 189 EUR/t auf 117 EUR/t — ein Rückgang von 38 %. Dies spiegelt die zunehmende Konkurrenz aus Nordafrika und der Türkei wider, wo die Produktionskosten niedriger sind.

3.2 Moderat konzentrierte Märkte mit steigender Tendenz

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) gibt Aufschluss über die Konzentration der Handelsströme:

Markt HHI 2015 HHI 2025 Veränderung
Importe (nach Wert) 1.684 1.844 +9,5 %
Exporte (nach Wert) 821 1.189 +44,7 %
Importe (nach Menge) 1.514 4.006 +164,5 %
Exporte (nach Menge) 978 1.326 +35,6 %

Die Importmärkte sind deutlich konzentrierter als die Exportmärkte. Die steigende Konzentration bei den Exporten (+44,7 % nach Wert) deutet darauf hin, dass sich die EU-Exporte zunehmend auf wenige Hauptmärkte — insbesondere UK und USA — konzentrieren. Bei den Importen nach Menge ist der HHI-Anstieg besonders stark (+164,5 %), was die Dominanz weniger Lieferanten — allen voran Marokko — spiegelt.

3.3 Preischocks bei Importen und Preisdruck im Gesamtmarkt

Die Volatilitätsanalyse identifiziert drei bemerkenswerte Schocks:

Ereignis Jahr Schocktyp Preisänderung Abnormalität Anteil am Importwert
Türkei 2022 Preis +323,1 % 3.654,2 17,9 %
Bosnien und Herzegowina 2023 Preis +185,5 % 251,7 5,2 %
Vereinigtes Königreich 2018 Preis +79,4 % 4,4 34,6 %

Der türkische Preisschock 2022 fällt durch eine extreme Abnormalität (3.654) auf und fiel in eine Phase allgemeiner Energie- und Rohstoffpreisinflation. Der bosnische Schock 2023 könnte mit regionalen Angebotsengpässen zusammenhängen. Auffällig ist, dass die höchsten Volatilitäten (Variationskoeffizient) bei den Importen aus der Ukraine (CV: 1,93), Thailand (CV: 1,50), Tunesien (CV: 1,18) und der Türkei (CV: 1,02) zu verzeichnen sind — allesamt Märkte mit politischer oder wirtschaftlicher Instabilität.

3.4 Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass wenige EU-Länder eine herausragende Exportkompetenz besitzen:

Land RSCA-Index RCA-Index Anteil am EU-Gipsproduktionswert
Lettland 0,825 10,42 3,5 %
Frankreich 0,492 2,93 22,9 %
Spanien 0,448 2,62 15,2 %
Slowenien 0,286 1,80 1,8 %
Deutschland 0,264 1,72 36,3 %

Lettland besitzt den höchsten Spezialisierungsindex (RSCA: 0,82), was bedeutet, dass Gipsexporte für Lettlands Gesamtexportportfolio überproportional wichtig sind. Deutschland und Frankreich haben zwar hohe RCA-Werte, ihr Produktionsanteil konzentriert sich jedoch stärker auf den Binnenmarkt. Malta, Finnland und Zypern weisen dagegen eine sehr geringe Spezialisierung auf (RSCA nahe −1).

Die EU-Produktion stieg mengenmäßig um 146,9 % (von 9,7 Mio. kg auf 24,0 Mio. kg), wertmäßig aber nur um 16,2 % (von 934 Mio. EUR auf 1.085 Mio. EUR). Die Produktionsvolumina zeigen damit ein ähnliches Muster wie der Außenhandel: starkes Mengenwachstum bei stagnierenden oder leicht sinkenden Preisen.


Fazit

Der EU-Gips- und Anhydritmarkt hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich transformiert. Drei zentrale Erkenntnisse lassen sich zusammenfassen:

  1. Die EU ist ein stabiler Nettoexporteur, der seinen Überschuss trotz stark wachsender Importe ausgebaut hat. Das Exportwachstum wurde maßgeblich vom Vereinigten Königreich und den USA getrieben, wobei sich zunehmend auch Schwellenländer (Nigeria, Brasilien, Kolumbien) als Absatzmärkte etablieren.

  2. Der Importmarkt hat sich geografisch neu ausgerichtet. Nordafrikanische und südosteuropäische Lieferanten — insbesondere Marokko, Tunesien und Nordmazedonien — haben erheblich an Bedeutung gewonnen, oft zu deutlich niedrigeren Preisen. Dies verschärft den Preiswettbewerb, besonders im Segment des gebrannten Gipses (252020), wo die Importpreise um 38 % fielen.

  3. Der Markt zeigt strukturelle Preiserosion. Sowohl bei Exporten (−12,5 %) als auch bei Importen (−42,7 %) sind die durchschnittlichen Preise gesunken. Dies steht im Einklang mit der stark gestiegenen Produktionsmenge und dem zunehmenden Wettbewerbsdruck. Die gelegentlichen Preischocks — etwa der türkische Schock 2022 — zeigen jedoch, dass der Markt weiterhin anfällig für externe Störungen ist.

Die wachsende Exportorientierung der EU bei gleichzeitiger Diversifizierung der Importquellen deutet auf einen reifen Markt hin, in dem Skaleneffekte und Kostenvorteile die Handelsströme zunehmend bestimmen. Für die kommenden Jahre wäre zu beobachten, ob sich die Dominanz weniger Exportmärkte (UK, USA) fortsetzt oder ob die EU ihre Absatzbasis weiter diversifizieren kann.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

Wenn Sie Beratung zur europäischen Handelspolitik benötigen oder Vertretung für Ihre Interessen in Brüssel, kontaktieren Sie mich bitte unter support@tradedashboard.eu. Sie finden meinen Lebenslauf unter dieser Adresse.