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Marktentwicklung: andere Steinkohle (CN 270119) — 2015–2025

Einleitung

Der CN-Code 270119 erfasst Steinkohle — auch in Pulverform — sofern sie nicht als Anthrazit (CN 270111) oder bitumenhaltige Steinkohle (CN 270112) klassifiziert ist. Damit bildet diese Rubrik den mengenmäßig größten Teil des EU-Steinkohlehandels ab und ist zentral für die Stromerzeugung sowie die energieintensive Industrie. Im Zeitraum 2015 bis 2025 hat der EU-Handel mit diesem Produkt eine fundamentale Transformation durchlaufen: Die Importmengen sind um über 70 % eingebrochen, während die Preise sich mehr als verdoppelt haben. Gleichzeitig haben geopolitische Ereignisse — insbesondere der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und das darauffolgende EU-Embargo auf russische Steinkohle — die Handelsströme grundlegend umgestaltet. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Entwicklungen und ihre Ursachen.

Eine ausführliche Produktübersicht findet sich im Dashboard: Übersicht CN 270119.


1. Schwindende Mengen, steigende Preise — Die fundamentale Verschiebung der EU-Steinkohleimporte

Der dramatische Rückgang der Importmengen

Der auffälligste Trend im untersuchten Zeitraum ist der kontinuierliche und massive Rückgang der EU-Steinkohleimporte. Die Einfuhren sanken von 36,1 Mio. Tonnen (2015) auf 10,7 Mio. Tonnen (2025) — ein Rückgang von 70,4 %. Dabei markiert das Jahr 2015 sowohl den Anfangs- als auch den Höchstwert der Zeitreihe, während 2025 den niedrigsten Stand darstellt. Die Mengenentwicklung verlief damit über den gesamten Zeitraum tendenziell fallend.

Kennzahl 2015 Minimum Maximum 2025 Veränderung
Importmenge (t) 36.076.337 10.695.916 36.076.337 10.695.916 −70,4 %
Importwert (EUR) 2.234.956.913 1.060.339.357 7.512.721.720 1.364.873.873 −38,9 %
Importpreis (EUR/t) 61,95 61,95 269,71 127,61 +106,0 %

Der Energiepreisschock von 2022 und anhaltend hohe Preise

Während die Mengen kontinuierlich sanken, entwickelten sich die Preise höchst volatil. Der durchschnittliche Importpreis begann 2015 bei 62,0 EUR/t — dem Tiefstwert des gesamten Zeitraums — und stieg bis 2025 auf 127,6 EUR/t an. Der dramatische Höhepunkt lag mit 269,7 EUR/t in einem der Krisenjahre (vermutlich 2022), als die Energieknappheit infolge des russischen Ukraine-Krieges die Weltmarktpreise explodieren ließ.

Der Importwert erreichte in diesem Jahr mit über 7,5 Mrd. EUR sein Maximum — mehr als das Dreifache des Ausgangswerts von 2015 — obwohl die Mengen bereits deutlich gesunken waren. Diese Diskontinuität zwischen Mengen- und Wertentwicklung unterstreicht, dass der EU-Steinkohleimport zunehmend durch Preiseffekte und nicht mehr durch Volumenwachstum geprägt ist.

Stabile Exportmengen bei steigenden Werten

Die EU-Exporte von Steinkohle der Kategorie CN 270119 blieben mengenmäßig bemerkenswert stabil: von 1,45 Mio. Tonnen (2015) auf 1,36 Mio. Tonnen (2025), was lediglich einem Rückgang von 6,1 % entspricht. Der Exportwert stieg jedoch um 56,7 % auf 243,8 Mio. EUR, und der Exportpreis erhöhte sich von 107,5 EUR/t auf 179,3 EUR/t (+66,9 %). Die wichtigsten Abnehmerländer waren Norwegen (119,6 Mio. EUR), die Ukraine (25,2 Mio. EUR) und das Vereinigte Königreich (22,2 Mio. EUR).

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportmenge (t) 1.447.980 1.359.553 −6,1 %
Exportwert (EUR) 155.609.483 243.810.287 +56,7 %
Exportpreis (EUR/t) 107,47 179,33 +66,9 %

Das Handelsbilanzdefizit verkleinerte sich erheblich: von −2,08 Mrd. EUR (2015) auf −1,12 Mrd. EUR (2025), eine Verbesserung um 46,1 %. Dies ist vor allem auf den drastischen Rückgang der Importmengen zurückzuführen, nicht auf eine Ausweitung der Exporte.


2. Geopolitische Umbrüche und die Neuausrichtung der Handelspartnerschaften

Russland: Vom wichtigsten Lieferanten zum Embargo-Fall

Die Geschichte des EU-Steinkohleimports ist ohne Russland nicht zu erzählen. Zu Beginn des Beobachtungszeitraums war Russland mit einem Importwert von 527,6 Mio. EUR bereits einer der bedeutendsten Lieferanten. Im Verlauf der Jahre stiegen die Importe aus Russland stark an und erreichten ihren Höchstwert von 1,58 Mrd. EUR — eine Steigerung von 199,5 % gegenüber dem Anfangswert. Der geringste Wert im Beobachtungszeitraum lag bei 468,8 Mio. EUR.

Diese Entwicklung spiegelt die zunehmende EU-Abhängigkeit von russischen Energielieferungen wider, die erst durch den russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 und das daraufhin im August 2022 in Kraft getretene EU-Embargo auf russische Steinkohle (Teil des fünften Sanktionspakets) ein abruptes Ende fand.

Lateinamerika und der pazifische Raum: Traditionelle Lieferanten unter Druck

Kolumbien, traditionell einer der wichtigsten Steinkohlelieferanten der EU, verzeichnete einen Wert-Rückgang von 30,7 % über den Beobachtungszeitraum, mit starken Schwankungen zwischen einem Minimum von 164,1 Mio. EUR und einem Maximum von über 2,1 Mrd. EUR. Die Vereinigten Staaten, die zu Beginn mit 454,2 Mio. EUR noch ein bedeutender Lieferant waren, erlebten einen Einbruch um 85,7 % auf nur noch 64,8 Mio. EUR. Indonesien, einst mit 220,1 Mio. EUR relevant, fiel praktisch auf null (786 EUR) — ein Rückgang von 100 %.

Demgegenüber gewannen andere Lieferanten an Bedeutung:

Lieferant Erster Wert (EUR) Letzter Wert (EUR) Veränderung
Australien 201.589.275 608.786.237 +202,0 %
Kasachstan 30.271 121.760.750 +402.142 %
Südafrika 102.759.662 70.474.098 −31,4 %

Insbesondere Australien und Kasachstan haben ihre Position als EU-Lieferanten deutlich ausgebaut. Kasachstan stieg dabei von einem nahezu irrelevanten Lieferanten zu einem relevanten Akteur auf — ein Trend, der sich mit der Suche nach Alternativen zu russischer Steinkohle erklären lässt. Die Partner-Länder-Übersicht zeigt diese Umbrüche im Detail.

Die EU-Binnenperspektive: Niederlande und Polen als zentrale Importeure

Innerhalb der EU konzentrierte sich der Steinkohleimport stark auf wenige Mitgliedstaaten. Die Niederlande waren mit einem Importwert von 741,9 Mio. EUR (2025) der mit Abstand größte Importeur — allerdings sank ihr Wert gegenüber dem Anfangswert von 1,37 Mrd. EUR um 45,7 %. Der Maximalwert von 3,32 Mrd. EUR in einem Krisenjahr verdeutlicht die Rolle der Niederlande als Drehscheibe (Rotterdam).

Poland verzeichnete das stärkste Wachstum: von 63,4 Mio. EUR auf 240,3 Mio. EUR (+278,7 %), mit einem Spitzenwert von 2,66 Mrd. EUR in einem Krisenjahr. Spanien und Italien hingegen reduzierten ihre Importe drastisch (−95,1 % bzw. −73,0 %), was auf den Kohleausstieg in der Stromerzeugung in diesen Ländern hindeutet.

EU-Importeur Erster Wert (EUR) Letzter Wert (EUR) Veränderung
Niederlande 1.366.253.279 741.884.007 −45,7 %
Polen 63.438.698 240.255.679 +278,7 %
Deutschland 133.333.325 174.086.835 +30,6 %
Frankreich 209.998.869 84.966.218 −59,5 %
Spanien 283.015.909 13.873.686 −95,1 %
Italien 106.691.299 28.769.211 −73,0 %
Irland 22.608.087 21.052.079 −6,9 %

Die EU-Mitgliedstaaten-Übersicht liefert hierzu weitere Einzelheiten.


3. Wachsende Konzentration und erhöhte Volatilität als strukturelle Risikofaktoren

Deutlich angestiegene Marktkonzentration

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die EU-Importe stieg über den Beobachtungszeitraum von 1.986 auf 3.167 — eine Zunahme um 59,5 %. Für die Exporte erhöhte sich der HHI von 1.751 auf 2.775 (+58,4 %). Ein HHI über 2.500 gilt gemeinhin als hochkonzentriert. Die Marktkonzentration hat sich damit sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite erheblich verschärft.

Kennzahl HHI Erster Wert HHI Letzter Wert HHI Min HHI Max Veränderung
Importe (Wert) 1.986 3.167 1.729 3.666 +59,5 %
Importe (Volumen) 2.042 2.945 1.730 4.241 +44,2 %
Exporte (Wert) 1.751 2.775 1.166 2.849 +58,4 %
Exporte (Volumen) 1.300 1.873 1.300 2.877 +44,1 %

Diese steigende Konzentration birgt handelspolitische Risiken: Die EU ist zunehmend von weniger Lieferanten abhängig, was die Verwundbarkeit gegenüber Versorgungsunterbrechungen erhöht. Die detaillierten Konzentrationsdaten finden sich unter Konzentrationsanalyse.

Hohe Volatilität bei Schlüsselhandelspartnern

Die Volatilität der Handelsströme — gemessen am Variationskoeffizienten (CV) — variiert erheblich zwischen den Partnern. Besonders auffällig ist die hohe Volatilität bei den Importen aus Kasachstan (CV: 1,27), Indonesien (CV: 0,82) und Südafrika (CV: 0,67), was auf sprung- und nicht kontinuierliche Handelsbeziehungen hindeutet. Relativ stabil waren hingegen die Importe aus der Russischen Föderation (CV: 0,20) — bis zum abrupten Ende durch das Embargo.

Auf der Exportseite zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Exporte nach Marokko (CV: 1,85) und Ägypten (CV: 1,57) waren extrem volatil, während die Handelsströme nach Island (CV: 0,36) und dem Vereinigten Königreich (CV: 0,42) deutlich stabiler verliefen.

Identifizierte Schockereignisse

Im Beobachtungszeitraum wurden mehrere markante Handelsschocks identifiziert:

Schock Land Typ Richtung Abnormalität Preis-/Mengensprung
2017 Australien Preisschock Import 120,5 +97,3 %
2022 Marokko Preisschock Export 38,1 +417,8 %
2017 Türkei Angebotsschock Export 29,6 −100,0 %

Der Preisschock bei australischen Importen um 2017 (Abnormalität: 120,5, Preissteigerung: +97,3 %) fällt mit dem Zyklon Debbie zusammen, der die australische Kohleproduktion und -exportinfrastruktur im März 2017 erheblich beeinträchtigte. Der Anteil Australiens am EU-Importwert betrug in diesem Jahr 19,5 %.

Der Preisschock bei Exporten nach Marokko um 2022 (Preissteigerung: +417,8 %) spiegelt die globalen Energiepreisspitzen wider. Gleichzeitig brachen die Exportmengen nach Marokko in den Folgejahren auf nahezu null ein.

Weitere Einzelheiten zu Schocks und Volatilität sind unter Volatilitätsanalyse und Angebots-Schocks abrufbar.

Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Analyse der Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) im Jahr 2025 zeigt, dass innerhalb der EU nur wenige Mitgliedstaaten eine nennenswerte Spezialisierung im Steinkohlehandel aufweisen. Die Niederlande (RSCA: 0,60, RCA: 3,95) und Polen (RSCA: 0,56, RCA: 3,55) sind die einzigen Mitgliedstaaten mit klarer komparativer Spezialisierung — konsistent mit ihrer Rolle als zentrale Import-Drehscheiben. Alle anderen untersuchten Staaten weisen keine Spezialisierung auf, darunter große Volkswirtschaften wie Frankreich (RSCA: −0,99) und Österreich (RSCA: −1,00). Die Spezialisierungsdaten sind unter Spezialisierungsanalyse einsehbar.


Fazit

Der EU-Handel mit Steinkohle (CN 270119) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die drei zentralen Entwicklungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Massiver Mengenrückgang: Die Importe sind um über 70 % gesunken — von 36,1 auf 10,7 Mio. Tonnen. Dieser Trend spiegelt den beschleunigten Kohleausstieg in der EU-Stromerzeugung und den europäischen Green-Deal-Regulierungsrahmen wider.

  2. Geopolitische Neuausrichtung: Das russische Steinkohleembargo von August 2022 hat die Handelsströme radikal umstrukturiert. Australien und Kasachstan haben als alternative Lieferanten an Bedeutung gewonnen, während traditionelle Lieferanten wie die USA, Indonesien und Kolumbien Marktanteile verloren haben.

  3. Strukturelle Risikozunahme: Die Marktkonzentration (HHI) ist sowohl auf Import- als auch Exportseite um rund 60 % gestiegen, was die Verwundbarkeit der EU gegenüber Lieferunterbrechungen erhöht. Gleichzeitig bleiben die Preise mit rund 128 EUR/t mehr als doppelt so hoch wie zu Beginn des Beobachtungszeitraums.

Insgesamt zeigt die Analyse, dass der EU-Steinkohlesektor sich in einer Phase des beschleunigten Strukturwandels befindet, der sowohl durch klimapolitische Ziele als auch durch geopolitische Verwerfungen vorangetrieben wird. Die verbleibenden Importe konzentrieren sich auf weniger Partner und weniger Mitgliedstaaten, was die strategische Verwundbarkeit erhöht — auch wenn die absoluten Mengen weiter sinken dürften.

Erstellt am 2026-08-08. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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