Marktentwicklung: Steinkohle (CN 27011290) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit bitumenhaltiger Steinkohle (ausgenommen Kokskohle, CN 27011290) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Produktdetails und Übersicht
Im analysierten Zeitraum zeichnen sich drei zentrale Entwicklungen ab:
- ein drastischer Rückgang der Einfuhren um über 75 Prozent mengenmäßig, verbunden mit einer Verdopplung der durchschnittlichen Importpreise;
- eine fundamentale Umstrukturierung der Lieferantenbeziehungen, insbesondere der vollständige Wegfall russischer Lieferungen nach den Sanktionen von 2022 und der Aufstieg neuer Versorger;
- historische Preisspitzen während der Energiekrise 2022, gefolgt von einer partiellen Normalisierung bei anhaltend hoher Volatilität.
1. Struktureller Rückgang der EU-Steinkohleeinfuhren
1.1 Der Einfuhrmengenrückgang übersteigt 75 Prozent
Die markanteste Entwicklung im EU-Steinkohlehandel ist der massive Einfuhrrückgang. Die importierte Menge sank von 84,6 Mio. Tonnen (2015) auf 21,4 Mio. Tonnen (2025), was einem Rückgang von 74,7 Prozent entspricht. Der Tiefstwert im gesamten Zeitraum lag bei 18,0 Mio. Tonnen. Parallel dazu verringerte sich der Einfuhrwert von 5,23 Mrd. € auf 2,45 Mrd. € (−53,2 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung | Minimum | Maximum |
|---|---|---|---|---|---|
| Einfuhrmenge (Mio. t) | 84,6 | 21,4 | −74,7 % | 18,0 | 84,6 |
| Einfuhrwert (Mrd. €) | 5,23 | 2,45 | −53,2 % | 2,24 | 12,90 |
Der deutlich stärkere Rückgang der Menge (−74,7 %) im Vergleich zum Wert (−53,2 %) zeigt, dass steigende Preise den Wertverlust teilweise kompensierten. Die EU importierte zwar deutlich weniger Steinkohle, zahlte aber pro Tonne erheblich mehr. Der Höchstwert des Einfuhrwerts von 12,90 Mrd. € — mehr als das Doppelte des Ausgangsjahrs — fiel in das Jahr der Energiekrise, als die EU versuchte, russische Lieferungen zu ersetzen und dabei auf einen stark gespannten Weltmarkt traf.
1.2 Die durchschnittlichen Einfuhrpreise haben sich nahezu verdoppelt
Die durchschnittlichen Einfuhrpreise stiegen von 61,86 €/t (2015) auf 112,46 €/t (2025), was einer Steigerung von 81,8 Prozent entspricht. Innerhalb des Betrachtungszeitraums schwankte der Einfuhrpreis zwischen 59,36 €/t und 285,04 €/t.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung | Minimum | Maximum |
|---|---|---|---|---|---|
| Ø Einfuhrpreis (€/t) | 61,86 | 112,46 | +81,8 % | 59,36 | 285,04 |
| Ø Ausfuhrpreis (€/t) | 101,80 | 100,64 | −1,1 % | 62,61 | 282,48 |
Bemerkenswert ist die Divergenz zwischen Import- und Exportpreisen: Während die Einfuhrpreise um 82 Prozent stiegen, blieben die Ausfuhrpreise über den gesamten Zeitraum nahezu unverändert (101,80 → 100,64 €/t). Die Exportpreise lagen zudem durchgehend über den Importpreisen — ein Hinweis darauf, dass die EU tendenziell hochwertigere oder besser positionierte Steinkohle exportiert. Die maximale Preisspitze bei Einfuhren (285,04 €/t) markiert eine Vervierfachung gegenüber dem Ausgangsniveau und ist auf die Energiekrise 2022 zurückzuführen.
1.3 Das Handelsbilanzdefizit hat sich trotzdem verbessert
Das chronische Handelsbilanzdefizit der EU bei Steinkohle verbesserte sich von −5,19 Mrd. € (2015) auf −2,38 Mrd. € (2025), was einer Reduktion um 54,1 Prozent entspricht. Allerdings schwankte das Defizit im Zeitverlauf erheblich.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung | Größtes Defizit | Kleinste Defizit |
|---|---|---|---|---|---|
| Handelsbilanz (Mrd. €) | −5,19 | −2,38 | +54,1 % | −12,83 | −2,20 |
Das vorübergehende Anschwellen des Defizits auf −12,83 Mrd. € — trotz bereits sinkender Mengen — spiegelt die massiven Preissteigerungen während der Energiekrise wider. Der günstigste Wert von −2,20 Mrd. € zeigt, dass das Defizit bei weiter sinkenden Mengen und sich normalisierenden Preisen tendenziell schrumpft. Die Verbesserung um 54,1 % gegenüber 2015 ist somit vor allem ein Mengeneffekt, der durch den beschleunigten Kohleausstieg in mehreren EU-Staaten getrieben wird.
2. Umwälzung der Lieferantenstruktur nach dem Russland-Schock
2.1 Russland fällt als wichtigster Lieferant vollständig weg
Russland war 2015 mit einem Einfuhrwert von 1.979 Mio. € der mit Abstand wichtigste Steinkohlelieferant der EU. Im Höchstjahr erreichten die russischen Lieferungen 3.719 Mio. € — dies entsprach einem Anteil von rund 30 Prozent des gesamten Einfuhrwerts. Nach der Verhängung von EU-Sanktionen infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sanken die Importe aus Russland auf praktisch null (−100,0 %). Dieser vollständige Wegfall markiert die einschneidendste Veränderung im gesamten Betrachtungszeitraum und erzwang eine fundamentale Neuausrichtung der Einkaufsstrategien europäischer Energieversorger.
2.2 Australien und Kasachstan steigen als neue Hauptlieferanten auf
Der Wegfall russischer Lieferungen wurde teilweise durch eine Neuausrichtung der Bezugsquellen aufgefangen, wobei sich die Bedeutung der einzelnen Lieferanten erheblich verschob:
| Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung | Maximum (Mio. €) |
|---|---|---|---|---|
| Russland | 1.979 | ~0 | −100,0 % | 3.719 |
| Kolumbien | 1.361 | 484 | −64,5 % | 2.575 |
| USA | 588 | 402 | −31,6 % | 1.165 |
| Südafrika | 694 | 352 | −49,3 % | 3.345 |
| Australien | 219 | 648 | +196,5 % | 957 |
| Kasachstan | 30 | 437 | +1.373 % | 998 |
| Indonesien | 197 | 52 | −73,3 % | 670 |
Australien (+196,5 %) und insbesondere Kasachstan (+1.373 %) verzeichneten die stärksten Zuwächse. Kasachstan stieg von einem nahezu unbedeutenden Lieferanten (30 Mio. €) zu einem der wichtigsten Versorger (437 Mio. €) auf und profitierte dabei von seinen etablierten Transportwegen über Russland und Zentralasien. Südafrika erreichte im Höchstjahr 3.345 Mio. €, konnte dieses Niveau jedoch nicht halten und sank auf 352 Mio. €. Kolumbien blieb zwar ein relevanter Lieferant, verlor aber deutlich an Bedeutung (−64,5 %). Indonesien wurde als Lieferquelle nahezu bedeutungslos (−73,3 %). Insgesamt ging die gesamte Einfuhrmenge trotz der Neuausrichtung erheblich zurück — die neuen Lieferanten konnten den Wegfall Russlands mengenmäßig nicht vollständig kompensieren, was den parallelen strukturellen Rückgang der Steinkohlennachfrage in der EU widerspiegelt.
2.3 Die Lieferantenbasis wird breiter und weniger konzentriert
Die Diversifizierung der Bezugsquellen spiegelt sich im Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) wider, der die Konzentration eines Marktes misst:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung | Minimum | Maximum |
|---|---|---|---|---|---|
| HHI Einfuhren (Wert) | 2.443 | 1.890 | −22,6 % | 1.697 | 5.544 |
| HHI Ausfuhren (Wert) | 3.651 | 2.333 | −36,1 % | 1.233 | 4.973 |
Der HHI für Einfuhren sank von 2.443 auf 1.890 (−22,6 %). Ein HHI unter 2.500 wird typischerweise als „mäßig konzentriert" eingestuft — die EU-Lieferantenbasis hat sich also spürbar diversifiziert. Der Maximalwert von 5.544 deutet auf eine Phase extremer Konzentration hin, die vermutlich mit dem abrupten Wegfall Russlands zusammenfiel, als noch keine ausreichenden Ersatzlieferanten etabliert waren und wenige verbliebene Lieferanten einen überproportionalen Marktanteil hielten. Der Mindestwert von 1.697 zeigt, dass die Konzentration in manchen Jahren deutlich niedriger lag als heute — die aktuelle Entwicklung hin zu 1.890 könnte darauf hindeuten, dass sich die Lieferantenbasis nach der anfänglichen Schockphase wieder etwas verfestigt.
Auch bei den Ausfuhren sank die Konzentration deutlich (von 3.651 auf 2.333, −36,1 %), was auf eine breitere Streuung der Exportmärkte hindeutet — ein Aspekt, der im Folgenden vertieft wird.
3. Preisspitzen, Exportdynamik und Volatilität in Krisenzeiten
3.1 Die Energiekrise 2022 verursacht historische Preisspitzen
Die Energiekrise 2022 verursachte die im gesamten Zeitraum höchsten Preise sowohl bei Ein- als auch bei Ausfuhren:
| Kennzahl | Ø 2015 | Spitzenwert | Ø 2025 |
|---|---|---|---|
| Einfuhrpreis (€/t) | 61,86 | 285,04 | 112,46 |
| Ausfuhrpreis (€/t) | 101,80 | 282,48 | 100,64 |
Der Einfuhrpreis erreichte mit 285,04 €/t fast das Fünffache des Ausgangsniveaus von 2015. Die extreme Preisentwicklung spiegelt den simultanen Nachfrageüberhang wider: Die EU versuchte, russische Lieferungen durch Zukäufe am Weltmarkt zu ersetzen, was die globalen Kohlepreise in die Höhe trieb. Gleichzeitig stiegen die Ausfuhrpreise auf 282,48 €/t — ein Niveau, das den Einfuhrpreisen fast entsprach und die übliche Differenz zwischen Ein- und Ausfuhrpreisen vorübergehend aufhob. Bis 2025 normalisierten sich die Preise wieder teilweise, blieben aber mit 112,46 €/t (Importe) bzw. 100,64 €/t (Exporte) noch deutlich über bzw. nahe dem Niveau von 2015. Der Mindestpreis bei Einfuhren (59,36 €/t) lag in einer Phase schwacher Nachfrage, vermutlich während der COVID-19-Pandemie 2020.
3.2 EU-Exporte wachsen — insbesondere in die Ukraine und nach China
Neben dem Einfuhrrückgang zeigt sich bei den Ausfuhren eine bemerkenswerte Dynamik. Die EU-Ausfuhren stiegen von 42,5 Mio. € (2015) auf 66,7 Mio. € (+57,1 %), wobei sich die Zielmärkte erheblich verschoben:
| Bestimmungsland | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 24,8 | 19,4 | −21,9 % |
| Ukraine | 0,3 | 24,1 | +9.007 % |
| China | ~0 | 20,2 | — |
| Türkei | 11,3 | 5,9 | −47,8 % |
| Marokko | 3,3 | 3,8 | +16,8 % |
| Ägypten | 3,9 | 4,6 | +16,4 % |
| Senegal | ~0 | 4,4 | — |
Der dramatischste Anstieg betraf die Ausfuhren in die Ukraine: von 0,3 Mio. € auf 24,1 Mio. € (+9.007 %). Dies ist im Kontext des russischen Angriffskriegs zu sehen — die Ukraine benötigte alternative Energiequellen nach dem Verlust eigener Infrastruktur und dem Wegfall russischer Lieferungen. China trat als neuer bedeutender Abnehmer auf (20,2 Mio. €, ausgehend von praktisch null), was auf eine Umstrukturierung globaler Kohleströme hindeutet. Ebenso verzeichnete Senegal einen Anstieg von nahezu null auf 4,4 Mio. €. Demgegenüber verlor die Türkei an Bedeutung als Exportziel (−47,8 %), während das Vereinigte Königreich trotz eines leichten Rückgangs (−21,9 %) ein stabiler Abnehmer blieb.
3.3 Die Volatilität variiert stark je nach Handelspartner
Die Schwankungsintensität der Handelsströme unterscheidet sich erheblich zwischen den einzelnen Partnern. Der Variationskoeffizient (CV) misst die relative Streuung der jährlichen Handelswerte:
Einfuhren — Variationskoeffizient:
| Partner | CV |
|---|---|
| Australien | 0,44 |
| USA | 0,56 |
| Russland | 0,61 |
| Südafrika | 0,67 |
| Kolumbien | 0,74 |
| Kasachstan | 0,87 |
| Indonesien | 0,87 |
Ausfuhren — Variationskoeffizient:
| Partner | CV |
|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 0,43 |
| Ägypten | 0,51 |
| Türkei | 0,54 |
| China | 0,81 |
| Marokko | 0,98 |
| Ukraine | 1,15 |
Australien weist als Einfuhrpartner die niedrigste Volatilität auf (CV 0,44), was auf stabile Lieferbeziehungen hindeutet. Demgegenüber zeigen Kasachstan und Indonesien hohe Schwankungen (CV 0,87), die mit den stark variierenden Handelsvolumina zusammenhängen — beide Länder waren zeitweise relevante Lieferanten und verloren dann an Bedeutung (oder umgekehrt). Bei den Ausfuhren ist die Ukraine der volatilste Partner (CV 1,15), was die sprunghafte Zunahme der Handelsbeziehung im Kriegskontext widerspiegelt.
Darüber hinaus wurden bei Exporten signifikante Preisschocks identifiziert:
| Jahr | Land | Typ | Preisänderung | Anteil am Exportwert |
|---|---|---|---|---|
| 2017 | Ägypten | Preis | +147,6 % | 3,7 % |
| 2022 | Marokko | Preis | +630,8 % | 15,0 % |
| 2023 | Türkei | Preis | +937,5 % | 11,4 % |
Die Preisschocks bei Exporten nach Marokko (+630,8 %, 2022) und in die Türkei (+937,5 %, 2023) fielen zeitlich mit bzw. unmittelbar nach der globalen Energiekrise zusammen und spiegeln die generelle Verknappung und Verteuerung von Steinkohle auf dem Weltmarkt wider. Der Marokko-Schock betraf dabei 15,0 Prozent des gesamten EU-Exportwerts und war damit von erheblicher ökonomischer Relevanz.
Fazit
Die Handelsentwicklung der EU mit Steinkohle (CN 27011290) im Zeitraum 2015–2025 ist geprägt von drei miteinander verknüpften Transformationen:
Erstens vollzog sich ein struktureller Einfuhrrückgang von 74,7 Prozent mengenmäßig, der die europäische Energiewende und den forcierten Kohleausstieg widerspiegelt. Trotz dieses Rückgangs stiegen die durchschnittlichen Einfuhrpreise um 81,8 Prozent, was die verbleibenden Importe verteuerte. Die Verbesserung des Handelsbilanzdefizits um 54,1 Prozent ist somit vor allem ein Mengeneffekt.
Zweitens führten die EU-Sanktionen gegen Russland ab 2022 zu einer radikalen Umstrukturierung der Lieferantenbasis. Russland — ehemals wichtigster Lieferant mit bis zu 3.719 Mio. € Einfuhrwert — wurde vollständig ersetzt. Die Nachfrage verteilte sich breiter auf Lieferanten wie Australien (+196,5 %) und Kasachstan (+1.373 %), was zu einer messbaren Diversifizierung (HHI-Rückgang um 22,6 %) führte.
Drittens verursachte die Energiekrise 2022 historische Preisspitzen von über 285 €/t bei Einfuhren und trieb das Handelsbilanzdefizit vorübergehend auf über 12,8 Mrd. €. Gleichzeitig expandierten die EU-Ausfuhren — insbesondere in die Ukraine (+9.007 %) und nach China — was sowohl geopolitische als auch marktstrukturelle Ursachen hat.
Insgesamt zeichnet sich ab, dass der EU-Steinkohlehandel trotz des mengenmäßigen Rückgangs komplexer und volatiler geworden ist: Die Lieferantenbasis ist breiter, die Preise sind nachhaltig höher, und neue Handelsströme — etwa in die Ukraine und nach China — haben die traditionellen Muster grundlegend verändert.