Marktentwicklung: Anthrazit (CN 270111) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit Anthrazit-Steinkohle (CN 270111) im Zeitraum 2015 bis 2025. Das Produkt umfasst Anthrazit in unagglomerierter Form, einschließlich pulverförmigem Anthrazit. Der Untersuchungszeitraum deckt eine Phase erheblicher geopolitischer Umbrüche ab — von der Energiewendepolitik über die COVID-19-Pandemie bis hin zu den Sanktionen gegen Russland nach 2022. Die Analyse basiert auf Handelsdaten der EU gegenüber Drittländern und umfasst Werte, Mengen und Preise der Im- und Exporte.
Detaillierter Überblick auf dem Trade Dashboard
1. Strukturelle Schrumpfung des Anthrazit-Imports
1.1 Langfristiger Rückgang von Importvolumen und -wert
Der EU-Anthrazitimport hat sich im Beobachtungszeitraum nahezu halbiert. Die Einfuhrmenge sank von 3,83 Mio. Tonnen (2015) auf 1,09 Mio. Tonnen (2025), was einem Rückgang von 71,6 % entspricht. Parallel dazu fiel der Importwert von 451 Mio. EUR auf 208 Mio. EUR (−53,9 %). Der maximale Importwert wurde 2018 mit 853 Mio. EUR erreicht, die höchste Menge lag 2019 bei 4,32 Mio. Tonnen.
| Kennzahl | 2015 | Maximum | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. EUR) | 451 | 853 (2018) | 208 | −53,9 % |
| Importmenge (Mio. t) | 3,83 | 4,32 (2019) | 1,09 | −71,6 % |
| Importpreis (EUR/t) | 117,7 | 298,9 | 191,1 | +62,4 % |
1.2 Exporte relativ stabil, Defizit schrumpft
Im Gegensatz zu den Importen blieben die EU-Exporte von Anthrazit über den gesamten Zeitraum auf einem niedrigen, aber relativ stabilen Niveau. Der Exportwert schwankte zwischen 17 Mio. EUR (Minimum) und 124 Mio. EUR (Maximum), lag 2025 bei 32,4 Mio. EUR. Die exportierte Menge betrug zuletzt 190.000 Tonnen.
Das Handelsdefizit verbesserte sich in der Folge deutlich: von −421 Mio. EUR (2015) auf −176 Mio. EUR (2025), eine Verbesserung um 58,2 %. Der Höchstwert des Defizits lag 2018 bei −730 Mio. EUR.
1.3 COVID-19 als initialer Katalysator
Das Jahr 2020 markierte einen Wendepunkt: Der Importwert brach auf ein Minimum von 212 Mio. EUR ein, die Menge sank auf 1,42 Mio. Tonnen. Die Erholung 2021 war partiell, erreichte aber nicht mehr das Vorkrisenniveau. Dies deutet auf einen beschleunigten Strukturwandel hin, der durch die Pandemie nur ausgelöst, aber nicht verursacht wurde — die zugrundeliegende Dynamik war der europäische Kohleausstieg.
2. Geopolitische Neuausrichtung der Handelsbeziehungen
2.1 Russlands Bedeutungszusammenbruch
Die dramatischste Veränderung im Handelspartnergefüge betraf Russland. 2015 war die Russische Föderation mit 291 Mio. EUR (64 % des Importwerts) der dominierende Lieferant. 2025 betrug der Importwert aus Russland lediglich 62.000 EUR — ein Rückgang von nahezu 100 %. Diese Entwicklung ist eine direkte Folge der EU-Sanktionen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022.
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Russland | 290,9 | 0,06 | −100,0 % |
| Peru | 8,8 | 88,0 | +900,4 % |
| China | 16,9 | 28,5 | +68,6 % |
| Großbritannien | 12,2 | 14,8 | +21,5 % |
| Ukraine | 38,2 | 0,7 | −98,1 % |
| USA | 3,2 | 18,3 | +473,5 % |
| Südafrika | 13,7 | 4,3 | −68,4 % |
2.2 Peru und die USA als neue Hauptlieferanten
Die durch den russischen Ausfall entstandene Lücke wurde teilweise durch neue Lieferanten geschlossen. Peru entwickelte sich zum größten Gewinner: Der Importwert stieg von unter 9 Mio. EUR (2015) auf 88 Mio. EUR (2025), was einem Anstieg von über 900 % entspricht. Die USA steigerten ihre Lieferungen um 474 % auf 18,3 Mio. EUR.
Auffällig ist, dass Peru bereits vor 2022 als Lieferant aktiv war — 2018 erreichten die Importe aus Peru mit 103 Mio. EUR einen vorläufigen Höchststand. Dies deutet auf eine schon vor den Sanktionen begonnene Diversifizierungsstrategie hin, die nach 2022 massiv verstärkt wurde.
2.3 Zunehmende Diversifizierung der Handelspartner
Die Konzentration der Importe, gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index (HHI), sank deutlich. Der HHI-Wert für Importe fiel von 4.391 (2015, hoch konzentriert) auf 2.431 (2025, mäßig konzentriert), was einem Rückgang von 44,6 % entspricht. Der niedrigste Wert wurde mit 1.396 verzeichnet.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 4.391 | 2.431 | −44,6 % |
| HHI Exporte (Wert) | 2.513 | 1.967 | −21,7 % |
Auch auf der Exportseite zeigt sich ein leichter Diversifizierungstrend. Marokko wurde 2025 zum wichtigsten Exportmarkt der EU mit 12,2 Mio. EUR (plus 142 % gegenüber 2015), während die Exporte nach Großbritannien um 61 % auf 5,4 Mio. EUR sanken.
2.4 Belgiens Sonderrolle als Handelsdrehscheibe
Belgien ist das EU-Land mit der stärksten Spezialisierung auf Anthrazit-Handel (RSCA: 0,69; RCA: 5,38). Gleichzeitig verloren die belgischen Importe 78,7 % ihres Werts — von 131 Mio. EUR auf 28 Mio. EUR. Deutschland (−76,2 %) und Frankreich (−55,8 %) verzeichneten ebenfalls drastische Rückgänge. Diese Muster spiegeln die gesamteuropäische Verbrauchssenkung wider, nicht nur Partnerwechsel.
3. Preisanstiege und markante Schockereignisse
3.1 Importpreise stiegen deutlich stärker als Exportpreise
Die EU-Importpreise für Anthrazit stiegen im Beobachtungszeitraum um 62,4 % — von 117,7 EUR/t (2015) auf 191,1 EUR/t (2025). Der Höchstpreis wurde 2022 mit 298,9 EUR/t erreicht, im Kontext der globalen Energiekrise. Die Exportpreise entwickelten sich moderater: von 157,2 EUR/t auf 170,8 EUR/t (+8,7 %).
| Kennzahl | 2015 | Maximum | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Importpreis (EUR/t) | 117,7 | 298,9 | 191,1 | +62,4 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 157,2 | 372,8 | 170,8 | +8,7 % |
Die Preisdynamik erklärt, warum der Importwert trotz massiver Mengenrückgänge (−71,6 %) nur um 53,9 % sank — steigende Preise kompensierten einen Teil des Volumenrückgangs.
3.2 Signifikante Schockereignisse in den Handelsdaten
Die Volatilitätsanalyse identifiziert drei bemerkenswerte Schocks:
| Ereignis | Partner | Richtung | Jahr | Abnormalität | Preisverschiebung | Anteil am Handelswert |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | USA | Export | 2019 | 118,4 | +784 % | 9,4 % |
| 2. | Peru | Import | 2018 | 29,6 | +1.571 % | 9,8 % |
| 3. | Marokko | Export | 2021 | 20,9 | +171 % | 35,6 % |
Der Preisschock bei US-Exporten 2019 (Abnormalität: 118,4) fiel besonders ins Gewicht. Bei den Importen zeigt Peru 2018 eine außergewöhnliche Preisverschiebung von 1.571 % — dies markiert den Beginn von Perus Aufstieg zum Hauptlieferanten. Marokko 2021 mit einem Anteil von 35,6 % am Exportwert war der volumenmäßig bedeutsamste Schock.
3.3 Hohe Volatilität bei Lieferantenwechsel
Die Variationskoeffizienten (CV) der Handelsströme zeigen, dass Partnerschaftswechsel mit erheblicher Volatilität einhergehen. Bei den Importen weisen Peru (CV: 1,15), China (CV: 1,07) und Südafrika (CV: 0,87) hohe Schwankungen auf. Bei den Exporten sind Marokko (CV: 1,85) und Indien (CV: 2,97 — dem Maximum) besonders volatil. Die traditionellen Handelspartner wie Großbritannien (CV: 0,46 Import, 0,74 Export) zeigen geringere Schwankungen.
Schlussfolgerung
Die Handelsentwicklung der EU mit Anthrazit (CN 270111) im Zeitraum 2015–2025 ist von drei miteinander verbundenen Dynamiken geprägt:
Erstens vollzog sich ein struktureller Bedeutungsverlust des Produkts auf dem europäischen Markt. Der Importvolumenrückgang von 72 % und die gleichbleibend niedrigen Exportmengen spiegeln den europäischen Kohleausstieg wider, der durch die Energiekrise 2022 beschleunigt, aber nicht verursacht wurde.
Zweitens führten die Sanktionen gegen Russland nach 2022 zu einer tektonischen Verschiebung der Handelsbeziehungen. Russlands Anteil sank von über 60 % auf nahezu null; Peru und die USA übernahmen die Rolle als Hauptlieferanten. Diese Umstellung war mit einer erheblichen Diversifizierung verbunden (HHI-Rückgang um 45 %), brachte aber auch höhere Preise und Volatilität mit sich.
Drittens stiegen die Importpreise im Beobachtungszeitraum um 62 %, getrieben sowohl von der globalen Energiepreisentwicklung als auch von den höheren Beschaffungskosten neuer Lieferanten. Diese Preissteigerungen teilweise kompensierte den Volumenrückgang, führten aber zu einer Verschlechterung der Terms of Trade.
Insgesamt zeichnet sich ab, dass Anthrazit in der EU ein Nischenprodukt wird, dessen Handel zunehmend von geopolitischen Rahmenbedingungen statt von rein marktwirtschaftlichen Faktoren bestimmt wird.