Marktentwicklung: Abfälle und Schrott, aus nichtrostendem Stahl (ausg. radioaktiv sowie aus Batterien und Akkumulatoren) (CN 720421) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Zeitraum 2015–2025 für den Zolltarifcode 720421, der Abfälle und Schrott aus nichtrostendem Stahl (ausgenommen radioaktive Materialien sowie solche aus Batterien und Akkumulatoren) umfasst. Die EU ist in diesem Segment traditionell ein Nettrohstoffimporteur: Rohe Edelstahlschrotte werden von außerhalb bezogen, in europäischen Stahlwerken verarbeitet und teilweise als veredelte Produkte oder Schrott höherer Qualität wieder exportiert. Der Untersuchungszeitraum ist durch erhebliche geopolitische Umbrüche, pandemiebedingte Nachfrageeinbrüche und eine dynamische Neuausrichtung der Handelspartnerschaften geprägt. Die Analyse basiert auf aggregierten Jahresdaten der EU-Datenquellen und konzentriert sich auf die Gesamthandelsentwicklung, die Handelspartnerschaften sowie die Marktkonzentration und Volatilität.
1. Volumenrückgang bei steigenden Einheitspreisen: Die EU als langfristiger Nettorohstoffimporteur auf dem Weg zur Selbstversorgung
Der Zeitraum 2015–2025 zeigt einen deutlichen Rückgang der Handelsvolumina sowohl bei Importen als auch bei Exporten von Edelstahlschrott, verbunden mit einer spürbaren Verbesserung der Handelsbilanz. Dies deutet auf einen strukturellen Wandel hin: Die EU bezieht weniger Schrott von außerhalb und exportiert ebenfalls weniger — ein Muster, das sowohl auf veränderte Rohstoffverfügbarkeit als auch auf eine zunehmende Eigenverwertung hindeuten kann.
Die EU ist dauerhaft Nettorohstoffimporteur, doch das Defizit schrumpft spürbar
Im gesamten Beobachtungszeitraum weist die EU eine negative Handelsbilanz bei Edelstahlschrott auf. Das Defizit lag 2015 bei −226 Mio. € und erreichte seinen Höhepunkt 2018 mit −617 Mio. €. Bis 2025 verbesserte sich die Bilanz jedoch auf −138 Mio. €, was einer Reduktion von 39,1 % entspricht. Parallel dazu sank die Nettoimportabhängigkeit von −20,1 % (2015) auf −6,2 % (2025), was die zunehmende Eigenverwertungskapazität der EU unterstreicht.
| Kennzahl | 2015 | 2018 (Höhepunkt Defizit) | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| Handelsbilanz (Mio. €) | −226 | −617 | −138 | +39,1 % |
| Nettoimportabhängigkeit (%) | −20,1 | k.A. | −6,2 | +69,4 % |
Importvolumen und -wert sind über den Zeitraum erheblich gesunken
Die EU-Importe von Edelstahlschrott sanken im Wert von 580 Mio. € (2015) auf 410 Mio. € (2025), was einem Rückgang von 29,2 % entspricht. Mengenmäßig fielen die Importe von 481.000 Tonnen auf 318.000 Tonnen (−34,0 %). Auffällig ist, dass der Wertverlust geringer ausfiel als der Mengenrückgang — dies liegt an den gestiegenen Einheitspreisen, die von durchschnittlich 1.205 €/t (2015) auf 1.292 €/t (2025) anstiegen (+7,2 %). Der Preisgipfel wurde 2022 mit 2.052 €/t erreicht, was auf globale Rohstoffknappheit und Energiepreisanstiege zurückzuführen ist.
| Kennzahl | 2015 | 2022 (Preisgipfel) | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. €) | 580 | 655 | 410 | −29,2 % |
| Importmenge (t) | 481.067 | 318.919 | 317.609 | −34,0 % |
| Importpreis (€/t) | 1.205 | 2.052 | 1.292 | +7,2 % |
Exporte sind noch stärker zurückgegangen als Importe
Die EU-Exporte fielen im Wert von 353 Mio. € auf 272 Mio. € (−22,9 %) und mengenmäßig von 283.000 Tonnen auf 205.000 Tonnen (−27,6 %). Auch bei den Exporten stiegen die Einheitspreise — von 1.246 €/t auf 1.326 €/t (+6,4 %). Der Exportwert erreichte 2022 mit 477 Mio. € seinen Höhepunkt, die mengenmäßigen Exporte waren jedoch bereits 2019 mit 432.000 Tonnen am höchsten. Der starke Exportrückgang ab 2023 (von 423 Mio. € auf 239 Mio. € im Jahr 2024) ist bemerkenswert und steht in Zusammenhang mit der Konzentration auf wenige Abnehmerländer, insbesondere Indien.
Die Zusammensetzung der Importe verschiebt sich zugunsten hochwertiger Schrotte
Aufgeschlüsselt nach den beiden Unterpositionen zeigt sich, dass die Importe von hochwertigem Schrott mit hohem Nickelgehalt (≥ 8 %, CN 72042110) von 341.000 Tonnen (2015) auf 194.000 Tonnen (2025) fielen, wohingegen die Importe der niedrigerwertigen Position (CN 72042190) von 140.000 Tonnen auf 124.000 Tonnen moderater sanken. Im Exportbereich kehrte sich das Bild um: Die hochwertige Position (72042110) sank von 151.000 Tonnen auf 55.000 Tonnen (−63,6 %), während die niedrigere Qualität (72042190) von 133.000 Tonnen auf 150.000 Tonnen leicht stieg. Dies legt nahe, dass die EU verstärkt hochwertige Schrotte im Inland hält und verarbeitet.
2. Geopolitische Umbrüche und Neuausrichtung der Handelspartnerschaften: Vom russischen Schrottverlust zurtürkischen und kasachischen Ersatzbeschaffung
Der Beobachtungszeitraum ist durch zwei zentrale geopolitische Ereignisse geprägt: die COVID-19-Pandemie (2020/2021) und die Sanktionen gegen Russland ab 2022. Beide haben die Handelsströme nachhaltig verändert und eine Neuausrichtung der Beschaffungs- und Absatzkanäle erzwungen.
Russland war der wichtigste Importeur und ist fast vollständig aus dem Markt verschwunden
Russland stellte 2015 mit 151 Mio. € (und rund 110.000 Tonnen) den größten Einzellieferanten der EU dar. Bereits 2022 sanken die Importe auf 47 Mio. € (19.400 Tonnen), und bis 2025 erreichten sie nur noch 3 Mio. € (2.100 Tonnen). Dies entspricht einem Rückgang von 98,0 % im Wert. Die Analyse zeigt einen klaren Ausfallschock: Von einem Baseline-Mittelwert von 85.589 Tonnen (2015–2022) sanken die Volumina auf einen Durchschnitt von 2.778 Tonnen (2023–2025), was lediglich 3,2 % der Baseline entspricht. Die Preise hingegen stiegen im Vergleich zur Baseline um 19,1 %, da die verbleibenden Lieferungen tendenziell hochwertiger waren.
Die Türkei und Norwegen haben Russland als Lieferanten teilweise ersetzt
Die türkischen Importe blieben mit rund 100–198 Mio. € über den gesamten Zeitraum relativ stabil und erreichten 2024 mit 198 Mio. € ihr Maximum. Die Türkei ist damit 2025 mit 100 Mio. € der wichtigste einzelne Lieferant der EU. Norwegen verzeichnete das stärkste Wachstum aller Lieferanten: von 20 Mio. € (2015) auf 33 Mio. € (2025), was einem Anstieg von 63,7 % entspricht. Mexiko entwickelte sich ebenfalls zu einem bedeutenden Lieferanten (+69,3 %), während die USA stark schwankten und 2023 mit 133 Mio. € einen Spitzenwert erreichten, der 2025 wieder auf 16 Mio. € zurückfiel.
| Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkiye | 102 | 100 | −1,7 % |
| Russian Federation | 151 | 3 | −98,0 % |
| Switzerland | 71 | 54 | −24,1 % |
| United States | 37 | 16 | −55,6 % |
| United Kingdom | 18 | 18 | −1,8 % |
| Norway | 20 | 33 | +63,7 % |
| Mexico | 14 | 24 | +69,3 % |
Kasachstan ist ein neuer, volatiler Akteur auf dem Importmarkt
Kasachstan tauchte in den Daten ab 2015 auf und zeigte eine außerordentlich hohe Volatilität (Variationskoeffizient von 1,15). Die Importe stiegen von 8 Mio. € (2015) auf 89 Mio. € (2024), um 2025 wieder auf 38 Mio. € zu fallen. Die Mengenentwicklung war noch extremer: von 6.857 Tonnen (2015) über 53.906 Tonnen (2024) auf 21.522 Tonnen (2025). Ein Preispreischock wurde 2018 mit einem Preisanstieg von 67,9 % über der Baseline festgestellt.
Die Exportmärkte haben sich massiv konzentriert: Indien als dominanter Abnehmer
Indien war von Beginn an der wichtigste Exportpartner und hat seine Position noch ausgebaut: von 135 Mio. € (2015) auf 223 Mio. € (2025), was einem Anstieg von 65,4 % entspricht. Im Jahr 2021 belief sich der Exportwert nach Indien auf 362 Mio. € — das entsprach zu diesem Zeitpunkt einem Anteil von 73,1 % des gesamten EU-Exports. Gleichzeitig sind ehemals wichtige Abnehmerländer fast vollständig vom Markt verschwunden:
- Südkorea: von 106 Mio. € (2015) auf 0,2 Mio. € (2025), −99,8 %
- Taiwan: von 39 Mio. € auf 0,4 Mio. €, −99,0 %
- China: von 30 Mio. € auf 3 Mio. €, −89,4 %
| Abnehmerland | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| India | 135 | 223 | +65,4 % |
| United Kingdom | 23 | 13 | −43,7 % |
| Taiwan | 39 | 0,4 | −99,0 % |
| China | 30 | 3 | −89,4 % |
| Korea, Republic of | 106 | 0,2 | −99,8 % |
Die Sanktionen gegen Russland haben die Handelsströme im Zeitraum ab 2022 am stärksten verändert
Das Zusammenspiel von russischem Importausfall und gleichzeitigem Rückgang der Exporte nach Ostasien zeigt, dass die EU ihre Schrottressourcen zunehmend intern zirkuliert. Der russische Ausfall wurde nicht vollständig durch andere Lieferanten kompensiert, was zu einem geringeren Gesamtimportvolumen führte. Gleichzeitig sanken die Exporte in traditionelle Abnehmerländer, was auf eine verstärkte inländische Verwertungskapazität hindeuten könnte. Die EU-Mitgliedstaaten mit den höchsten Importen — allen voran die Niederlande (von 268 Mio. € auf 121 Mio. €, −54,8 %) — spiegeln diese Entwicklung wider.
3. Konzentration der Exportmärkte und steigende Preisvolatilität: Indiens Preisdominanz und der Preispreischock von 2021
Die Daten zeigen eine zunehmende Konzentration der EU-Exporte auf wenige Märkte bei gleichzeitig stark schwankenden Preisen — ein Risikomuster, das durch die Preispreischocks von 2021 besonders akzentuiert wird.
Die Exportkonzentration hat sich dramatisch erhöht
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte stieg von 2.591 (2015) auf 6.782 (2025), was einer Zunahme von 161,8 % entspricht. Werte über 2.500 gelten bereits als hochkonzentriert; der aktuelle Wert deutet auf eine extreme Abhängigkeit von wenigen Abnehmern hin. Im Gegensatz dazu blieb die Importkonzentration mit einem HHI von 1.262 (2015) auf 1.040 (2025) relativ stabil und leicht rückläufig, was auf eine diversifizierte Beschaffungsbasis hindeutet.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Exporte (Wert) | 2.591 | 6.782 | +161,8 % |
| HHI Importe (Wert) | 1.262 | 1.040 | −17,6 % |
Der globale Preispreischock von 2021 traf den Handel mit Edelstahlschrott besonders hart
Das Jahr 2021 markiert einen Wendepunkt: Viele Handelsströme verzeichneten extreme Preispreischocks. Der bedeutendste war der Preisschock bei Exporten nach Indien: Der Einheitspreis stieg um 49,6 % über die Baseline, mit einer Abnormalität von 124,7 — dem höchsten im gesamten Datensatz. Der Wertanteil betrug 73,1 % des gesamten EU-Exportwerts. Parallel dazu stiegen die Importpreise aus der Schweiz um 45,1 % (Abnormalität 10,7) und aus Kasachstan um 67,9 % (Abnormalität 12,5). Diese Preispreischocks sind auf die globale Rohstoffpreisinflation, Lieferkettenunterbrechungen und die post-pandemische Nachfrageerholung zurückzuführen.
| Schock-Ereignis | Richtung | Preispreisänderung | Abnormalität | Zeitpunkt |
|---|---|---|---|---|
| Indien | Export | +49,6 % | 124,7 | 2021 |
| Kasachstan | Import | +67,9 % | 12,5 | 2018 |
| Schweiz | Import | +45,1 % | 10,7 | 2021 |
| Vereinigtes Königreich | Export | +151,7 % | 10,2 | 2021 |
Die Preisvolatilität variiert stark je nach Handelspartner
Der Variationskoeffizient (CV) der Mengenströme zeigt erhebliche Unterschiede in der Handelsstabilität. Bei den Importen sind die Ströme aus der Schweiz mit einem CV von 0,095 am stabilsten, während Importe aus den USA (1,16) und Kasachstan (1,15) hochvolatil sind. Bei den Exporten weisen die Handelsströme nach Korea (CV 2,95) und in die USA (CV 1,77) die größte Schwankungsbreite auf. Indien als wichtigster Abnehmer zeigt mit einem CV von 0,35 eine vergleichsweise moderate Volatilität.
| Partner (Importe) | CV Menge | Partner (Exporte) | CV Menge |
|---|---|---|---|
| Switzerland | 0,095 | India | 0,349 |
| Türkiye | 0,226 | Türkiye | 0.468 |
| Norway | 0.351 | United Kingdom | 0,692 |
| Mexico | 0,341 | Pakistan | 0,797 |
| United Kingdom | 0,381 | Taiwan | 0,937 |
| Russian Federation | 0,717 | China | 1,138 |
| Kazakhstan | 1,152 | Thailand | 1,307 |
| United States | 1,161 | Norway | 1,387 |
Die EU-weite Spezialisierung auf Edelstahlschrott ist ungleich verteilt
Gemäß den Spezialisierungsindizes (RSCA) weisen Estland (0,605), Lettland (0,469) und Deutschland (0,339) die höchste Spezialisierung auf, wohingegen Malta (−0,919), Irland (−0,908) und Spanien (−0,798) am wenigsten spezialisiert sind. Deutschland dominiert mit einem Produktionsanteil von 42,9 % und einem Exportanteil von 21,2 % den EU-internen Markt. Die Niederlande (Produktionsanteil 18,8 %, Exportanteil 14,5 %) folgen an zweiter Stelle. Die EU-Produktion von Edelstahlschrott belief sich 2024 auf rund 33,6 Mrd. kg mit einem Produktionswert von 8,78 Mrd. €, was im Vergleich zu 2022 (36 Mrd. kg, 9,1 Mrd. €) einen leuten Rückgang darstellt.
Fazit
Die Analyse des EU-Handels mit Edelstahlschrott (CN 720421) im Zeitraum 2015–2025 offenbart drei zentrale Trends:
Erstens schrumpft der Gesamthandel — sowohl Importe als auch Exporte sind mengenwertig deutlich zurückgegangen. Die EU hat sich dabei von einem starken Nettorohstoffimporteur (Defizit von 226 Mio. € im Jahr 2015) zu einem deutlich ausgeglicheneren Markt entwickelt (Defizit von 138 Mio. € im Jahr 2025). Die sinkende Nettoimportabhängigkeit von −20,1 % auf −6,2 % weist auf eine zunehmende Eigenverwertungskapazität hin.
Zweitens haben geopolitische Ereignisse — insbesondere die Sanktionen gegen Russland ab 2022 — die Handelsströme nachhaltig umstrukturiert. Russland ist als Lieferant praktisch vom Markt verschwunden (−98 %). Die Türkei, Norwegen und Mexiko haben Teile des Bedarfs übernommen. Auf der Exportseite ist Indien mit 223 Mio. € und 65,4 % Wachstum zum dominanten Abnehmer geworden, während ehemals wichtige ostasiatische Märkte (Südkorea, Taiwan, China) fast vollständig weggebrochen sind.
Drittens steigen die Risiken durch Marktvolatilität und Konzentration. Die Exportkonzentration (HHI) hat sich mit +161,8 % nahezu verdreifacht — die EU ist heute extrem abhängig von Indien als Exportmarkt. Gleichzeitig hat die Preisvolatilität, verstärkt durch die Preisschocks von 2021 und den russischen Ausfallschock, die Planungssicherheit für Marktteilnehmer erheblich eingeschränkt. Die sinkende Exportpropensity (von 31,4 % auf 23,5 %) legt nahe, dass die EU ihre Schrottressourcen zunehmend intern hält — ein Trend, der sowohl durch Circular-Economy-Regulierungen als auch durch geopolitische Unsicherheiten bedingt sein dürfte.