Marktentwicklung: Kokskohle (CN 27011210) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit Kokskohle (KN-Code 27011210) im Zeitraum 2015 bis 2025. Kokskohle ist ein wesentlicher Rohstoff für die Stahlerzeugung und bildet trotz des EU-weiten Kohleausstiegs bei der Stromerzeugung weiterhin einen strategischen Industriebedarf. Der untersuchte Zeitraum umfasst mehrere strukturelle Umbrüche: von der jahrelangen Überkapazitäten-Phase über die COVID-19-Pandemie bis hin zur vollständigen Neuausrichtung der Energiehandelsbeziehungen nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022. Die Daten zeigen drei zentrale Dynamiken: eine preisgetriebene Verschiebung der Importwerte bei sinkenden Mengen, eine geopolitisch bedingte Umwälzung der Lieferketten sowie ein bemerkenswertes Wachstum der EU-Exporte.
Übersicht des EU-Handels mit Kokskohle
1. Mengenrückgang bei steigenden Preisen — die preisgetriebene Transformation des EU-Importmarktes
1.1 Die EU-Importmengen sanken um fast ein Viertel
Im Zeitraum 2015 bis 2025 verringerte sich die von der EU importierte Kokskohlemenge von 32,34 Mio. Tonnen auf 24,28 Mio. Tonnen — ein Rückgang um 24,9 %. Parallel dazu wuchs der Importwert von 3,24 Mrd. € auf 4,34 Mrd. € (+33,8 %). Diese Gegenläufigkeit von Menge und Wert macht deutlich, dass die Preisentwicklung den mengenmäßigen Rückgang nicht nur kompensierte, sondern überkompensierte. Die EU importierte also weniger Kohle, zahlte dafür aber insgesamt deutlich mehr.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 3,24 Mrd. € | 4,34 Mrd. € | +33,8 % |
| Importmenge | 32,34 Mio. t | 24,28 Mio. t | −24,9 % |
| Ø Importpreis | 100,21 €/t | 170,48 €/t | +70,1 % |
| Exportwert | 21,5 Mio. € | 139,9 Mio. € | +552,2 % |
| Exportmenge | 217.089 t | 755.990 t | +248,2 % |
| Ø Exportpreis | 98,81 €/t | 185,06 €/t | +87,3 % |
| Handelsbilanz | −3,22 Mrd. € | −4,20 Mrd. € | −30,3 % |
1.2 Die Einfuhrpreise erreichten 2022 ein historisches Maximum
Die durchschnittlichen Importpreise stiegen über den gesamten Zeitraum um 70,1 % — von 100,21 €/t (2015) auf 170,48 €/t (2025). Bemerkenswert ist dabei die extreme Preisspitze: Der maximale Importpreis im Beobachtungszeitraum lag bei 354,55 €/t, was einem Mehrfachen des Ausgangsniveaus entspricht. Diese Spitze ist dem Energiekrisejahr 2022 zuzuordnen, in dem die EU-Sanktionen gegen russische Steinkohle (wirksam ab August 2022) zusammen mit der globalen Energieknappheit die Preise massiv in die Höhe trieben. Auch bei den Exportpreisen zeigt sich eine ähnliche Dynamik — von einem Minimum von 83,19 €/t bis zu einem Maximum von 243,76 €/t.
Übersicht des EU-Handels mit Kokskohle
1.3 Das Handelsdefizit blieb trotz Schwankungen auf hohem Niveau
Das Handelsdefizit der EU bei Kokskohle vertiefte sich im Vergleich von Beginn und Ende des Beobachtungszeitraums um 30,3 % — von −3,22 Mrd. € auf −4,20 Mrd. €. Die Schwankungsbreite war dabei jedoch erheblich: Das Defizit erreichte seinen tiefsten Punkt (am negativsten) bei −8,76 Mrd. € (2022) und seinen geringsten Wert bei −2,48 Mrd. €. Diese enorme Spanne spiegelt die Volatilität der Energiepreise wider — im Krisenjahr 2022 explodierten sowohl die Preise als auch die Defizite, um sich in den Folgejahren wieder teilweise zu normalisieren. Trotz dieser Normalisierung blieb das Defizit 2025 über dem Ausgangsniveau von 2015, was die strukturelle Abhängigkeit der EU von Kokskohle-Importen unterstreicht.
2. Geopolitische Neuausrichtung der Lieferketten seit 2022
2.1 Russland als Lieferant fiel nahezu vollständig weg
Die dramatischste Veränderung im Beobachtungszeitraum betrifft die Russische Föderation: Mit einem Rückgang von 349 Mio. € (2015) auf lediglich 314.402 € (2025) praktisch vollständig als Importquelle verschwunden (−99,9 %). Russland war 2015 noch der drittgrößte Lieferant der EU. Der Zusammenbruch dieser Handelsbeziehung ist unmittelbar auf die EU-Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zurückzuführen. Vor dem Hintergrund russischer Höchstimporte von 652 Mio. € im Beobachtungszeitraum zeigt sich das Ausmaß der Lieferunterbrechung.
Handelspartner nach Handelswert
2.2 Australien und die USA füllten die Lücke — mit unterschiedlichen Dynamiken
Die USA entwickelten sich vom zweitgrößten zum mit Abstand größten Lieferanten: von 1,08 Mrd. € auf 2,12 Mrd. € (+97,0 %). Damit stieg der US-Anteil an den EU-Importen erheblich. Australien, bereits 2015 der wichtigste Partner, konnte seine Lieferungen von 1,30 Mrd. € auf 1,77 Mrd. € steigern (+36,2 %), fiel aber hinter die USA zurück. Für Australien wurde zudem ein erheblicher Preisschock im Jahr 2017 detektiert, bei dem die Einfuhrpreise um 93,4 % nach oben sprangen — ein Ereignis, das damals mehr als die Hälfte des australischen Importwertes ausmachte. Für die USA wurde ein Preisschock im Krisenjahr 2022 identifiziert (+151,3 %).
Gleichzeitig verloren andere traditionelle Lieferanten an Bedeutung: Kanada (−34,0 %), Mosambik (−58,9 %). Neuzugänge bzw. Ausbau erfuhren hingegen Kolumbien (+262,6 %) und Kasachstan, wenngleich letzteres mit hohen Schwankungskoeffizienten (CV = 0,73) einherging.
| Lieferland | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Australien | 1.302 Mio. € | 1.774 Mio. € | +36,2 % |
| Vereinigte Staaten | 1.075 Mio. € | 2.118 Mio. € | +97,0 % |
| Russland | 349 Mio. € | 0,3 Mio. € | −99,9 % |
| Kanada | 303 Mio. € | 200 Mio. € | −34,0 % |
| Mosambik | 94 Mio. € | 39 Mio. € | −58,9 % |
| Kolumbien | 19 Mio. € | 67 Mio. € | +262,6 % |
2.3 Die Importkonzentration nahm deutlich zu
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importkonzentration stieg nach Handelswert von 2.930 auf 4.088 (+39,5 %), nach Handelsvolumen sogar von 2.834 auf 4.207 (+48,4 %). Ein HHI über 2.500 gilt bereits als hochkonzentriert; der Anstieg über 4.000 bedeutet eine erhebliche Verengung der Lieferantenbasis. Die EU bezieht ihre Kokskohle zunehmend aus wenigen Hauptquellen — primär Australien und den USA — was die Anfälligkeit für Lieferengpässe oder Preisschocks bei einzelnen Partnern erhöht. Die Exportkonzentration der EU war ohnehin bereits hoch (HHI von 8.551 auf 9.821) und blieb es, da die Ausfuhren auf wenige Länder konzentriert waren.
Konzentration des Handels (HHI)
2.4 Erhebliche Preisvolatilität bei diversen Lieferanten
Die Analyse der Variationskoeffizienten (CV) zeigt, dass zahlreiche Lieferanten von erheblicher Handelsvolatilität geprägt waren. Besonders auffällig: Mosambik (CV = 0,61), Kolumbien (0,62), Kasachstan (0,73), Norwegen (0,65) und die Ukraine als Importquelle (1,04). Venezuela hingegen zeigte mit einem CV von nur 0,05 die stabilsten Handelsbeziehungen. Die Volatilität der russischen Lieferungen (CV = 0,52) spiegelt den abrupten Abbruch der Handelsbeziehungen wider.
3. Wachstum der EU-Exporte und neue regionale Handelsverflechtungen
3.1 Ukraine wurde zum dominanten Exportmarkt für EU-Kokskohle
Die EU-Exporte von Kokskohle erfuhren im Beobachtungszeitraum ein außergewöhnliches Wachstum: Der Exportwert stieg von 21,5 Mio. € auf 139,9 Mio. € (+552,2 %), die Menge von 217.089 t auf 755.990 t (+248,2 %). Die Ukraine entwickelte sich dabei zum mit Abstand wichtigsten Abnehmer: von 19,8 Mio. € (2015) auf 138,6 Mio. € (2025), was einem Anstieg von 601,4 % entspricht. Im Jahr 2021 wurde für den Export in die Ukraine zudem ein signifikanter Preisschock (+114,0 %) detektiert, der den gesamten Exportwert dieses Partners ausmachte. Die Türkei stieg ebenfalls zu einem relevanten Exportziel auf (+719,6 %), wenngleich auf deutlich niedrigerem Niveau (2,5 Mio. € → 20,2 Mio. €). Hingegen verlor Bosnien und Herzegowina als Abnehmer stark an Bedeutung (−79,8 %).
| Zielland | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Ukraine | 19,8 Mio. € | 138,6 Mio. € | +601,4 % |
| Türkei | 2,5 Mio. € | 20,2 Mio. € | +719,6 % |
| Bosnien und Herzegowina | 1,7 Mio. € | 0,3 Mio. € | −79,8 % |
| Albanien | 0,3 Mio. € | 0,4 Mio. € | +12,0 % |
Handelspartner nach Handelswert
3.2 Polen und Tschechien trugen nahezu das gesamte EU-Exportvolumen
Die EU-Exporte waren extrem stark auf zwei Mitgliedstaaten konzentriert. Polen steigerte seine Ausfuhren von 19,8 Mio. € auf 61,4 Mio. € (+210,9 %), Tschechien sogar von 1,7 Mio. € auf 78,4 Mio. € (+4.590,3 %). Zusammen machten diese beiden Länder im Jahr 2025 nahezu 100 % des gesamten EU-Kokskohle-Exports aus. Tschechien übernahm dabei die Rolle des führenden Exporteurs — eine bemerkenswerte Verschiebung, da Polen 2015 noch der eindeutig dominante Exporteur war. Deutschland, Italien und die Niederlande spielten als Exporteure trotz ihrer Größe als Importeure nur eine marginale Rolle.
EU-Länder nach Export- und Importwerten
3.3 Spezialisierungsmuster unterstreichen die Rollenverteilung innerhalb der EU
Die Analyse der Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) im Jahr 2025 zeigt eine klare Zweiteilung der EU-Mitgliedstaaten:
| EU-Mitgliedstaat | RSCA | RCA | Anteil Kokskohle-Exporte | Anteil Gesamtexporte |
|---|---|---|---|---|
| Niederlande | 0,67 | 5,05 | 73,4 % | 14,5 % |
| Polen | 0,55 | 3,43 | 22,8 % | 6,6 % |
| Tschechien | −0,27 | 0,58 | 2,8 % | 4,8 % |
| Frankreich | −0,76 | 0,14 | 1,1 % | 7,8 % |
| Deutschland | −1,00 | 0,00 | 0,006 % | 21,2 % |
Die Niederlande weisen mit einem RCA-Wert von 5,05 und einem RSCA von 0,67 die stärkste Spezialisierung auf Kokskohle-Exporte auf, was auf die Rolle der Niederlande als Handels- und Umschlagplatz (insbesondere Rotterdam als Kohlehafen) hindeutet. Polen folgt mit ebenfalls hoher Spezialisierung. Deutschland, Italien und Belgien hingegen zeigen praktisch keine Spezialisierung (RCA ≈ 0), obwohl sie zu den größten Importeuren gehören — ein klares Indiz dafür, dass diese Länder Kokskohle primär für den eigenen industriellen Verbrauch (insbesondere Stahlproduktion) importieren und nicht als Handelsdrehscheibe fungieren.
Fazit
Die Handelsentwicklung der EU mit Kokskohle (KN 27011210) zwischen 2015 und 2025 ist von drei übergreifenden Trends geprägt:
Erstens handelt es sich um einen preisgetriebenen Markt: Trotz eines Rückgangs der Importmengen um fast ein Viertel stiegen die Gesamtkosten um ein Drittel. Die EU zahlte 2025 im Schnitt 70 % mehr pro Tonne als 2015 — mit einer dramatischen Spitze im Krisenjahr 2022, als der Durchschnittspreis auf 354,55 €/t kletterte.
Zweitens hat sich die Lieferstruktur geopolitisch neu ausgerichtet: Der nahezu vollständige Wegfall Russlands als Lieferant (−99,9 %) wurde durch die USA (+97,0 %) und in geringerem Maße durch Australien (+36,2 %) kompensiert. Dies ging einher mit einer deutlich höheren Konzentration der Importquellen (HHI +39,5 %), was die EU anfälliger für Preisschocks einzelner Lieferanten macht.
Drittens sind die EU-Exporte, wenn auch absolut klein, stark gewachsen (+552 %). Sie werden fast ausschließlich von Polen und Tschechien getrieben und fließen überwiegend in die Ukraine und die Türkei. Die Niederlande fungieren als zentraler Handelsknoten, während große Volkswirtschaften wie Deutschland und Italien primär als Endverbraucher auftreten.
Insgesamt zeigt sich ein Markt, der von der Dekarbonisierungsagenda einerseits (langfristig sinkende Nachfrage) und geopolitischen Erschütterungen andererseits (kurzfristige Preis- und Lieferkrisen) gleichzeitig geprägt wird. Die strategische Abhängigkeit der EU von wenigen überseeischen Kokskohle-Lieferanten bleibt trotz der Diversifizierungsanstrengungen ein zentrales Handels- und Industriepolitikthema.