Marktentwicklung: Bitumenkohle (CN 270112) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt CN 270112 — Steinkohle, bitumenhaltig, auch in Pulverform, unagglomeriert — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Position umfasst sowohl Kokskohle (27011210) als auch sonstige bitumenhaltige Steinkohle (27011290) und bildet damit einen erheblichen Teil des EU-Energiemixes ab. Im Untersuchungszeitraum hat sich der Markt für dieses Produkt grundlegend verändert: Geopolitische Ereignisse, Sanktionen gegen Russland sowie die europäische Klimapolitik haben die Importstruktur, die Preisbildung und die Handelsströme nachhaltig umgeformt. Die EU blieb throughout Nettoimporteur mit einem Handelsbilanzdefizit, das sich von −8,4 Mrd. € (2015) auf −6,6 Mrd. € (2025) verringerte — freilich nicht durch steigende Exporte, sondern durch einen massiven Rückgang der Importvolumina.
Details zu den hier verwendeten Daten und Definitionen finden sich im Scope & Definitions-Bereich des EU Trade Dashboards.
1. Halbierung der Einfuhrmengen bei Verdopplung der Durchschnittspreise
Die Importmengen sanken kontinuierlich um über 60 %
Der auffälligste Trend im untersuchten Zeitraum ist der anhaltende Rückgang der EU-Steinkohleeinfuhren in physischen Mengen. Die importierte Gesamtmenge fiel von 116,9 Mio. Tonnen (2015) auf 45,7 Mio. Tonnen (2025) — ein Rückgang von 60,9 %. Dieser Rückgang verlief nicht linear, sondern wurde durch mehrere Schocks überlagert:
| Jahr | Importmenge (t) | Importwert (€) | Durchschnittspreis (€/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 116.927.078 | 8.473.593.330 | 72,47 |
| 2016 | 107.074.931 | 7.494.446.350 | 70,00 |
| 2017 | 114.613.554 | 12.467.808.025 | 108,78 |
| 2018 | 113.092.445 | 12.541.294.864 | 110,90 |
| 2019 | 92.197.249 | 10.084.389.698 | 109,38 |
| 2020 | 57.658.278 | 4.734.915.451 | 82,13 |
| 2021 | 73.225.941 | 8.963.889.266 | 122,41 |
| 2022 | 70.064.131 | 21.694.962.279 | 309,64 |
| 2023 | 60.477.888 | 14.599.977.958 | 241,41 |
| 2024 | 47.355.380 | 9.781.319.313 | 206,55 |
| 2025 | 45.707.336 | 6.786.132.063 | 143,27 |
Quelle: General Overview — Trade
Die Corona-Pandemie bewirkte 2020 einen Einbruch auf 57,7 Mio. Tonnen, gefolgt von einer teilweisen Erholung 2021. Ab 2023 setzte der strukturelle Rückgang jedoch verstärkt ein — getrieben sowohl durch den Wegfall russischer Lieferungen als auch durch den forcierten Kohleausstieg in mehreren EU-Mitgliedstaaten.
Die durchschnittlichen Einfuhrpreise verdoppelten sich nahezu
Während die Mengen zurückgingen, stieg der gewichtete Durchschnittspreis von 72,47 €/t (2015) auf 143,27 €/t (2025) — ein Anstieg von 97,7 %. Den absoluten Höchstwert erreichte der Preis 2022 mit 309,64 €/t, was die globale Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine widerspiegelt. Besonders bei Kokskohle (27011210) waren die Preisausschläge überdurchschnittlich stark: Der Preis dieser Teilposition stieg von 100,21 €/t (2015) auf 354,55 €/t im Spitzenjahr 2022, bevor er 2025 auf 170,48 €/t zurückfiel. Nichtkokskohle (27011290) blieb tendenziell günstiger, erreichte aber 2022 ebenfalls 285,04 €/t.
Die EU-Exporte wuchsen auf ein Vielfaches — allerdings auf niedrigem Niveau
Im Gegensatz zu den Importen verzeichneten die EU-Exporte von Bitumenkohle ein starkes Wachstum: Der Ausfuhrwert stieg von 63,9 Mio. € (2015) auf 206,6 Mio. € (2025), ein Plus von 223,3 %. Die exportierte Menge verdoppelte sich von 634.116 t auf 1.418.496 t (+123,7 %). Allerdings bleibt die EU ein marginaler Exporteur im Vergleich zum Einfuhrvolumen — das Handelsbilanzdefizit belief sich 2025 noch immer auf 6,58 Mrd. €.
Quelle: General Overview — Trade
2. Russlands Lieferstopp und die Neuausrichtung der Beschaffungsstruktur
Russland war bis 2022 der mit Abstand wichtigste Lieferant
Über den gesamten Zeitraum bis 2022 war die Russische Föderation der größte Kohlelieferant der EU. 2015 importierte die EU russische Bitumenkohle im Wert von 2,33 Mrd. €; der Höchstwert wurde 2018 mit 4,37 Mrd. € erreicht. Noch 2021 lagen die russischen Lieferungen bei 3,67 Mrd. €. Gemessen am Einfuhrwert machte Russland zeitweise über 30 % der gesamten EU-Steinkohleeinfuhren aus.
| Jahr | Russland (€) | USA (€) | Australien (€) | Kolumbien (€) |
|---|---|---|---|---|
| 2015 | 2.327.666.925 | 1.663.143.157 | 1.520.626.853 | 1.379.441.653 |
| 2018 | 4.371.231.690 | 2.855.400.514 | 2.645.477.636 | 1.101.731.003 |
| 2021 | 3.668.495.374 | 1.816.102.572 | 2.190.321.727 | 467.048.879 |
| 2022 | 3.774.319.576 | 3.853.375.382 | 4.304.170.695 | 2.629.744.933 |
| 2023 | 1.465.578 | 4.667.890.235 | 5.013.959.437 | 1.184.941.339 |
| 2024 | 1 | 3.606.542.119 | 3.805.497.033 | 550.915.083 |
| 2025 | — | 2.520.007.567 | 2.422.170.302 | 550.732.609 |
Quelle: Top Partners — Imports
Das EU-Importembargo beendete russische Lieferungen abrupt
Der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 und das anschließende EU-Sanktionspaket (vollständiges Importverbot für russische Steinkohle, wirksam ab August 2022) führten zu einem beispiellosen Lieferstopp. Die Menge russischer Kohleimporte sank von 36,1 Mio. Tonnen (Baseline 2015–2022-Durchschnitt: ~36,8 Mio. t) auf praktisch null ab 2023. Die Daten zeigen einen typischen „Exit"-Schock: 2022 wurden noch 15,5 Mio. Tonnen importiert (Rumpfmengen vor Inkrafttreten des Embargos), danach brachen die Lieferungen vollständig ein.
Quelle: Volatility & Supply Shocks
Australien, die USA und Kasachstan füllen die Lücke — doch der Gesamtmarkt schrumpfte
Nach dem russischen Lieferausfall verschoben sich die Importe zu alternativen Lieferanten:
- Australien wurde 2023 mit 5,01 Mrd. € zum größten Einzellieferanten und hielt 2025 noch 2,42 Mrd. €. Die Mengen blieben mit 14,1–17,7 Mio. Tonnen relativ stabil.
- USA stiegen ebenfalls stark ein: Der Importwert stieg von 1,66 Mrd. € (2015) auf 4,67 Mrd. € (2023), bevor er 2025 auf 2,52 Mrd. € zurückging. Die Mengen schwankten zwischen 11,8 und 22,6 Mio. Tonnen.
- Kasachstan verzeichnete das stärkste prozentuale Wachstum: von 57,5 Mio. € (2015) auf 516,1 Mio. € (2025) — ein Plus von 798 %. Mengenmäßig stiegen die Importe von unter 1 Mio. Tonnen auf über 5 Mio. Tonnen.
- Kolumbien und Südafrika blieben zwar Lieferanten, konnten aber ihre früheren Mengen nicht halten. Kolumbien fiel von 24,5 Mio. Tonnen (2015) auf 5,3 Mio. Tonnen (2025).
Trotz der Diversifierung konnte der Wegfall von ~36 Mio. Tonnen russischer Kohle nicht vollständig kompensiert werden. Die gesamte EU-Importmenge sank um 71 Mio. Tonnen (von 117 auf 46 Mio. t) — die russische Lücke erklärt also einen Großteil, aber nicht alles. Der verbleibende Rückgang ist auf Energiewendepolitik und Kohleverstromungsrückgänge zurückzuführen.
Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) zeigen steigende Konzentration
Der HHI für Importe nach Wert stieg von 1.817 (2015) auf 2.817 (2025) — ein Anstieg um 55 %. Obwohl die EU ihre Lieferanten diversifizierte, führte der Wegfall des größten Einzellieferanten (Russland) paradoxerweise zu einer höheren Konzentration, da Australien und die USA nun einen noch größeren Anteil des verbleibenden, kleineren Marktes ausmachen. Der HHI für Exporte explodierte von 2.607 auf 6.313 (+142 %), was auf die wachsende Dominanz weniger Bestimmungsländer — allen voran Ukraine — hindeutet.
Quelle: Marktkonzentration (HHI)
3. Energiekrise 2022 als historischer Preisschock und steigende EU-Exporte in die Ukraine
Das Jahr 2022 markierte einen beispiellosen Preisschock
Die Daten enthalten mehrere nachgewiesene Preisschock-Ereignisse, die allesamt mit dem Jahr 2022 zusammenhängen:
| Schock-Event | Land | Richtung | Preissprung (vs. Baseline) | Anteil am Gesamtwert |
|---|---|---|---|---|
| Preisschock bei australischen Importen | Australien | Importe | +93,2 % (2017) | 31,7 % |
| Preisschock bei US-Importen | USA | Importe | +166,5 % (2022) | 29,6 % |
| Preisschock bei russischen Importen | Russland | Importe | +198,9 % (2022) | 27,0 % |
| Preisschock bei kolumbianischen Importen | Kolumbien | Importe | +271,0 % (2022) | 11,7 % |
Der durchschnittliche EU-Importpreis erreichte 2022 mit 309,64 €/t sein Maximum — fast das Vierfache des Vor-Crisis-Niveaus. Die Preise aller bedeutenden Lieferanten schossen in die Höhe: russische Kohle verteuerte sich auf 242,89 €/t (Baseline: 81,26 €/t), US-Kohle auf 327,89 €/t und australische Kohle auf 380,76 €/t. Der abnormal hohe australische Preisschock von 2017 (+93,2 % gegenüber der Baseline) deutet auf erste Angebotsverknappungen und eine Neubewertung metallurgischer Kohle bereits vor der Energiekrise hin.
Der Preistransmissionseffekt war auch bei Exporten spürbar
Auf der Exportseite zeigt sich ein ähnliches Muster, wenn auch in geringerem Umfang: Die Preise bei EU-Exporten nach Großbritannien stiegen 2022 auf 335,72 €/t (Baseline: 144,75 €/t, +231,9 %), und nach Marokko sogar auf 345,94 €/t (+730,8 %). Dies spiegelt den allgemeinen Anstieg der Kohlepreise auf dem europäischen Spotmarkt wider, der sich sowohl in Import- als auch in Exportpreisen niederschlug.
Quelle: Volatility & Price Shocks
Die Ukraine wurde zum mit Abstand wichtigsten Exportziel
Das dynamischste Wachstum auf der Exportseite verzeichnete die Ukraine: Der Exportwert stieg von 20,0 Mio. € (2015) auf 162,7 Mio. € (2025) — ein Plus von 712 %. Ukraine war 2025 mit 78,8 % des gesamten EU-Exportwertes das dominierende Bestimmungsland. Der Koeffizient der Variation (CV = 0,72) zeigt zwar eine gewisse Volatilität, doch der Trend ist eindeutig steigend. Die Kriegszerstörungen ukrainischer Infrastruktur und die Unterbrechung eigener Produktionskapazitäten erklären den gestiegenen Bedarf an Steinkohleimporten aus der EU.
Weitere relevante Exportmärkte sind das Vereinigte Königreich (19,4 Mio. €, relativ stabil), die Türkei (5,9 Mio. €, volatil) und Marokko (3,8 Mio. €). Tschechien verzeichnete ein bemerkenswertes Wachstum von 1,7 Mio. € (2015) auf 78,4 Mio. € (2025), was auf die Neuordnung mitteleuropäischer Kohleströme nach dem russischen Lieferausfall hindeutet.
| Exportziel | 2015 (€) | 2025 (€) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Ukraine | 20.030.254 | 162.730.792 | +712,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 24.834.489 | 19.398.670 | −21,9 % |
| Tschechien | 1.720.577 | 78.407.516 | +4.457 % |
| Marokko | 3.252.798 | 3.799.335 | +16,8 % |
| Türkei | — | 5.901.353 | n. a. |
Quelle: Top Partners — Exports
Die Niederlande bleiben größter Importeur innerhalb der EU
Innerhalb der EU waren die Niederlande durchgehend das wichtigste Importland mit einem Wert von 2,25 Mrd. € im Jahr 2025 — dies spiegelt die Rolle des Rotterdamer Hafens als wichtigstem europäischen Kohleumschlagplatz wider. Deutschland (754,5 Mio. €) und Italien (506,6 Mio. €) verzeichneten dagegen deutliche Rückgänge (−37,6 % bzw. −57,4 %), was den jeweiligen nationalen Kohleausstieg widerspiegelt. Poland zeigte hingegen einen Anstieg um 21,6 % auf 538,2 Mio. €.
Quelle: Top Reporters — Imports
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Bitumenkohle (CN 270112) hat sich im Zeitraum 2015–2025 in drei Dimensionen grundlegend gewandelt. Erstens sind die Einfuhrmengen um mehr als 60 % eingebrochen — ein Prozess, der durch die Coronapandemie (2020), den russischen Lieferstopp (2022/23) und den beschleunigten Kohleausstieg in Kernmärkten wie Deutschland, Italien und Spanien vorangetrieben wurde. Zweitens hat der vollständige Wegfall russischer Lieferungen die Beschaffungsstruktur radikal verändert: Australien und die USA sind zu den neuen Hauptlieferanten aufgestiegen, während Kasachstan als neuer Akteur hinzukam. Die Lieferantenkonzentration (HHI) stieg jedoch trotz Diversifizierungsbemühungen an, da der Markt selbst schrumpfte. Drittens hat die Energiekrise 2022 einen historischen Preisschock ausgelöst, der die Durchschnittspreise zeitweise auf das Vierfache des Vorkrisenniveaus trieb, bevor sie sich 2025 wieder auf ein moderateres, aber weiterhin erhöhtes Niveau von 143 €/t einpendelten.
Die EU-Exporte von Bitumenkohle, wenn auch mengenmäßig geringfügig, zeigen eine bemerkenswerte Neuausrichtung: Die Ukraine ist zum dominierenden Abnehmer geworden — ein Trend, der unmittelbar mit den kriegsbedingten Versorgungsengpässen zusammenhängt. Insgesamt deutet die Entwicklung darauf hin, dass der EU-Steinkohlemarkt auf einem strukturellen Schrumpfungspfad verbleibt, wobei geopolitische Ereignisse die Übergangsphase weiterhin erheblich prägen werden.